Nigeria: Ökozid im Nigerdelta - Flucht und Migration als Folge westlicher Rohstoffpolitik - Dialogforum mit Peter Donatus

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Mit beeindruckenden, aber auch bedrückenden Bildern verdeutlicht der Umwelt- und Menschenrechtsaktivist Peter Donatus die wahren Gründe für die Massenflucht insbesondere junger Menschen aus dem Niger-Delta in die nigerianischen Großstädte oder ins Ausland: das seit 1958 andauernde Ökodesaster und die Vernichtung von Lebensgrundlagen in dieser Region. Die in Europa verwendete abschätzige Benennung ‚Wirtschaftsflüchtling‘ ist die Konsequenz der menschen- bzw. umweltverachtenden Geschäftspraktiken der lobbymächtigen Multis in den Ländern des Globalen Südens.

Peter Donatus, selbst einst aus der Region geflüchtet, wirft den Ölmultis in Nigeria einen Ökozid vor, der, wenngleich völkerrechtlich momentan noch nicht anerkannt, ganz klar als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bezeichnen ist. 

„Der Klimawandel und Ökozid sind für mich die größten und wichtigsten Fluchtursachen weltweit. Es ist unzutreffend, hier von Wirtschaftsflüchtlingen zu sprechen. Der Begriff an sich ist ein Unwort. Diese Ablenkungstaktik ist eine Diffamierung der Menschen, die fliehen mussten, weil z.B. ihre Lebensgrundlagen und ihre Umwelt überwiegend durch europäische Multis zerstört wurden“, so Peter Donatus. 

Peter Donatus

Peter Donatus ist nigerianischer freier Journalist, Menschenrechtsaktivist und als Umweltaktivist langjähriger Kritiker des Shell-Konzerns. Er selbst ist vor 26 Jahren nach mehrmonatiger Incommunicado-Haft aus Nigeria geflüchtet. Seither lebt er in Deutschland. 

Hintergrund

Am 10. November 1995 ließ das damalige Militärregime Nigerias den prominenten nigerianischen Schriftsteller, Menschenrechtler, Träger des Alternativnobelpreises und Kritiker des Shell-Konzerns Ken Saro-Wiwa und acht seiner Mitstreiter_innen erhängen. Die Hinrichtungen lösten eine Welle internationaler Proteste aus. Saro-Wiwa gehörte den Ogoni im Niger-Delta an, das friedlich gegen die jahrzehntelange Zerstörung ihrer Umwelt und Lebensgrundlagen durch die rücksichtlose Ölförderung der Ölmultis wie des Shell-Konzerns kämpft. 

Fast 20 Jahre nach der Hinrichtung von Ken Saro-Wiwa und acht anderen Umweltaktivist_innen dauert das Ökodesaster im Niger-Delta von Nigeria an. Die Verwüstung der Umwelt und die Vernichtung von Lebensgrundlagen im Niger-Delta durch Ölmultis sowie die soziale Marginalisierung setzen sich fast ungehindert fort. 

Mit mehr als 170 Mio. Einwohner_innen ist Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas und der sechstgrößte Erdölexporteur der Welt: Fast 90 % der Staatseinnahmen stammen aus dem Verkauf von Erdöl und Erdgas. Trotz dieses Reichtums leben fast zwei Drittel der Bevölkerung in absoluter Armut, während wenige korrupte Eliten die Staatskassen plündern, nach dem Motto: „Wer am Zoll sitzt, ohne reich zu werden, ist ein Dummkopf.“

Umweltexpert_innen schätzen die Zahl der Ölunfälle im Niger-Delta in den letzten 50 Jahren auf mehr als 7.000. Mehrere Milliarden Liter Rohöl sind bereits ausgelaufen. Die Erdölproduktion hat das einstige Naturparadies Nigerias in eine Hölle auf Erden verwandelt. Mehr als 300 Öllecks werden täglich gemeldet. In vielen Gebieten ist das Grundwasser so massiv verseucht, dass die konventionelle Wasserversorgung nicht mehr gewährleistet werden kann. Im Jahr 2011 stellte die WHO eine Konzentration von C02 und Benzol im Grundwasser fest, die mehr als das 900-fache der international erlaubten Grenzwerte, und das 1.000-fache der nigerianischen Grenzwert-Bestimmungen betrug. 

Mehr als 400 Millionen Tonnen CO2 werden jährlich durch das offene Abfackeln von Gas in die Atmosphäre freigesetzt, während die globale Erderwärmung den Menschen weltweit existentielle Sorgen bereitet. Auch ist Luftverschmutzung eine der Hauptursachen für Krebserkrankungen bzw. Krebstodesfälle weltweit. Im Niger-Delta leben die meisten Armen Nigerias. Die Lebenserwartung der ca. 20 Mio. Einwohner_innen des Deltas von Niger ist deutlich niedriger als die durchschnittliche Lebenserwartung des Landes Nigeria (52 Jahre). 

Laut UNO wird es mindestens 30 Jahre dauern, die bereits entstandenen Umweltschäden zu beseitigen. Doch jährlich verseuchen weiterhin rund 13 Millionen Barrel Erdöl das Delta vom Niger – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt und wird simultan ins Deutsche übersetzt.

Das Dialogforum findet im Rahmen des Projekts „Warum wir hier sind!? Afrikanische Perspektiven auf Flucht und Migration“ statt, das AfricAvenir International e.V. 2015/16 durchführt.

Mehr zum Thema:

Artikel über Peter Donatus und seine Arbeit im Greenpeace Magazin. 

In Kooperation mit dem Betahaus und mit freundlicher Unterstützung der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit (LEZ) und Engagement Global

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