Zwischen verstecktem Kolonialkrieg und den Wahlen im Jahr 2011: Verschränkte Geschichten zwischen Kamerun, Frankreich und Deutschland

Am 26. Juni 2011 um 18 Uhr diskutieren Manuel Domergue (Journalist, Frankreich), Armel Fallo (Aktivist, Frankreich-Kamerun) und Dr. Pierrette Herzberger-Fofana (Autorin, Erlangen) im Afrikahaus über die kamerunisch-deutsche Kolonialgeschichte, den versteckten französischen Kolonialkrieg im Land (1955-1971) und die im Herbst 2011 anstehenden Wahlen in Kamerun. Brigitta Kuster (Künstlerin, Theoretikerin, Berlin) zeigt eine Dokumentation der Kamerun-Berichterstattung in der deutschsprachigen Presse auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs.

Alle diese Zugänge setzen sich mit einer je spezifischen Form der verhinderten Erinnerung auseinander: Einer breiteren deutschen Öffentlichkeit ist häufig unbekannt, dass Kamerun zwischen 1884 und 1916 von Deutschland kolonisiert war. Während Dr. Herzberger-Fofana diese Geschichte kontextualisiert und über 125 Jahre nach der Berliner Afrika-Konferenz eine „fast vergessene Geschichte“ beschreibt, befasst sich Brigitta Kusters Dokumentation mit der deutschsprachigen Berichterstattung über die antikoloniale Bewegung (UPC) in Kamerun im Kontext des kalten Kriegs.

Im benachbarten Frankreich, das als Mandatsmacht die Kolonialmacht Deutschland ablöste, wird parallel dazu der blutige Krieg verschwiegen, in dessen Rahmen das neokoloniale Regime Ahmadou Ahidjos nach der Unabhängigkeit des Landes 1960 die Amtsgeschäfte übernahm. Dabei liegen der Unterdrückung der nationalistischen Bewegung rund um die UPC (Union des Populations du Cameroun) Strukturen zugrunde, die bis heute politische Repression und soziale Misere in Kamerun mitbedingen..

Die ReferentInnen der Veranstaltung stellen ihre Arbeiten zum versteckten Kolonialkrieg vor, diskutieren Thesen zu den voraussichtlich im Oktober 2011 in Kamerun stattfindenden Wahlen und verorten die konfliktreiche Situation sowie die verschränkten Geschichten in der europäischen Kolonial- und Migrationspolitik seit der Berliner Afrika-Konferenz.

Buchvorstellung
Im Januar 2011 erschien in Paris Kamerun! Une guerre cachée aux origines de la Françafrique (1948-1971), (Kamerun! Ein versteckter Krieg als Ausgangspunkt der Françafrique (1948- 1971).

Das viel diskutierte Buch des franko-kamerunischen Autorenteams Thomas Deltombe, Manuel Domergue und Jacob Tatsitsa analysiert den Krieg, den Frankreich und seine kamerunischen Alliierten führten, um die nationale Befreiungsbewegung in Kamerun zu zerschlagen, die der offiziellen Unabhängigkeitserklärung 1960 vorausging und folgte. Mehr als 50 Jahre später sind zentrale Zusammenhänge dieses Kriegs weiterhin unzureichend bekannt. Das Bild der friedlichen Entkolonisierung besteht fort und die anhaltenden Fortwirkungen der französischen Afrika-Politik in dem seither von zwei Diktaturen regierten Land bleiben im Verborgenen.

Als Referent stellt der Ko-Autor Manuel Domergue das auf umfangreichen Archivrecherchen sowie Interviews basierende Buch vor (http://www.kamerun-lesite.com/).

Memorandum: Wahlen in Kamerun
Im Oktober 2011 sind in Kamerun Wahlen angekündigt, doch nur wenige Kameruner haben die Hoffnung, dass diese das seit 1982 bestehende Regime Paul Biyas beenden werden. Dieser erwirkte durch eine Änderung der Verfassung, nach 28-jähriger Amtszeit, erneut für das Präsidentenamt kandidieren zu können. Die Aussicht auf einen Übergang zu einer demokratischen Regierung bleibt mehr als fraglich.

Der in Lille (Frankreich) lebende Aktivist Armel Fallo stellt ein in Zusammenarbeit mit der neokolonialismuskritischen Organisation Survie verfasstes Memorandum vor, das die Wahlen historisch einordnet, ihre Vorgeschichte erläutert und die Rolle beleuchtet, die Frankreich ökonomisch und politisch für die Stabilisierung der Regierung Paul Biyas gespielt hat.

Kamerunisch-deutsche Kolonial- und Migrationsgeschichte
Die im französischen unübliche Schreibweise „Kamerun“ im Titel des Buchs ist nicht zufällig: Kamerun war bis 1916 eine deutsche Kolonie, Spuren im Stadtbild wie die „Kameruner Straße“ in Berlin Wedding zeugen von dieser Zeit. Frankreich führte einen Kolonialkrieg in einem Völkerbunds - später UNO - Mandatsgebiet. Die kamerunische nationale Befreiungsbewegung eignete sich damals die deutsche Schreibweise des Namens als widerständigen Akt gegen die französische Okkupation an, ohne die Geschichte der Kolonisierung durch Deutschland zu beschönigen. Deutschland war also als Kolonialmacht in die Geschichte Kameruns involviert, ein Tatbestand, der in Deutschland selbst weiterhin kaum bekannt ist.

Dr. Pierrette Herzberger-Fofana, Autorin des kürzlich erschienenen Buchs Berlin 125 Jahre danach. Eine fast vergessene deutsch-afrikanische Geschichte, Stadträtin Grüne Liste Erlangen, wird die deutsch-kamerunische Kolonialgeschichte kontextualisieren.

Brigitta Kusters Dokumentation arbeitet heraus, wie stark die Berichterstattung über die nationalistische Partei UPC in der deutschsprachigen Presse durch den Kontext des kalten Kriegs beeinflusst war.

Sonntag, 26. Juni 2011
18:00 Uhr
Afrikahaus e.V.
Bochumer Straße 25
10555 Berlin (U-Bahnhof Turmstrasse)


Eine Veranstaltung von AfricAvenir International e.V. und dem Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung, finanziert aus Mitteln der Stiftung deutsche Klassenlotterie Berlin

Konzeption:
Lotte Arndt und Julien Enoka Ayemba

In Kooperation mit
Afrika Haus Berlin

Mit finanzieller Unterstützung durch:
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Pressekontakt:              
AfricAvenir International e.V.
Judith Strohm                
Telefon: 0162-9718519        
j.strohm(at)africavenir.org
www.africavenir.org

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