Wissenschaftskooperation und Rassismus

Hindernisse in der Zusammenarbeit zwischen deutschen und afrikanischen Wissenschaftlern. Artikel von Dr. Michel Foaleng aus epd-Entwicklungspolitik 5/2003, den wir anlässlich seines Vortrags im AfricAvenir Dialogforum am 09. Mai 2007 veröffentlichen.

Wissenschaftskooperation und Rassismus
Hindernisse in der Zusammenarbeit zwischen deutschen und afrikanischen Wissenschaftlern

Von Dr. Michel Foaleng
Zuerst veröffentlicht in: epd-Entwicklungspolitik 5/2003

An mehreren deutschen Universitäten sind in den letzten Jahren Sonderforschungsbereiche (SFB) eingerichtet worden, die sich Afrika und Afrikanern widmen. Dass Afrika hier zu Lande wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfährt, ist an sich nichts Neues: Schon die Kolonisierung des Kontinents ging mit dessen wissenschaftlicher Erforschung einher. Aber anders als damals findet die deutsche Afrikaforschung gegenwärtig ihre besondere Rechtfertigung darin, dass sie in Zusammenarbeit mit afrikanischen Wissenschaftlern betrieben wird. Diese Zusammenarbeit soll es ermöglichen, eurozentrische Auslegungen afrikanischer Wirklichkeit zu vermeiden.

Wenn das Forschungsdesign zudem ein interdisziplinäres ist, wird darüber hinaus erwartet, jene Wirklichkeit auch in ihrer Mannigfaltigkeit untersuchen zu können. Dass aber eine solche Kooperation auch als Alibi dienen kann, ist schon daran zu erkennen, wie wichtig es ist, sie überall dort, wo Afrikaner, unabhängig von ihrer Stellung, in einem Forschungsprojekt beschäftigt werden, besonders hervorzuheben. So hat auch Rainer Tetzlaff in epd-Entwicklungspolitik 3/2003 betont, dass an dem an der Universität Hamburg angesiedelten SFB zu Afrika "einzelne jüngere afrikanische Postgraduierte in Projekte integriert" und afrikanische "Forscher als Gastprofessoren eingeladen" wurden.

Doch allein die Taxonomie von Rainer Tetzlaff, so z.B. wenn er von "sozialer Anomie und politischem Chaos" in Afrika spricht, verrät, dass wir trotz der Zusammenarbeit mit Afrikanern nicht weit weg von einem Afrikabild sind, nach welchem in Afrika nur "Barbarei" herrscht. Mir scheint daher die Frage berechtigt, inwiefern diese Form wissenschaftlicher "Zusammenarbeit" mehr als nur eine eurozentristische Sichtweise widerspiegelt. Auch muss gefragt werden, wozu und wem die europäische Afrikaforschung überhaupt dient. Die Absicht, durch die Zusammenarbeit mit afrikanischen Wissenschaftlern die afrikanischen kulturellen Eigenheiten besser zu begreifen, kann nicht eingelöst werden, solange nicht auch die Rahmenbedingungen solcher Zusammenarbeit hinterfragt werden.

Herkunft und Verantwortlichkeit
Es ist zu vermuten, dass es bei der heutigen europäischen Afrikaforschung, wie auch bei der von ihr praktizierten Zusammenarbeit mit afrikanischen Wissenschaftlern letztlich nur um die Interessen von Europäern geht " Interessen, die mit denjenigen von Afrikanern in Konkurrenz stehen. Zugleich werden diese Interessen unter einem Paternalismus verschleiert, der seine Wurzeln in den rassistisch geprägten geschichtlichen Beziehungen zwischen Afrika und Europa hat.

Um dies zu illustrieren, möchte ich beispielhaft Erfahrungen aus einem Kolloquium anführen, das im Rahmen eines Teilprojekts des Hamburger SFB zu Afrika im Sommer 2001 an der Universität Hamburg stattfand. Dieses Teilprojekt hat die Lebensgeschichten von Kameruner Studierenden in Deutschland zum Gegenstand. Zu dem Kolloquium wurden Wissenschaftler/innen verschiedener Fachrichtungen aus Deutschland, Frankreich, Kamerun und der Schweiz eingeladen, um erste Forschungsergebnisse zu diskutieren.

