Persönlicher Bericht: Festival afrikanischer Filme in Bonendale/ Kamerun

Persönlicher Erfahrungsbericht von Ingeborg Mautner, Lehrende am BRG 6 Marchettigasse, Wien, das seit 2007 eine Schulpartnerschaft mit dem Collège du Levant, Bonabéri/ Douala pflegt. Frau Mautner beschreibt im Folgenden ihre Erfahrungen während ihrer ersten Begegnung mit dem afrikanischen Kontinent.

Festival afrikanischer Filme in Bonendale/ Kamerun
unterstützt vom EED, 5. bis 30. Juli 2008
Persönliche Sichtweise einer ersten Begegnung mit Afrika
von Ingeborg Mautner , Bonabéri/ Douala

Dem Leben näher…

Das ist Afrika! Alles fließt ineinander, vieles passiert, auch gleichzeitig, oder überraschend, weniger geplant, doch konzipiert, nicht zufällig, vielleicht gefügt. Das Leben geschieht, man nimmt es wahr, man lässt sich drauf ein, man nimmt es an. Man fühlt sich dem Leben näher!

In Afrika gelandet…
Landeanflug über tropische Wälder und verzweigte Flussläufe, lebhaftes Treiben auf dem International Airport Douala, unvorstellbar lebhaftes Treiben: dichtes Gedränge ankommender und wartender Menschen, Unmengen von Koffern nahezu gleichzeitig landender Flugzeuge auf einem einzigen Förderband. Das Bild ist so überwältigend, dass ich einfach nur lache über diese erste Herausforderung Afrikas an mich, die an wohlgeordnete Strukturen gewöhnte Europäerin. Gelassenheit, der Koffer kommt, das Chaos funktioniert!

Afrikanische Filme in einem Dorf…
Kaum angekommen, erwartet mich am nächsten Tag eine weitere außergewöhnliche Faszination. Eine Tafel vor der Fondation AfricAvenir International in Bonabéri/ Douala lädt zur Eröffnung der „Projection des films africains dans les villages“ mit Prince Kum’a Ndumbe III am 5. Juli 2008 in die Turbo Bar nach Bonabataka-Bonendale, ein Dorf in unmittelbarer Umgebung der Wirtschaftsmetropole Douala. Erstmals werden afrikanische Filme in Dörfern gezeigt und in die Muttersprache dieser Region, Duala, übersetzt. Ich lasse mich drauf ein! Die Fahrt dorthin auf vom Regen durchlöcherter Straße fügt sich in mein Afrikabild: Stadt und Land fließen ineinander, ohne Widerspruch Apartmenthäuser neben Bananenstauden. Nur Kühe hätte ich nicht vermutet in Kamerun!

Die Eröffnung des Festivals findet im Freien statt, jung und alt strömt herbei: Kino in Afrika! Die Anordnung der Sessel lässt auf eine bestimmte Sitzordnung schließen, weshalb ich sehr dankbar bin, dass ich als Gast der Fondation AfricAvenir International zu meinem Platz begleitet werde. Dort sitze ich nun und nehme alle Eindrücke in mich auf: kleine Kinder neben alten Menschen, einfache Holzstämme als Halterung für die Filmleinwand neben modernster Projektionstechnik, Vertreter aktueller politischer Macht neben Würdenträgern traditioneller Gesellschaftsordnung. Das ist Afrika! Das unmittelbare Nebeneinander, ja sogar Miteinander scheinbar unvereinbarer Gegensätze. Die profunde Akzeptanz des Anderen. Als historischen Moment sogar bewertet Prince Kum’a Ndumbe III diese Tatsache, dass politische Vertreter offizieller Regierungsämter und politische Vertreter der traditionellen vorkolonialen Ordnung erstmals gemeinsam ein Festival der Fondation AfricAvenir International eröffnen. Das duale Gesellschaftssystem, die Koexistenz aktueller und traditioneller politischer Macht, in den postkolonialen Staaten Afrikas könnte nicht deutlicher zu Tage treten!

Eröffnungsworte werden gesprochen, die Initiative von AfricAvenir gelobt und die Idee von Prince Kum’ a Ndumbe III bewundert. Die Botschaft ist klar: Die Rückbesinnung auf das afrikanische Genie, die eigenen kulturellen und spirituellen Werte, die besonders in den Dörfern noch unverfälscht vorhanden sind, sollen zur Basis zukünftiger Gestaltungskraft werden. Das Medium Film erscheint in einer Gesellschaft, in der eher erzählt und zugehört als gelesen wird, besonders geeignet. Die Themen der ausgewählten acht afrikanischen Filme berühren das unmittelbare Lebensumfeld der Zuschauer und stehen so in einem beabsichtigten Kontrast zu den geläufigen amerikanischen, europäischen und asiatischen Filmen. Doch das ist nicht das einzig Besondere an diesem Filmfestival: Alle Filme werden von Merveille Moukoko in die Muttersprache der Dorfbewohner, Duala, übersetzt und anschließend zweisprachig diskutiert. Ein starkes Zeichen im Internationalen Jahr der Sprachen! Diese junge Frau ist es auch, die die jeweils anschließende Diskussion in Französisch und Duala geschickt moderiert. Ihre Persönlichkeit allein vereint authentisch afrikanische Tradition und Moderne!

