Koloniale Gespenster in Afrika und Europa - Eine audio-visuelle Spurensuche nach der kolonialen Geschichte und Gegenwart

Ausgehend von Filmausschnitten, Fotos und Audiomaterial führt uns  die Gruppe Remember Resistance durch unterschiedliche Stationen: Filmproduktionen kongolesischer Filmemacher zwischen Kinshasa und Brüssel, koloniale Präsenzen im heutigen Brüssel, eine aktuelle Rede des französischen Staatspräsidenten, der in Dakar seine neo-kolonialen Anforderungen und Prognosen für die globalisierte Zukunft formuliert – und eine mögliche Antwort darauf, die Patrice Lumumba schon mit seiner wichtigen Rede zur Unabhängigkeit 1960 gegeben hat.

Balufu Bapuka-Kanyinda: „Lumumba befindet sich in Belgien!“

Balufu Bakupa Kanyinda war im Januar 2008 Gast bei “Africa Alive“, einem Filmfestival, das alljährlich in Frankfurt / M stattfindet. Es bietet dem Publikum ein breites Begleitprogramm, mit bildender Kunst, Musik und Politik. Das Gespräch mit dem kongolesischen Regisseur, der seinen jüngsten Film hier erstmals in Deutschland zeigte, führte Julien Enoka-Ayemba.

“Für einen Regisseur afrikanischer Herkunft ist es immer ein bisschen wie Guerilla, einen Film zu machen.”

Julien Enoka-Ayemba (J. E.-A.): Unter welchen Bedingungen ist dein Film “Juju Factory” entstanden?
Balufu Bapuka-Kanyinda: Ich muss sagen, „Juju Factory“ war eigentlich gar nicht auf meiner Agenda. Es war nicht mein eigentliches Projekt, sondern ich arbeitete bereits seit mehreren Jahren an einem Projekt zur freien Verfilmung des Romans “Le bel immonde” [der schöne Ekel] von V Y Mudimbé. Dafür hatte ich bereits die Finanzierung, von Gabun, wo ich drehen wollte und sogar die Zusage zu einer Kofinanzierung. Also war ich fünf Monate, von Juni bis November 2003 dort, um mich mit der Umgebung vertraut zu machen und das Projekt vor Ort mit Gabunesen auszuarbeiten.

Während der Vorbereitung – also, ich bin jemand, der beim Arbeiten mit der Materie auf Fühlung gehen muss – hatte ich den Eindruck, die Verbindung komplett zu verlieren: Andere Fragen, andere Überlegungen drängten sich auf, Fragen zur Geschichte, zu meinem Platz in der Welt, “Wo komme ich her?” , zu meiner Verantwortung den Menschen, dem kongolesischen Volk gegenüber, das Teil der afrikanischen Menschheit ist, mit seiner ebenso gewaltigen und großen wie leidvollen Geschichte. Die Kongolesen gehören zu jenem Teil der Menschheit, der nie im Besitz seiner vollen Freiheiten war und niemals ein eigenes Territorium besaß. Seit der Berliner Afrika Konferenz und bis heute leiden sie unter politischer Misshandlung. Während des Arbeitsprozesses kamen also all diese Fragen zurück und sie kreisten permanent um diese eine Frage: “Was ist aus uns geworden?”

So kam es, dass ich das Projekt “Le bel immonde” stoppte und nicht nur nach Paris, sondern nach Brüssel zurückkehrte, wo ich einen Cousin besuchte, der in Matonge lebte. Ich wusste, dass die zu erzählende Geschichte in Brüssel, in Belgien spielen musste. Im Januar 2004 begann ich zu schreiben und im April war ich fertig. Ich ging davon aus, dass es Schwierigkeiten mit der Finanzierung geben würde… also in Bezug auf die Produktionsbedingungen, die uns auferlegt werden – eine Art Unterordnung, bei der die Geldgeber den Typus des Films bestimmen…

