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Tagungsbericht: „Rasse“. Historische und diskursive Perspektiven

Bericht von Noemi Yoko Molitor über die Tagung „Rasse“. Historische und diskursive Perspektiven, die am 4. – 6. November 2005, Zentrum für Literaturforschung in Berlin stattfand.

Noemi Yoko Molitor
Tagungsbericht: „Rasse“. Historische und diskursive Perspektiven
4. – 6. November 2005, Zentrum für Literaturforschung, Berlin


Mehr als 160 Teilnehmer_innen aus Berlin, anderen Teilen Deutschlands, sowie aus Österreich und der Schweiz, besuchten den Workshop „Rasse“. _Historische und diskursive Perspektiven_, der im November letzten Jahres am Zentrum für Literaturforschung Berlin stattfand [1]. Der transdisziplinär ausgerichtete Workshop umfasste 7 Panels, 2 Lesungen und eine abschließende Podiumsdiskussion. Die Zahl der anwesenden Wissenschaftler_innen und Studierenden blieb die gesamten drei Tage lang konstant hoch, so dass der Workshop zu einer Tagung mit intensivem Arbeitscharakter wurde. Dieses große Interesse und Durchhaltevermögen zeigt, wie sehr eine Veranstaltung begrüßt und gewünscht wurde, die die Kategorie „Rasse“ sowohl in ihren historischen Herstellungszusammenhängen nachvollzieht und als weiße Vorherrschaft legitimierendes Machtinstrument dekonstruiert als auch das Nach- und Weiterwirken von „Rasse“konzepten in der wissenschaftlichen Praxis thematisiert und mit rassistischen Strukturen und Rassialisierungsprozessen in der deutschen Gegenwartsgesellschaft zusammen denkt, die nach wie vor _weißen_ Menschen dazu dienen auf Kosten von Schwarzen und People of Color unverdiente Privilegien zu genießen, an hegemonialen Machtverhältnissen festzuhalten und rassistische Gewalt auszuüben.

Die Verknüpfung dieser Themenbereiche ermöglichte es, die Erfindung menschlicher „Rassen“ in ihrem Entstehungszusammenhang einer _weißen_ Aufklärung als Legitimation europäischer (und eben auch deutscher) Kolonialraubzüge nachzuvollziehen und das Fortschreiten, Transformieren und Tradieren der hier etablierten „Rasse“begriffe und rassistischen Menschenbilder in der deutschen Geschichte nachzuzeichnen, um in einem zweiten Schritt die Kontinuitäten und heimlichen, sowie offenen Tradierungen, aber auch die Umformungen und Umbenennungen dieser Rassekonstruktionen in den Natur- und Geisteswissenschaften zu thematisieren. Schließlich wurde der strukturelle Rassismus im heutigen Wissenschaftsbetrieb in den Blick genommen, der schon auf die Präsenz von „Rasse“vorstellungen in der gesamten deutschen Gesellschaft hindeutet, die eben nicht nur in offen rechtsradikalen und faschistischen politischen Positionierungen ihren Ausdruck findet, die weiße Vorherrschaft explizit beanspruchen, sondern auch in Alltagsrassismen wirkt, die mit Ersatzbegriffen und -Argumenten für „Rasse“ operieren. Auch dort werden Privilegien ausgenutzt und rassistische Strukturen reproduziert, wo das Selbstverständnis ein „kritisch _weißes_“ ist. Einige der Beiträge sind im unten aufgeführten Sammelband zur Kritischen Weißseinsforschung ausgearbeitet.

