Koloniale Gespenster in Afrika und Europa - Eine audio-visuelle Spurensuche nach der kolonialen Geschichte und Gegenwart

Ausgehend von Filmausschnitten, Fotos und Audiomaterial führt uns  die Gruppe Remember Resistance durch unterschiedliche Stationen: Filmproduktionen kongolesischer Filmemacher zwischen Kinshasa und Brüssel, koloniale Präsenzen im heutigen Brüssel, eine aktuelle Rede des französischen Staatspräsidenten, der in Dakar seine neo-kolonialen Anforderungen und Prognosen für die globalisierte Zukunft formuliert – und eine mögliche Antwort darauf, die Patrice Lumumba schon mit seiner wichtigen Rede zur Unabhängigkeit 1960 gegeben hat.

Der lange Schatten der kolonialen Fortschreibung. Oder: Die Neu-Erfindung Leopolds II. – um das Gespenst Lumumbas zu bannen? Von Sonja Hohenbild

Das Monument, das auf der obigen Fotografie den Schatten wirft, wurde 1931 von "Ostende à son Génie Protécteur Lèopold II" errichtet. Es ist Teil dessen, was ich als Neu-Erfindung König Leopolds II. bezeichne. Die Zuschreibung, die in ihn  zu einer Gründerfigur der belgischen Nation stilisiert, die er sicher auch gewesen ist, aber unter Ausblendung der Verbrechen, die auf Kosten der kongolesischen Bevölkerung in seinem Namen verübt wurden. Die Symbolwirkung Leopold II. als bâtisseur der belgischen Nation manifestiert sich in einer bis heute anhaltenden Kette immer weiterer Monumentalstatuen, anhand derer sich dessen blutige Herrschaft über den Kongo vergegenwärtigen lässt.

Es könnte sich hier eine  Stein-gewordenen Geschichtsschreibung entziffern lassen, die sich zusammen mit Leopold II.-Tunneln, -Boulevards, -Plätzen und -Tramhaltestellen wie ein affirmatives Netz über Belgien spannt. Ist es eine nationalistisches Projekt den widerständigen Geist Lumumbas zu bannen? Ein Geist, der darauf drängt, seine Geschichte, die wiederum paradigmatisch für die Verwicklung des afrikanischen Kontinents mit Europa steht, aus dem langen Schatten einer 'Monument-Geschichtsschreibung' des 'Nordens' heraus zu lösen. Damit möchte ich eine Geschichtsauffassung beschreiben, die auch als Geschichte mit grossem ‚G’ bezeichnet wird, die der "Gewinner", die dann auch die Mittel und die Geste haben ihre Macht durch Monumente zu manifestieren und zu stabilisieren. Es ist in diesem speziefischen Fall genau die Politik und Geschichtsauffassung, die Patrice Lumumba sogar ein einfaches Grab verweigert nur um auf der anderen Seite das Erbe seiner Mörder umso unbefleckter und glorieuser darstellen zu können. Es gibt in Belgien keine Lumumba Strasse, genauso wenig wie in Deutschland auch nur einen  Maharero Weg. Dafür ist aber auch der Urenkel Leopolds des  II., Roi Baudouin, der direkte Mitverantwortliche für Lumumbas Tod überall geehrt

Die Fotografien sind eine Auswahl aus über siebzig Aufnahmen, die ich auf einer Recherchereise in Belgien gemacht und mit gefundenen Bildern kombiniert habe.
Sie sind ein Versuch aus einer subjektiven Perspektive heraus eine Lesart der mich erschlagenden Architektur und Statuen, der Penetration der immergleichen Namen zu finden und sei es um der damit einhergehenden Wut Luft zu verschaffen und in der Verweigerung der klassischen Abbildung oder Weglassung von Herrschaftsarchitektur einen Weg des Umgangs damit zu finden.

Es ist bezeichnend, dass dieses Monument auf einem privaten Grundstück, einer „domaine privée“, steht. Das heißt, wenn man nicht hochklettert und über den Zaun steigt, kann man diese Interpretation Leopolds II. nur aus der Froschperspektive fotografieren.

Solche Statuen sind Interpretationen einer Reihe von Kopien ohne Original. Sie stehen in Brüssel, Kinshasa, Oostende, Mons, Gent und Tervuren...
 
Das Original? – Leopold II. war von 1865-1909 König von Belgien und von 1885-1908 Alleinbesitzer des so genannten Kongo Freistaats. Von 1908-1909 war er als Oberhaupt von Belgien auch König des achtzig mal größeren Kongogebiets, der Kolonie "Congo Belge". Leopold II. war durch die nach und nach auch im 'Norden' bekannt gewordenen "Kongogräuel" dazu gezwungen worden, seinen Privatbesitz Kongo 1908 an den belgischen Staat zu verkaufen. Bis zum 30. Juni 1960 blieb das Gebiet belgische Kolonie.

Aber auch noch 1997 gibt es Versuche, die Geschichte mit einer positiven Bewertung der Kolonisation und Herrschaft Leopolds des II. über den Kongo weiterzuschreiben:

"The Congo, I Presume" von Tom Frantzen, 1997

Re-Invention zum hundertsten Jubiläum der Weltausstellung, bei deren "Völkerschau" Kongoles_innen, die, um dem europäischen Bild vom „Anderen“, also einer bestimmten Imagination des „Exotischen“ zu entsprechen, kaum bekleidet ausgestellt wurden, in Folge der Kälte_ gestorben sind.

Heute werden der Park und das Museum gerne als Kulisse für Hochzeitfotos genutzt. Unterirdisch und überirdisch bestimmt Leopold II. Das Stadtbild von Brüssel. Der Tunnel Leopold II. liegt unter dem Boulevard Leopold II., auf dem sich auch das nach ihm benannte Callcenter, Internet-Café und MoneyGram befinden.

Unterirdisch und überirdisch bestimmt Leopold II. Das Stadtbild von Brüssel. Der Tunnel Leopold II. liegt unter dem Boulevard Leopold II., auf dem sich auch das nach ihm benannte Callcenter, Internet-Café und MoneyGram befinden.

Kann man ein Geschichtsbild, wie es sich in solchen Brüsseler Stadtlandschaften abbildet, sowie  den gesellschaftlichen Umgang damit durch die Kontinuität eines Königshauses erklären? – in einem Land, in dem etwa eine sich als kritisch verstehende Ausstellung über die belgische Kolonialzeit im Kongo in Tervuren durch den König persönlich eröffnet wird? – Ich denke nicht. Vielmehr meine ich, dass sich das Verhältnis zur kolonialen Vergangenheit, wie es sich hier am Umgang mit der Figur Leopold II. ablesen lässt, in eine Reihe mit anderen europäische Staaten stellen lässt, welche noch heute ihren Einfluss in den Ex-Kolonien geltend machen und wie damals ökonomische Interessen unter dem Deckmäntelchen von Fortschritt und „humanitärer“ Hilfe  verbergen. Einen Unterschied zu anderen (Kolonial)Metropolen sehe ich vor allem in der unglaublichen Repräsentanz und Mainstreamisierung Leopold II., dessen Name sogar die Verkehrsadern der Stadt tragen und dessen Bildnis immer wieder in einer Weise neu erfunden wird, die ebenso immer wieder über die Geschichte der Millionen von Toten im Kongo hinweg sieht – ganz zu schweigen von einer Perspektive auf die heutigen Folgen der kolonialen Politiken.

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