Vordenker der Dekolonisierung: Der Kameruner ­Politologe Achille Mbembe vertritt in "Sortir de la grande nuit" einen radikalen Afropolitanismus

achille mbembe

Der folgende Artikel von Moses März wurde zuerst im Kulturteil des Freitag veröffentlicht. Er wurde maßgeblich inspiriert durch die AfricAvenir Publikation "50 Jahre afrikanischen Un-Abhängigkeiten - Eine (selbst)kritische Bilanz".

Afrikanische Intellektuelle denken über afrikanische Themen nach. So einfach ist das. Nur, was ist ein afrikanisches Thema? Der in Kamerun geborene Politologe und Historiker Achille Mbembe, aktuell einer der bedeutendsten und umstrittensten Autoren auf dem Feld der Postkolonialen Theorie, beruft sich in seiner Antwort auf den Schwaben Martin Heidegger. „Vielleicht geht die Weltnacht jetzt auf ihre Mitte zu“, zitiert Mbembe aus Heideggers Aufsatz Wozu Dichter? „Vielleicht wird die Weltzeit jetzt vollständig zu der dürftigen Zeit. Vielleicht aber auch nicht, noch nicht, immer noch nicht, trotz der unermesslichen Not, trotz aller Leiden“. Dichter in dürftigen Zeiten sollten sich um die entflohenen Götter sorgen, „auf deren Spur bleibend und so den verwandten Sterblichen den Weg spuren zur Wende“.

Mit diesen Zeilen beginnt Achille Mbembes Essay Sortir de la grande nuit. Es geht um das dekolonialisierte Afrika, um die verwirrende Weltzeit und um Möglichkeiten, ihr jetzt zu entfliehen. Mbembe, Jahrgang 1957 und dadurch selbst ein „Kind der Unabhängigkeiten“, führt den Leser zurück ins Kamerun seiner Jugend und weiter entlang der biografischen Stationen, die sein Denken prägten: die Trauergesänge der Großmutter um gefallene und verleugnete antikoloniale Befreiungskämpfer, die Ankunft im ungeliebten Paris und schließlich die Entdeckung New Yorks, der „globalen Ökumene“ schlechthin.

Mbembes autobiografisch grundierter Text bricht mit dem europäischen Kodex scheinbarer Objektivität und folgt einer Tradition afrikanischer Intellektueller, die in der Autobiografie ein mächtiges Instrument gegen koloniale Geschichtsschreibung fanden. Mbembes Analysen sind deswegen auch als Literatur zu lesen. Ihn treibt eine beinah religiöse Mission mit dem Ziel, dass für Afrika und die gesamte Menschheit eine neue Zeitrechnung anbricht. Mbembes Buchtitel ist in diesem Sinne auch als Hommage an Frantz Fanon und dessen legendären Appell an Die Verdammten dieser Erde zu lesen.

Unerfüllte Aufgabe
Der algerische Befreiungskrieg gegen Frankreich war noch nicht gewonnen, da rief Fanon kurz vor seinem Tod 1961 die Elite der neuen afrikanischen Staaten dazu auf, sich von Europa abzuwenden. „Die große Nacht, in der wir versunken waren, müssen wir abschütteln und hinter uns lassen“, schrieb der 36-jährige Psychiater und Vordenker des antikolonialen Widerstandes. „Verlassen wir dieses Europa, das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Straßen, an allen Ecken der Welt“. Fanons Aufforderung an die „kolonisierten Intellektuellen“, sich für eine radikale Transformation des Bewusstseins einzusetzen, bleibt für Mbembe eine unerfüllte Aufgabe. Fanon warnte: Wenn die schwache Schicht der einheimischen Intellektuellen den Kontakt zum Volk verliert, um mit der kolonialen Bourgeoisie gemeinsame Sache zu machen, gäbe es keinen Unterschied, ob ihr Land offiziell unabhängig oder noch immer Kolonie sei. In vielen Ländern hat sich dies bewahrheitet.

Mit der Mixtur aus Referenzen an Hei­degger und Fanon macht sich Mbembe daran, die Dekolonisierung Afrikas neu zu denken. Im aktiven Willen zur Gemeinschaft und zum Leben liege die politische Bedeutung einer echten Dekolonisierung, schreibt er in Sortir de la grande nuit. Der Neubeginn lässt noch immer auf sich warten. Im Jahr 2010, anlässlich einer Reihe von Unabhängigkeits-Jubiläen, gab es für Mbembe deshalb nichts zu feiern: „Autoritäre Restaurationen hier, vorgetäuschte Mehrparteiensysteme da, anderswo magere, im Übrigen jederzeit reversible Fortschritte und nahezu überall ein sehr hohes Ausmaß an sozialer Gewalt.“