Das Format des Workshops erwies sich als sehr ergiebig. Alle Referent_innen hielten sich an den vorgesehenen Zeitrahmen, so dass im Anschluss an jedes Panel ausreichend Zeit für Fragen, Anmerkungen und Diskussionen zur Verfügung stand. Der Frontalcharakter einer Konferenz wurde vermieden und ein gemeinsamer Gesprächsraum entstand. Die einzelnen Vorträge ergänzten einander und bauten sinnvoll aufeinander auf und vor allem der interdisziplinäre Ansatz war eine Stärke der Veranstaltung. Er ermöglichte einen Dialog zwischen Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, der das gemeinsame Ziel verfolgte, die Kategorie „Rasse“ als biologistische Kategorie zu verabschieden, sich aber über die Notwendigkeit im Klaren ist, mit dem Konzept „Rasse“ als kritischer Analysekategorie umgehen zu müssen: Um Rassismus und Rassifizierungsprozesse zu untersuchen, muss „Rasse“ als diesen zu Grunde liegende Idee und Konstruktion benannt werden. Die Verwendung der Kategorie „Rasse“ als Mittel der Erkenntniskritik ist nach Eske Wollrad nur dann verantwortbar, insofern sie auf die Abschaffung von Definitionsmacht und Herrschaftskritik hinausläuft. Besonders gelungen war der Einbezug künstlerischer Auseinandersetzungen mit Kolonialismus, Rassismus und Rassifizierungsstrategien in Form der Lesungen von Akachi Adimora-Ezeigbo und MC Whylee am Ende des ersten Tages, sowie von Esther Dieschereit am zweiten Abend. Der Veranstaltungsort bot das Format der Lesung natürlich an, das aber nicht nur einen literarischen Fokus bot, sondern einen selbstverständlichen Dialog zwischen wissenschaftlicher Auseinandersetzung und künstlerischer Verarbeitung herstellte.

Ich werde im Folgenden sowohl einige Beiträge einzeln vorstellen, die mir persönlich als zentral erschienen, als auch übergreifende Ergebnisse festhalten. Ich spreche aus einer _weißen_ Perspektive, die sicher meine Auswahl geprägt hat.

*Historizität*

In den ersten drei Panels wurde der Begriff „Rasse“ zunächst in seiner Historizität aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen [2] vorgestellt. Die Herstellungsverfahren rassistischer Ideologien von _weißer_ Vorherrschaft in Aufklärung, Kaiserreich, Weimarer Republik und im Nationalsozialismus wurden in ihrer Absurdität, aber eben auch vor allem in ihrer gewaltvollen Wirkmächtigkeit und Etablierung vorgestellt.

Peggy Piesche warf in ihrem Vortrag ein anderes Licht auf die Aufklärung als die gängigen positiven Konnotationen von Freiheit, Säkularisierung und Moderne. Die zeitgleichen globale Eroberungszüge und der transnationale Sklavenhandel zeigen, dass die Dialektik der Aufklärung nicht betrachtet werden kann, ohne das Kolonialbestreben Deutschlands und anderer europäischer Länder zu bedenken. Verschleppung, Mord und die grauenvollen Genozide dieser Zeit stehen nicht im Widerspruch zu den Werten der Aufklärung, da das proklamierte Subjekt der Aufklärung _weiß_ ist. Piesche zeigte auf, wie in Kants „Rasse“theorien noch eine explizite Normsetzung von Weißsein zu beobachten ist, also eine Selbstmarkierung des Markierers, während Weißsein heute als unsichtbare, unmarkierte Norm den selben Neutralitätsanspruch erhebt.

Michael itz verwies auf den Völkische Rassismus Deutschlands, das in seinem hypertrophen Chauvinismus bereits im Prozess der Nationenbildung einen Weltherrschaftsanspruch an den Tag legt, der nach dem Lostreten des 1. Weltkrieges, das noch von Kolonialansprüchen geleitet ist, in der Machtübergabe an den Nationalsozialismus mündet. Mehrere Referent_innen hoben hervor, dass „Rasse“ eben nicht erst seit dem Nationalsozialismus in Deutschland als Konzept vorhanden ist, sondern als Teil der deutschen Geschichte in einer historische Kontinuitätslinie vom 17. bis ins 21. Jahrhundert betrachtet werden muss. Kerstin Palm führte aus, dass mit dem Ende des Nationalsozialismus demnach auch keine „Stunde Null“ eintrat, die „Rasse“ wieder verabschiedet hätte, sondern vielmehr personelle und inhaltliche Kontinuitäten in Wissenschaft und Politik keine Seltenheit waren. Kerstin Palm, Kien Nghi Ha und Michael itz verwiesen in ihren Beiträgen auf eine Nachkriegsweigerung in der Wissenschaft, Verantwortung für die im Nationalsozialismus vertreten „Rasse“lehren zu übernehmen bzw. Mittäterschaften aufzuarbeiten. Biologische Rassebegriffe verschwanden weder aus der Biologie, noch aus den Alltagsdiskursen. So wie sie eben lange vor dem NS entwickelt wurden, hielten sie sich auch nach 1945, wenn auch meist unter anderem Namen.