Auch wenn hier nicht behauptet wird, dass es eine einheitliche europäische gegenüber einer einheitlichen afrikanischen Position gäbe, so waren in der Diskussion dennoch herkunftsspezifische Betrachtungsweisen zu bemerken. Deren prägende Wirkung hat es beiden Gruppen außerordentlich schwer gemacht, sich aufeinander zu beziehen. Tendenziell galt das Interesse der Afrikaner/innen z.B. der Frage, inwiefern die Forschung, die mit diesem Projekt betrieben wurde, dazu beitragen kann, dass die Anliegen afrikanischer Studierender in Deutschland besser Gehör finden. Damit ist nun nicht unterstellt, afrikanische Wissenschaftler verfolgten bloß alltagspraktische Anliegen, während europäische Kollegen rein wissenschaftliche Interessen im Auge hätten. Die einen wie die anderen sehen ihre Aufgabe als Wissenschaftler vielmehr darin, Erkenntnisfortschritte zu erzielen. In beiden Fällen hat der Wissenschaftler eine Verantwortung gegenüber der "Wahrheit" im Sinne der Schlüssigkeit seiner Untersuchung bzw. ist er rechenschaftspflichtig gegenüber der scientific community.

Jedoch erschöpft sich darin noch nicht die Verantwortung der Wissenschaft. Die für die Wissenschaft relevante Frage sollte nicht die Relevanz wissenschaftlicher Forschung für die Erforschten verdrängen. Vielmehr muss der Wissenschaftler auch eine gesellschaftlich-historische und eine ethisch-politische Verantwortung denjenigen gegenüber wahrnehmen, die Gegenstand seiner Untersuchung sind. Diese weitergehende Verantwortung wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die Afrikapolitik verschiedener europäischer Regierungen ohne wissenschaftliche Afrikaforschung nicht denkbar wäre " zumal es ohne eine solche Europa gar nicht erst gelungen wäre, den vermessenen Anspruch zu rechtfertigen, die Welt "zivilisieren" zu müssen. Heute zielt die Skepsis von Afrikanern gegenüber der europäischen Afrikaforschung vor allem auf die Frage, ob diese nicht lediglich dazu dient, die Abhängigkeit Afrikas weiter aufrechtzuerhalten.

Während die wissenschaftlichen Kriterien für afrikanische und europäische Wissenschaftler gleichermaßen gelten und beide zugleich zur Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung verpflichten, bringt sie ihre gesellschaftliche Verbundenheit zur jeweiligen Herkunftsgesellschaft in Konflikt zueinander. Beide sind unterschiedlich in die afrikanische Problemsituation verwickelt und sind nicht in derselben Weise den Erforschten verbunden. Dabei ergibt sich für afrikanische Wissenschaftler die Verbundenheit wie die Verantwortung für die Erforschten aus der Teilhabe an deren geschichtlicher Erfahrung.

Rassismus als Erfahrung oder Einbildung?
Diese Differenz zeigt sich besonders an der Diskussion über "Rassismus". Zur Verdeutlichung sei eine Passage aus dem erwähnten Kolloquium herangezogen: Der Kameruner Student, dessen Lebensgeschichte Gegenstand der Diskussion war, hatte, nachdem er von Erfahrungen rassistischer Diskriminierung berichtet hatte, die Meinung geäußert, Rassismus sei in der deutschen Gesellschaft derart verankert, dass er meist auch unbewusst zum Tragen komme.

Für einen deutschen Teilnehmer konnte es sich bei dieser Einschätzung nur um einen "Einbildungsprozess" handeln. Sogleich versuchte der deutsche Kollege, die Möglichkeitsbedingungen der Rede von Rassismus zu ergründen. Er argumentierte, dass Rassismus Gegenstand einer Auseinandersetzung sei, für die es keine ontologische Referenz gebe. Man rede über Rassismus, ohne definieren zu können, ob es sich im Sinne eines unbezweifelbaren Sachverhaltes um Rassismus handele. Rassismus speise sich also aus den soziokulturellen Interpretationshorizonten von Afrikanern, die das von ihnen kritisierte Verhalten als rassistisch zuordneten, unter Umständen auch, um ihre Bequemlichkeit zu haben.

Dieses Verständnis von "Rassismus" wurde von einem afrikanischen Kollegen als irreführend zurückgewiesen, beim Thema Rassismus gehe es nicht um "Wahrheit", sondern um "Erleben". Für viele Menschen, die sich als Opfer vom Rassismus ansehen, stelle nicht die Diskussion über Rassismus, sondern der Rassismus selbst ein dramatisches Problem dar, das nicht banalisiert werden dürfe. Auch wenn das Problem des Rassismus anders interpretiert werden könnte, so solle dies ohne Relativierung der Erfahrung anderer erfolgen, denen sonst damit weitere Gewalt zugefügt würde.