Nicht nur der Eröffnungsfilm „Sia, le rêve du python“ von Dani Kouyaté, der fragwürdige Traditionen entlarvt, fordert die Zuschauer in ihrem Denken und Fühlen heraus und regt zu interessanten Diskussionen an. Am zweiten Filmabend stellt „Pièces d’identité“ von Mwézé Dieudonné Ngangura die Identitätsfrage und provoziert eine Wertediskussion, „La nuit de la vérité“ von Fanta Régina Nacro zeigt den schwierigen Weg zum Frieden nach ethnischen Konflikten, „Yellow Card“ von John Riber thematisiert jugendgerecht am Beispiel eines Fußballtalents den verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität, und „La petite vendeuse du soleil“ von Djibril Diop Mambety bringt auf liebenswerte Art und Weise das Schicksal afrikanischer Straßenkinder näher. Die Präsentation von „Ceddo“, „Le mandat“ und „Camp de Thiaroye“ sehe ich als eine Hommage an Sembène Ousmane, den Pionier des afrikanischen Films. Das Spektrum der gezeigten Filme berührt sowohl traditionelle als auch hochaktuelle Probleme afrikanischer Gesellschaften. Gratulation dem jungen Team von AfricAvenir zur Auswahl der Filme!

Afrikanische Gesprächskultur…
Aufmerksam und konzentriert folgen die Zuschauer den Filmen und artikulieren anschließend – oder auch bereits während der Filme – in Duala und Französisch ihre Betroffenheit von den Inhalten und ihr Bedürfnis nach Austausch mit anderen. Man hat das Gefühl, dass die Emotionen ihren Ausdruck finden müssen! Probleme werden nicht tabuisiert, sondern eingehend diskutiert.

Die Geborgenheit der Gemeinschaft scheint dabei ein besonderes Gefühl der Sicherheit für derart offene Worte zu vermitteln. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte melden sich zu Wort, Pastoren, Künstler, Journalisten, Juristen, Mediziner, Abgeordnete, Bürgermeister, Regierungsvertreter, Schneider, Elektriker, Fischer, Bauern, Beamte, Lehrer, Schüler, Studenten – eine einmalige Mischung verschiedener Genres und Berufsgruppen, des formellen und informellen Sektors, von Dauerbesuchern und Zufallsgästen – legen ihre Sichtweisen dar.

Die Ernsthaftigkeit der Diskussion fällt auf und die Tatsache, dass jeder Sprecher in Ruhe aussprechen kann. Niemand fällt ins Wort! Die Zuhörer geben dem Gesagten Raum und Zeit. Für mich schwingt dabei sehr viel Respekt vor der Meinung und dem Standpunkt anderer mit, aber ebenso die bescheidene Haltung, dass man von anderen lernen kann und nicht selbst schon alles besser weiß. Zutiefst beeindruckt von dieser Gesprächskultur freue ich mich für die Kinder, die in diesem natürlichen Umfeld von jung und alt ihre „kommunikativen Fähigkeiten“ – so würde man es wahrscheinlich in Europa nennen – schulen können. Für den Eindruck dieser offenen Diskussionskultur bin ich außerordentlich dankbar. Anlass zur kritischen Selbstreflexion!

Perspektivenwechsel…
Dank der offiziellen Vorstellung meiner Person durch Prince Kum’a Ndumbe III als Mitglied von AfricAvenir ist meine Anwesenheit und Rolle klar. Doch wie erlebe ich mich? Anders unter vielen zumindest äußerlich gleichen, sehr weiß unter schwarz! Um das Festival zu dokumentieren, fotografiere ich viel, fühle mich dabei aber nicht wirklich wohl: Europäerin auf Fotosafari! Glaube auch, eine gewisse Skepsis einiger alter Menschen zu bemerken. Die Kinder hingegen genießen es, fotografiert zu werden: noch ein Foto, noch ein Foto!

Ein kleines Mädchen ist es dann auch, das mich jeden Abend erwartet und zu meinem Platz begleitet – neben seine Großmutter! Das ist nun sozusagen mein Platz in der Gemeinschaft, eine große Ehre! Von Abend zu Abend wird meine Anwesenheit mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit und gegen Ende habe ich das Gefühl, schon fixer Bestandteil der Veranstaltung zu sein und gar nicht mehr als so fremd wahrgenommen zu werden. Ein Bewohner des Dorfes bedankt sich sogar am letzten Abend bei mir für mein nachhaltiges Interesse und Engagement für die Ideen von AfricAvenir. Das freut mich sehr!

