
Koloniale Gespenster in Afrika und Europa - Eine audio-visuelle Spurensuche nach der kolonialen Geschichte und Gegenwart
Ausgehend von Filmausschnitten, Fotos und Audiomaterial führt uns die Gruppe Remember Resistance durch unterschiedliche Stationen: Filmproduktionen kongolesischer Filmemacher zwischen Kinshasa und Brüssel, koloniale Präsenzen im heutigen Brüssel, eine aktuelle Rede des französischen Staatspräsidenten, der in Dakar seine neo-kolonialen Anforderungen und Prognosen für die globalisierte Zukunft formuliert – und eine mögliche Antwort darauf, die Patrice Lumumba schon mit seiner wichtigen Rede zur Unabhängigkeit 1960 gegeben hat.
"Pourquoi l'un de nous n'a-t-il pas de tombeau, pas de sépulture? Il est enfin convaincu qu'un maillon manque dans sa lignée ancestrale."
"Warum hat einer uns kein Grab, kein Recht auf eine Bestattung gehabt? Ihm wird schließlich klar, dass ein Glied in seiner Ahnenkette fehlt." (Kongo Congo in JuJu Factory)
Der Film JuJu Factory schält aus der Gegenwart der Migration und des Exils im Alltag des heutigen Brüssel Geschichten und Bilder heraus, deren Wurzeln im europäischen Kolonialismus zu suchen sind. Auf diese Weise richtet er den Blick auf aktuelle Effekte des kolonialen Erbes und plädiert gleichzeitig für mehr Verantwortung seitens der Nachfahren der ehemaligen Kolonialisten in der Aufarbeitung der kolonialen Regime.
In vielen westafrikanischen Ländern ist "JuJu" Synonym für Magie oder Talisman, im Film von Balufu Bakupa Kanyinda steht "JuJu" im Verhältnis zur Kolonialgeschichte für das Selbstbewusstsein und das Vermögen der ehemaligen Kolonisierten, diese Geschichte als Bedingung einer selbsterdachten und besseren Zukunft zu konfrontieren. Dabei schlägt der Film allerdings einen neuen Tonfall an bei der Rede über das koloniale Erbe: In semidokumentarischen Sequenzen und an Daily Soaps angelehnten Szenen erzählt er alltägliche Geschichten aus der kongolesischen Diaspora in Brüssel, wobei in der Zeichnung der Figuren immer wieder feine Ironien aufblitzen. Sie sind es, die unvermittelt in die Tiefen einer unheimlichen Geschichte stürzen und das koloniale Trauma an die Oberfläche spülen. Der Regisseur Balufu Bakupa Kanyinda operiert mit verschiedensten Referenzen, deren Brüche und Verbindungen er durch den Einsatz unterschiedlicher filmischer Sprachen herausarbeitet: Fernsehreportage, Daily Soap, Essayfilm, Film im Film, Experimentalfilm und Spoken Word Performances sind zu einer Collage gefügt, die man "Essay-Spielfilm" nennen könnte.
JuJu Factory erzählt die Geschichte des Schriftstellers Kongo Congo, der in Brüssels 'afrikanischem Viertel' Matongé, lebt und von einem Verlag den Auftrag erhält, ein Buch über sein Quartier zu schreiben. Der Name Matongé rührt von dem berühmten Ausgehviertel in Kinshasa her und steht in Brüssel für die Materialisierung der Verschränkungen zwischen dem Projekt des Kolonialismus und den Projekten der Migration. Die Geschichte dieses heute oft als bunt und lebendig beworbenen migrantischen Viertels lässt sich nicht loslösen von der Erinnerung etwa an Kolonialausstellungen und Völkerschauen. Über die Gräber der sieben 1897 erfrorenen Kongolesen in Tervuren haucht der Schriftsteller Kongo Congo als leise Erkenntnis: "C’est ici que Matongé est né." / "Hier hat Matongé begonnen."
