„Der Sicherheitssektor frisst sich selber auf“ Interview mit Hassouna Mansouri

Der tunesische Filmkritiker und Autor des Buches „L’image confisquĂ©e“ (2010) Hassouna Mansouri spricht in diesem Interview vom 19. Februar mit AfricAvenir in Berlin darĂŒber, wie das tunesische Kino die „Jasmin Revolution“ vorhergesehen hatte und prĂ€sentiert dabei seine persönliche Sicht auf die Ursachen und Folgen der aktuellen Entwicklungen in Tunesien und der arabischen Welt.

AfricAvenir : Wie haben Sie die Revolution in Tunesien persönlich verfolgt ?

Hassouna Mansouri: Der Zufall wollte, dass ich die Revolution nicht vor Ort miterleben konnte. Ich war bis zum 18. Dezember in Tunesien, nur einen Tag zuvor nahm sich Mohamed Bouazizi das Leben. Ab dem Moment begannen auch schon in einigen Dörfern die ersten Demonstrationen, bevor sie sich in Richtung Hauptstadt bewegten. WÀhrend dieser Zeit war ich in Kontakt mit meinen Projektpartnern, mit Freunden und mit meiner Familie in Tunis. Aber irgendwann merkte ich, dass die Menschen vor Ort meinen Fragen auswichen und nicht mehr aktiv auf sie reagierten. In den Informationen, die in der internationalen Presse im Umlauf waren, sah ich wie die Ereignisse sich intesivierten und auch die Aussagen, die ich dann aus Tuniesien empfing, wurden immer radikaler und zielgerichteter.

Welche Rolle spielte facebook als Informationsquelle fĂŒr Sie wĂ€hrend dieser Zeit?

Anfangs benutzten wir noch eher die ĂŒblichen Kommunikationsmittel wie das Telefon und Skype. Nach einiger Zeit begannen wir aber insbesondere ĂŒber Youtube und facebook in grĂ¶ĂŸerem Ausmaß Dinge ĂŒber die Lage im Land zu erfahren. Ich war zuvor nicht sehr aktiv auf facebook, aber seitdem muss ich sagen, dass ich Stunden um Stunden auf facebook verbrachte. In der ersten JanuarhĂ€lfte war facebook die erste Sache, die ich mir nachdem Aufwachen ansah. Plötzlich wurde facebook fĂŒr mich zur wichtigsten Informationsquelle ĂŒberhaupt.

Welche GrĂŒnde sind Ihrer Ansicht nach fĂŒr den Ausbruch der Revolution entscheidend gewesen?

Inzwischen kennt ja jeder die objektiven Ursachen fĂŒr die Revolution aus den Medienanalysen: Arbeitslosigkeit, Korruption, die Macht der Mafia, die Verletzung der Menschenrechte und noch vieles mehr. Alle kannte jedoch all diese Faktoren schon seit den 1960er Jahren, seit mehr als 50 Jahren! Was sich seitdem fundamental verĂ€ndert hatte, ist meiner Meinung nach, dass es an einem gewissen Moment zu einem emotionalen Ausbruch gegen die Missachtung der MenschenwĂŒrde kam. Es gab da eine Moment, einen Tag, an dem sich die Menschen sagten „Wir haben genug davon, so kann es nicht lĂ€nger weitergehen, das muss ein Ende haben!“ Ich denke, dass diese Reaktion in direktem Zusammenhang mit dem Selbstrespekt, der Selbstachtung und der Missachtung dieses Respektes steht. Das bedeutet in etwa „Du kannt mir mein Brot wegnehmen, mein Geld, du kannst mich meiner Arbeit berauben, aber Du hast nicht das Recht, mich zu demĂŒtigen!“. Wenn dieses Niveau erreicht ist, lautet die Frage nur noch „entweder du oder ich“. In Tunesien entschied sich das Regime dabei fĂŒr sich selbst und dann fingen sie an, Menschen zu töten.