In der Tat ist eine Relativierung des Phänomens Rassismus auch deshalb problematisch, weil sie den Aufbau eines Dialogs zwischen Afrikanern und Europäern erschwert. Wer z.B. vom "Rassismus" gegen Weiße in Afrika redet, negiert jene historische Dimension des Rassismus, mit deren Folgen Afrikaner in Deutschland heute zu tun haben: Ein Afrikaner kommt nicht als Schwarzer hierher, wird aber hier in erster Linie als Schwarzer wahrgenommen. Diese Wahrnehmung ist geschichtlich geprägt und beinhaltet alle möglichen erniedrigenden Vorurteile.

Müssen wir nicht anerkennen, dass die Machtverhältnisse, die die historisch gewachsenen Beziehungen Europas zur nicht-europäischen Welt prägten und die auch weiterhin in der Afrikaforschung wirksam sind, das Erbe einer rassistischen Strukturierung der Welt darstellen? Hierbei ist Rassismus nicht als irgendeine Ungerechtigkeit gegen ein Individuum oder eine bestimmte Gruppe zu verstehen. Auch ist Ethnozentrismus, ein konstitutives Moment jeder Gesellschaft, keineswegs mit Rassismus gleichzusetzen. Rassismus ist vielmehr als ein System der Negation des Menschseins nicht-europäischer Völker zu begreifen, es dient dazu, die Europäer als das Paradigma des Menschseins zu setzen. Rassismus ist untrennbar mit dem europäischen Anspruch verbunden, die in Europa entstandene Zivilisation als Zivilisation schlechthin zu proklamieren und sie den Menschen in anderen Erdteilen aufzuzwingen. Es ist dieser Anspruch, der im Zuge der Rassenideologie des 18. und 19. Jahrhunderts zur Klassifizierung unterschiedlicher "Rassen" führte. Dabei wurden die "Schwarzafrikaner" auf die unterste Stufe der Menschheit gestellt.

Mit aus diesem Grunde bilden noch heute Afrikaner erste Zielscheibe rassistischen Verhaltens. Diejenigen Afrikaner, denen man ein rassistisches Verhalten gegenüber anderen Afrikanern vorwerfen mag, sind eben solche, die diese rassistische Strukturierung der Welt sowie den daran gebundenen eurozentristischen Anspruch verinnerlicht haben und sich anderen umso mehr überlegen fühlen, je näher sie der europäischen Zivilisation stehen.
Es verwundert kaum, dass das Zurückweisen der Klage über Rassismus (wohl auch, weil sie implizit als Anklage zu verstehen ist) manch anderen westlichen Diskursen ähnelt, in denen Afrikaner als unfähig angesehen werden, ihre eigenen Erfahrungen selbst theoretisch zu erfassen. Diese Denkweise zeigt sich z.B., wenn man meint, afrikanische Intellektuelle seien von ihrem Alltag so überfordert, dass sie gar nicht zur "Muße" kommen könnten, "sich zurückzulehnen, um über Gegenwart und Zukunft nachzudenken", wie Christoph Plate und Theo Sommer in ihrem Buch "Der bunte Kontinent. Ein neuer Blick auf Afrika" noch 2001 argumentieren " ein Argument, das allerdings, wie einst Hegels Sentenzen über Afrikaner, weniger etwas über die Realität afrikanischer Intellektueller als über die Ignoranz mancher Afrikaforscher aussagt. Doch wenn sich selbstbewusste afrikanische Intellektuelle den "Luxus" praktisch irrelevanter Ausführungen nicht gönnen wollen, wird ihnen in intellektuellen Diskussionen gerne vorgeworfen, "zu kurz zu greifen" oder "unwissenschaftliche" Positionen zu vertreten.

