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Die Abwesenheit (L'absence)

Nach 15 Jahren Abwesenheit kehrt der erfolgreiche Wissenschaftler Adama aufgrund eines alarmierenden Telegramms in sein Heimatland Senegal zurück, zu seiner Großmutter und tauben Schwester Aicha. Schon bald stellt sich heraus, dass der schlechte Gesundheitszustand der Großmutter nur ein Vorwand war, um ihn zur lang ersehnten Rückkehr zu bewegen. Doch Adama enttäuscht alle. Sein Leben sieht er weiterhin in Frankreich, wo er gut „integriert“ ist, keinesfalls in Dakar, wo er sich wie ein Fremder fühlt und verhält. Als er erfährt, dass seine Schwester sich prostituiert, reagiert er gewalttätig und mit völligem Unverständnis. Diese Reaktion bringt ein altes Familientrauma ans Licht.

Produktionsdetails

Mama Keïta, Drama, 84 Min., Frankreich/Guinea/Senegal, 2009
Produzent: Mama Keïta, Kinterfin
Mit: William Nadylam, Ibrahim Mbaye, Jackie Tavernier, Mame Ndoumbe, Mouss Diouf, Ismaël Thiam
Photographie: Remi Mazet
Schnitt: Miriame Chamekh
Sound Design: Bertrand Faure
Musik: Mathieu Normant

Verleihinformationen

Verleih in Deutschland, Schweiz und Österreich
Contact: info(at)africavenir.org 
Format: BluRay, DVD
Sprachen: Französisch mit deutschen, englischen oder polnischen Untertiteln
Poster/Fotos: Werden digital zugesandt

Ausführliche Synopsis

Adama, ein junger Polytechniker, kehrt nach glänzendem Studium in Frankreich und einer Abwesenheit von 15 Jahren, überstürzt in sein Geburtsland, den Senegal, zurück.

Er ist alarmiert durch eine Nachricht, die ihm die plötzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes seiner Großmutter mitteilt. Sie war es, die die beiden Waisen, Adama und seine Schwester Aïcha, aufgezogen hatte. Zu seiner großen Überraschung findet Adama seine Großmutter jedoch bei bester Gesundheit vor. Es scheint, dass er durch die Nachricht irregeführt wurde. Absichtlich?

Alle in Adamas Umgebung glauben an die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Doch Adama enttäuscht ihre Hoffnungen. Er hat keineswegs die Absicht, sich wieder im Land niederzulassen, trotz seines ursprünglichen Versprechens; dem Großteil der Eliten der Dritten Welt gleich, die im Westen ausgebildet wurden.

Durch Zufall entdeckt Adama während seines kurzen Aufenthalts, dass seine Schwester sich prostituiert. In seiner Ehre verletzt, reagiert er äußert gewalttätig. Durch die Rückkehr Adamas kommt ein lang vergrabenes Familiendrama zurück ans Tageslicht.

Pressestimmen

„Dieser überaus radikale Spielfilm stellt auf paradigmatische Weise die Emanzipation vom Kino der Gründergeneration dar. [Keïta] will raus aus dem Ghetto des afrikanischen Films, pfeift auf den Schutzraum, in dem das Minderheitenkino gefeiert wird, und präsentiert sich lieber als Vertreter eines kosmopolitischen Autorenfilms." (Le Monde Diplomatique)

"L'auteur de L'Absence est un cinéaste habité par les soucis de la recherche formelle au niveau de la mise en scène. Refusant le ghetto du cinéma africain à la calebasse, ses histoires sont généralement celles de personnages modernes et ses sujets sont actuels. Il accompagne cette tendance générale d'un travail exigent au niveau de la mise en scène." Hassouna Mansouri, Africiné

"L'Absence est un film au rythme intense où le suspense monte en crescendo. Il met en scène le milieu de la mafia dakaroise, royaume de caïds impitoyables, de dépravés sexuels et d'alcooliques. C'est d'ailleurs l'un de ces personnages brisés par la vie, un saxophoniste dont la fille a subit un sort analogue, qui sauve Adama de la mort en tirant un coup de feu vengeur sur le proxénète d'Aïcha. Il s'agit d'un polar bien mené dans lequel Mama Keïta, comme à son habitude, a des prises de position courageuses." Sid-Lamine SALOUKA