Die Botschaft dessen war eindeutig „Wenn Ihr Euch erhebt werden wir Euch vernichten!“. Ein zentraler Bestandteil einer solchen Logik ist, dass ein diktatorisches Regime, das einmal anfĂ€ngt zu töten und zu vernichten, entweder konsequent bis zum bitteren Ende gehen muss oder komplett aufhört zu existieren. Das tunesische Regime konnte nicht bis zum bitteren Ende gehen, denn man kann schließlich nicht alle Menschen umbringen! Deswegen mag es psychologisch tragisch sein, dass ein Regime so handelt, aber es ist vor allem „dumm“, in einem deleuzischen Sinne. Nach Gilles Deleuze gibt es einen Unterschied zwischen Dummheit und Fehlern. WĂ€hrend Fehler korrigiert werden können, bleibt die Dummheit so absurd, dass sie letztlich immer verliert. Ich denke, dass genau das in Tunesien aber auch in allen anderen Situationen in Nordafrika geschehen ist. In Lybien, Ägypten oder in Algerien befinden sie sich alle in dieser Sackgasse.

Sie sagten kĂŒrzlich, dass der Film „Making of Kamikaze“ von Nouri Bouzid die „Jasmin Revolution“ bereits 2006 angekĂŒndigt hĂ€tte. Welche Aspekte des Films wĂŒrden Sie in Bezug auf die heutige Situation in Tunesien und seinen Nachbarstaaten besonders betonen?

Es sollte zunĂ€chst gesagt werden, dass „Making of Kamikaze" in diesem Sinne nicht der einzige Film ist. Es gibt vielmehr einer ganze Reihe von Kurz- und Dokumentarfilmen dieser Art, aber auch in der Musik, in Dramen und allen anderen Bereichen der tunesischen Kultur lassen sich Botschaften finden, die der von Nouri Bouzid sehr Ă€hnlich sind. Was ich jedoch entscheidend finde, lĂ€sst sich an der Hauptfigur von „Making of Kamikaze“ nĂ€her erkennen. Sein grundlegendes Problem ist nicht die Arbeitslosigkeit, es ist auch nicht ein Probelm der Anerkennung oder die Tatsache, dass ihn die Polizei seines Passes beraubt. Nicht einmal, dass er es nicht schafft illegal nach Europa einzuwandern! Sein grundlegendes Problem ist, dass ihm mehrere Male gesagt wird „Du bist kein Mann“. Diese Aussage richtet sich nicht mehr nur gegen seine Ehre und auch nicht nur gegen seine SexualitĂ€t. Sie geht weit darĂŒber hinaus. Mit diesem Satz wird ein Mensch an der menschlichsten aller Stellen berĂŒhrt, er wird gedemĂŒtigt. Sobald ihm dieser Respekt genommen wird bleibt ihm rein gar nichts mehr. Man stĂ¶ĂŸt ihn so lange bis ihm nichts anderes bleibt als zu explodieren.

Die strukturelle Aberkennung des Menschseins ist unter anderem als ein charakteristisches Element eines kolonialen Moments bekannt.

Ja, diese Strukturen können sich auf verschiedenen Ebenen bilden. Aber tatsĂ€chlich ist genau das in der Kolonialzeit geschehen und schon davor wĂ€hrend der Sklaverei. Erst wird jemandem die menschliche QualitĂ€t aberkannt und nachdem er schon alles verloren hat, wird zu einem Monster. Man hat aus ihm ein Monster gemacht. Das ist genau was mit Al-Qaida geschehen ist. Wer hat denn Al-Qaida als ein Monster auf der internationalen BĂŒhne entstehen lassen? Es wurde erschaffen weil es eine Form des Hasses gab, der so lange anwuchs bis er ab einem bestimmten Zeitpunkt unkontrollierbar wurde.

