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Mahamat-Saleh Haroun: Jenseits des Spektakels

„Ein Mann, der schreit“ (Un homme qui crie) von Mahamat-Saleh Haroun erzählt die Geschichte Adams, eines Bademeisters in N’Djamena, der seinen Job an seinen Sohn Abdel verliert. Adam willigt daraufhin ein, Abdel als Soldat in den Bürgerkrieg zu schicken, womit die Tragödie des Films beginnt. Bei den letzten Filmfestspielen in Cannes gewann Haroun mit seinem Film den Preis der Jury. Mit AfricAvenir sprach der Regisseur am 4.4.2011 anlässlich des Kinostarts in Deutschland über Swimmingpools im Tschad, Vater-Sohn Beziehungen, das letzte FESPACO und über das Erbe Aimé Césaires.

AfricAvenir: Herr Haroun, der Swimmingpool und das Hotel sind in Ihrem Film zentrale Orte, von denen aus die Geschichte erzählt wird. Was bedeutet ein Swimmingpool im Tschad?

Mahamat-Saleh Haroun: In einem Land wie dem Tschad, das ein Land in der Wüste und ein Land der Nomaden ist, ist die Wasserstelle der Ort des Überlebens. Es ist der Ort, an dem das Leben stattfindet und der Ort, an dem Konflikte entstehen. Der Swimmingpool ist daher ein Ort des Lebens. Wer die Kontrolle über den Pool hat, ist auch ein Stück weit der Meister über diese Quelle, ein kleiner Gott oder so etwas wie ein Regisseur. Der Swimmingpool, wie im Übrigen das gesamte Hotel, ist aber ebenso ein Ort, an dem sich Menschen aufhalten, die im Vergleich zur restlichen Bevölkerung des Landes privilegiert sind. Während die Mehrheit der Bevölkerung hier keinen Zugang hat, leben diejenigen, die etwas Geld haben in dem Hotel wie in einer kleinen Stadt. Das wollte ich in meinem Film zeigen.

Ist das Hotel für die beiden Hauptcharaktere auch ein Ort der Entfremdung?

Die Entfremdung von Adam, aber auch die seines Sohnes und all jener, die an diesem Ort arbeiten, hat damit zu tun, dass sie in Kontakt mit Menschen kommen, die viel Geld besitzen. Deswegen fühlen sie sich nach einer Weile selbst, als ob sie Teil dieser Gesellschaft sind. Sobald sie dann aus diesem Kreis ausgeschlossen werden, geht es ihnen auch körperlich sehr schlecht. Bei den Hausangestellten in den alten Herrscherhäusern war das ähnlich. Nach einiger Zeit fühlten und verhielten sie sich ebenfalls als wären sie adlig. Für mich ist das Hotel und der Pool ein sehr bezeichnender Ort für die Verstrickungen von Macht, Entfremdung und Privilegien.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen dem Vater Adam und seinem Sohn Abdel beschreiben?

Die Beziehung der beiden lässt sich dadurch beschreiben, dass Abdel ein Einzelkind ist. In Afrika generell und auch im Tschad haben die Leute eher viele Kinder. Im Film hat Adam nur ein Kind und seine Beziehung zu dem Kind ist möglicherweise auf gewisse Weise Art abnormal, weil es beinahe so ist, als wären die beiden befreundet. Am Anfang sehen wir die Beiden wie sie fast freundschaftlich im Swimmingpool ihre Späße machen. Aber wer sagt denn eigentlich ob sie Freunde sind? Auch hier besteht die Möglichkeit der Eifersucht. Es gibt also zunächst diese Beziehung, die in einem afrikanischen Rahmen komplett abnormal ist. Wenn man Menschen mit nur einem Kind findet, was ohnehin sehr selten ist, dann ist diese Beziehung bereits schon besonders. Ich wollte die Beziehung zwischen Adam und Abdel auf diese Art zeigen, weil sie ab einem bestimmten Punkt zu etwas ganz Anderem verkommt, als einer einfachen Beziehung, die ein Vater mit seinem Sohn, oder ein Sohn mit seinem Vater haben sollte.

Die Tragödie zwischen den beiden beginnt auch als Resultat einer fehlenden Kommunikation. Welche Rolle spielt dieser Aspekt für Sie?

Absolut. Zwischen den Beiden findet kaum Kommunikation statt. Sie erwähnen da etwas sehr Wesentliches für meine Arbeit. Ich denke, dass viele afrikanische Filme momentan nur Karikaturen zeigen, die die Geschichte eines Afrikas porträtieren, in dem alle Leute lachen, sich gegenseitig begrüßen und sagen „Ich ruf dich morgen an“, aber danach meldet sich niemand mehr. Oder jemand sagt Ihnen etwa „Ja, heute Abend gehen wir was essen!“, danach erhalten Sie aber keine weitere Nachricht mehr von der Person.

Diese Sprache ist irreführend, weil sie in erster Linie dazu da ist, um die menschlichen Beziehungen zu besänftigen und zu beruhigen. Das Wesentliche in Afrika bleibt dabei jedoch unausgesprochen, es ist das Ungesagte. Die Leute können nicht Nein sagen. Es gibt sogar ganze Gesellschaften, in denen es unmöglich ist, Nein zu sagen. Dementsprechend ist es das Ungesagte, das den Vater und den Sohn allmählich in diese Tragödie stürzt. Obwohl diese fehlgeschlagene Kommunikation nur einer von mehreren Faktoren ist, verschärft sich dadurch jedoch maßgeblich die Situation.

Im Laufe der letzten Jahren wurden Sie immer mehr zu soetwas wie dem Wortführer des afrikanischen Films. Wie sehen Sie sich selbst in dieser Rolle, insbesondere nach dem Sie während des letzten FESPACO massiv Kritik an der afrikanischen Filmszene geübt haben?

