Pressemitteilung der Kampagnen-Bündnisse „No Humboldt 21!“ und „Völkermord verjährt nicht!“: Verantwortung übernehmen!

Berlin, 31.3.2014. Zur Pressemitteilung der SPK „Zur vorübergehenden Betreuung der ehemaligen Charité-Sammlung menschlicher Gebeine im Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ vom 21.3.2014 stellen die NGO-Bündnisse „No Humboldt 21!“ und „Völkermord verjährt nicht!“ fest:

Die Bündnisse begrüßen ausdrücklich die von der SPK erfolgte Zusicherung, dass die von ihr verwahrten umfangreichen anthropologischen Sammlungen nicht länger für fragwürdige wissenschaftliche Untersuchungen sondern nur noch für die zur Rückführung „dringend nötige Erforschung der Herkunft und Erwerbungsumstände“ zur Verfügung gestellt werden. Sie verstehen dies als überfällige Abkehr von einer menschenverachtenden Sammlungs- und Forschungstradition in Preußen, die u.a. durch den Grab- und Skeletträuber Alexander von Humboldt mit begründet wurde.

Die beteiligten Organisationen gehen davon aus, dass die SPK eine engagierte Provenienzforschung und die anschließende Rückgabe von menschlichen Gebeinen auch für die weitere Verwahrung der privaten Rudolf-Virchow-Sammlung (Gebeine von 3500 Menschen) im Besitz der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU) in den Einrichtungen der bundeseigenen SPK zur Bedingung macht.

Entschieden teilen die NGO-Bündnisse die Position der SPK, dass der „Umgang mit menschlichen Gebeinen aus möglicherweise kolonialem Unrechtskontext […] eine Sache der nationalen Verantwortung Deutschlands“ ist und dass vor allem die Bundesregierung aufgerufen ist, die Rechte der indigenen Völker (UN-Deklaration von 2007) auf eine Rückführung der rituellen Objekte und Gebeine ihrer Vorfahren zu garantieren.

Allerdings weisen sie die Ansicht zurück, dass die bundeseigenen Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz selbst nicht in der historischen Verantwortung für das kolonialrassistische Sammeln, Erforschen und Präsentieren von menschlichen Gebeinen stehen würden. Auch sie müssen ihrer Selbstverpflichtung zur proaktiven Rückgabe von human remains und materials of sacred significance (ICOM Code of Ethics 2004) nachkommen.

Denn der bei weitem größte Teil der etwa 10 000 menschlichen Gebeine, die zur Zeit von den SMB - SPK verwahrt werden, geht nicht auf die vergleichsweise kleine anthropologische Sammlung der Charité - Berliner Universitätsmedizin zurück (Gebeine von ca. 830 Menschen). Vielmehr wurden die meisten menschlichen Überreste aus aller Welt während der deutschen Kolonialzeit im Königlichen Museum für Völkerkunde, heute das Ethnologische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zusammengetragen. Kustos dieser weltweit größten, für rassistische Forschungen zur Verfügung stehenden Sammlung (noch immer 5300 Gebeine), war der Anthropologie-Professor Felix von Luschan, langjähriger Museumsangestellter und Leiter der Abteilungen Afrika und Ozeanien im Völkerkundemuseum zu Berlin.

Angesichts dessen bewerten es die NGO als eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit, wenn in der Pressemitteilung der SPK vom 21.3.2014 der Gesamtbestand der von ihnen verwahrten Gebeine als „ehemalige Charité-Sammlung“ bezeichnet wird und die universitätsmedizinische Einrichtung von der SPK zur (erneuten) Übernahme der aus dem Königlichen Museum für Völkerkunde stammenden Gebeine gedrängt wird. Vielmehr liegt es eindeutig in der Verantwortung der bundesunmittelbaren Stiftung, schnellstmöglich die entsprechenden Herkunftsstaaten und –gesellschaften zu informieren sowie Fachleute aus Deutschland und den Herkunftsländern einzustellen, die eine zeitnahe Rückführung aller angeeigneten Gebeine aus der Kolonialzeit vorbereiten.

Mnyaka Sururu Mboro vom Bündnis „No Humboldt 21!“ sagt: „Wie lange will uns die SPK mit ihrem ‚Wir nicht, die anderen auch!’ noch hinhalten? Wir Tansanier warten jetzt seit Monaten vergeblich auf eine klare Antwort auf unsere Frage, ob die Bundesstiftung angeeignete menschliche Gebeine und Kulturschätze aus Tansania in Verwahrung hat oder nicht.“

Der Herero Israel Kaunatjike vom Bündnis „Völkermord verjährt nicht!“ ergänzt: „Es ist ein Skandal, dass die BGAEU Virchows private Gebeinssammlung in den Räumlichkeiten der SPK weiter kostenpflichtig zur Forschung anbieten kann. Die Gesellschaft hat bisher nicht einmal die Gebeine von Opfern des Genozids an den Herero und Nama zurückgegeben!“

Kontakte:

Mnyaka S. Mboro:                017601174528

Israel Kaunatjike:                   01731035605

Mail:                                       buero(at)berlin-postkolonial.de

Infos:                                      www.no-humboldt21.de

PM der SPK vom 21.3.2014:
http://www.preussischer-kulturbesitz.de/pressemitteilung/news/2014/03/21/zur-voruebergehenden-betreuung-der-ehemaligen-charite-sammlung-menschlicher-gebeine-im-museum-fuer.html

© Copyright AfricAvenir 2014