Tiken Jah Fakoly: "Ouattara kann die Ivorer versöhnen"

tiken jah fakoly

In der Côte d’Ivoire brach das entscheidende militärische Gefecht um den Präsidentenpalast aus, als Tiken Jah Fakoly mit seiner Band auf Europa-Tournee in Berlin Station machte. Vor dem Konzert am 1.4.2011, das AfricAvenir in einer Medienpartnerschaft unterstützte, bot sich die Möglichkeit mit Tiken Jah über Musik in revolutionären Zeiten, die Politik seines Heimatlandes und die Bedeutung des ivorischen Staatsfernsehens RTI zu sprechen.

15 Uhr 30

Tiken Jah Fakoly steht in der Hotellobby seines Hotels im Prenzlauer Berg und ist irritiert. „Das Hotelzimmer hat keinen Fernseher“, sagt er bestürzt, „in meinem Land ist gerade Krieg. Ich muss doch wenigstens wissen, was in der Côte d’Ivoire passiert“. Im Hotel, das eher nach einer Jugendherberge als nach einer statusgemäßen Unterkunft des „ivorischen Löwen des Reggea“ aussieht, demonstriert Tiken Jah die Bescheidenheit, die ihm nachgesagt wird. Der 42-Jährige trägt einen deutschen Armeemantel zu Jeans und Turnschuhen. In die Mitte seiner Jacke ist großformatig der rot- gelb-grüne Umriss des afrikanischen Kontinents aufgenäht. „Afrika ist in mir, mit mir und über mir“, sagt Fakoly als überzeugter Panafrikanist. Seitdem er 1996 mit seinem ersten Erfolg „Mangercratie“ insbesondere in Westafrika schlagartig berühmt wurde, singt er an forderster Front gegen die Heucheleien des Westens und dessen afrikanische Komplizen.

Der Ansturm auf Abidjan, der seit gestern stattfindet, wurde seit 2002 mit Unterbrechungen aufgeschoben. Damals konnten die Rebellen die gesamte Nordhälfte des Landes einnehmen. Tiken Jah Fakoly ging zu diesem Zeitpunkt bereits ins Exil nach Bamako in Mali, wo er bis heute wohnt. Das Misstrauen zwischen Alassane Ouattara, als politischem Advokaten der Nord-Bevölkerung und Laurent Gbabo, der seit mehr als zehn Jahren als offizieller Präsident den Süden der Côte d’Ivoire regiert, stieg stetig und wurde auch von der Wahl im letzten Jahr nicht beseitigt. Im Gegenteil. Seitdem Ouattara im November von der Internationalen Gemeinschaft als Wahlsieger anerkannt wurde, weigert sich Gbagbo hartnäckig abzutreten. Im von Gbabgo kontrollierten Staatsfernsehen wird Ouattara als Marionette des Westens dargestellt, die hinter allem Übel steht, das die Côte d’Ivoire heimsucht. Die UNO. Frankreich und Burkina Faso sind nach ihrer Meinung die Drahtzieher hinter den Forces Républicains, die am 31. März im Auftrag Ouattaras auf Abidjan zumarschierten.

„Die stärkste Waffe von Laurent Gbagbo war immer das Fernsehen und Ouattaras Soldaten haben heute das Staatsfernsehen RTI eingenommen“, sagt Tiken Jah, um vor dem Interview noch einmal festzuhalten, was an diesem Nachmittag noch als gesichert gilt.

AfricAvenir: Seit gestern greifen die Forces Républicains von Alassane Ouattara die letzten Bastionen von Laurent Gbagbo in Abidjan an. Wie haben Sie die letzten Stunden erlebt?

Tiken Jah Fakoly: Ich bin traurig, weil die Côte d 'Ivoire so etwas nicht nötig hat. Wenn Wahlen in anderen Ländern stattfinden gibt es am Ende einen Gewinner und einen Verlierer, der dem Gewinner gratuliert. Die Tatsache, dass die Dinge in meinem Land anders verlaufen sind, macht mich traurig. Die gegenwärtige Situation wird viele Menschenleben kosten. Ich weiß, dass es bereits gestern viele Tote gab. Darunter sind Menschen, die wählen gegangen sind und ihre Stimmen abgegeben haben, um nach den Wahlen eine bessere Côte d'Ivoire vorzufinden. Jetzt sind sie es, die von Kugeln getroffen werden. Ich bin sehr traurig und hoffe nur, dass der Tag kommen wird, an dem Laurent Gbagbo schließlich seine Macht abgeben wird und sie demjenigen übergibt, der die Wahlen gewonnen hat.