So zeichnet sich eine grundlegende Schwierigkeit in der Zusammenarbeit zwischen europäischen und afrikanischen Wissenschaftlern in Bezug auf afrikanische Angelegenheiten ab: Während jene eher ihrer wissenschaftlichen Gemeinschaft verpflichtet sind, handeln diese aus dem Bewusstsein heraus, dass die große Herausforderung für die Menschen Afrikas darin besteht, sich eine selbstbestimmte Stellung in der Welt zu verschaffen. Um dieser Herausforderung begegnen zu können, brauchen wir eine afrikanische Forschung, verstanden als Studien von Afrikanern über ihre eigenen Angelegenheiten. Erst eine solche afrikanische Forschung kann ein Gleichgewicht gegenüber der herkömmlichen Afrikaforschung, im Sinne der Erforschung von Afrika bzw. Afrikanern durch Europäer, herstellen. Erst dann scheint es möglich, zu einer Forschung zu gelangen, die im wechselseitigen Blick von Europäern und Afrikanern aufeinander im Rahmen gemeinsamer wissenschaftlicher Fragestellungen besteht.

Kulturelle Gebundenheit der Paradigmen
Aber der Weg zu einem solchen wechselseitigen Blick ist noch weit. Bei den Kontroversen zwischen afrikanischen und deutschen Wissenschaftlern spielen nicht nur wissenschaftliche, sondern auch zahlreiche persönliche Interessen eine Rolle. Hierüber kann weder der universalistische Anspruch von Wissenschaft noch deren Ambition auf Objektivität hinwegtäuschen. Zudem ist der Anspruch auf Universalität nicht von der Macht zu trennen, mit deren Hilfe sich die Wissenschaft während der letzten drei Jahrhunderte von Europa aus in nicht-westliche Gesellschaften ausgebreitet hat.

In diesem Sinne stellt die Forschungsperspektive europäischer Wissenschaftler nur eine europäisch situierte Sichtweise dar, die von der je eigenen Sozialisation geprägt ist. Dagegen korrespondiert die Perspektive afrikanischer Wissenschaftler mit ihrer eigenen geschichtlichen Erfahrung als Unterdrückte und spiegelt aus diesem Grund afrikanische Lebenserfahrung weit besser wider, als dies Europäern möglich ist.

Natürlich lassen sich die Beziehungen zwischen Europa und Afrika nicht auf eine 'Täter-Opfer'-Logik reduzieren. Zu fragen ist dennoch, ob die ungleiche Verteilung von Macht nicht auch die Qualität der Zusammenarbeit derart prägt, dass dabei die Benachteiligung von Afrikanern, trotz bester Absichten, reproduziert wird. Zweifellos müsste der deutsche Afrikaforscher lernen, sich selbst gegenüber kritisch zu sein. Er müsste lernen, die Implikationen seiner Handlungen zu reflektieren, um eine interkulturell gelungene Zusammenarbeit zu ermöglichen, d.h. eine Zusammenarbeit, die nicht nur eine europäische kulturelle Prägung aufweist.

Interkulturalität erweist sich nicht schon darin, dass Afrikaner in einem von Europäern konzipierten Forschungsprojekt einen Werkvertrag bekommen, hier als Mitarbeiter beschäftigt oder als Gast aus Afrika eingeladen werden. Von Interkulturalität kann vielmehr erst dann die Rede sein, wenn anerkannt wird, dass die Wahrheit jeder lebensgeschichtlichen Erfahrung sich in erster Linie aus einer subjektiven Perspektive heraus erschließt, welche ihrerseits von der kollektiven oder individuellen geschichtlichen Erfahrung geprägt wird. Eine derart verstandene Interkulturalität bedeutet, die kritische Selbstreflexion der Beteiligten zur Geltung zu bringen.