Afrika… Afrika...
Mit großer Begeisterung wird auch der letzte Abend vorbereitet. Wird das Wetter mitspielen? Tropische Regen während der Regenzeit sind gewöhnungsbedürftig! Zu Beginn des lauen Abends präsentiert eine Gruppe von Künstlern traditionelle afrikanische Musik und Tänze. Danach wechseln an Prince Kum’ a Ndumbe III gerichtete Dankesworte verschiedener Würdenträger, wie zum Beispiel des Königs der Bakoko, mit persönlichen Worten und Eindrücken zahlreicher Festivalbesucher, von denen einige alle acht Filme gesehen haben!

Besonders hervorzuheben ist die Aussage eines Malers aus Bonendale, der nach dem ersten Filmabend seine Kinder zu allen weiteren mitgenommen hat, um ihnen die Botschaft der Filme nicht vorzuenthalten. Sein Sohn ist es auch, der sich als jüngster Teilnehmer, mit neun Jahren, bei einer Diskussion zu Wort meldet: „Ich habe aus dem Film („Camp de Thiaroye“) gelernt, dass man Lügnern keinen Glauben schenken darf!“ Treffsicher eine Botschaft dieses Films erfasst! Der Abschlussfilm „La petite vendeuse du soleil“ berührt auf sehr subtile Weise, die Möglichkeit zur Diskussion an diesem Abend weicht einem herzlichen Empfang durch die Dorfbewohner. Auch dabei haben die Prinzen und Könige, die Männer und Frauen ihren Platz.

Diesmal ist es Merveille Moukoko, die mich in diese Gesellschaft begleitet. Sie vermittelt mir das Gefühl, dass Menschen für Menschen einfach da sein können, um ein harmonisches Zusammenleben möglichst reibungslos zu gestalten. Das dürfte, wie mir scheint, in der bisweilen für europäische Augen beschwerlich anmutenden afrikanischen Lebensumwelt ein unausgesprochener Grundkonsens sein! So ergibt es sich auch, dass wir bei der Heimfahrt statt zu zweit zu fünft im Auto sitzen, denn… nun beginnt der tropische Regen!

Großes Medieninteresse…
Nicht nur die Akzeptanz und das nachhaltige Interesse der Bevölkerung sind beeindruckend – viele Besucher werden neue Mitglieder von AfricAvenir International –, sondern auch die Aufmerksamkeit und Präsenz der Medien ist überwältigend. Die außergewöhnliche Idee von Prince Kum’a Ndumbe III, afrikanische Filme in Dörfern zu zeigen und diese anschließend sowohl in einer der offiziellen Amtssprachen, nämlich Französisch, als auch in einer der regionalen Muttersprachen, in diesem Fall Duala, zu diskutieren, wird bewundert und das Ereignis aufmerksam verfolgt. Radio und Fernsehen bitten um Interviews und Reportagen. In den wichtigsten Tageszeitungen Kameruns erscheinen zum Teil ganzseitige Artikel an prominenten Stellen: in „Le Messager“, in „Mutations“, in „La Nouvelle Expression“ und in „Cameroon Tribune“, der staatlichen Regierungszeitung. Eine angemessene Bestätigung des jahrzehntelangen Weges von Prince Kum’a Ndumbe III und eine Würdigung seiner Arbeit im Sinne einer Afrikanischen Renaissance!

Lernen von Afrika…
In Gesprächen mit Prince Kum’ a Ndumbe III kommen weitere für mich wesentliche Details zutage. Wie ich erfahre, ist das Filmfestival nicht einfach „veranstaltet“ worden, sondern die betroffene Dorfbevölkerung von Anfang an in die Gestaltung miteinbezogen worden. Allein die Auswahl des Veranstaltungsortes ist eingehend diskutiert worden, bis die Entscheidung für die Turbo Bar gefallen ist. Die Notabeln, Berater des Königs, haben das letzte Wort! Ihre Meinung und ihre Haltung sind ausschlaggebend für die Akzeptanz einer Veranstaltung in der lokalen Bevölkerung. Eine politische Handlung, die man nicht unterschätzen sollte!

„Bamako“ in Wien…
So ein Zufall! Ausgerechnet ein afrikanischer Film, „Bamako“ von Abderrahmane Sissako, der das alltägliche Leben in der Hauptstadt Malis fragmentarisch schildert und in Form einer fiktiven Anklage gegen IWF und Weltbank die Probleme Afrikas hautnah miterleben lässt, sollte mich in einem Wiener Kino so faszinieren und zur besten Reisevorbereitung für meine erste Begegnung mit Afrika werden. Vielleicht doch… Fügung?

© Copyright AfricAvenir 2014