Ich sage immer, dass ich der Erstgeborene in meiner Familie bin. In Afrika ist der Erstgeborene derjenige, der die Dinge richten soll. Als Erstgeborener muss man die kleinen Geschwister auf dem Rücken tragen, für Sie Wasser holen, zum Markt gehen und dem Vater helfen. Das alles muss getan werden ohne Fragen zu stellen. Ich habe mich dazu entschlossen, zu sprechen, weil das FESPACO als Bordell jetzt mittlerweile 42 Jahre andauert und ich mich dafür zu schämen beginne, dass die Leute beim FESPACO für alle Probleme immerzu die gleichen Entschuldigungen anführen, „Ja, aber das ist Afrika, Afrika, Afrika“. Nein, daran liegt es nicht! Ein Tag hat 24 und nicht 25 Stunden. Daher kann auch der Bezug zur Zeit in Afrika kein anderer sein.

Als Beispiel dafür kann ich Ihnen sagen, dass ich noch nie Afrikaner gesehen habe, die einen Flug um zwei Stunden verpassen. Dann kommen Sie plötzlich rechtzeitig. An unsere Arbeit als Filmregisseure wird aber ein gewisser Anspruch gerichtet und ich musste die Missstände beim FESPACO einfach ansprechen weil hätte es jemand anderes getan, hätte man ihn nicht gehört. Ich dachte allerdings schon immer, dass das FESPACO in vieler Hinsicht übertreibt. Es übertreibt in seiner Desorganisation, im mangelnden Respekt gegenüber den Filmemachern, dem mangelnden Respekt gegenüber den Filmliebhabern aber auch im Mangel an Respekt gegenüber dem gesamten Kontinent. Deswegen habe ich mich entschieden, nicht mehr am FESPACO teilzunehmen. Das war mein letztes Festival. Ich möchte kein Bürge mehr für eine solche Farce sein.

Welche Neuausrichtung wünschen Sie sich für das afrikanische Kino? Sie hatten während des FESPACO auch eine Abkehr von der Tradition gefordert, die in Ousmane Sembène den perfekten Helden des afrikanischen Films sieht.

Ich glaube nicht, dass es ein afrikanisches Kino als solches gibt. Es gibt nur verschiedene Filmemacher. Ich würde mir deswegen vor allem mehr Freiheit wünschen, die all diesen Filmemachern erlaubt, so individuell wie möglich zu sein und uns dabei Dinge jenseits aller Folklore zeigt. In Afrika gibt es so viel Folklore, dabei ist die Wahrheit nur hinter den ganzen Traditionen zu finden. Wir müssen damit aufhören, Geschichten zu erzählen, die nur für Gelächter sorgen und dabei nichts als eine Fassade abbilden. Es gibt doch noch etwas hinter dieser Oberfläche. Danach muss gesucht werden wenn ernsthaft über Afrika gesprochen werden soll.

„Hütet Euch davor, Eure Arme in der sterilen Haltung des Zuschauers zu verschränken“ schrieb Aimé Césaire in seinen Notizen von einer Rückkehr, „weil das Leben kein Spektakel ist, weil ein Mann, der schreit ist kein tanzender Bär“. Wie interpretieren Sie in ihrer Arbeit die Aufforderung Césaires, die Sie als Zitat in den Titel Ihres Films übernommen haben?

Ich denke, dass ein Film jenseits der Show betrachtet werden sollte. Für mich ist ein Film vielmehr der Beginn eines Vorschlags, über etwas nachzudenken oder über etwas zu diskutieren. Ein Film endet nicht in dem Moment, an dem der Zuschauer den Kinosaal verlässt. Ich versuche Filme und Bilder zu machen, die in den Menschen weiterleben und die sie nicht mehr vergessen können. Es sollte versucht werden, gegen das Vergessen anzukämpfen, damit die Menschen unsere Filme nicht nach zwei oder drei Tagen vergessen haben, sondern sagen, „Ja da ist dieses Bild, das ich gesehen habe, es dauerte nur fünf Sekunden in einem Film, der eineinhalb Stunden lang war, aber ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken“. Das ist das Gegenteil einer Show. Dabei geht es insbesondere darum, dass man aufmerksamer gegenüber seiner Umgebung werden sollte. Das Leben kann nicht als eine Show von jemandem betrachtet werden, der schreit oder von jemanden, der betteln geht. Es verdient dabei aber mehr Aufmerksamkeit als eine Gleichgültigkeit, durch die wir vor seinen Forderungen fliehen.

Was bedeutet das Zitat von Césaire konkreter für die Handlung der Figuren in „Ein Mann, der schreit“?

Das gesamte Zitat von Aimé Césaire ist für mich ein Aufruf zum Engagement. Sich zu engagieren bedeutet zunächst sensibel dafür zu sein, was um mich herum geschieht. Wenn Sie etwa jemanden sehen, der hingestürzt ist, lässt der menschliche Sinn sie fragen, „ist alles ok? Kann ich Ihnen helfen?“ Begegnet man dieser Situation jedoch mit Gleichgültigkeit ist nicht mehr abzusehen, was danach aus der Situation entsteht. In dem Film ist es die Gleichgültigkeit des Vaters gegenüber dem Sohn und des Sohnes gegenüber dem Vater. Der Sohn sieht nicht, dass der Vater leidet und der Vater sieht nicht, dass sein Sohn bereits ein großer Junge geworden ist. Es ist diese Gleichgültigkeit, die unsere Beziehungen von Tag zu Tag belasten.

Fragen von Moses März

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