Ungleichheiten und zarte Kräfte: Filme des Reellen von Alice Diop („Vers la tendresse“ und „La permanence“, beide OengU)

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Info   Tickets: 7,00€; U6-Rehberge

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Die Filmemacherin Alice Diop interessiert sich für die Randzonen der Gesellschaft. Ihr Kurzfilm „Vers la tendresse“ ergründet auf intime Weise die Liebeswelt von vier jungen Männern aus der Pariser Banlieue während „La permanence“ sich der Arbeit des medizinischen Bereitschaftsdienstes im Krankenhaus von Avicennes widmet, der als einziger im 1 Millionen Einwohner*innen Vorort Seine-Saint-Denis Untersuchungen ohne Voranmeldung für Personen in Not anbietet – meist neu angekommene und traumatisierte Migrant*innen.

„[Alice Diop] macht Filme wie „Updates“. Sie fördert die Dinge zu Tage, die im Allgemeinen unsichtbar bleiben und bringt das Land so in die Gegenwart. Wenn wir allzu sehr in der Welt von gestern verweilen, packt sie uns am Kragen und setzt uns an den richtigen Ort, im hier und jetzt. Die entscheidende Frage: Wie schaffen wir es, den Anderen zu sehen?“ Olivier Barlet, Africultures

Im Anschluss an die Filmvorführung findet eine Diskussion mit Emilia Roig statt. Moderation: Brigitta Kuster.

Eine Veranstaltung von AfricAvenir in Kooperation mit *Generation Adefra*.

Die Filmreihe "African Reflections" wird gefördert von der Aktion Afrika vom Auswärtigen Amt, von Brot für die Welt und vom Katholischen Fonds.

Medienpartner: Africiné, Club der Freunde von RFI, Zentrum Moderner Orient, Humboldt Universität, Yedd e.V.

Vers la tendresse
R: Alice Diop; F, 2015
OF m. engl. UT; DCP; 36 Min.

Vier Stimmen, vier Geschichten offenbaren ohne Umschweife die Komplexität von Liebesbeziehungen und Männlichkeit in der Banlieue. Alice Diop ist auf junge Männer zugegangen, um sie über sich erzählen zu lassen, und vor allem über ihre intimen Gefühle. Aufgewachsen in derselben Pariser Banlieue, zwischen Wohnsilos und Gentrifikation, sind ihre Wege in Sachen Liebesleben jedoch so divers wie die vier Persönlichkeiten selbst. Vier kurze Geschichten einer umwerfenden Transparenz, getragen von Stimmen, die im Intimen aufgenommen wurden und beim Thema Sexualität junger Männer viel zu oft ausgeblendet bleiben.

Beim Internationalen Frauen Film Festival Créteil erhielt „Vers la tendresse“ den Publikumspreis und den Preis für den besten frankophonen Kurzfilm.

Alice Diop über "Vers la tendresse"
"Am Anfang wollte ich einen Spielfilm über die Liebe in der Banlieue. Ich wusste nicht, dass diese Stimmen, die ich aufgenommen hatte, am Ende die Basis eines ganz anderen Films werden würden (...) Diese vier Begegnungen waren atemberaubend. Die Qualität des Gesagten, das mir anvertraut worden war, war grundlegend. Die Jungs waren umwerfend.“ Alice Diop

Stimmen zum Film
„Jungen Männern aus Seine Saint-Denis nach ihrem Liebesleben zu befragen ist keine leichte Aufgabe. Daher trennt Alice Diop mittels eines einfachen Dispositivs die Stimmen von den Bildern (…) Dadurch schafft sie es, diese Stimmen einzufangen, deren Härte, Resignation oder Bewusstsein, ständig mit dem Blick der anderen konfrontiert zu sein, einen Abgrund der Einsamkeit offen legt, der die Clichés über die Banlieuebewohner konterkariert.“ Critikat

„Alice Diop hat Foucault gelesen, und findet ihre Referenzen in den Tabus der Gesellschaften: Die Schwierigkeit, in einer ultra-sexualisierten Welt ein Mann zu sein und zu werden, in einer Welt, die geprägt ist von Werbebildern, in denen Liebe zu einem Konsumgut reduziert ist; oder auch die globale Irrfahrt der mehr als 10 Millionen Migrant*innen, Kriegs- und Armutsflüchtlingen, deren Körper und Seelen vom Exodus geschunden sind.“ Silvie Braibant, TV5 Monde


La Permanence
R : Alice Diop ; Frankreich
OF mit engl. UT; DCP; 97 Min.