Statt wie gefordert eine Art Touristenführer, entwickelt Kongo Congo anhand von Notizen über die Menschen, denen er in Matongé tagtäglich begegnet, eine komplexe historische Narration des Viertels. Zwischen dem Autor und Joseph Désiré, dem Verleger afrikanischer Herkunft, der darauf beharrt, Belgier genannt zu werden, und sich nicht scheut, in manchen Situationen gar die Statue von König 'Monseigneur' Leopold II. um Rat zu fragen, entfacht sich ein unerbittlicher und aberwitziger Konflikt. Wenn dann Kongo Congo seinen "belgisierten" Verleger auch noch auffordert, doch "mal zu Doktor Fanon zu gehen", öffnet sich der Filmerzählung eine Tür, die nicht nur zu Franz Fanons kolonialismuskritischem Klassiker Peau Noire, Masques Blancs führt, sondern auch zum blutigen Regime des kongolesischen Staatschefs Joseph Désiré Mobutu, der mit tatkräftiger Unterstützung des westlichen Blocks den kurzen emanzipatorischen Aufbruch im Kongo anfangs der 1960er Jahre im Keim erstickte.
Durch den Blick eines im Exil lebenden Literaten gesehen, verwebt JuJu Factory Widersprüche, Konflikte und unterschiedlichste Alltagsbelange der Diaspora sowie den Versuch, ihre Geschichte zu schreiben, zu einer neuen gemeinsamen Historie Kongos und Belgiens jenseits von gängigen Klischees. Angesiedelt in einer europäischen Großstadt zeichnet der Film Bilder von Menschen afrikanischer Herkunft, die in ihrer unaufgeregten Selbstverständlichkeit auf europäischen Leinwänden als ein Novum auffallen.
Biographie: Balufu Bakupa Kanyinda
Der Schriftsteller und Filmemacher Balufu Bakupa Kanyinda wurde 1957 in Kinshasa geboren. Er studierte Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie in Brüssel. Nach seinen Filmstudien in Frankreich, Großbritannien und den USA drehte er zahlreiche sowohl Dokumentar- als auch Spielfilme. Zurzeit lehrt er Film in New York und Ghana.
Balufu Bakupa Kanyinda schreibt auch Romane, Drehbücher und ist als Filmproduzent tätig.
Sein jüngster Film JuJu Factory gewann den "Goldene Dhow", den ersten Preis des Internationalen Filmfestivals in Sansibar 2007, sowie die ersten Preise in Innsbruck (Österreich), Nairobi (Kenia) und Apt (Frankreich).
Filmographie:
- Dix mille ans de cinéma (in partim...), Doku-mentarfilm, 13 min., 16 mm. Scolopendra Produc-tions, Frankreich, 1991.
- Thomas Sankara, Dokumentarfilm, 26 min., 16 mm. Channel Four, UK, 1991.
- Le damier – Papa national oyé !, Spielfilm, 40 min., 35 mm. Dipanda Yo!, Demokratische Republik Kongo – Centrale Productions & CENACI, Gabun – Myriapodus, Frankreich, 1996.
- Bongo Libre, Dokumentarfilm, 26 min., 16 mm. Dipanda Yo!, Demokratische Republik Kongo – Myriapodus, Frankreich, 1999.
- Article 15 bis, Spielfilm, 15 min., 35 mm.
- Watt, Spielfilm, 19 min., 35 mm. Dipanda Yo!, Demokratische Republik Kongo – Akangbé Productions, Frankreich, 1999.
- Balangwa Nzembo (l’ivresse de la musique congolaise), Dokumentarfilm, 52 min., 16 mm. Dipanda Yo!, Demokratische Republik Kongo – Myriapodus, Frankreich, 1999.
- Afro@digital, Dokumentarfilm, 52 min., Akangbé Productions, Frankreich – Dipanda Yo!, Demokra-tische Republik Kongo, 2002.