Sie haben sich nach der Wahl sehr früh dazu geäußert, dass Gbagbo gehen müsse. Befürchten Sie nicht, dass Alassane Ouattara als ehemaliger Ökonom des IWF die Côte d 'Ivoire an internationale Finanzinstitutionen verkaufen wird?
Ich mache mir deswegen keine Sorgen, weil Ouattara von der Mehrheit der Ivorer gewählt wurde. Jetzt ist es an uns Ivorern, unsere Bedingungen an ihn zu stellen. Wenn er jetzt Dinge auf eigene Faust unternimmt, dann müssen wir ihn kontrollieren. Wenn es allerdings heißt, dass Ouattara nicht Präsident werden kann, weil er von der Weltbank kommt und dem Westen nahe steht, dann bedeutet das doch auch, dass die Demokratie grundsätzlich in Frage gestellt wird. Wir können uns das einfach nicht leisten, weil die Demokratie die Übernahme der Macht durch das Volk ist. All jene, die gegen die Macht des Volkes sind, müssen wird bekämpfen. Deswegen kämpfe ich gegen Laurent Gbagbo.

Könnte man sagen, dass die Revolutionen in Nordafrika, aber auch Revolten, wie sie derzeit in einem Land wie Burkina Faso stattfinden, das realisieren, was Sie sich wünschten als Sie Ihr neues Album „African Revolution“ nannten?

Genau, schon letztes Jahr im September habe ich von dieser afrikanischen Revolution gesprochen. Jetzt ist sie hier, ihre Zeit ist gekommen und sie wird weiter gehen. Früher konnten die politischen Führer das Volk mit Hilfe eines einzigen Fernsehsenders manipulieren, weil die Leute nur einen Sender empfangen konnten. Jetzt, da immer mehr Menschen in Afrika das Internet benutzen, können sie die unterschiedlichsten Nachrichten und Perspektiven empfangen. Dadurch hat sich die afrikanische Bevölkerung grundsätzlich verändert. Alle intelligenten Politiker, die heute schon länger als 20 Jahre an der Macht sind, sollten jetzt ihre letzte Amtszeit ankündigen. All diejenigen, die das jetzt nicht verstehen, werden dafür bitter bezahlen. Wie in Tunesien, in Ägypten und auch in Libyen. Gaddafi wird auch gehen müssen. Wir können Gaddafi nicht verteidigen. 42 Jahre an der Macht – allein diese Tatsache stellt ihn außerhalb jeglicher Kriterien der politischen Führungspersönlichkeiten, die wir für gut heißen oder zumindest dulden können.

Welche Rolle spielt für Sie die Musik in solchen revolutionären Zeiten?

Meine Musik soll aufrütteln. Meine Aufgabe ist es, die Menschen aufzuwecken. Ich singe seit mehr als zehn Jahren über all das was heute passiert in Liedern wie „Le pays va mal“, „Quitte le pouvoir“, „Françafrique“, „L’Afrique doit du fric“ und „Y’en a marre“. Seit 1996 singe ich diese Stücke. Die aktuellen Ereignisse sind dabei gewissermaßen der Höhepunkt dieses Kampfes. Ich bin sehr glücklich, diesen historischen Moment leben zu dürfen.

Wie erleben Sie den Kontrast zwischen Ihrer Konzert-Tour in Europa und dem politischen Drama, das sich aktuell in Ihrem Heimatland abspielt?

Wenn ich jetzt auf der Bühne stehe, wie letzte Nacht in Köln, haben meine Songs plötzlich eine viel intensivere Bedeutung. Die Texte sind jetzt so eng mit der Realität verbunden, dass es mich tief berührt. Es gibt Leute, die kämpfen und das Ergebnis ihres Engagements niemals sehen. Ich habe wirkliches Glück, einen Kampf zu führen indem ich von der Revolution spreche und nur sechs Monate danach wird sie Wirklichkeit.

Welche Rolle werden Sie in der Côte d'Ivoire spielen, wenn sich die Situation beruhigt? Planen Sie den Versöhnungsprozess vor Ort zu unterstützen?

Natürlich, das ist genau das, was wir tun wollen. Mit Musikern wie Alpha Blondy und Magic System werden wir eine Tour organisieren, die die Ivorer wiedervereinigen wird. Wir werden ihnen sagen: „Gebt uns die Hand und wir arbeiten dann zusammen!“ Wenn Ouattara in seiner Amtszeit nur Mist baut, dann schmeißen wir ihn eben raus und holen uns einen neuen Präsident. Meine Botschaft ist dabei klar: Ich bin kein Ouattara Unterstützer, ich bin ein Unterstützer der Côte d'Ivoire und des demokratischen Prozesses. Ich unterstütze das Erwachen der Menschen. Das ivorische Fernsehen war dabei bisher ein sehr großes Hindernis, weil Laurent Gbagbo ohne Ende propagandistische Nachrichten sendet. Es ist ihm sogar in einem Moment gelungen, die komplette Situation in ihr Gegenteil zu verkehren, als plötzlich jeder in der Côte d’Ivoire sagte: „Ja, es ist der Westen, der gegen uns Krieg führt!“ Nein, bei uns wurden Wahlen durchgeführt und einer ist gewählt worden. So einfach ist das.

