Reise in ein umkämpftes Terrain - von Joachim Zeller

Eine Delegation aus Namibia wird in Kürze in Berlin eintreffen, um die Schädel ihrer Vorfahren entgegenzunehmen. Was erwartet sie bei ihrem Besuchsprogramm in der Stadt? Ein Artikel von Joachim Zeller.

In den kommenden Tagen ist es soweit. Nach langer Vorbereitung wird eine aus 53 Teilnehmern bestehende Delegation aus Namibia in Berlin landen, darunter Vertreter der Herero und Nama und ihre traditionellen Führer. Sie haben die lange Reise auf sich genommen, um die Gebeine ihrer Vorfahren heimzuholen, die seit hundert Jahren in der Sammlung der  Berliner Charité lagern. Es handelt sich um zwanzig aus der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ stammende Schädel, die nun „repatriiert“ werden sollen. Die menschlichen Überreste gelangten während des Kolonialkrieges von 1904-1908 nach Deutschland. Dieser Krieg gegen die Herero und Nama wurde von Seiten der kaiserlichen „Schutztruppen“ unter General Lothar von Trotha als Vernichtungskrieg geführt und endete in einem Völkermord, für viele Historiker der erste Genozid des zwanzigsten Jahrhunderts. Zwischen 35-80% der ca. 40.000-100.000 Herero und bis zu 50% der damals ca. 22.000 Nama kamen in dem Krieg ums Leben.

Während ihres rund einwöchigen Aufenthaltes werden sich die Besucher aus Namibia natürlich auch in der Bundeshauptstadt umsehen. Der Stadtrundgang dürfte sie vor allem zu den - wenigen - im öffentlichen Raum Berlins noch zu findenden kolonialen Spuren führen. Unvermeidlich wird die namibische Delegation dabei mit den innerdeutschen Querelen im Umgang mit der koloniale Vergangenheit konfrontiert sein – und wohl oder übel auf manches Ungemach stoßen.

Einer der Orte ist der Garnisonfriedhof in Berlin-Neukölln, wo 2009 ein neuer Gedenkstein eingeweiht wurde. Die Inschrift lautet: „Zum Gedenken an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia…“ Sollten die Namibier die doch sehr im Allgemeinen bleibende Inschrift beanstanden, muss man sie auf die Intervention des Auswärtigen Amtes hinweisen. Es hatte „dringend davon abgeraten“, den Terminus Völkermord bei dem von der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln initiierten Namibia-Gedenkstein zu verwenden.

Dieses Vorgehen gegen die Völkermord-These (eigentlich Völkermord-Befund) hat bereits eine lange Tradition, will doch das Außenministerium möglichen Reparationsforderungen als Folge eines solchen Schuldbekenntnisses vorbeugen. Und dies, obgleich die Klage, mit der die Herero Wiedergutmachungszahlungen erstreiten wollen, wiederholt vor US-Gerichten abgewiesen wurde und nach Auffassung von Juristen auch zukünftig keinerlei Aussicht auf Erfolg besteht.

Um sein Anliegen durchzusetzen, scheute das Auswärtigen Amt übrigens nicht vor unlauteren Methoden zurück. So ließ es noch im Jahr 2004 verlautbaren, bei der Bewertung des Kolonialkrieges in Deutsch-Südwestafrika als Völkermord handle es sich um eine „äußerst umstrittenen Schlussfolgerung einzelner Historiker“. Überflüssig zu erwähnen, dass die Forschungsergebnisse der überwiegenden Mehrheit der damit befassten Geschichtswissenschaftler einfach in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Die Stellungnahme des Auswärtigen Amtes - sie ist mittlerweile von der Homepage des Ministeriums verschwunden - war aber vor allem aus dem Grund skandalös, da man dabei auf einen höchst fragwürdigen Autor aus dem rechtsradikalen Spektrum Bezug genommen hat, nämlich Claus Nordbruch, einen notorischen Völkermord-Leugner. Immerhin kann man der namibischen Delegation in diesem Zusammenhang vermelden, dass mittlerweile die Zeiten vorbei sind, in denen derjenige, der „im Ausland auf Parallelen zwischen dem Völkermord an den Hereros und den Juden und Polen hinwies… es mit Zensurabsichten der Auswärtigen Amtes zu tun“ bekam, wie der Hannoveraner Geschichtsprofessor Helmut Bley berichtet.

Das alles ist natürlich nicht ganz neu für die betroffenen Namibier. Im Oktober 2003 mussten sie sich anlässlich des Besuches des damaligen Grünen (!) Außenministers Fischer in Windhoek anhören, von ihm werde es keine Äußerung geben, die „entschädigungsrelevant“ sei. Ganz anders dagegen Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul, die im August 2004 anlässlich des 100-jährigen Gedenkens an die Schlacht am Waterberg eine klare Entschuldigung aussprach. Wieczorek-Zeul bat die Herero „im Sinne des gemeinsamen ‚Vater Unser’ um Vergebung… Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde“. Die Rede der SPD-Ministerin ging als Meilenstein in die Annalen der deutsch-namibischen Beziehungen ein.