Man kann sagen, dass die Entscheidung in Europa zu drehen, bedeutet, das Risiko einzugehen, am Ende überhaupt keine relevante Förderung zu erhalten. Das zwingt uns [Autoren afrikanischer Herkunft] in Afrika zu drehen, mindestens zu 70%. Meiner Meinung nach ist das eine Zensurmaßnahme, die sich auf die Imagination bezieht. Man kann nicht einem ganzen Kontinent sagen: “Wir werden euch unterstützen, aber dreht in eurem Kaff.” Die Geschichten entstehen da, wo sie passieren. Die Entscheidung im Bezug auf den Dreh war also ganz einfach: Es musste gelingen, den Film ohne auswärtige Mittel zu realisieren. Für den gesamten Film habe ich ungefähr 13 % europäische Mittel bekommen und die waren bloß für die Postproduktion. Aber glücklicherweise konnte ich mir eine alternative, eine digitale Produktionsweise vorstellen… mit großartigen Schauspielern. Eine gute Vorbereitung ist die Basis für das Gelingen eines Films. Ich sage das auch oft meinen Studierenden: Die Finanzierung sollte die Produktion eines Filmes nicht ausbremsen!

Was mich anbelangt, bin ich Millionär, allerdings im Kopf. Und wenn dieser Kopf Ideen produzieren kann, kann er mir auch die Mittel zu deren Realisierung besorgen. Ich habe mit einem eigenen kleinen Geldanteil begonnen und wir haben ohne größere Probleme gedreht. Das Catering war prima, die Schauspieler sind aus ganz Europa angereist und der Dreh hat insgesamt sieben Wochen gedauert. Alle haben an das Projekt geglaubt. Im technischen Bereich gab es nur zwei Profis, nämlich Olivier Pulinckx (Kamera und Licht) und mich selbst. Das übrige Team bestand aus acht Jugendlichen, die ich in Brüssel ausgebildet hatte.

Ich habe ihnen gleich zu Beginn erklärt, was ein Dreh auch auf körperlicher Ebene bedeutet, nämlich früh aufstehen und spät zu Bett gehen usw. Auch solche Richtlinien habe ich ihnen vermittelt. Einer dieser Jugendlichen ist nun bereits in seinem dritten Jahr an der Filmschule. Ein anderer, aus Burundi, der zuvor als DJ gearbeitet hat, wollte sich dem Team ebenso anschließen. Ich habe ihm während der Dreharbeiten die Angel anvertraut. Heute arbeitet er als Soundingenieur. Meine Assistentin [Anne Ransquin] ist gerade [Januar 2008] in Chile und zuvor war sie Assistentin bei einem Film, der in Australien gedreht wurde. Ein anderer Jugendlicher, der bei uns die Standfotos machte, konnte dank meiner Hilfe seine Arbeiten anlässlich der Fotobiennale in Bamako zeigen… Darum geht es nicht zuletzt auch, das Wissen weiterzugeben. Die Hauptdrehzeit dauerte vom 14. November 2006 bis zum 22. Dezember 2006. Zusätzliche Aufnahmen machte ich selbst. Mit der Technik kenne ich mich ja auch aus, also kann ich einige Sachen selbst machen, für manches hingegen vertraue ich mich anderen Professionellen an. Die wirklichen Schwierigkeiten begannen bei der Postproduktion, denn man musste am Schnitt arbeiten und gleichzeitig Geld verdienen, um alle möglichen Dienste zu bezahlen.
Aber heute spielt “Juju Factory” seine Schulden ein.

J. E.-A.: Kommen wir nochmals zurück auf die Frage nach der Wahl des Titels “Juju Factory” zu sprechen. Viele Zuschauer werden sich nach der Bedeutung des Titels fragen. Für einige, die wie ich in Westafrika aufgewachsen sind, steht der Begriff „Juju“ für etwas Besonderes, er hat eine magische Komponente, man verbindet damit etwas Heiliges und Geheimnisvolles… Andere können damit nichts anfangen. Welche Idee steckt hinter diesem Titel?