Spuren positiver Veränderung sieht er vage in den Bereichen der Kultur und der Vorstellungskraft. Dort transformiere sich der afrikanische Kontinent bereits rasant. Es gehe jetzt darum, eine politische Ökonomie, eine Vorstellung der Macht und einer Lebenskultur sowie Sozialstrukturen entstehen zu lassen, die auf traditionelle Systeme zurückgreifen und doch flexibel genug sind, auf gegenwärtige Anforderungen zu reagieren. Sosehr die jüngsten Revolutionen in Tunesien und Ägypten als panarabische Momente postkolonialer Emanzipation im Norden Afrikas gefeiert wurden, so sehr ließ das tragische Wahlfiasko in der Elfenbeinküste große Zweifel daran aufkommen, dass die Wende auch hier begonnen hat.

Intellektuellengenozid
Zwischen der Witwatersrand Universität in Johannesburg und der Duke University in den USA pendelnd, lebt Mbembe seit Langem außerhalb seines Heimatlandes. „Jene, die täglich etwas weiter von ihrem Geburtsort entfernt ihr Lager aufschlagen und ihre Boote auf andere Flüsse zerren, sehen den Lauf der undeutlichen Dinge besser“, zitiert Mbembe den Literaturnobelpreisträger Saint-John Perse. Die Erfahrungen des Exils, die Ausbildung in Metropolen wie Paris, London und New York und das anschließende Reisen im universitären Zirkus machen einen großen Teil von dem aus, was es bedeutet, ein renommierter afrikanischer Intellektueller zu sein.

Seit dem Bruch zwischen den großen afrikanischen Denkern und ihren Regierungen in den Achtzigern – die Unabhängigkeitseuphorie war verflogen und die Maxime „Silence: Development in Progress“ nicht mehr verbindlich – bestimmt das Exil die Lebensläufe afrikanischer Intellektueller. Ihr Prestige, heißt eine häufige Kritik, entstehe eher aus der Distanz vom afrikanischen Publikum und in Abhängigkeit von europäischen Institutionen als in afrikanischen Kontexten.

Sogar afrikanische Universitäten seien in diesem Sinne nicht afrikanisch, meint etwa Prinz Kum’a Ndumbe III, Schriftsteller und Professor im kamerunischen Yaounde. Im Hinblick auf die dort gesprochenen europäischen Sprachen müssten sie als Orte der Unterdrückung gesehen werden, an denen systematisch ein „Intellektuellengenozid“ betrieben werde. Mit seinem Aufruf, afrikanische Sprachen institutionell zu fördern, erneuert Ndumbe III eine Forderung, die der Autor Ngugi wa Thiongo aus Kenia in den siebziger Jahren aufstellte, als er entschied, seine Bücher nicht mehr in europäischen Sprachen zu veröffentlichen. Nach Thiongos Verhaftung durch das Regime Daniel arap Mois wegen seines Theaterstücks Ich heirate wann ich will schrieb er den ersten modernen Roman Teufel am Kreuz in der kenianischen Sprache Gikuyu auf dem Toilettenpapier des Kamiti Maximum-Security-Gefängnisses in Nairobi.

Afropolitanismus
Im Unterschied zu Ndumbe und Thiongo zielt Mbembe weniger auf ein fehlendes „afrikanisch-Sein“ unter den Intellektuellen. Ihm kommt es vielmehr darauf an, das Nachdenken aus dem „wissenschaftlichen Getto“ der Afrikadiskurse des 20. Jahrhunderts zu befreien. In Mbembes Augen sind der antikoloniale Nationalismus, die Négritude eines Leopold Senghors, diverse Spielarten eines Afro-Marxismus oder ein zum Essenzialismus neigender Panafrikanismus in einer Opfermentalität und einem „rassistischen Paradigma“ gefangen. Markige Worte, die 2001 intensive Kritik provozierten. Wütend erklärte Thandika Mkandawire, Mbembes Vorgänger als Direktor des panafrikanischen Sozialwissenschaftsrates: Mbembes „postmoderne Argumentation“ gleiche einer „Selbstgeißelung“, sei „modischer Unsinn“ und blind für die ökonomischen Realitäten.

Zehn Jahre später fällt es Mbembes Kritikern leicht zu behaupten, dessen Afropolitanismus sei nichts weiter als die Vision eines elitären Akademikers, der die eigene Weltsicht zur kontinentalen Norm stilisiert. Afropolitanismus ist laut Mbembe ein Phänomen, das in afrikanischen Metropolen wie Johannesburg besonders deutlich zu beobachten sei. Südafrika betrachtet er als „vorderstes Laboratorium“ dieser neuen afrikanischen Modernität. Aus der Dynamik eines postkolonialen Moments und einer Kultur der Mobilität entstehe ein Ort, an dem die Distanzen zwischen dem Hier und Dort verschwimmen, wo Tradition und Moderne parallel und miteinander existierten und das Fremde in die eigene Familie mit aufgenommen wird. Die Spuren einer neuen Menschlichkeit können nach Mbembe abstrakt in eben diesem Zustand „kultureller, historischer und ästhetischer Sensibilität“ gesucht werden.

