Koloniale Gespenster in Afrika und Europa - Eine audio-visuelle Spurensuche nach der kolonialen Geschichte und Gegenwart

Ausgehend von Filmausschnitten, Fotos und Audiomaterial führt uns  die Gruppe Remember Resistance durch unterschiedliche Stationen: Filmproduktionen kongolesischer Filmemacher zwischen Kinshasa und Brüssel, koloniale Präsenzen im heutigen Brüssel, eine aktuelle Rede des französischen Staatspräsidenten, der in Dakar seine neo-kolonialen Anforderungen und Prognosen für die globalisierte Zukunft formuliert – und eine mögliche Antwort darauf, die Patrice Lumumba schon mit seiner wichtigen Rede zur Unabhängigkeit 1960 gegeben hat.

L'avenir est un long passé. Oder: Le problème de l'Europe. Dakar 2007/Kinshasa 1960. Von Brigitta Kuster

26. Juli 2007 & 30 Juni 1960: Beim folgenden Beitrag geht es um eine intertextuelles Experiment und um den Versuch, einen Toten zu erwecken, damit er spricht, eine Antwort gibt auf den Ausdruck eines gegenwärtigen sozialen Verhältnisses: Patrice Lumumba antwortet mit seiner Rede vom 20. Juni 1960 auf Nicolas Sarkozy am 26. Juli 2007.

Heimsuchung beschreibt etwas, was nicht hier zu sein scheint, aber als brodelndes Etwas auf Realitäten einwirkt. Ein Gespenst, ein 'revenant' (revenir=wieder kommen), ein 'génie' (Geist) ist dabei das Zeichen dafür, dass eine Heimsuchung stattfindet. Ein Gespenst ist keine tote oder vermisste Person, sondern eine soziale Figur. Sie operiert an jenem Durchgangsort, an dem Geschichte und Subjektivität soziales Leben produzieren.

"Tot hat Lumumba aufgehört, Person zu sein, um Afrika zu werden..."
(Jean-Paul Sartre in "La pensée politique de Patrice Lumumba, Paris 1964)

Die folgende Geisterbeschwörung soll den Akzent auf die Bedeutung von Geschichte legen. Es geht um Geschichtskonstruktionen und auf die Verhandlung dessen, was der Nachhall und die gegenwärtige Bedeutung von Kolonialgeschichte bzw. von De-Kolonisierung sind bzw. versprechen und abfordern.

Ausgangspunkt stellt die Rede des aktuellen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy an die Jugend Afrikas dar, die er am 26. Juli 2007 an der – nach dem Historiker Cheikh Anta Diop benannten – Universität von Dakar gehalten hat.

Eine knappe Zusammenfassung dessen, was Sarkozy in seiner Rede, die zahlreiche Themen aufgreift, zum Motiv der Historizität anschneidet: Mit der Feststellung einer geschichtlich motivierten Bande der Freundschaft zwischen dem Senegal und Frankreich beginnend, äußert Sarkozy die Absicht, die Vergangenheit nicht tilgen zu wollen, da sich die Vergangenheit nicht auslöschen lasse. Er betont, dass er die kolonialen Verbrechen nicht zu leugnen gekommen sei, denn es habe sie gegeben. – Die Gegenwärtigkeit der Lehren, die Frankreich aus dieser seiner Geschichte gezogen habe – oder anders formuliert: das, was man als Sarkozysche Interpretation einer postkolonialen Kondition verstehen kann – wird in zweierlei Hinsicht artikuliert: 1. Frankreich gebärdet sich nicht mehr paternalistisch, nicht mehr bevormundend – d.h. Frankreich äußert etwa kein Erbarmen gegenüber dem, was Sarkozy als das Drama Afrikas identifiziert: Armut, Elend, Kriege etc. 2. Frankreich fällt keine Entscheidungen mehr für Afrika.