Sie sprechen von „Demokratie“ und nehmen dabei immer wieder das französische oder deutsche Beispiel. Kann überhaupt von einem europäischen Demokratie-Modell als einem Ideal für afrikanische Länder gesprochen werden, wenn sie noch immer in ein internationales System integriert sind, das sie massiv in ihrem Handlungsspielraum beschränkt? Kann es Demokratie ohne Handlungsspielraum geben? Kann ein neuer Präsident wirklich etwas grundsätzlich verändern?

Die Demokratie ist für uns ein gutes Modell. Es funktioniert allerdings nur dann, wenn Nationen wie die Côte d’Ivoire vereint auftreten. Sobald sie zerstritten sind, wird es auch für den Präsidenten schwierig, bei Entscheidungen, freie Hand zu haben. Deshalb sollten wir uns auf die Versöhnung konzentrieren. Wir müssen den Menschen erklären, dass wir die gleichen Probleme haben, unabhängig von der „ethnischen“ Zugehörigkeit oder der Religion. Unsere Kinder gehen nicht in gute Schulen, unsere Kranken liegen in schlecht ausgestatteten Krankenhäusern. Wenn wir die gleichen Probleme haben, werden wir dafür alle die gleiche Lösung finden müssen. Dann kann auch das Modell der Demokratie in Afrika Fuß fassen, daran gibt es schließlich nichts Kompliziertes. Wenn die Leute die Wahlen nicht mehr als einen Krieg wahrnehmen, wird dem Präsidenten endlich die Macht gegeben, die nationalen Interessen zu verteidigen.

Alassane Ouattara wird oft nachgesagt nicht genügend Charisma zu haben, um alle Ivorer ansprechen zu können. Ist er Ihrer Meinung nach wirklich der Richtige, um die Côte d'Ivoire wieder zu vereinigen?

Ich glaube heute, dass Alassane Ouattara die Interessen des ganzen Volkes verteidigen kann und nur dann können sich auch die Menschen wieder versöhnen. Anders als Gbagbo verbreitet Outtara keine Propagandabotschaften des Hasses. Er hatte schon immer eher eine Botschaft der Beschwichtigung und Versöhnung. Es gab Zeiten, zu denen er seine Zähne zeigen musste, damit alle wussten, dass er sich nicht herumschubsen lässt. Im Hinblick auf die Versöhnung hat Gbagbo dagegen seit zehn Jahren rein gar nichts unternommen. Dabei war das alles, was wir als Ivorer von ihm erwarteten. Heute wollen wir, dass er die Macht an Alassane übergibt und ich weiß, dass der die Wiedervereinigung erreichen wird. Er hat keine andere Wahl. Wenn er sein Programm durchsetzen will, dann kann er das nur im Frieden tun.

Abschließend noch zu Ihrer Tournee in Europa. Bemerken Sie hier bei Ihren Konzerten eine Veränderung in der Art und Weise wie Afrika von den jungen Menschen wahrgenommen wird?

Unsere Aufgabe hier in Europa ist es, den Leuten etwas über Afrika beizubringen. Wenn hier normalerweise über die Côte d'Ivoire berichtet wird, dann geht es nicht um die schönen Strände in Bassam oder Sassandra. Es geht dabei immer um Hunger und Krieg. Es gibt einen Mangel an Information, darüber müssen wir in unseren Konzerten sprechen. Die Menschen, die uns sehen, lernen dadurch ein neues Afrika kennen und verlassen unsere Konzerte mit einer neuen Perspektive. Ich sehe Afrika als einen Kontinent, der 400 Jahre lang versklavt bzw. unter fremder Kontrolle war und in dem die jetzigen Nationen erst vor 50 Jahren gegründet wurden. Um aus dieser Geschichte herauszukommen, werden wir noch eine Weile brauchen. Ich bin jetzt 42 Jahre alt. Als ich geboren wurde, waren die meisten afrikanischen Staaten erst acht Jahre alt. Jetzt schreiben wir unsere eigene Geschichte, während Länder wie Deutschland oder Frankreich dies bereits seit 100 oder 200 Jahren tun. Wir brauchen nur noch ein wenig Zeit, davon abgesehen ist Afrika ja wirklich kein außerirdischer Kontinent.“

21 Uhr

In seiner Doppelrolle als „Erwecker der afrikanischen Jugend“ und als Afrika-Botschafter in Europa betritt Tiken Jah Fakoly am selben Abend im Berliner Kesselhaus die Bühne. Während seine Band zu klassischem Roots-Rock-Reggea-Rythmus Protestlieder wie „Sors de ma télé“, zu deutsch „Verschwinde aus meinem Fernseher“ spielt, fängt das ivorische Staatsfernsehen plötzlich wieder an zu senden. Wie aus Abidjan gemeldet wird, haben Gbagbos Truppen gerade das RTI-Gebäude zurückerobert. In die ivorische Nacht spielt das Fernsehen jedoch zunächst nur Musik. In dem patriotischen Coupé Décalé werden noch einmal Loblieder auf Laurent Gbagbo gesungen. Der Kampf um die Macht in der Côte d’Ivoire ist noch nicht beendet.

Text von Moses März
Fragen von Eric van Grasdorff und Moses März

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