B. B.-K.: Wissen Sie, wenn man “Juju” sagt, kann es in Französisch ja auch wie “Spielzeug” klingen. Aber in Afrika bedeutet „Juju“ Voodoo, Talisman, Magie… – In Wirklichkeit bedeutet es, an sich selbst zu glauben. Es ist ein Glaube, der für viele Dinge nützlich sein kann. „Factory“ hingegen bedeutet Fabrik. Das meint, dass wir fähig sind, unseren eigenen Glauben herzustellen, dass wir [Personen afrikanischer Herkunft] über die Fähigkeit verfügen, eigene Entscheidungen zu fällen. Das heißt, wir können unsere eigenen Reflexionen anstellen und verfügen über Selbstvertrauen. Wir sind somit die Produktionsstätte unseres eigenen Glaubens und stehen aufrecht mitten im Chaos der Geschichte. Das ist es, was der Schriftsteller im Film „Juju Factory“ aufzeigt. Der Film ist also ein Appell, mit Würde aufrecht zu stehen, zwar hungrig einzuschlafen, aber nicht erniedrigt. Ich denke, das ist die Würde, die dazu führen wird, dass die Welt Afrika nicht mehr als einen Kontinent von Untätigen und Bettlern erachtet. Nein! Wir sind fähig, unseren eigenen Glauben zu fabrizieren. Das ist, was ich mit „Juju Factory“ ausdrücken möchte.

J. E.-A.: “Juju Factory” wurde ausschließlich in Brüssel gedreht. Seit der Film herausgekommen ist, hat er vier Hauptpreise verschiedener Festivals gewonnen. Weitere werden sicherlich noch folgen. Manche Festivals allerdings haben es sogar abgelehnt, den Film in ihr Programm aufzunehmen, weil sie ihn als nicht ausreichend „afrikanisch“ erachteten. Was denken Sie über solche Kommentaren oder Ansichten?

B. B.-K.: Was eigentlich ist ein “afrikanischer Film”? Für viele Westler ist das ein Film, der stets bestimmte Bilder widerspiegelt, die sich der Westen von Afrika macht, das heißt Elend, Armut etc. Aber Afrika ist nicht arm. Wer “Juju Factory“ wie einen Bericht mit Klischees und Vorurteilen über Afrika lesen möchte, wird sein Afrika in dem Film nicht finden können. Mir sind diese Etiketten egal. Die wichtigste Frage für mich ist: Funktioniert der Film – oder nicht?

Die Leute, die noch diesem überkommenen Regime und seinen Denkweisen, die Afrikaner/innen herabsetzen, verhaftet sind – diese Leute werden sich mit dem Film nicht wohl fühlen. Sie werden sich darin nicht wieder finden. Wenn solche Leute "Juju Factory" ansehen, werden sie denken, es ginge um Magie. Im Vorspann sehen sie eine Maske und denken: "Oh, das ist die afrikanische Magie." Die Folklore… also Neo-Exotismus. Aber plötzlich verfallen sie dann in eine völlig andere Geschichte, die da ist und sie fesselt. Also – um es zusammenzufassen – sie werden mit ihrer Idee von Afrika in den Film gehen und das Kino mit meiner Idee von Afrika verlassen. Es existiert offenbar noch ein anderes Afrika. Und dieses Afrika ist es, was ich in “Juju Factory“ zeige. Diese Leute – sie können auch weiterhin über ihr Afrika quatschen. Wir aber wollen durch “Juju Factory“ zeigen, dass ein anderes Afrika existiert, das sehr stark ist.

J. E.-A.: “Juju Factory“ scheint mir auch ein sehr persönlicher Film zu sein. Zum einen zeigt er uns dein Brüssel. Es geht um die koloniale Geschichte der Belgier im Kongo und um die historisch geprägten Beziehungen zwischen zwei Staaten, zwischen zwei Territorien: Belgien und Kongo, seine Ex-Kolonie. Der Film ist also voller Geschichten und Geschichte. Aber auch deiner eigenen Geschichte. – Ist es eine Weise, die schwierige und komplexe Geschichte zwischen Kongo und Belgien und die zwischen ehemaligen Kolonisatoren und ehemaligen Kolonisierten zu behandeln? Ist dies die beste Art, die Dämonen der Vergangenheit auszutreiben, die heute noch immer präsent sind?