Aus welchem Bezug auf Geschichte leitet Sarkozy jedoch diese Konstruktion von Unabhängigkeit oder Post-Unabhängigkeit ab? Zunächst identifiziert er ein Leiden an und in der Geschichte der kolonialen Verbrechen und Gewalttätigkeiten, um es mit einem universellen Leiden zu identifizieren: "... Dieses Leiden des schwarzen Mannes ist das Leiden jedes Menschen. Diese offene Wunde in der Seele des schwarzen Mannes ist eine offene Wunde in der Seele jedes Menschen." Das Leiden ist somit Sarkozys Auffassung nach existentiell, also ahistorisch oder vielmehr trans-historisch. Denkt man diesen Gedanken konsequent zu Ende, so leuchtet ein, warum im Weiteren seiner Rede weder der Antikolonialismus, noch die Dekolonisierung, noch die Geschichte von Nationalstaaten nach den Unabhängigkeiten oder der Neokolonialismus als mit eben dieser Kolonialgeschichte verbunden befragt werden. All dies findet in Sarkozys Rede keinerlei Erwähnung. Seine Konstruktion der Historizität der Gegenwart schließt ganz unmittelbar an den Kolonialismus und seine Gräuel an. Es gibt nichts dazwischen, es gibt nichts anderes. Nach dem Kolonialismus folgt das Jetzt. – "Jugend von Afrika, ich bin nicht gekommen, um zu Ihnen über Reue zu sprechen. Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, dass ich die Sklaverei für ein Verbrechen gegen die Menschheit halte. Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, dass Ihre klaffende Wunde und Ihre Leiden die unseren sind und somit auch die meinen. Ich bin gekommen, um Ihnen vorzuschlagen, gemeinsam, Afrikaner und Franzosen, über diese klaffende Wunde hinaus und über das Leiden hinweg zu blicken."

Gegenwart heißt für Sarkozy folglich, über den Kolonialismus hinauszugehen indem über ihn hinweggesehen wird. Denn gleichzeitig gilt: Für die Gegenwart trägt die Kolonisation keine Verantwor-tung. Auf diese Weise erklärt sich, in welcher Weise – und das ist das Entscheidende – aus Sarkozys Redeäußerungen, die einer anderen Zeit, nämlich der des 19. Jh. entlehnt sind, Gegenwart wird.

Die Begrifflichkeiten der Sarkozyschen Geschichtskonstruktion über Afrika sind eine ganz direkte und permanente Paraphrasiererei des deutschen Idealisten Hegel. "Denn es [Afrika] ist kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen [...]." (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Der allgemeine Begriff der philosophischen Weltgeschichte, S. 163)

Zahlreiche Stimmen, die sich vor allem auf dem afrikanischen Kontinent gegen Sarkozys Rede zu Wort gemeldet haben, setzen ihre kritischen und ironischen Repliken bei diesem Punkt an. Dies als ein Nebenbemerkung, denn die Befragung einer eurozentrischen Auffassung sowohl von Geschichte als auch von Gegenwart bedeutet nicht zuletzt, die Frage zu stellen, warum hier in Europa kritische Stimmen zu einem solchen Ereignis wie Sarkozys Rede zum einen viel leiser ausfallen und zum anderen, warum die laute Empörung auf dem Kontinent hier nur sehr selten Gehör findet. – Um es anders zu sagen: Das Angesicht eines Geistes in einer durch Intertextualität hervorgerufenen Heimsuchung könnte zur Dekolonisierung des Denkens und Schauens beitragen, die beide – insbesondere in Europa – in einem unfertigen, wenn nicht vielmehr kaum beginnenden Prozess stehen.

Dass dies bedeutsam ist, wird spätestens dann deutlich, wenn Sarkozy als einzige Option für eine Gegenwart mit Zukunft das Konzept des europäischen Bringens von Geschichte in einen ahistorischen afrikanischen Raum ableitet – etwas, das komplett identisch ist mit der kolonialen Konzeption eines zu kolonisierenden Raums.