Auf ihrem weiteren Weg durch Berlin dürfte die Namibia-Delegation natürlich auch ins Afrikanische Viertel im Wedding fahren. Es ist wohl das größte - koloniale - Flächendenkmal seiner Art in Deutschland, denn die Lüderitz-, Swakopmunder- oder die Windhuker-Straße erhielten einst aus kolonialpropagandistischen Gründen ihren Namen. Die Text- und Bildtafel, die dort demnächst aufgestellt werden soll, informiert über die Geschichte des Viertels und über die geplante Umbenennung der Lüderitz-Straße.

Zurück in der Stadtmitte, kommt die Besuchergruppe zu dem wohl wichtigsten postkolonialen Gedenkort Berlins, nämlich zur Afrika-Stele, welche in der Wilhelmstraße 92 steht (sinnigerweise schräg gegenüber der „Mohrenstraße“, die umzubenennen, es seit Jahren heftige Auseinandersetzungen gibt). Die 2005 errichtete Afrika-Stele erinnert an die berüchtigte Kongo-Konferenz von 1884/85. Wahrscheinlich werden sich die Namibier verwundert die Augen reiben, wenn sie die weitere Inschrift lesen: „Der Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika, den das Deutsche Reich von 1904-1908 gegen die Herero und Nama führte, endete in einem Völkermord.“ Hier hat also, das scheint dem Außenministerium bisher entgangen zu sein, das umstrittene Reizwort „Völkermord“ Verwendung gefunden, wie dies übrigens bereits auf anderen antikolonialen Mahnmalen etwa in Bremen und Düsseldorf der Fall ist. Aber die Afrika-Stele ist ja auch, so werden die Besucher erfahren, eine Stiftung zivilgesellschaftlicher - und zwar afrodeutscher - Akteure.

Die Stadtrundfahrt wird schließlich an der Neuen Wache Unter den Linden vorbeiführen. Das umfangreiche Inschriftenprogramm der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland schweigt sich allerdings über die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Übersee aus. Mitglieder der afrodeutschen Gemeinschaft versammeln sich deshalb einmal im Jahr vor der Neuen Wache und präsentieren Spruchbänder, auf denen es heißt: „Koloniale Verbrechen an Afrikaner/innen - weiße Flecken in der deutschen Geschichte“. Ein sich aus ihren Reihen rekrutierendes „Komitee für ein afrikanisches Denkmal in Berlin“ (KADIB) setzt sich denn auch für ein Berliner Mahnmal zur Würdigung der Opfer des Kolonialismus und des antikolonialen Widerstandes ein.

Spätestens an dieser Stelle wird den namibischen Besuchern klar sein, dass dem südwestafrikanischen Kolonialkrieg - und gleichermaßen der deutschen Kolonialgeschichte allgemein - in der offiziellen Erinnerungspolitik Deutschlands eine gänzlich marginale Bedeutung zukommt. Ein letztes Indiz dafür werden sie im angrenzenden Deutschen Historischen Museum antreffen. Dort hat man die Kolonialgeschichte in einen Schaukasten unter einer Treppe im dunkelsten Teil der Ausstellung verbannt. Der museumsdidaktische Skandal liegt aber nicht in der - wie in einer „Rumpelkammer“ anmutenden - beliebigen Auswahl der Exponate. Vielmehr ist es die Kommentierung des dort gezeigten Fotoalbums eines Kolonialsoldaten, der am Krieg gegen die Herero und Nama teilgenommen hat. Auf der beigegebenen Tafel wird der genozidale Vernichtungsfeldzug in Südwestafrika als „Strafexpedition“ betitelt. So bezeichnete damals das deutsche Kolonialmilitär seinen Krieg gegen die Freiheitskämpfer der Herero und Nama. Da dem Besucher jegliche weitere Erläuterung des Geschehens vorenthalten wird, kommt das Museum seiner Aufgabe nicht nach, über dieses uns bis heute so belastende Kapitel deutsch-namibischer Geschichte angemessen aufzuklären.

Der „Leerstelle koloniale Vergangenheit”, die Erkenntnis werden die Gäste aus Namibia mit nach Hause nehmen, haben sich die vormaligen Kolonialherren noch zu stellen. Ob die Namibier die Tatsache trösten wird, dass bei anderen ehemaligen Kolonialnationen wie den Niederlanden die Kolonialgeschichte ebenfalls nur ein Minderheitenthema ist, muss dahin gestellt bleiben.

Joachim Zeller

Der Autor ist Historiker und Mitherausgeber der Bücher „Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche“ (2002) und „Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen“ (2003; Lizenzausgabe 2011).

Bildlegende:
Der am 2.10.2009 eingeweihte Gedenkstein für die „Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia“ auf dem Garnisonfriedhof in Berlin-Neukölln. Der Namibia-Gedenkstein wurde vor dem „Afrika-Stein“ (früher: „Herero-Stein“) errichtet.  (Foto: Joachim Zeller)

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