B. B.-K.: Es gibt noch zahlreiche unbeantwortete Fragen zu unserer Vergangenheit. Wir müssen den Mut haben, diese Vergangenheit zu hinterfragen, denn, wenn wir die Vergangenheit nicht kennen, begehen wir die gleichen Fehler in der Gegenwart. Wenn man die Vergangenheit nicht kennt, ist es unmöglich, die Zukunft zu gestalten. Der Film bedient sich der Figur eines Brüsseler Schriftstellers, der die Geschichte seines Viertels Matongé schreiben will. – Meines Erachtens ist Matonge der einzige Stadtteil in Europa, der offiziell den Namen eines afrikanischen Viertels trägt. Matonge ist ja ein Stadtteil von Kinshasa. Während er also über die größte Bevölkerungsgruppe dieses Viertels schreibt, fragt sich der Schriftsteller, warum all diese Menschen heute hier leben. Warum haben sie ihr Herkunftsland, das reicher, schöner und größer als Belgien ist, verlassen? Es handelt sich um politische Gründe, die aber nicht immer aktuelle Gründe sind.

Wir sprechen heute von Immigration, wenn aber Europäer oder „Weiße“ nach Afrika gehen, spricht man von „Auswanderung“ oder "Ansiedlung". Die Afrikaner hingegen sind Migranten, sobald sie europäischen Boden betreten. Ihre Präsenz hier hat aber historische Gründe. Deswegen geht der Schriftsteller im Film – sein Name ist Kongo Congo –  dieser Geschichte nach, mit dem Ziel, die Verbindungen nachzuzeichnen, die letztlich den Platz, welche diese Menschen in Matonge einnehmen, definieren. Das ist die einzige Möglichkeit, diese Geschichte zu erzählen. Der Film enthält nur wenige Bestandteile von Folklore und Exotik, sondern es geht um den Wunsch, eine Verbindung von Gegenwart und Zukunft herzustellen, um einen zukünftigen Platz frei zu räumen. Es ist die einzige Möglichkeit, die Schmerzen der Vergangenheit zu lindern und die Nebel zu lichten, die Vergangenheit neu zu beleuchten, damit die Menschen nach vorne blicken können – und sich ohne Angst sagen: „Wir haben das Recht, hier zu sein. Wir haben eine Verbindung. Dass wir hier sind, ist kein Zufall.“
Aber es ist ein vielschichtiger Film: Es geht auch um die Liebesgeschichte zwischen dem Schriftsteller und seiner Frau. Um einen Lebensalltag.

Oft sage ich, der Film ist wie eine Busfahrt durch die Stadt. Durch die Fenster sieht man Hausfassaden und Architekturen an sich vorbeiziehen. Sie folgen aufeinander, aber sich gleichen sich nicht zwangsläufig. Es ist eine Reise, die gleichzeitig durch die Vergangenheit und die Gegenwart führt.

Der Film besteht ist aus drei Elementen gebaut: das historische Material, das Dokumentarische und die Fiktion. Wie sonst könnte die Geschichte eines Schriftstellers während eines Schreibprozesses erzählt werden? Sollte man sich auf den Mann selbst oder eher auf das, was er schreibt fokussieren? Es ging also darum, eine narrative Struktur zu finden, die diese Aspekte gleichzeitig tragen konnte und eine Kohärenz ermöglichte im Bezug auf die Narration, die Dramaturgie und die zu transportierenden Bedeutungen.

Wir mussten zusehen, dass dies alles zusammen kommt. Es kann einige Leute verwirren, vor allem jene, die ihr 'Afrika' suchen, aber es handelt sich eigentlich um eine absolut klassische Struktur, an der diese Leute auch ihren Spaß haben könnten. Sie könnten dabei etwas Neues erfahren, zum Beispiel, dass eine von einem Afrikaner geschriebene Geschichte ebenso in New York, Paris oder Berlin spielen kann.
Wir sollten den afrikanischen Kontinent vor allem nicht immer bezüglich seiner dunklen Seiten sehen... Nein! Man kann nicht behaupten, dass jemand irgendwo lebt, ohne historische Bezüge zu seiner Präsenz an diesem Ort herstellen zu können. Das gibt es nicht. Diese Präsenz kann durchaus ökonomische Gründe haben, aber Menschen bewegen sich nicht ohne Grund oder Verbindung von einem Ort zum anderen oder einfach bloß weil sie Hunger haben. Sie entscheiden sich für einen Ort, an dem sie ein Licht vermuten und sagen sich: Ich werde an dieser Tür klopfen, weil bei mir, da gibt es kein Licht." So einfach ist das.

