Film: Die Schlacht um Algier (OenglU) am 3.9.2010 um 20 Uhr

Im Rahmen des AfricAvenir Jahresthemas "50 Jahre afrikanische Un-Abhängigkeiten - eine (selbst)kritische Bilanz" laden wir am Freitag, 3. September 2010 um 20 Uhr ins Hackesche Höfe Kino zur Vorführung von Pontecorvos Klassiker des politischen und antikolonialen Films "Die Schlacht um Algier" (OenglU). Im Anschluss an den Film findet eine Diskussion mit dem algerischen Historiker Prof. Daho Djerbal von der Université d’Alger-Bouzaréah statt.

Synopsis
Es ist 1957, ein Schlüsseljahr im Unabhängigkeitskampf Algeriens. Im Zentrum stehen zwei Hauptpersonen: Ali La Pointe (Brahim Haggiag), Mitglied der FLN (Nationalen Befreiungsfront) und Aushängeschild der algerischen Résistance, und der französische Fallschirmspringerkommandant Colonel Mathieu (Jean Martin), der Befehl hat, den Widerstand um jeden Preis zu brechen.

Gillo Pontecorvos Spielfilm Die Schlacht um Algier über den antikolonialen Krieg in Algerien gilt als einer der einflussreichsten Filme in der Geschichte des politischen Kinos und als eines der beeindruckendsten Werke, das jemals über den Kolonialismus und den antikolonialen Widerstand gedreht wurde. Mitte der 1960er an Originalschauplätzen mit Kasbahbewohnern entstanden, basiert der Film auf den Mitschriften des späteren Produzenten Yacef Saadi, ein führendes Mitglied des Widerstands, aber auch auf eigenen Recherchen Pontecorvos. Die Schlacht um Algier steht eindeutig auf der Seite der Résistance, aber Pontecorvos Film ist dennoch insofern ein weitgehend „objektives“ Werk, als dass die Handlungen beider Seiten realistisch dargestellt werden.

1966 sagte Pontecorvo zu einem Journalisten: "Ich denke, es ist sinnlos zu sagen: ‚Diese töteten zehn, jene töteten zwei’. Das Problem besteht darin, dass sie [die Algerier] sich in einer Situation befinden, wo die Unterdrückung alles dominiert.... Man muss abwägen, wer historisch schuldig und wer im Recht ist. Und das Gefühl vermitteln, dass man sich mit dem identifiziert, der im Recht ist."



Nach seiner Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen 1966 beim Mostra-Festival in Venedig hatte der Film in Algerien, Italien und Amerika sofort Erfolg und wurde in den USA sogar für drei Oskars vorgeschlagen, in Frankreich und England wurde er jedoch bis 1971 verboten. Auch danach unterdrückten ehemalige Algerienfranzosen und die OAS (eine französische Geheimorganisation) den Film mit Gewalt. Rechtsextreme Elemente verschickten Todesdrohungen an die Familien von drei Kino-Inhabern in Frankreich, und in einigen Kinos, die den Film zeigen wollten, wurden Bomben platziert. Vom massiven Einsatz der Folter durch die französische Republik in ihrem "schmutzigen Krieg" in Algerien zu reden oder sie gar zu zeigen, war nach wie vor eine heikle Angelegenheit.

2004 dann erlebte das Werk gewissermaßen ein spätes Comeback. Man könnte sagen: rechtzeitig zur Debatte um die Folterbilder aus dem Irak. Fast vierzig Jahre nach seiner Erstaufführung löst der Film noch gewaltige Resonanz aus, weil er die Wirkungsweise zeitgenössischer kolonialer Unterdrückung demonstriert und die Ursachen zeigt, die eine nationale Revolutionsbewegung hervorbringen und anwachsen lassen. (Quellen: heise.de; wsws.org; wikipedia)

Pressestimmen:
„Eine intelligente und überzeugende Darstellung des Kampfs gegen Kolonialherrschaft (...) ein zeitloses Porträt des anti-kolonialen Kampfs in Algerien.” – Richard Phillips, wsws.org