Im Film ist zudem eine sinnbildliche Bruderschaft zwischen der jugendlichen Hauptfigur und einem Polizisten zu sehen. Die Bilder aus Tunesien und Ägypten unterstĂŒtzen den Eindruck, dass diese Seite des Sicherheitssystems zentral fĂŒr den Fall der Regime war. Wie sehen Sie die Rolle, die Polizei und MilitĂ€r spielten?

Allerdings zeigt der Film auch sehr gut die korrupte Seite der Polizei, die die UnterdrĂŒckung dieser jungen Menschen unterstĂŒtzt und sie sogar festnehmen will wenn sie nur auf der Straße tanzen wollen. Neben diesem Aspekt reprĂ€sentiert der Cousin der Hauptfigur die Seite des Sicherheitssektors, die mehr oder weniger ehrlich ist. Offensichtlich ist die Beziehung zwischen diesen beiden jungen Leute aber nur metaphorisch.

Erst vor einigen Tagen war zu beobachten, dass eine Gruppe aus dem Sicherheitssektor einen Attentat auf den neuen Innenminister verĂŒben wollte, da er als neutral gilt und das Innenministerium von korrupten Strukturen befreien wollte. Da sind man bereits wieder wie sehr der gesamte Sektor von Polizei und MilitĂ€r noch gespalten ist. Das ist ein Zeichen einer bestimmten Philosophie, die bereits mehrere Jahre prĂ€gend ist. Jahrzehntelang glaubte man, dass man eine ganze Gesellschaften nur durch einen starken Sicherheitssektor kontrollieren könne. Aber wenn alle Energie in diesen Sektor gesteckt wird, wird er irgendwann explodieren. Weil er zu groß und mĂ€chtig geworden ist, frisst er sich schließlich selbst auf. Wie eine Schlange, die ihren eigenen Schwanz auffrisst.

Aktuell wird ĂŒber eine Reform tunesischen Verfassung debattiert. Kann die Transition jetzt möglicherweise sogar zu einer Abkehr vom französischen PrĂ€sidialsystem und von Frankreich selbst fĂŒhren?

Hoffentlich, Frankreich hat uns in der Geschichte schließlich viel Leid angetan. Tunesien funktionierte bislang immer nur unter einem französischen Diktat. Eine Dekolonisation hat nie stattgefunden, in Tunesien so wenig wie in vielen anderen afrikanischen LĂ€ndern. GlĂŒcklicherweise ist Iyadh Ben Achour, der Leiter der Kommission fĂŒr die Reform der Verfassung, ein anerkannter Intellektueller und jemand dem ich persönlich vertraue. UrsprĂŒnglich gab es in dieser Kommission noch ein paar Mitglieder des Rassemblement Constitutionnel DĂ©mocratique (RCD), der ehemaligen Regimepartei, aber als sich die Gruppe um Iyadh weigerte mit ihnen zusammenzuarbeiten wurden sie rausgeworfen.
Wenn es also tatsĂ€chlich zu einer neuen Verfassung kommen sollte, dann ist Iyadh Achour jemand, der sie in eine gute Richtung lenken kann. Wir sind damit schon jetzt ein wenig dem Diktat Frankreichs entgangen, das ist wahr und das ist auch gut so. Man muss sich nur ansehen, wie Frankreich reagierte wĂ€hrend unsere Politik auf ihre eigegnen BĂŒrger schiessen lassen wollte. Frankreich hat damals einfach vorgeschlagen noch mehr Waffen und noch mehr militĂ€rische AusrĂŒstung nach Tunesien zu senden. Das ist eine alte kolonialistische Logik, die noch in den Köpfen dieser Menschen ist.

Wenige Tage nach der Revolution bestimmte das Bild tunesischer Einwanderer auf Lampedusa die deutsche Medienlandschaft. Was halten sie als Journalist von der Art und Weise wie das Thema der Migration von Nordafrika nach Europa in den westlichen Medien behandelt wird?