Nun soll der Geist Patrice Lumumbas auf den Plan gerufen werden – in Anlehnung an das Hauptmotiv aus Raoul Pecks Dokumentarfilm Lumumba, la mort du prophète – als Propheten und als revenant, also als jemand, der in die Zukunft greift und als jemand, der wieder kommt.

Vielleicht ein Bild für die Geburt dieses Geistes, ein Bild, das in den Nachrichtensendungen um die Welt ging: Der Premierminister der Demokratischen Republik Kongo Patrice Lumumba, der auf seiner Flucht nach Stanleyville festgenommen und zusammen mit Joseph Okito, dem Vizepräsidenten des Senats, der zweiten Kammer der Nationalversammlung und Maurice Mpolo, dem Informationsminister, als Gefangener nach Kinshasa zurückgebracht wurde. Ihm wird seine Rede zur Unabhängigkeit in den Mund gestopft, so als sollte er die Worte schlucken und verdauen, die er gewagt hatte, auszusprechen. An seinem eigenen Wort ersticken. Aber er spuckte das Papier wieder aus, er hatte die Worte bereits ausgesprochen, es half nichts, sie waren da. Die Kraft ihres Versprechens erhob über Lumumbas späteren Tod hinaus seine Stimme. Und darin findet sich eine Antwort auf Sarkozy.

An der offiziellen kongolesischen Unabhängigkeitsfeier in Léopoldville/Kinshasa am 30. Juni 1960 sprach der extra angereiste belgische König Baudouin, Enkel von Leopold II. als erster. In seiner Rede sagt er: "Die Unabhängigkeit des Kongo bedeutet die Vollendung des genialen Werks, das König Leopold II. begonnen hat und das von Belgien fortgesetzt wurde." Seine Stimme könnte man als Stimme des Eurozentrismus bezeichnen.

Sie ist die Stimme, die nicht nur das erste Wort – und damit den Beginn der Geschichte – für sich in Anspruch nimmt, sie manifestiert sich als geschichtsermöglichende und geschichtsbringende Stimme, an die Sarkozy heute anschließt. Wo Baudouin in seiner Rede Belgien als Kulturträger darstellte und suggerierte, Belgien hätte die Unab-hängigkeit vorangetrieben, appellierte Sarkozy an das Positive, das die Kolonialgeschichte gebracht hätte, denn der Kolonisator hätte nicht nur an sich gerissen, sondern gerechtigkeitshalber müsse gesagt werden, dass er auch gegeben hätte, nämlich Brücken, Strassen, Krankenhäuser, Gesundheitsversorgung und Schulen. Er habe unberührtes Land fruchtbar gemacht, und er habe seine Mühsal, seine Arbeit und sein Wissen eingesetzt.

Nach der zweiten Rede des Präsidenten der Republik Kongo, Kasavubu – eine Stimme des Opportunismus – folgt Patrice Lumumbas Rede, die keine neutralen Damen und Herren, aber auch nicht irgendwelche Exzellenzen adressierte, seine  Anrede lautet: "Kongolesinnen und Kongolesen – MitstreiterInnen der heute siegreich gewordenen Unabhängigkeit, ich grüsse euch im Namen der kongolesischen Regierung." Dies machte bereits deutlich, dass hier Geschichte gemacht werden soll.

