Posterkampagne: Dekoloniale Einwände gegen das Humboldt Forum

Das „Sammeln“ von Kultur- und Kunstobjekten zählte zu den Lieblingsbeschäftigungen vieler „Forschungsreisender“ und Kolonialisten. So ist ein Großteil der ethnologischen Objekte, die im Humboldt-Forum im rekonstruierten Berliner Schloss ausgestellt werden sollen, während der Kolonialzeit „erworben“ worden – ein erheblicher Anteil stammt direkt aus den ehemaligen deutschen Kolonien. In vielen Fällen wurden wertvolle Kulturgüter aber nicht freiwillig verschenkt oder verkauft. Sie wurden erschlichen, erpresst oder einfach geplündert. Im Berliner Schloss soll nun mit Hilfe dieser Objekte der „Dialog der Kulturen“ in die Mitte der Stadt gerückt werden. Im Rahmen der Kampagne „No Humboldt 21!“ treten wir diesem zynischen Prestigeprojekt entgegen, indem wir exemplarische Objekte mit problematischen Erwerbsgeschichten auf Postern in den öffentlichen Raum tragen. Wir fordern Berlins Staatliche Museen zu mehr Transparenz und zum respektvollen Dialog mit den Herkunftsgesellschaften auf, die selbst entscheiden sollten, was mit ihren Schätzen geschieht.

Alle Poster stehen unter einer Creative Commons Lizenz und können zur nicht-kommerziellen Nutzung unter Angabe der Lizenz hier als pdf heruntergeladen werden (je ca. 30 MB):

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Die Kampagne „No Humboldt 21!“ wird getragen von AfricAvenir, AFROTAK TV cyberNomads, artefakte/anti-humboldt, Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag, Berlin Postkolonial, glokal, Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD).

„Schon Beutekunst betrachtet?“ – Königinnenmutter Idia, Benin, Nigeria

Weil Oba Ovonramwen, Herrscher des Königreichs der Edo, sich weigerte den englischen Kolonialisten zu unterwerfen, überfielen die Briten 1897 die Residenzstadt Benin im heutigen Nigeria. Bei diesem kriegerischen Überfall stahlen die Briten Hunderte wertvoller Bronzestatuen aus dem Palast des Königs und verkauften diese an Interessenten in aller Welt. Felix von Luschan, Leiter der Afrika-Abteilung im Königlichen Museum für Völkerkunde zu Berlin, bekam davon Notiz und schickte umgehend einen seiner Assistenten nach London, wo dieser zahlreiche Bronzen erwarb. Seit vielen Jahren bitten der Oba von Benin, wichtige nigerianische Kunsthistoriker sowie auch das Kulturministerium von Nigeria um die Rückgabe dieser Objekte, zumal Luschan zum Zeitpunkt des Kaufes in vollem Wissen über deren unrechtmäßige Aneignung war. Dennoch behauptet die Berliner Landesregierung bis heute, noch nie etwas von solchen Forderungen gehört zu haben.

„Räumt die kolonialen Schatzkammern!“ – Schutzgott Makabu Buanga des Fürsten Ischiehwu, Kongo

Ludwig Wolf, der als Arzt die „Expedition“ des Kolonialoffiziers Hermann Wissmann begleitete, erpresste den Schutzgott Makabu Buanga vom kongolesischen Fürsten Ischiehwu. Seit Wolf diese Statue zu Gesicht bekommen hatte, war er fest entschlossen diese in seinen Besitz zu bringen. Als sich Ischiehwu nach Meinung des Arztes illoyal gegenüber den Europäern verhalten hatte, erzwang Wolf unter Androhung der Todesstrafe die Herausgabe der Figur. Wolf selbst machte aus der Erpressung kein Geheimnis. In seinem  Reisetagebuch schrieb er: „Unter gewöhnlichen Verhältnissen hätte ich daher für keine Opfer den Makabu-Buanga erhalten können“.

„Freedom of Movement?!“ – Nofretete, Ägypten

Seit die Existenz der Nofretete-Statue in Berlin im Jahr 1923 bekannt wurde, liegen der ägyptische Staat und Deutschland im Streit darüber, wo sie rechtmäßig hingehöre. Sie wurde 1913 in Nordafrika ausgegraben und dann unter bis heute ungeklärten Umständen heimlich nach Deutschland verschifft. Seitdem hat der ägyptische Staat unablässig auf ihre Rückkehr oder zumindest auf eine Ausstellung der Statue in Ägypten gedrängt. Doch während Ägypten immer wieder prestigeträchtige Objekte an Deutschland verleiht, erklärten die Staatlichen Museen zu Berlin in zynischer Art und Weise, dass „die Dame nach 3000 Jahren nicht reisewillig [ist].“ So bleibt der im Nationalmuseum der Ägyptischen Zivilisation für Nofretete reservierte Platz bis heute leer. Während die übrigen außereuropäischen Schätze nun vom Schloßplatz aus den „Dialog der Kulturen“ bestreiten sollen, wird die als „schönste Berlinerin“ vereinnahmte Afrikanerin im Ägyptischen Museum auf der Museumsinsel auch in Zukunft im Ensemble der Einrichtungen mit europäischer Kunst zu sehen sein.

„Preußischer Kulturbesitz?“ – Mandu Yenu, Foumban, Kamerun

Warum sollte ein König freiwillig seinen Thron verschenken? Nach Darstellung der Staatlichen Museen zu Berlin hat König Ibrahima Njoya, legendärer Herrscher der Bamum in Kamerun, jedoch genau dieses getan. 1908 übersandte er dem deutschen Kaiser Wilhelm II seinen berühmten Thronsessel „Mandu Yenu“, angeblich um damit seine Position als Bündnispartner der Hohenzollern zu verdeutlichen. Doch diese Erzählung der Staatlichen Museen ignoriert die Machtverhältnisse in der damaligen Kolonie: Kaum war ein Bild des Throns nach Deutschland gelangt, stachelten sich die Leiter der Ethnologischen Museen gegenseitig zu einem Wettlauf um den großartigen Königsstuhl auf. Erst nach langem Drängen von deutscher Seite ließ Njoya eine Kopie erstellen, um die Deutschen zu befrieden und zugleich die Insignie seiner Macht zu bewahren. Erst als diese nicht rechtzeitig fertig wurde, übergab er schließlich den Deutschen das Original und behielt die Kopie für sich. Kaiser Wilhelm II schenkte im Gegenzug nicht seinen Thron, sondern ein lebensgroßes Bildnis von sich selbst.

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