„Legendär! Fesselnd! Wenn die Neuauflage eines Films großartiges künstlerisches Können mit ungebrochener politischer Aktualität verbindet, dann sollten nicht nur die Zelluloid Junkies aus dem Häuschen sein. – Stuart Klawans, The New York Times

„Atemberaubend! Unerhört provokant! Elektrisierend zeitgemäß! Seine Anatomie des Terrors bleibt unübertroffen!” – Peter Rainer, New York Magazine

„Erstaunlich zeitgemäß! (...) Pontecorvos leidenschaftliches agitprop Werk von 1965 ist plötzlich ganz heiß… Kein Film schafft es, den Zuschauer so effektiv in die Schuhe von Grassroot-Kämpfern hineinzuversetzen... – Michael Atkinson, Village Voice

„Ein außergewöhnlicher Film! Ein spannungsgeladener Thriller!” – David Sterritt, Christian Science Monitor

„Erstaunlich! Ein politischer Thriller von unvergleichlichem Realismus.” – A.O. Scott, The New York Times

„Genauso dringlich, intensiv, vorausahnend und weise wie am ersten Tag, als er in die Kinos kam“ – Washington Post, 2004

Die Schlacht um Algier
R: Gillo Pontecorvo, P: Saadi Yacef, Antonio Musu; Algerien/Italien, 1966, 121 Minuten, S/W, OenglU
Ort: Hackesche Höfe Kino, Rosenthaler Str. 40/41, 10178 Berlin


Kartenreservierung und Filmauskunft: (030)283 46 03
S Hackescher Markt, U Rosenthaler Platz
Eintritt: 7,50€, Ermäßigungen über Berlinpass, Gildepass und Heavy User Card (Weitere Informationen: http://www.hoefekino.de/preise-und-rabatte)

Preise:

  • Internationale Filmfestspiele von Venedig: Goldener Löwe und FIPRESCI-Preis (1966)
  • Nominiert für drei Academy Awards u.a. Bestes Drehbuch (Gillo Pontecorvo und Franco Solinas), Beste Regie (Gillo Pontecorvo) und Bester fremdsprachiger Film;
  • Filmpreis der Stadt Venedig (1966);
  • Preis der Internationalen Kritik (1966);
  • Preis der Stadt Imola (1966);
  • Silbernes Band der Sindacato Nazionale Giornalisti Cinematografici Italiani (1967);
  • Ajace Preis des Essai Kino (1967);
  • Italian Golden Asphodel (1966);
  • Silberne „Diosa” beim Acapulco Film Festival (1966);
  • Golden Grolla (1966);
  • Riccione Preis (1966);
  • Von der kubanischen Kritik als „Bester Film des Jahres 1967" gewählt (1967);
  • UN-Award der British Academy of Film and Television Arts (1972).

Diskutant:
Prof. Djerbal ist Professor für Moderne Geschichte an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität von Algier-Bouzareah (Algerien). Er lehrt zu einer Vielzahl von Themen mit Schwerpunkt auf koloniale und postkoloniale Gesellschaften (Algerien, Nord Afrika und Afrika als Kontinent). Prof. Djerbal hat auch in den Bereichen Internationale Beziehungen und Ideengeschichte der Westlichen Moderne gelehrt. Nach mehr als 10 Jahren Forschung im Bereich "Wirtschaftliche und Soziale Geschichte des Modernen Algeriens", konzentriert er sich zurzeit auf die Beziehung zwischen Geschichte und Erinnerung. Als Chefredakteur von Naqd, Zeitschrift für soziale Kritik (Naqd, Revue d’études et de critique sociale, www.revue-naqd.org), widmet er sich seit Anfang der 1990er Jahre außerdem der Veröffentlichung von Studien zu postkolonialen Gesellschaften und unabhängig gewordenen Staaten.