Dementsprechend setzt sich die Rede auseinander mit dem Material der Erinnerungen, aus dem Geschichte als Gegenwart gemacht werden soll: die koloniale Vergangenheit, 80 Jahre, die ab nun zurückliegen sollen. Lumumba spricht über die Geschichte des Leidens und der Erniedrigungen und über den Einsatz des Kampfes um die Unabhängigkeit. In seiner Darstellung ist die Unabhängigkeit nicht etwas, was die Kongolesen und Kongolesinnen bekommen hätten, sondern etwas, was sie sich genommen haben, was erstritten werden musste. Er spricht über die bevorstehende Fortsetzung und Veränderung dieses Kampfes, nämlich den, das Land aufzubauen, etwas zu kreieren, was es wert wäre, zu überliefern, den Kindern zu erzählen. – Seine Geschichtsschreibung setzt am Nichtvergessenkönnen an und bricht radikal mit der Kontinuität von Geschichte, an die Baudouin/Sarkozy appelliert. Sie kündigt diese Bande auf. Seine Rede stellt die Darstellung Sarkos, dass Geschichte sich in Afrika immer in einer Wiederholung ereigne, gerade darüber als eine Fiktion heraus, als hier eine eigene Geschichte erinnert wird, indem eine Widerrede gegen die Geschichtskonstruktion der Kolonialisten geführt wird. – Für die Anordnung eines solchen politischen Diskurses und einer solchen politischen Praxis steht die kurze Zeit der Regierung Lumumbas sowie seine Ermordung, die deren Geister wachrief oder wach hielt.

Jenen, die sagen, Lumumba sei tot, hält Raoul Peck in seinem dokumentarischen Essayfilm Lumumba, la mort du prophète (1992) sprechende Absenzen und Spuren entgegen, die von Lumumbas "voyage sans retour" zeugen: Man hat nie seine Leiche zeigen können, man konnte ihm keine Grabstätte machen.

Raoul Pecks Film zeigt Lumumbas Rede in seinem Film fast vollständig, auch wenn sich die Bilder verloren haben. Die Stimme ist, wie Raoul Peck, der Erzähler, aus dem Off betont, geblieben. Wir sehen Schwarzbild oder Gegenschüsse auf das Publikum. Geschichte wird in Lumumba, la mort du prophète nicht nur aus Dokumentenanalysen oder Zeitzeugenaussagen zusammengesetzt, sondern sie wird auch als Spurensuche erzählt. Geschichte ist etwa das, was Raoul Pecks Mutter ihm erzählte: "ma mère raconte..."/ "meine Mutter sagt..."

Zum einen erfüllt sich dadurch Lumumbas Prophezeiung, dass hier ein Datum gemacht wurde, dessen Bedeutung es wert ist, den Kindern überliefert zu werden. Raoul Peck, der 1962 mit seiner Familie nach Kinshasa kam, ist selbst ein solches Kind, dessen Mutter es diese Geschichte gelehrt hat. Diese Geschichte ist jedoch nicht die Geschichte mit großem G, nicht die offizielle Geschichtsschreibung, sondern sie ist das uneingelöst Versprochene, was herumgeistert. Es sind Geschichten, die ein Eigenleben haben jenseits der staatlich und zwischenstaatlich verwalteten Weitererzählungen in Archiven. – Als in Brüssel die Unabhängigkeit des Kongos beschlossen wurde, hat man die Weisung erlassen, dass alle Archive noch vor dem 30. Juni 1960 nach Belgien überstellt werden sollten.  – Die Geschichte, um die es hier geht, besteht aus den Erinnerungen an eine Zukunft jener Leute, die an der Seite Lumumbas Geschichte gemacht haben. – Oder wie Lumumba es selbst im Abschiedsbrief aus dem Gefängnis an seine Frau 1960 schrieb: "L'histoire dira un jour son mot, mais ce ne sera pas l'histoire qu'on enseignera à Bruxelles, Washington, Paris ou aux Nations Unies, mais celle qu'on enseignera dans les pays affranchis du colonialisme et de ses fantoches. l'Afrique écrira sa propre histoire..." / "Die Gechichte wird sich eines Tages dazu äußern, aber es wird nicht die Geschichte sein, die man in Brüssel, Washington, Paris oder bei den Vereinten Nationen lehrt, sondern die Geschichte, die man in den vom Kolonialismus und seinen Marionetten befreiten Ländern lehrt. Afrika wird seine eigene Geschichte schreiben..."

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