J. E.-A.: Die zwei Hauptfiguren im Film sind sicherlich Patrice Lumumba, der aller erste Ministerpräsident des unabhängigen Kongo und einer der Staatschefs des unabhängigen Kongos, Co-Autor der Ermordung des Ersteren und langjähriger Diktator des Landes, das er Zaire nannte. Es handelt sich um den verstorbenen Präsidenten Mobutu. Von der belgischen Seite kommt der König der Belgier, Leopold II. als ehemaliger “Besitzer” des Kongo hinzu. Als Filmemacher kongolesischer Herkunft und Kenner der Stadt Brüssel transportierst du mit diesem Film eine starke politische Botschaft, die niemandem entgeht.

B. B.-K.: Ja, aber das ist auch die Aufgabe des Kinos. Zumindest ist es eine der Aufgaben des Kinos, eine Katharsis herbeizuführen… Es bedient sich der Unterhaltung und der Propaganda, um die Katharsis zu erreichen. Wir haben weiterhin irdische Fragen. Aber gut, Kino ist vielschichtig. Ich wäre nicht ich, wenn vor mir nicht andere Männer und Frauen existiert hätten. Das ist eine Frage des Seins. Wie kann man existieren, wenn man sich nicht in eine historische Entwicklung einreihen kann, die unser Sein begründet? Meine Kollegen sollen Filme über andere Dinge machen, aber ich habe das Recht, Filme über Themen zu machen, die mich interessieren, die mich am meisten berühren, über die Geschichte meines Volkes, die Geschichte Afrikas.

Ich habe einen Film über den verstorbenen Präsidenten Burkina Fasos, Thomas Sankara, gemacht, einen über den Präsidenten Gabuns, Bongo, sowie einen Film mit dem Titel "Afro@digital". Für diesen Film musste ich zwölf Länder Afrikas bereisen, von Dakar/Senegal bis Robben Island/Südafrika. All das, weil ich mich mit den Fragen der Vergangenheit beschäftige, weil es ohne diese keine Zukunft gibt. Es ist eine Flucht nach vorne, über die Zukunft zu sprechen, ohne die Vergangenheit zu kennen. Es ist sogar Dummheit. Und ich würde sagen, Dummheit ist ein Vergehen. Wenn Du nicht weißt, wer du bist und die Geschichte nicht kennst oder sie nicht in einer kritische Perspektive sehen kannst…

Ich behaupte nicht, dass alles gut ist, die Geschichte hat bereits stattgefunden, wir können sie nicht rückgängig machen, aber wir können sie befragen, um Antworten für die Zukunft zu finden. Wer die Geschichte nicht kennt, wiederholt dieselben Fehler der Vergangenheit. Du denkst, du erfindest etwas, bist der erste, der etwas tut. Aber in Wirklichkeit wurde alles bereits versucht. Aus diesem Gedanken heraus existieren in Europa viele Archive, um eine Kontinuität in der Geschichte zu bewahren. Wenn einem Menschen Verantwortung übertragen wird, besteht seine erste Aufgabe darin, herauszufinden, was sein Vorgänger getan hat.