*Wissenschaft und Wissenschaftsbetrieb*

Das vierte und fünfte Panel widmeten sich in einem transdisziplinären Dialog „Rasse“ als naturwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Kategorie. Die Genese von „Rasse“ begriffen in verschiedenen Disziplinen der Natur- Sozial- und Geisteswissenschaften stand im Zentrum der Panels und verdeutlichte die Verquickung westlicher, _weiß_ dominierter Wissenschaftsdisziplinen mit Rassetheorien in verschiedenen zeitlichen Epochen.

Allen Vorträgen gemeinsam war der Hinweis auf die Verleugnung der Herstellungsprozesse _weißer_ Dominanz und die Negierung von historisch entstandenen Verantwortlichkeiten innerhalb der jeweiligen Fachdisziplinen. Astrid Albrecht-Heide problematisierte, dass sich die deutsche Wissenschaftslandschaft vor allem im 19. Jahrhundert als westlich, _weiß_ und eurozentrisch prägt (wie die Vorträge zu Psychologie, Ethnologie, Erziehungswissenschaften und Biologie deutlich machten), jedoch nicht als solche situiert wird, sondern ein Neutralitätsmotiv erkennbar ist, das von einer universalistischen Kompetenz (so z.B. die Ethnologie, wie von Katharina Schramm erläutert) ausgeht. Albrecht-Heide wies darauf hin, dass Erkenntnisse die als allgemeine wissenschaftliche Fakten gelten, vielmehr sterile, monokulturelle Selbstgespräche sind, haltlose Wunschprojektionen, die eine Erkenntnishaltung zum Ausdruck bringen, die nur sieht, was sie sehen will und eine Erkenntnisgewalt darstellen, die vorangetriebene materielle Gewalt absichern will. Die Wissensproduktion der westlichen, eurozentrischen, _weiß_ dominierten Wissenschaften ist demnach als epistemische Gewalt zu betrachten, die strukturell und materiell abgesichert ist.

*Gesellschaft*

Sowohl im zweiten als auch im fünften Panel wurde Weißsein in der deutschen Gesellschaft betrachtet. Maisha Eggers erläuterte wie in Rassifizierungsprozessen Weißsein sich zwar von als minderwertig Konstruierten Anderen abzugrenzen und abzuheben sucht, diese jedoch stets in eine erzwungene Nähe zu sich selbst drängt. Diese symbolische Einbindung lässt eine Abhängigkeit von Weißsein von den komplementär markierten Anderen erkennen. Am Beispiel verschiedener literarischer Klassiker (Oroonoko, Robinson Crusoe, Onkel Toms Hütte) erläuterte Eggers wie diese Abhängigkeit eine phantasierte Nähe zum Anderen hervorbringt, die auf das Motiv der freiwilligen Unterordnung Schwarzer Figuren unter _weiße_ angewiesen ist. Das parasitäre Weißsein kehrt so reale Machtverhältnisse um und verdeckt die one way logic, die stets auf das Andere zugreifen will ohne selbst in Frage gestellt zu werden. Kien Nghi Ha wies auf die heutige Tendenz hin, Elemente des Anderen zur Extension von Weißsein einzuverleiben, die Differenz des Anderen wird zwar begehrt, gleichzeitig aber auf hegemonialem Weißsein bestanden.

