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Chika Ezeanya: Afrikanischer Wandel. Technologischer Fortschritt ist keine ausschließliche Domäne des globalen Nordens.

Dieser Text von Chika Ezenaya erschien zuerst in der Südlink-Ausgabe Nr. 171 zum Thema "Agrarkonzerne".

Im globalen Norden kaum wahrgenommen, erlebt Afrika seit einigen Jahren rapide technologische Veränderungen. Der Zugang zu Informationen hat sich deutlich verbessert, und in vielen Ländern entwickeln einheimische Tüftler und Unternehmer Ideen, die den Bedürfnissen der Region entsprechen. Die neue Südlink-Kolumnistin Chika Ezeanya freut sich über den Wandel in Afrika, der auf Wissen beruht, und den Kontinent unabhängiger macht. 

Vom Norden aus betrachtet erscheint Afrika düster. In Europa-Amerika ist der Kontinent noch immer mit dem Wort Krise behaftet. Wer den Äußerungen westlicher Regierungen in Nachrichtenkanälen lauscht, die vom globalen Norden aus kontrolliert werden, kann sich leicht davon überzeugen: Ebola, Boko Haram, Al-Shabab, HIV/Aids, Malaria und die noch immer zahlreichen bewaffneten Konflikte dominieren die Diskurse auf hochrangigen Treffen oder in Publikationen über Afrika. Doch auf dem Kontinent selbst leben Kreativität und Innovation auf. 
Innerhalb Afrikas vollziehen sich in vielen Bereichen weitreichende und tiefgreifende Veränderungen, die AfrikanerInnen selbst gestalten und vorantreiben. Das hat verschiedene Gründe, darunter den Zugang zu Informationen und dem Internet, der sich auf dem Kontinent in den vergangenen Jahren stark verbessert hat. Technologische Innovationen, die in Afrika entstanden sind und auf heimischem Wissen beruhen, haben in einigen Ländern der Region die Gesellschaft verändert. Nur nimmt das im globalen Norden kaum jemand wahr. 