Aber in unseren Ländern gibt es Systeme oder Gebräuche, alles zu vernichten, was andere vor uns gemacht haben. Das ist der Grund, warum wir Filme machen. Wir wollen den Menschen Momente der Erinnerung zurückgeben. Selbst wenn man zum Beispiel in einem Unterhaltungsfilm eine Stadt aufnimmt, dann bewahrt man die Erinnerung an diese Stadt. Die nachfolgenden Generationen haben später ein Bild von dieser Stadt. Filmen ist also eine Art der Erinnerungsarbeit. Das Hauptproblem vieler Afrikaner ist, dass sie in einem Erinnerungsloch leben und sich ihrer selbst schämen. Dadurch dass man über sie sagt, dass sie etwas nicht zu tun fähig seien oder etwas nicht erfunden hätten, wird ihr Minderwertigkeitskomplex noch gesteigert.

Der Grund dafür ist, dass sie nicht wissen, dass es viele großartige Dinge in ihrer Vergangenheit gab. So kann es geschehen, dass das Opfer zum Schuldigen wird. Die ehemaligen Kolonisatoren werden wieder zu Lehrern, weil sie Geschenke anbieten etc. All das, weil wir unsere Geschichte nicht kennen oder uns nicht genug dafür interessieren. Und das bremst unsere Zukunft aus. Ohne Geschichte, sprich Geschichte als Ganzes, keine Zukunft. Nehmen wir zum Beispiel die Schule als Institution. Wie ist die Schule nach Afrika gekommen? Die Geschichte des Sports… Wie können wir Spitzensportler haben, ohne die Vergangenheit zu befragen?
Ein Rückblick auf die Vergangenheit kann uns in die Lage versetzen, Reflexionen in Richtung Zukunft anzustellen. Und die Geschichte endet nicht bei der Politik. Die Geschichte der Politik ist nur ein geringer Teil der Gesellschaft. Um auf den Kongo zurückzukommen, seine Geschichte beispielsweise beschränkt sich nicht auf Lumumba, Mobutu oder Leopold II. Wir müssen die Menschen auch mit ihrer Eigenverantwortlichkeit konfrontieren. Was stellen wir mit uns selbst an? Das ist es, was mich interessiert.

J. E.-A.: Das Besondere an dem Film scheint mir, dass er einen post mortem-Dialog zwischen all diesen historischen Akteure entwirft, die sich dabei allerdings nicht physisch begegnen. Nehmen wir das Beispiel Lumumba: Welche Rolle spielt er in der politischen Geschichte des heutigen Kongo?

B. B.-K.: Um Lumumba historisch zu perspektivieren, muss man ihn erst kennen... Lumumba stellt ein großes Problem dar. Er hat kein Grab. Und wenn ein Mensch kein Grab hat, wohnt er unter den Lebenden und stört ihren Schlaf. Er ist Teil des kongolesischen Chaos. Meiner Tradition und Kultur als Bantou gemäß befinde ich mich in einer schwierigen Lage gegenüber meinen Vorfahren und unserem Verständnis von der Welt. Wer bin ich, wenn ich Meinesgleichen nicht beerdigen kann? Wenn ich das nicht kann, hänge ich in der Luft. Diesen Aspekt wollte ich betonen, wir haben eine Leiche, die herum irrt, die ihren Platz nicht findet.

J. E.-A.: Eine Leiche, die ihren Platz weder im Kongo noch in Belgien, in Brüssel finden kann...

B. B.-K.: Genau. Ein Belgier zeigt uns zwei Zähne eines Toten. Er besitzt also einen Teil dieses Körpers, des Körpers von Lumumba, der umher irrt, in diesem Fall. So einfach ist das. Nur einen Teil eines Körpers zu begraben, ist schon möglich. Dieser Belgier zeigt Überreste von Lumumba und sagt: “Dies ist alles, was von Lumumba übrig geblieben ist.” und er spricht mit ihm. Das zeigt und beweist, dass Lumumba sich auch in Belgien befindet.