Bei Recherchen für das Magazin „Egaux mais pas trop“ (Gleich aber nicht ganz) über das Dispositiv medizinischer Versorgung der Bedürftigsten trifft Alice Diop erstmals auf den Bereitschaftsdienst von Dr. Geeraert. In einem winzigen, heruntergekommenen Büro am Ende eines Ganges im Krankenhaus von Avicennes, in Bobigny, untersucht dieser Allgemeinarzt zwei Mal die Woche ohne Voranmeldung Migrant*innen, deren Kopf- und Rückenschmerzen oder Schlafstörungen meist im Schmerz des Exils ihre Ursachen haben. Ein Jahr lang hat Alice Diop diese Sprechstunden mit zumeist männlichen Asylsuchenden, die Frau und Kinder zurücklassen mussten, gefilmt. 97 Minuten in vier Wänden, in denen die Welt und eine leidende Menschlichkeit ein und ausgehen und deren Gesichter und Geschichten Alice Diop einfängt.

Voran stellt Diop ein Zitat von Fernando Pessoa, das ihre Vorgangsweise gut beschreibt: „Man hat mir von Völkern berichtet, und von Menschlichkeit. Doch ich habe weder Völker noch Menschlichkeit gesehen. Ich habe allerhand Menschen gesehen, die alle erstaunlich unterschiedlich waren. Jede*r vom nächsten durch einen unbevölkerten Raum getrennt.“

Pessoas Zitat deutet auf eine Stärke des Films „La permanence“ hin: Im Vorbeiziehen der Patienten eines Bereitschaftsdienstes für neu angekommene Migrant*innen überdeckt das Kollektiv niemals das Individuum, nie löscht der soziologische Blick die bewegte Dankbarkeit einer Person, die nach Monaten abgemagert oder eben gestärkt widerkehrt
 
Alice Diop über „La permanence“
„Ich bin eines Nachmittags dort sitzen geblieben und war erschüttert von der Verzweiflung dieser Menschen, erinnert sich die Regisseurin von „La mort de Danton“. Das war für mich ein solcher Schock, dass ich darum gebeten habe, wieder zu kommen, ohne zu sagen warum. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, ob ich aus dieser Realität einen Film würde machen können. Und ich brauchte Zeit, die Gründe meiner Erschütterung zu verstehen, die mich an etwas sehr Intimes denken ließ. Ein Jahr lang ging ich jeden Freitag hin und, nach und nach, hat das Filmprojekt Form bekommen.“

Stimmen zum Film
„In einem Film von Alice Diop hat man das gleiche Gefühl wie wenn man jemanden wiedersieht, den man lange aus den Augen verloren hatte. Als ob sich unser Land aus den Augen verliert, sich nicht mehr in die Augen sieht. Wir leben parallele Leben.“ Olivier Barlet, Africultures

„Indem Alice Diop dafür optiert, im Huit Clos der Praxis zu bleiben unterstreicht sie die Fähigkeit der Ärzte, zuzuhören, und ihre Hellsichtigkeit hinsichtlich der Grenzen ihrer eigenen Möglichkeiten. Doch dadurch lässt sie die Welt draußen, die unbelichteten Zonen der Armut und Gewalt, die – auch – unsere Gesellschaft ausmachen, nur umso stärker ertönen.“ (Charlotte Garson)

„La permanence ist ein Film der Eindruck hinterlässt, unentbehrlich in einem Europa, das sich vor den hohen Zahlen an Flüchtlingen und Migrant*innen fürchtet.“ Olivier Barlet (Africultures)