Die (lebens)geschichtliche Erfahrung kann natürlich nicht das einzige Kriterium für die Gültigkeit einer wissenschaftlichen Aussage sein. Eine Untersuchung der Lebenserfahrung von Afrikanern ist nicht schon deswegen angemessen, weil sie von einem Afrikaner durchgeführt wurde. Umgekehrt wäre eine Untersuchung nicht schon deshalb unangemessen, weil sie das Werk eines Europäers ist. Vielmehr geht es darum, die Wichtigkeit eines Perspektivenwechsels oder des fremden Blicks für den Erkenntnisgewinn im Rahmen sozialwissenschaftlicher Forschung anzuerkennen. Man könnte diesen fremden Blick sogar als Bedingung eines besseren Verständnisses des Eigenen einfordern. Denn zuhauf sind Menschen so in ihre soziokulturellen Praxen eingebunden, dass sie diese nicht mehr sachgemäß reflektieren können. Dies gilt gleichermaßen für den Wissenschaftler, der auf Grund seiner Eingebundenheit in die eigene Herkunftswelt die notwendige Distanz zu dieser nur sehr mühsam herstellen kann, so dass seine Untersuchung von einer partiellen Blindheit bestimmt bleibt.
Indes birgt die Forderung nach einem fremden Blick zwischen Afrika und Europa strukturell einige Widersprüche in sich: Die Handlungssituation von Europäern in Afrika kann nicht mit der von Afrikanern in Europa verglichen werden. Denn einerseits sind Europäer in der Regel deshalb in Afrika, um die Menschen dort "aufzuklären", ihnen zu "helfen", sie auf jeden Fall von irgend etwas "Rückständigem" oder für die Afrikaner selbst "Schädlichem" zu befreien und zwar "in deren eigenem Interesse". Europäer in Afrika befinden also über "schädliche" Vorgänge, die sie selbst nicht beträfen, wenn es nicht gerade ihre Berufung wäre, sich um das Wohl der Menschheit zu kümmern. Andererseits sind Afrikaner in Europa bzw. in Deutschland selbst Opfer jener strukturellen Defizite europäischer Gesellschaften, die die Autochthonen selbst nicht zu entdecken im Stande sind, doch gerade wegen dieser Befangenheit können sie sich über die Sachlage nicht äußern, ohne der "Subjektivität" oder der "Emotionalität" beschuldigt zu werden. Zwischen Europäern und Afrikanern, " ob im Alltag oder in der Wissenschaft " kann es so gesehen keinen echten Dialog geben, so lange nicht auch die gemeinsamen geschichtlichen Hintergründe problematisiert werden. Diese Hintergründe haben für Afrikaner bis heute traumatisierenden Charakter, weshalb sie darüber nicht "objektiv" reden zu können scheinen.

Aber woher nehmen die Europäer ihren Anspruch auf Objektivität, da auch sie, wenngleich auf andere Weise, von der gemeinsamen Geschichte betroffen sind? Und umgekehrt: woher soll der fremde Blick auf den Anspruch der Weißen, die Welt zu beherrschen, auf die Geschichte Europas, auf die Beziehungen Europas zu Afrika, auf die Gesellschaften Europas kommen, wenn nicht von jenen, deren "Betroffenheit" von alledem jeder "Objektivität" im Wege zu stehen scheint?


Der fremde Blick
Der "fremde Blick" gilt meistens nur so lange als relevant, wie Europäer sich dadurch ermächtigt sehen, andere Völker sowie deren Gesellschaftssysteme zu untersuchen. Oft wird das Argument des fremden Blicks ins Spiel gebracht, um die Interpretation der afrikanischen Wirklichkeit durch Afrikaner zurückzuweisen und die Erforschung derselben durch Europäer zu begründen. Weil europäische Forscher seit Jahrhunderten ungestört die Welt unter ihre Lupe nehmen dürfen, ist es für sie zur Selbstverständlichkeit geworden, nicht nur für die anderen zu sprechen, sondern auch die Wahrheit über die anderen sagen zu wollen.
Warum stört es keinen, dass die Aufgabe von Afrikanern in der sozialwissenschaftlichen Kooperation oft darauf beschränkt wird, Spezialwissen über ihre jeweiligen "Stämme" beizusteuern? Afrikaner gelten als gute Partner nur so lange, wie sie den Europäern die Ebene des Allgemeinen überlassen. Und umgekehrt wundert sich kaum jemand darüber, dass es keine afrikanischen Studien über europäische Gesellschaftssysteme oder über europäische gesellschaftliche Probleme gibt. Inwiefern die Sonderforschungsbereiche sich dieser Tradition entziehen, sei dahin gestellt. Obwohl es z.B. im SFB 520 der Universität Hamburg Bemühungen gibt, so genannte postkoloniale Theorieansätze zu reflektieren, fällt auf, dass noch keine allgemeine Sensibilität dafür entwickelt worden ist, inwieweit die Tätigkeiten dieses SFB strukturell mehr eine Fortführung des kolonialen Blickes auf Afrika betreiben als einen Bruch mit ihm herbeizuführen.

Zumeist wird nur jener afrikanische Wissenschaftler ernst genommen, der grundsätzlich weder die Position noch die Vorhaben des europäischen Partners in Frage stellt, d.h. jener, der nolens volens bestätigt oder sich dafür instrumentalisieren lässt, dass Afrika und Afrikaner weiterhin als experimentelles Feld genutzt werden, aus dem Erkenntnisse gewonnen werden, die nicht Afrika und den Afrikanern, sondern Europa und den Europäern von Nutze sind. Will er stattdessen etwa seinen Blick als Fremder auf die Mechanismen der Exklusion und andere blinde Flecken der hiesigen Gesellschaft richten oder will er zeigen, dass Europa Afrika keine Lektion zu erteilen hat, so läuft er Gefahr, vom weiteren Diskurs ausgeschlossen oder einfach ignoriert zu werden.