Wenn wir die Situation allgemeiner betrachten ist zu erkennen, dass das was sich derzeit im Maghreb ereignet die Welt als ganzes betrifft. Was der junge Mohamed Bouazizi getan hat, richtet sich nicht nur gegen das Regime vor Ort sondern gegen eine ganze Philosophie, die half, dass dieses Regime so lange ĂŒberleben konnte. Deswegen bin ich der Meinung, dass sich Bouazizis Akt selbst, als auch alles was darauf folgte, gegen ein globales System richtet, das alles auf die Sicherheit setzt. Die Philosophie der gegenwĂ€rtigen Politik ist die Sicherheit. Dieses System der Entsendung von Polizei und MilitĂ€r verschlingt andauernd ein riesiges Budget, wĂ€hrend es nirgendwo eine Debatte ĂŒber die Förderung der Kultur oder ĂŒber die Möglichkeit der Entsendung von Lehrern gibt. Ein weiterer Beweis ist, dass Ben Ali eine Summe von 50 und Mubarak etwa 70 Milliarden Dollar gestohlen haben. Wieviele Diktatoren gibt es denn in Afrika und wo ist all deren Geld? In Europa. Hier geht es nicht um Werte, sondern ganz einfach ums Geld.

All das zeigt doch nur, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und dass wir alle verbunden sind. Deswegen ist es auch an der Zeit, dass die wir aufhören in den Kategorien von „ich“ und „die Anderen“ zu denken. „Wir mĂŒssen Mauer errichten, wir mĂŒssen zusehen, dass die da unten bleiben und dass Sie nicht auswandern“, so lautet doch die dominante Ideologie und sie funktioniert einfach nicht, weil die Menschen nicht aufhören, bei dem Versuch zu steben diese Grenzen zu ĂŒberqueren.

Sind Sie der Meinung, dass die Revolution alte Bilder der arabischen Welt verĂ€ndern wird und damit diese Mauern einreissen kann? Vielleicht u.a. durch einen grĂ¶ĂŸeren Vertrieb von Filmen aus dieser Region nach den aktuellen Vorkommnissen?

Das wĂŒnsche ich mir sehr. Wenn es etwas gibt, das die Revolution fĂŒr die KĂŒnstler vor Ort tun kann, dann ist es genau das. Es geht nicht so sehr darum, dass sich dadurch das Bild des Maghrebs verĂ€ndert, sondern, dass ĂŒberhaupt erst die Möglichkeit entsteht, dass dieses Bild gesehen wird! Wenn ich in den Niederlanden manchmal sage, dass ich aus Tunesien komme, werde ich of gefragt „woher, aus Indonisien?“. Jetzt sehen plötzlich viele EuropĂ€er in Tunesien nicht mehr nur ein Land mit vielen Touristen. Die ganze Welt sieht uns auf einmal auf eine andere Weise.

Das ist auch eine große Chance fĂŒr das arabische Kino. In der arabischen Welt gibt es bereits einen großen Film-Markt. Aber bis jetzt ist es fast unmöglich unabhĂ€ngige Filme zu sehen, die von jungen Menschen außerhalb des staatlichen Fördersystems gemacht werden. In Tunesien gab es allerdings schon vor zwei Jahren einen riesigen Boom in der Produktion von Kurzfilmen. In einem Jahr wurden damals fast 90 Filme produziert. Das ist fĂŒr Tunesien eine enorme Zahl. Von diesen 90 Kurzfilmen wurden etwa 70 mit persönlichen Mitteln hergestellt, also komplett ohne die Hilfe des Staates. Die jungen Menschen wollten einfach autonom sein, sie wollten etwas anderes ausprobieren und sich selbst ausdrĂŒcken. All das hat vor der Revolution stattgefunden, da gab es bereits diesen Moment, der in genau diese revolutionĂ€re Richtung wies. Man wusste schon damals, dass sich hier etwas ereignen wĂŒrde aber noch nicht welche Formen es schließlich annehmen wĂŒrde. „Making of Kamikaze“ zeigt das sehr gut und ist sehr nahe am Puls der Jugend.

Die Fragen wurden von Moses MĂ€rz gestellt.

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