Soziale Kräfte „von unten“
Mbembes post-strukturalistisch inspirierter Antikolonialismus und liberaler Universalismus unterscheidet sich nicht grundsätzlich von Überzeugungen, die momentan auch innerhalb des Mainstreams der Politikwissenschaft vertreten werden: Wirtschaftswachstum, Demokratisierung, eine liberale Verfassung und stabile Institutionen sind für Mbembe ebenso notwendige Voraussetzungen für seine Vision eines dekolonisierten Afrikas wie das langsame Verschwinden des Apartheid-Rassismus in privilegierten Studenten-, Künstler- und Unternehmerzirkeln. Nur so kann er ausgerechnet Johannesburg, trotz Kriminalität und sozialer Ungleichheit, zur Hauptstadt des Afropolitanismus ernennen.

Um radikales Anders-sein und um die „authentische Perspektive eines Afrikaners“ geht es Mbembe explizit nicht. Sondern darum, auf Tendenzen und soziale Kräfte „von unten“ hinzuweisen, die viele europäische Experten übersehen, weil sie sich auf das konzentrieren, was in Afrika angeblich fehlt. „Rational über Afrika zu sprechen, ist etwas, was zu keinem Zeitpunkt selbstverständlich war“, schrieb Mbembe in De la postcolonie. Nichts anderes könne der Anspruch afrikanischer Intellektueller sein.

Die intensiven Debatten, die von Mbembe und Kollegen auf dem afrikanischen Kontinent geführt werden, können in überregionalen Tages- und Wochenzeitungen wie dem Magazin Jeune Afrique oder Kameruns Le Messager sowie im Internet auf Portalen wie Africultures, Amandla und Pambazuka News verfolgt werden. Auf Pambazuka.org veröffentlicht beispielsweise eine Community von fast 3.000 Akademikern, Aktivisten, Frauenorganisationen, Bloggern, Schriftstellern, NGOs und Politikern regelmäßig neue Berichte auf Englisch, Französisch und Portugiesisch – eine deutsche Version ist in Planung. Pambazuka, was auf Kiswahili so viel wie „Morgendämmerung“ bedeutet, hat für sein Engagement bereits eine Reihe internationaler Preise gewonnen, darunter einen Platz unter den Top-Ten-Seiten „Who Are Changing the World of Internet and Politics“.

Dekolonisierung
Die antikolonialen Nationalisten, post-modernen Kritiker und überzeugten Panafrikanisten, die auf Pambazuka miteinander diskutieren, helfen viel von dem Verhalten politischer Akteure und historischen Zusammenhängen zu verstehen, die in europäischen Medien als irrational abgetan oder ignoriert werden. So wurde in Bezug auf die Elfenbeinküste versucht, die Gegenüberstellung von Laurent Gbagbo und Alassane Ouattara durch eine Vielzahl von Beiträgen aufzulösen, die die Ratio der beiden Hauptakteure des Konflikts beleuchteten, statt sich auf die Kuriosität eines Landes mit zwei Präsidenten zu fokussieren.

Die deutsche universitäre Öffentlichkeit wirft afrikanischen Wissenschaftlern gerne fehlende Objektivität vor oder behauptet, sie böten keine Alternativen zu den Einsichten westlicher Experten. Diese Kritik verhindert, dass die Stimmen afrikanischer Intellektueller in deutschen Medien Gehör finden. „Für das kommende halbe Jahrhundert“ entwirft Mbembe deswegen das Programm einer neuen Dekolonisierung: Es sei einerseits die dringende Aufgabe der „Intellektuellen, der Kulturschaffenden und der afrikanischen Zivilgesellschaft, die verschiedenen Kräfte der Gesellschaften zu mobilisieren, und andererseits, die ‚afrikanische Frage‘ zu internationalisieren“. Auch wenn die Dekolonisierung in erster Linie eine afrikanische Angelegenheit ist, hat der europäische Wissensbetrieb die Dekolonisierung seines Wissens noch vor sich. So steht eine deutsche Übersetzung der Werke von Achille Mbembe noch an.

Zuerst veröffentlicht im Kulturteile des Freitag am 14.05.2011

Autor: Moses März
Moses März schreibt zurzeit im „afropolitanen“ Kapstadt seine Diplomarbeit in Politologie

Sortir de la grande nuit – Essai sur l’Afrique décolonisée Achille Mbembe Éditions La Découverte 2010, 243 S., 17 €

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