Katharina Walgenbach, Siegfried Jäger und Nanna Heidenreich zeigten auf, dass in der heutigen deutschen Gesellschaft einerseits „Rasse“ als Tabu gilt, Deutschsein aber gleichzeitig mit Weißsein gleichgesetzt wird. Rassismus trifft auch Menschen mit deutschem Pass, er argumentiert über Hautfarbe, nicht über Nationalität. Zwar ist das deutsche Nationalverständnis heute nicht mehr explizit als _weiß_ markiert, das Konzept von Zugehörigkeiten basiert jedoch nach wie vor auf Vorstellungen von Homogenität, Blutsverwandtschaft und biologischer Abstammung, wie es im ius sanguinis zum Ausdruck kommt. Die Tabuisierung von „Rasse“ als Begründungsargument für Zugehörigkeit ist jedoch kein Zeichen der Überwindung rassistischer Menschenbilder, sondern besonders gefährlich, da zahlreiche Ersatzdiskurse und Platzhalter-Begriffe (Ethnie, Abstammung, Kulturkreis, Mentalität, Volk, „die“ Deutschen) die gleichen Bedeutungen mit sich tragen, die zugrunde liegenden „Rasse“vorstellungen aber verschleiern. Siegfried Jäger merkte an, dass in vielen Gesetzestexten, so z.B. Art. 3, Abs. 3 GG, „Rasse“ allerdings immer noch ohne Anführungsstriche benutzt wird. Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass Rassismus in der Mitte der Gesellschaft zu verorten ist, wie an den oben erwähnten alltagsrassistischen Ersatzbegriffen und –diskursen zu sehen ist. Nanna Heidenreich beschrieb, dass der Glaube an Herkunft, der über synkretische Ensembles von Zuschreibungen körperliche Merkmale mit Eigenschaften als Kausalitätsmerkmale verknüpft, zwar inzwischen eine diskursive Anerkennung von Einwanderung nach Deutschland zulässt, jedoch mit einer gleichzeitigen Zementierung der Kontrolle von Einwanderung einhergeht. Isadora Rendjelovic beschrieb hier die massenhaften Abschiebungen von Menschen mit Duldungsstatus in jüngster Zeit, wie sie in Deutschland v.a. den Roma widerfahren ist, deren Abschiebungen über Ethnisierung begründet wurde.

Gabi Dietze arbeitete die unterschiedlichen Begründungsstrategien eines kulturell argumentierenden anti-islamischen Rassismus heraus, der nicht ein chromatisches, visuell fixiertes Weißsein als Begründung heranzieht, sondern kulturell religiöse Abendländigkeit. Als neues Phänomen seit 9/11 beschrieb sie die Fütterung des kulturellen Rassismus über Emanzipationsmodelle und proklamierte Frauenbefreiung. Diese neu orientierten Besorgniskonjunkturen über die sexuelle und physische Autonomie muslimischer Frauen bezeichnete Margarete Jäger als Ethnisierung von Sexismus.

*Konsequenzen*

Wie im Workshop unternommen, so ist die Aufarbeitung der Wissenschaftsgeschichte jedweder Fachdisziplin notwendig. Unmarkiertes muss wieder markiert werden, um zugrunde liegende Annahmen analysieren zu können. Hegemoniale Repräsentationsregime und auf _weißer_ Vorherrschaft basierende Gewaltverhältnisse müssen sich historisch und gegenwärtig situieren. Es gilt internalisierte Annahmen weiter zu erschüttern und hegemoniale Wissensbestände in Frage zu stellen. Eine dekonstruktive, herrschaftskritische Selbstauflösung täte so manchem Fach sicher gut, zumindest um zunächst einmal zu schauen: „was haben wir die letzen zwei Jahrhunderte eigentlich gemacht?“. _Weiße_ Forschende tun sich nach wie vor schwer, ihre Arbeit politisch und historisch zu situieren bzw. ihre Spechpositionen zu markieren, angesichts der Negierung _weißer_ Dominanz in Wissenschaft und Gesellschaft ist dies zwar nicht verwunderlich, kann aber, hat der Erkenntnisprozess begonnen, erst Recht nicht mehr als Ausrede gelten.

*Literaturtip:*
Eggers, Maureen Maisha/ Kilomba, Grada/ Piesche, Peggy/ Arndt, Susan (Hg.): Mythen, Masken, Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Unrast Verlag, Münster, 2005.


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Organisiert wurde der Workshop von Peggy Piesche vom Projekt Black European Studies an der Universität Mainz und von Susan Arndt als Vertreterin des VW-Projektes „Afrika ? Europa. Transporte, Übersetzungen. Migrationen des Literarischen“ am Zentrum für Literaturforschung, Berlin. Der Workshop fand in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung statt.

2 Astrid Albrecht-Heide betonte mit Verweis auf den Abrichtungscharakter einer weißen (Erziehungs)wissenschaft, dass die Bezeichnung „Wissenschaftsdisziplin“ wortwörtlich zu verstehen ist.

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