Der Regisseur:
1919 in Pisa geboren, war Gillo Pontecorvo Mitglied der antifaschistischen Resistenza, trat der italienischen Kommunistischen Partei (PCI) bei und diente die letzten zwei Kriegsjahre als Kommandant ihrer dritten Brigade in Mailand. Er verließ die PCI 1956 nach der sowjetischen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands. Pontecorvo war vom neorealistischen Kino und dem russischen Regisseur Sergej Eisenstein beeindruckt, und nachdem er eine Vorführung von Roberto Rossellinis Paisa gesehen hatte, entschloss er sich, Filmemacher zu werden. Von 1946 bis 1956 produzierte er eine Reihe von Dokumentarfilmen, wie zum Beispiel Pane e zolfo (Brot und Schwefel, 1959), ein Film über sizilianische Bergarbeiter, und drehte mit La grande strada azzurra (Die große blaue Straße, 1957) seinen ersten Spielfilm. Sein zweiter Spielfilm war Kapò (1960), ein Film über ein Nazi-Konzentrationslager. 1964 drehte er dann La battaglia di Algeri.

Pontecorvos Film wandte eine Technik an, die Mitte der sechziger Jahre als innovativ für den Film gelten konnte (...) Sein halb-dokumentarischer Stil in der Art von Wochenschau-Berichten mit Untertiteln, der Einsatz einer 16-Millimeter-Handkamera und die Verwendung von offiziellen Erklärungen der FLN und der französischen Armee waren pionierhaft und verliehen dem Film eine elektrisierende Wirkung. In dem Film nimmt er das Publikum mit in die engen Gassen der heruntergekommenen Kasbah und rekonstruiert sorgfältig die polizeistaatliche und rassistische Unterdrückung, die schließlich zur Erhebung führen muss. Die Massenversammlungen mit Hunderten Menschen gegen Ende des Films sind ganz erstaunlich und haben eine Intensität und Suggestionskraft, die von Computer-erzeugten Bildern niemals erreicht werden können. Der dramatische Realismus des Films war in der Tat so überzeugend, dass die Produzenten sich bemüßigt fühlten, im Vorspann darauf hinzuweisen, dass bei der Produktion keine echten Nachrichtensendungen verwendet wurden.

Schlacht um Algier wurde, und das ist bemerkenswert, mit einem Budget von 800.000 Dollar hergestellt, mit Hilfe von nur neun Technikern, darunter dem Kameramann Marcello Gatti. Jean Martin (Colonel Mathieu), der in den fünfziger Jahren bei französischen Regisseuren auf der schwarzen Liste stand, weil er den algerischen Widerstand unterstützte, war der einzige professionelle Schauspieler. Der Rest der Filmcrew war in Algier rekrutiert worden.

Haggiag (La Pointe) war Analphabet und niemals zuvor im Kino gewesen, als er als Hauptdarsteller für diesen Film ausgewählt wurde. Jener Mann mittleren Alters, der im Film gefoltert wird und infolgedessen La Pointe verrät, wurde vorübergehend aus einem Gefängnis in Algier entlassen, um seine Rolle zu spielen. Yacef Saadi, der Dhile Djafar und La Pointes ersten Kontaktmann zur FLN-Führung spielt, war ein führendes Mitglied des Widerstands und lieferte die Geschichte, auf die sich das Drehbuch stützte.

Nach Schlacht um Algier drehte Pontecorvo Burn! (1969) mit Marlon Brando in der Hauptrolle, worin es um den britischen und portugiesischen Kolonialismus im 18. Jahrhundert in Westindien geht, und Ogro (1979) über die baskische separatistische Bewegung. Aber keiner von ihnen kam an die Intensität von Schlacht um Algier heran, der seinerseits Regisseure wie Costa Gavras, Marcel Ophüls und viele andere beeinflusste. (Auzüge aus wsws.org)

Weiterführende Links & Diskussionen:
http://www.criterion.com/films/248
http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_um_Algier
http://www.rfi.fr/actufr/articles/058/article_31407.asp
http://www.wsws.org/de/2004/okt2004/alge-o27.shtml
http://www.wsws.org/de/2001/mar2001/alge-m28.shtml
http://www.wsws.org/de/2004/okt2004/inte-o27.shtml

Dieser Film wird in Kooperation mit Yedd e.V. und dem Hackesche Höfe Kino gezeigt.

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