„La permanence sehen ist eine Therapie gegen die Exklusionsreflexe, die angesichts der medialen Knüppel allzu schnell aufkommen. Es ist die umgekehrte Erfahrung der im Fernsehen beschworenen „Flüchtlingsströme“: jeder Mann, jede Frau ist einzigartig, weil Ärzte sie respektieren und Augenblicke mit ihnen teilen, weil eine Filmemacherin ihre Kamera ohne vorgefertigte Geschichte aufstellt, um ihnen zuzuhören. Menschliche Wesen, ganz einfach.“ Olivier Barlet

Die Regisseurin: Alice Diop
Geboren 1979 in Aulnay-sous-Bois (Frankreich), ist Alice Diop eher zufällig zum Dokumentarfilm gekommen. Es sei das Ergebnis einer glücklichen Begegnung mit einem Dokumentarfilm von Eliane de Latour, so die Filmemacherin, eine Begegnung bei der ihr zum ersten Mal die Kraft der im Dokumentarfilm vermittelten Botschaft bewusst wurde, sowie die Möglichkeit, den soziologischen Ansatz mit dem kinematografischen zu vereinen. In der Folge absolviert sie einen Master an der Fémis Filmschule und erhält ein Stipendium von der Lagardère Stiftung. Seit 2005 hat sie mehrere Dokumentarfilme gedreht, darunter „La tour du monde“, „Clichy pour l'exemple“, „Les Sénégalaises et la Sénégauloise“, „La mort de Danton“ (Bibilothekenpreis beim Festival du Réel in Paris, Hauptpreis beim Festival des bildungspolitischen Films), „La Permanence“ (Preis beim Cinéma du Réel Festival 2016), „Vers la tendresse“ (INA Preis und Publikumspreis Preis beim Film Festival in Créteil).

Alice Diop interessiert sich für das gesellschaftlich Ausgeblendete oder Unsichtbare, sie erzählt und veranschaulicht die Realität kultureller Vielfalt. Für sie ist es ein großes Glück, heute in Frankreich 35 Jahre alt zu sein und Dokumentarfilme machen zu können: „Was zurzeit vor sich geht, ist hochinteressant. Wir sind eine Generation, die aus diesen benachteiligten Vierteln kommt und wir haben uns die intellektuellen, produktiven und kreativen Instrumente angeeignet, um etwas hervorzubringen, was es so vorher noch nie gegeben hat – zumindest nicht aus der Perspektive der direkt betroffenen Menschen.“

Preise
2016 | 13rd Brive Film Festival, France: Grand Prize France 2016
2016 | 38th Créteil International Women's Film Festival (World Premiere / Première Mondiale): Prix INA réalisatrice créative du meilleur court métrage francophone & Audience Award for Best French short film

Filmographie d’Alice Diop
Clichy pour l’exemple (2006)
La Tour du monde (2006)
Les Sénégalaises et la Sénégauloise (2007)
La Mort de Danton (2011)
Vers la tendresse (2015)
La Permanence (2016).

Diskutantin: Emilia Roig
In Paris geboren und aufgewachsen, engagiert sich Emilia Roig seit Jugendjahren bei Antirassismus-Kampagnen. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher und struktureller Ungleichheit führt sie bis heute fort. Nach zwei Masterabschlüssen in internationalem Recht und Public Policy in Lyon, London und Berlin promoviert sie über intersektionelle Diskriminierung an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der SciencePo in Lyon. Mehrjährige Lehrtätigkeiten u. a. in Lyon und Berlin zu Intersektionalität, Postkoloniale Studien und Critical Race Theory. Emilia Roig mischt sich ein und bezieht klar Stellung. Zuletzt arbeitet sie für Amnesty International e. V. als Referentin für Lobbyarbeit und internationale Kommunikation sowie als Gutachterin bei der Entwicklung und Durchführung des Monitoring- und Evaluierungssystems. Vorherige Tätigkeiten für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kambodscha als stellvertretende Leiterin des Projekts "Förderung der Frauenrechte", und für die International Labour Organisation (ILO) in Tansania und Uganda als Gutachterin eines Programms zur Beseitigung von Kinderarbeit. In Kenia war Emilia Roig für die African Women's Development and Communication Network für sexuelle und reproduktive Rechte aktiv. Heute lebt Emilia Roig in Berlin.

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