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Film: Les Saignantes an der TU Dresden

Am 23. Juni 2009 um 19.30 Uhr laden AfricAvenir, die TU Dresden Institut für Kunst- und Musikwissenschaft/FB Kunstpädagogik, die GEW Sachsen und weiterdenken (Heinrich Böll Stiftung Sachsen) zur Filmvorführung von Jean-Pierre Bekolos Film “Les Saignantes” (OdtU) ins Kino im Kasten der TU Dresden ein. Nach der Filmvorführung findet eine Diskussion mit dem Filmkritiker Julien Enoka Ayemba statt.

Organisiert wird die Veranstaltung von Dr. Ulrike Stutz im Rahmen der Seminarreihe Kunstpädagogik und kulturelle Vielfalt.

Les Saignantes (Die Blutenden)
R: Jean-Pierre Bekolo, Kamerun/Frankreich 2005, 93 min, OmU
Diskussion mit Julien Enoka Ayemba

Sie bluten und sie lassen bluten: Zwei Frauen – jung, attraktiv, todbringend – ziehen los, um ein futuristisches Land von seinen korrupten, sex- und machtbesessenen Männern zu befreien. Sie erfüllen das Mevungu – ein Ritual des Beti-Volkes, das den Geheimgesellschaften der Frauen vorbehalten ist und nur in Krisenzeiten vollzogen wird. Krisenzeiten, die der Regisseur heute gekommen sieht … Spektakulärer Science-Fiction Politthriller, der 2007 beim zentralen afrikanischen Festival FESPACO den Silbernen „Etalon de Yennengar“ gewann.

Les Saignantes / Die Blutenden
Wir schreiben das Jahr 2025 in einem beliebigen Land in Afrika. Auf der Leinwand ein Paar in voller Ekstase. Sie jung, schön, sinnlich. Er ein alternder Minister, macht- und sexbesessen. Einer von denen, die das Land durch Korruption beherrschen. Die Musik begleitet die beiden ihrem Höhepunkt entgegen. Plötzliche Stille. Er ist tot. Hier beginnt die Odyssee zweier Frauen, Chouchou und Majolie, durch die nächtliche Szenerie einer postapokalyptischen Stadt, in der Sex, Geld, Politik und Tod auf gefährliche Weise miteinander verwoben sind.

Auch in seinem dritten Spielfilm bleibt der Querdenker unter den gegenwärtigen afrikanischen Filmemachern Jean-Pierre Bekolo (*1966, Kamerun) seinem Hang für Provokation, Spott und Sozialsatire treu. “Les Saignantes – Die Blutenden” ist ein großartig fotografierter und trotz Minimalbudget technisch ausgereifter Science-Fiction-Politthriller, dessen kritische Fragen zum Geschlechterverhältnis, zur allgegenwärtigen Korruption und zum Zustand des afrikanischen Kontinents ihn der Zensur in Kamerun gefährlich nahe gebracht haben.

Trotz seiner erbarmungslosen Sozialanalyse vermittelt der Film nicht Hoffnungslosigkeit. Anfangs naiv und unerfahren setzen die Protagonistinnen bewusst ihre attraktiven Körper als Waffe gegen die korrumpierte Männerwelt ein, um aus dem bisherigen Leben auszubrechen. Die Rechnung geht auf, im Verlauf des Films gewinnen sie zunehmend an Stärke, nicht zuletzt unter Zuhilfenahme übernatürlicher Kräfte. Bekolo stilisiert diese zwei jungen, selbstbewussten Frauen zu Rächerinnen an einer korrupten politischen Elite, die aus Profitgier ihren Kontinent verkauft hat und langsam ausbluten lässt.

Wie alle seine Filme hält auch Les Saignantes den Zuschauer in Atem, lässt ihn keine Sekunde abschalten. Mehr als einmal stellt das Geschehen die Logik auf den Kopf, es gibt Einblendungen und Jump Cuts sowie allerlei technische Spielereien. Stellenweise erzählt eine hypnotisierende Frauenstimme von Mevungu, einem Ritual der Beti, das den Geheimgesellschaften der Frauen vorbehalten ist und welches nur in Zeiten sozialen Notstands vollzogen wird. Angesichts der tiefen Krise, in der sich Afrika und besonders Kamerun heute befinden, so Bekolo, sei es an der Zeit, dieses Ritual wieder einmal durchzuführen.

Seit Jahren, erzählt der unter anderem in den USA lehrende Filmemacher, habe er dieses Projekt mit sich herum getragen und entgegen sämtlicher Hindernisse schließlich durchgesetzt. Vor allem für westliche Geldgeber gehen Afrika und Science Fiction nicht zusammen. Warum, ließ Bekolo schon einen seiner Protagonisten in Aristotle’s Plot (1996) fragen, sind afrikanische Filme so statisch, so linear, so realistisch? Warum gibt es auf diesem Kontinent, der so viele Mythen, Geschichten und Gerüchte hervorbringt, kaum fiktive Filme?

Schon sein Debütfilm Quartier Mozart, 1992 mit dem Prix Afrique en Création in Cannes prämiert, avancierte in Kamerun blitzschnell zum Kultfilm. Die Wahl der Schauspieler, der typische Slang und die Verpflanzung traditioneller Figuren und Mythen in einen modernen Stadtteil Yaoundés kam vor allem bei Jugendlichen gut an. „Ich möchte diese Verbindung mit meinem Publikum nicht verlieren (…) Ich mache Filme für meine Leute zu Hause. Die Ausdrücke, das Vokabular, die Drehorte sind Teil ihrer populären Kultur. Meine Filme sind nicht realistisch, aber die Leute erkennen sich darin wieder.“

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