Wissenschaft oder Ideologie?
Welche Schlussfolgerungen sind daraus für die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Afrikanern und Europäern zu ziehen? Wissenschaftskooperation mit Afrikanern kann bedeuten, dass man eine afrikanische Einsicht zu Tage fördern will, doch dies bedeutet nicht automatisch ein Einbeziehen des fremden Blickes. Vielmehr entsteht mit einem solchen Bemühen die Gefahr, dass zwar die Differenz zur Sprache gebracht wird, ohne zugleich die Möglichkeit zu eröffnen, die unterschiedlichen Einsichten aufeinander zu beziehen. Man kann kaum auf die Überwindung dieser Differenz hoffen, solange es noch keine Basis für den wechselseitigen Blick von Europäern und Afrikanern gibt. So besteht die wichtigste Herausforderung für interkulturelle Zusammenarbeit darin, zunächst Hindernisse eines wechselseitigen Austausches zu untersuchen und zu deren Abbau beizutragen " wohl wissend, dass es in erster Linie darum gehen wird, solche Mechanismen zu dekonstruieren, die dazu beitragen, Afrikaner aus der Sphäre des wissenschaftlichen Diskurses auszuschließen.

Ein anderer Schluss führt uns auf die in der Wissenschaft wirksamen Interessen zurück. Da die Welt eine sprachliche Konstruktion darstellt, kann nur derjenige genauer bestimmen, wie sie ist und wie sie verbessert werden muss, der über die erforderliche Sprachmacht verfügt. Während selbstbewusste afrikanische Wissenschaftler daran interessiert sind, selbst diskursiv über ihre Welt zu bestimmen, haben europäische Kollegen, bewusst oder unbewusst, Interesse an einer Fortsetzung der Unterordnung Afrikas unter ihre Kategorien, um die eigene Karriere als "Afrika-Experte" fortsetzen zu können. Eine Zusammenarbeit zwischen Afrikanern und Europäern, die den Eigennutz der Beteiligten ausblendet, leugnet die Tatsache, dass hierbei individuelle und kollektive Interessen im Spiel sind. Diese Interessen, die zugleich materieller und wissenschaftlicher Art sind, machen aus der Wissenschaft eine gesellschaftsgebundene Praxis. Nur auf der Basis der Anerkennung dieser Eingebundenheit von Wissenschaft in eine kulturelle Praxis ist eine interkulturelle Diskussion fruchtbar.

Dies bedeutet, dass die Praxis der Interdisziplinarität allein nicht schon eine sachgerechte Deutung der afrikanischen Angelegenheiten ermöglicht. Die beteiligten Fachrichtungen operieren meist auf der Basis desselben Paradigmas, von dem man sich nur schwer befreien und kaum über die eigenen kulturellen Grenzen hinausgelangen kann. Die Schwierigkeit, ein gemeinsames Referenzobjekt der Diskussion zwischen afrikanischen und deutschen Wissenschaftlern zu finden, ist auch auf eine Paradigmendifferenz zurückzuführen. Wo letztere eine (künstliche) Trennung zwischen der wissenschaftlichen und der politischen Ebene intellektueller Debatten pflegen, begreifen erstere wissenschaftliche Auseinandersetzungen als Instrument des politischen Engagements.

Wissenschaft oder Ideologie? Wer hier solche Fragen stellt, vergisst, dass wissenschaftliche Vorhaben sich stets mit Hilfe nicht-wissenschaftlicher Gründe rechtfertigen.

Michel Foaleng ist promovierter Erziehungswissenschaftler und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 520 "Umbrüche in afrikanischen Gesellschaften" an der Universität Hamburg. Er hat in Yaoundé, Karlsruhe und Brüssel studiert und u.a. die Studie "Über die Logik der Unterentwicklung" (Frankfurt/Main 1999) veröffentlicht. Demnächst erscheint sein Buch "Schulreform in einer postkolonialen Gesellschaft und Nord-Süd-Kooperation" (Münster 2003).

Mit freundlicher genehmigung von:
Quelle: epd-Entwicklungspolitik 5/2003

 

© Copyright AfricAvenir 2013 | RSS  Sitemap  Kontakt  Impressum | Français  English