Afrika darf nicht vom Fortschritt des Nordens abhängen
Abhängigkeit erstickt Innovation und Kreativität. Für Afrika ist es entscheidend, auf Grundlage der lokalen Wirklichkeit eigene Unternehmen aufzubauen. Über viele Jahrzehnte hinweg waren die AfrikanerInnen beim technologischen Fortschritt von Europa, Nordamerika oder anderen Regionen abhängig. Als Folge hält heute keine Region in der Welt eine niedrigere Anzahl an Patenten. Auf die Ausbildung hat dies verheerende Auswirkungen. 
Wachstum auf individueller, organisatorischer, institutioneller und nationaler Ebene findet nur statt, wenn ein Bewusstsein für die eigenen Stärken und Schwächen vorhanden ist. Beschleunigtes Wachstum und Entwicklung haben aufgrund der wirtschaftlichen und technologischen Abhängigkeit, die den Kontinent seit der politischen Unabhängigkeit in den 1960er Jahren plagt, einen Bogen um Afrika gemacht.
Doch die Dinge ändern sich. Die Internetnutzung hat in den vergangenen zehn Jahren in Afrika stärker zugenommen als irgendwo sonst auf der Welt. Die Entwicklung auf dem Kontinent hat entgegen den Prognosen vermeintlicher ExpertInnen mehrere „Stufen wirtschaftlichen und technologischen Wachstums“ übersprungen. Diese ExpertInnen konnten es kaum glauben, dass Afrika zwar über die weltweit niedrigste Anzahl von Computern pro Person verfügt, aber 650 Millionen MobilfunknutzerInnen zählt – und somit mehr als Europa oder die USA. 
Dieses Wachstum hat eine Reihe von Technikpionieren hervorgebracht, die Technologie in erster Linie dazu nutzen, zahlreiche der afrikaspezifischen Herausforderungen anzugehen. Und nicht nur das: Viele der in Afrika mit lokalem Wissen gegründeten Start-Ups konnten ihre Erfindungen auch in anderen Weltregionen zum Einsatz bringen. Ein gutes Beispiel ist die Internet-Plattform Ushahidi, die junge Technikpioniere in Kenia entwickelt haben, um die gewalttätigen Übergriffe in ihrem Land im Jahr 2007 zu dokumentieren. Mittlerweile hat die Open-Source-Software von Ushahidi das digital mapping weltweit verändert. AktivistInnen nutzten sie zum Beispiel, um nach dem Erdbeben in Haiti 2010 Überlebende ausfindig zu machen oder um die Folgen der BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im gleichen Jahr zu dokumentieren.
Ebenfalls aus Kenia stammt die Idee für M-Pesa, dem ersten System zur Abwicklung mobiler Bankgeschäfte per Handy. Das M steht für mobil, während Pesa auf Swahili Geld bedeutet. M-Pesa ermöglicht es den Menschen, mit ihrem Handy Banküberweisungen zu tätigen und zu empfangen oder Rechnungen zu bezahlen. In Kenia und in anderen afrikanischen Ländern sind Handys wesentlich verbreiteter als Bankkonten.
Mittlerweile gibt es M-Pesa auch in Indien, Afghanistan, Südafrika, Tansania und (für die afrikanische Diaspora) in den USA. Die Idee des mobile banking per Handy haben weltweit zahlreiche Unternehmen aufgenommen. Aber auch verschiedene Konsumgüter erhalten mittlerweile Einzug in abgelegene Regionen. In Nigeria sind Verkaufsplattformen wie jumia.com, konga.com oder dealdey.com immens erfolgreich und ermöglichen auch der ländlichen Bevölkerung den Zugang zu Waren und Dienstleistungen, die zuvor unerreichbar waren. Auch Bäuerinnen und Bauern vernetzen sich dank der technologischen Möglichkeiten immer mehr. 

Die Lügen aus kolonialen Zeiten werden nicht mehr geglaubt
All diese heimischen Unternehmensgründungen eint ein tiefes Verständnis der Bedürfnisse Afrikas und seiner EinwohnerInnen. Im besten Fall üben sie für junge afrikanische UnternehmerInnen eine Vorbildrolle aus, indem sie zeigen, dass AfrikanerInnen dazu in der Lage sind, erfolgreich eigene Unternehmensideen in Afrika zu entwickeln und umzusetzen.
Wenn Afrika für seine BewohnerInnen bisher ziemlich düster schien, lag das daran, dass ihnen lange Zeit erzählt wurde, Wissen sei eine exklusive Domäne des globalen Nordens. Da nur wenigen AfrikanerInnen der Zugang zu europäischen und amerikanischen Bibliotheken vergönnt war, glaubten viele diese Lüge aus kolonialen Zeiten. Die gute Nachricht ist, dass sich Afrika für viele seiner BewohnerInnen heute immer mehr zu einem Ort des Wachstums wandelt.
Die rasche Verbreitung von Mobiltelefonen hat dazu beigetragen, für Millionen von AfrikanerInnen westliches Know-how zu entmystifizieren. Nachdem sie Zugang zu dem digitalen Angebot des globalen Nordens erhalten hatten, befanden sie es als nicht ausreichend für die eigenen und besonderen Herausforderungen der Region. Die Angst zu scheitern oder lächerlich gemacht zu werden, die der in Abhängigkeit verweilenden Mentalität eingeschrieben ist, ist schrittweise dem Wissen gewichen. Der Wandel, der auf diesem Wissen basiert, ist in vollem Gange. 

Aus dem Englischen von Tobias Lambert.

Chika Ezeanya ist in Nigeria geboren. Sie ist Autorin und Wissenschaftlerin. In den USA hat sie in African Development and Policy Studies promoviert und lehrt zurzeit an der Universität von Ruanda.

Quelle: Das Nord-Süd-Magazin Südlink

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