Philosophisch betrachtet lässt sich sagen: Lumumba befindet sich in Belgien. Oder: Er irrt umher. Er wurde als Kriegstrophäe nach Belgien gebracht, umgebracht, genau so wie es die Nazis mit den Juden gemacht haben. Er wurde getötet, geköpft und verbrannt. Diese Handlungen muss man verstehen, um sie historisch besser einordnen zu können. Man wollte die Erinnerung eines Volkes auslöschen. Man wollte ihm kein Grab gestatten, damit die Menschen dieses nicht aufsuchen können, damit Lumumba nicht noch mehr Anhänger gewinnt. Man hat sich gesagt: “Diese armen Schwarzen haben keine Erinnerung, sie vergessen schnell!” Sie haben das offen gesagt: “Ach Lumumba, sie werden ihn schnell vergessen. Wenn man einen Schwarzen auf die rechte Wange schlägt, hält er die linke Wange hin. Das hat er aus der Bibel gelernt.” Und sie schienen sich ihrer selbst dabei sehr sicher.

Gegen dieses Vergessen tritt mein Film an. Er besteht nicht nur aus Bildern, sondern auch aus dem, was sich hinter diesen Bildern verbirgt. Das wird das Publikum spüren. Es gibt Fragen, die ich nicht gestellt habe. Das Publikum fühlt sie und stellt sie sich selbst. Es gibt einen Dialog zwischen dem Gesehenen und dem Betrachter, insofern als sich dem Zuschauer am Ende neue Fragen eröffnen. Deshalb vergessen wir den Film nicht. Die Leute haben Lust, den Film noch einmal zu sehen, weil er Fragen über Afrika stellt, die das Publikum nicht gewöhnt ist zu hören. Einfach weil wir manchmal schnell gehen wollen und kürzere Wege bevorzugen… Aber letztlich…

J. E.-A.: Man stellt Sie oft als einen engagierten Filmemacher vor. Und diese Beschreibung bestätigt sich gewissermaßen auch durch dieses Interview. Was ist das Thema Ihres nächsten Filmes?

B. B.-K.: Wenn man von engagierten Filmemachern spricht, impliziert dies, dass andere Filmemacher passive Sklaven oder unverantwortlich wären. – Nein. Ich messe mich mit niemandem. Ich habe “Juju Factory“ gemacht, aber morgen könne ich eine Liebesgeschichte drehen. Ich musste ““Juju Factory““ machen, weil diese Geschichte mich berührt hat, ich wollte sie unbedingt erzählen. Ich möchte zur Weiterentwicklung des Verständnisses der Geschichte Afrikas im Kino beitragen. Es ist ganz einfach.

Mir ist das sehr wichtig. In diesem Sinne bin froh darüber, engagiert zu sein, weil es bedeutet, dass ich Verantwortung für mich, mein Land und seine Geschichte übernehme. In meinem nächsten Film werde ich eine andere Geschichte erzählen. “Juju Factory“ ist aus einer Geschichte entstanden… Und jetzt bin ich dabei, eine andere Geschichte zu schreiben. Eine Geschichte. Wir werden sehen. Das Wichtigste an einer Geschichte ist, dass sie ihr Publikum findet, dass sie den Menschen Vergnügen bereitet, dass man ihretwegen plötzlich lacht, nachzudenken beginnt und Afrika anders wahrnehmen kann. Das ist alles. Das sind Geschichten, die mich interessieren. Es reicht nicht, einen Film zu machen, nur um einen Film zu machen, oder um bei einem Festival dabei zu sein. Stattdessen lehre ich lieber. Meine nächste Geschichte handelt von Männern und Frauen, von der Liebe, aber in einem afrikanischen Kontext.
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“Juju Factory“ gewann den ersten Preis beim Festival Écrans Noirs in Yaoundé im Mai 2008.

Dank an Natascha Gikas vom Deutschen Filminstitut-DIF e.v.und an das Festival “Africa Alive“.

Balufu Bakupa-Kanyinda wurde am 30. Oktober 1957 in Kinshasa geboren. Nach seinem Studium der Soziologie, der Geschichte und der Philosophie in Brüssel ging er zum Filmstudium nach Frankreich, England und in die Vereinigten Staaten. Als Schriftsteller und Poet hat er zahlreiche Texte über das afrikanische Kino vorgelegt. 2006/2007 lehrte er in Accra (Ghana), wo die New York University einen Campus eröffnet hat.

Mehr Informationen über den Film “Juju Factory“ finden Sie unter: http://www.jujufactory.com/

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