"En 81 minutes, vous allez vivre, avec les photos les plus expressives, une situation riche en actions et en questions grâce aux personnages d’une humanité forte.  Nous sommes captivés de la première à la dernière minute.   Nous sommes conquis par la psychologie des êtres qui partagent leurs angoisses, des personnes qui livrent leurs aspirations les plus intimes, qui vivent avec nous leur quête d’amour, leur besoin de reconnaissance, leur soif de communication et leur volonté d’affirmation de leur totalité existentielle.  Plus qu’un appel à celles et à ceux qui choisissent l’exil et l’apport de talents remarquables aux économies, aux sociétés et aux institutions des pays (du Nord) où ils créent et où ils  développent un savoir faire et des vertus humaines au détriment des pays d’origine (du Sud) où elles et ils sont nés, ce film nous présente un portrait cru et sans complaisance de cet état de réalité complexe et multidimensionnelle." Yves Alavo

"Part social commentary, part thriller, L’Absence is an atmospheric and contemporary sketch of Senegal that touches on issues of drugs, prostitution, corruption, brain drain, and, possibly, redemption. Filmmaker Mama Keita gives us a film that urgently races towards a dramatic, exciting and unexpected climax." Hans-Christian Mahnke, AfricAvenir

Der Regisseur über den Film

Jedes Jahr setzen tausende von Studenten aus der Dritten Welt dank eines Stipendiums durch den Staat oder finanziert durch ihre Familien, ihr Studium im Westen fort.

Aus den unterschiedlichsten Gründen kehren die meisten von ihnen nach Abschluss des Studiums jedoch nicht wieder in ihre Herkunftsländer zurück.
Der Schmetterlingseffekt ihrer Abwesenheit beeinflusst gleich mehrere Bereiche (familiäre, wirtschaftliche und politische).

Die überraschende Rückkehr des Bruders, Adama, lässt auf brutale Weise die durch seine Abwesenheit hervorgerufenen Erkrankungen sichtbar werden.
In den patriarchalisch strukturierten afrikanischen Gesellschaften führt die dauerhafte Abwesenheit dieser zumeist ältesten der männlichen Geschwister, auf die sich alle Erwartungen richten und auf denen alle Hoffnungen lasten, zu einer Destabilisierung des Familienkreises mangels Orientierung und Autorität, sobald auch noch der Vater wegfällt.

Die Unterentwicklung wird oftmals aus der makroökonomischen Perspektive analysiert, wobei die menschlichen Auswirkungen jedoch vernachlässigt werden. Diese Elitenabwanderung gleicht einem dauernden Aderlass, der den jungen afrikanischen Nationen ihr vitales Wissen und den Beitrag der intelligentesten ihrer Kinder nimmt und sie damit zum Dahinvegetieren verdammt. Eine reine Verlustinvestition. Dieser Exodus der grauen Materie und vieler weiterer Talente (künstlerischer, sportlicher), ihre massive und seit den Unabhängigkeiten sich immer wiederholende Abwesenheit, trägt nun, einige Jahrhunderte später, einen anderen Namen, wie eine Reproduktion des ursprünglichen Traumas dieses Kontinents, der Sklaverei, eine Wiederholung des Phänomens des Einfangens von Menschen und Wissen, mit denselben verheerenden Folgen auf sein Wachstum.

In diesem Sinne steht der Charakter der Schwester Aïcha, die taub-stumm ist, metaphorisch für das Leiden Afrikas.

Aus politischer Sicht machen sich diese Eliten, deren Abwesenheit einer „Fahnenflucht“ gleicht, wenn auch widerwillig zu objektiven Komplizen der diktatorischen Regime, dem vorherrschenden Herrschaftsmodell in den meisten Staaten der Dritten Welt. Diese Diktaturen sehen gerne, dass ihre Eliten, die eine potenzielle Quelle des Widerstands bedeuten, sich außerhalb des Landes aufhalten. Die Tyrannen haben die ungebildeten Massen besonders gerne.

Wenn wir die Demokratie als conditio sine qua non für Wachstum in allen Bereichen betrachten, stellt die fehlende Beteiligung dieser Eliten am sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben ihres Herkunftslandes ein erhebliches Hindernis für dessen Entwicklung dar.

Ich bin in besonderem Maße sensibel für dieses Thema, weil meine gesamte Familiengeschichte mit dem Siegel der Abwesenheit gekennzeichnet ist.
Ich bin das hybride Ergebnis der weitgereisten Liebesgeschichte eines ungleichen Paares, die sich aus einem Kennenlernen Ende der 1940er-Jahre entspann.

In Marseille zwar geplant, wurde ich aufgrund einer Versetzung meines Vaters in Dakar geboren.  Ursprünglich aus Guinea, hatte er eine militärische Laufbahn verfolgt und während einer der traurigsten Episoden der französischen Kolonialgeschichte, dem Indochinakrieg, eine Vietnamesin kennengelernt, meine Mutter.

Nach vierzig Jahren völliger Abwesenheit kehrte meine Mutter in den Vietnam zurück, in ein Land im Wiederaufbau nach zwei großen bewaffneten Auseinandersetzungen in nur einem halben Jahrhundert. Schmerzvoll musste sie jedoch feststellen, dass das Land ihr vollkommen fremd geworden war. Ich weiß sehr wenig von ihrer Zeit in Vietnam, weil sie es vorzog, über das Erlebte zu schweigen.

Wegen eines in Guinea herrschenden diktatorischen Regimes, hatte mein Vater sich mit achtzehn Jahren freiwillig bei der französischen Armee gemeldet, womit er in den Augen der Autoritäten sogleich verdächtig erschien und ihm der Verbleib im Land untersagt wurde. Er hatte immer von einer Rückkehr in sein Heimatland geträumt, um das Grab seiner Mutter zu besuchen, die während seiner Abwesenheit gestorben war.

Ironischerweise starb mein Vater nur wenige Monate nach dem Tod des Diktators Sékou Touré, ohne sein Gelöbnis eingelöst zu haben.

Meine afrikanische Kindheit war kurz. Ich wuchs im Wesentlichen in Frankreich auf und wurde von dessen Kultur geprägt. Französisch ist meine Muttersprache. Ohne diese Sprache hätten mein Vater und meine Mutter, beide aus Ländern stammend, die durch Frankreich kolonisiert wurden, sich weder verstehen, noch ihre Geschichte schreiben können. Frankreich ist aufgrund der Umstände zu dem Land geworden, in dem ich verankert bin. Aber ich bleibe eine Person, die „abwesend“ ist, verdammt zur Fragmentierung, zu einer Art innerem Exil.

Ich gehöre zu jener Generation afrikanischer Herkunft, die „anderswo“ aufgezogen und ausgebildet wurde und sich nicht der kritischen Befragung zur aktuellen Tragödie Afrikas entziehen kann.

Wie können wir Zeugnis ablegen und die Stimme dieses abdriftenden Kontinents sein, wie können wir einen Beitrag zu seiner Entwicklung leisten, jeder nach seinen Möglichkeiten, selbst aus der Ferne.

Ich wollte, dass meine Rückkehr auf diesen Kontinent mittels eines politischen Films stattfindet, da ich die Notwendigkeit sehe auf den folkloristischen Exotismus zu reagieren, den Katalog von Klischees, aus denen das Elend nur so heraustrieft, in denen alles so angenehm simplifiziert dargestellt ist, wie auch auf eine Rückwärtsgewandtheit, die sich in den letzten Jahren immer stärker im Kino des frankophonen Afrikas ausbreitet.

Der Regisseur

Mama Keïta wird 1956 als Sohn einer vietnamesischen Mutter und eines guineischen Vaters im Senegal geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Paris beginnt er Drehbücher zu schreiben. Zwischen 1981 und 1997 realisiert Keita fünf Kurzfilme; der Dokumentarfilm "David Achkar, une étoile filante" (1998) ist ein persönlicher Nachruf auf einen verstorbenen Freund. Sein erster Spielfilm Le fleuve (2002) erhält den Pressepreis beim Filmfestival von Paris. 2003 dreht er "Le Sourire du Serpent" und 2009 "L’Absence". Sein neuester Kurzfilm ist "One more Vote for Barack Obama".

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