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Vorführung des letzten Spielfilms des ägyptischen Meisterregisseurs Youssef Chahine „Chaos – Heya Fawda“ (Ägypten, OmU), am Sonntag 30. September 2012 um 17 Uhr, Hackesche Höfe Kino

Am Sonntag, den 30. September 2012 um 17 Uhr lädt AfricAvenir zur Vorführung von  „Chaos (Heya Fawda)“ (OmU), dem letzten Film des vielfach ausgezeichneten Doyen des ägyptischen Kinos Youssef Chahine ins Hackesche Höfe Kino. Der nun verstorbene 81-jährige Chahine und sein Ko-Regisseur Khaled Youssef führen uns im Jahr 2007 in das kosmopolite Choubra, einem Viertel von Kairo, das einst für das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft und Konfession bekannt war. Inzwischen herrscht hier der korrupte Polizeioffizier Hatem, den alle Bürger/innen fürchten und hassen. Allein Nour, eine junge Frau, der er nachstellt, wagt es, sich gegen ihn zu wenden. Insgeheim ist sie verliebt in Cherif, den brillanten und ehrlichen Assistenten des Staatsanwalts. Eifersüchtig geworden, versucht Hatem die Liebe der beiden zu verhindern. Er will die hübsche Nour für sich allein. Er verfolgt sie und macht ihr Leben zum Alptraum. Doch seine enttäuschte Liebe führt ihn ins Verderben...

Der letzte Film des weltberühmten Altmeisters des ägyptischen und arabischen Kinos ist weit mehr als eine Liebeskomödie, es ist eine politische Abrechnung mit dem ägyptischen Staat und gleichzeitig eine klarsichtige Prophezeihung, wenn nicht sogar eine Aufforderung zum zivilen Ungehorsam und zur Revolution. Wie so oft in seinen Filmen, forderte Chahine, der berühmt dafür war, dass er kein Blatt vor den Mund nahm, damit die staatlichen Zensoren heraus und gewann. Die unterschwellige Energie der Rebellion gegen den repressiven Polizeiapparat, die 2011 zur Revolution führte, nimmt Chahine in Chaos in beeindruckender Weise vorweg. „Der Ausbruch der populären Wut, der pazifistische und zivile Charakter der Demonstrationen, sowie, gegenüber, die Gewalt und Brutalität des Polizeistaats und seiner repressiven Methoden, das was drei Jahre später passieren würde ist hier bereits angekündigt.“ Tahar Chikhaoui, Africiné

Im Anschluss an den Film findet ein Publikumsgespräch mit der ägyptischen Politologin Hoda Salah  statt.

Die Veranstaltung findet mit freundlicher Unterstützung des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) statt.

Der Film wird auf Arabisch mit deutschen Untertiteln gezeigt. Hier der Trailer (mit frz. UT).



Mit
Khaled Saleh, Mena Shalaby, Hala Sedky, Youssef El Sherif, Hala Fakher

Team
Youssef Chahine, Khaled Youssef (Regie), Nasser Abdel Rahman (Drehbuch), Ramsis Marzouk (Kamera), Mostafa Aly (Ton), Ghada Ezzedine (Schnitt), Dominique Hennequin (Mischung), Yasser Abdel Rahman (Musik), Gaby Khoury–Misr (International Films (Ägypten), Rachid Bouchareb, Jean Brehat, Muriel Merlin (3B Productions (Frankreich)) (Produktion / Produzenten), Sunny Land Film, France 2 Cinema (Co-Produktion)

Pressestimmen
„Youssef Chahine, der 81-jährige Altmeister des ägyptischen Kinos, hat seine Kritik am ägyptischen Staat in eine Mischung aus grellem Melodram und Slapstick-Komödie verpackt. Bewusst setzt er auf kantige psychologische Profile seiner Figuren. Nur scheinbar aber ist dieses Prinzip (...) Ausweis einer TV-Soap-artigen Ästhetik. Es geht darum, einen Querschnitt durch eine in sich zerrissene Gesellschaft zu legen, der klare Fronten sucht und Positionen verdeutlichen will: korrupte Polizei, gleichgültige Parteien, Islamisten und eine dekadente „jeunesse dorée“ hier, emanzipierte Frauen, Studenten, die aufgeklärte Justiz und die hart arbeitenden kleinen Leute dort. Dieses Ensemble führen Chahine und sein Co-Regisseur Youssef in einen mitunter ruppig-burlesken Reigen.www.infomedia-sh.de

„Einer Prophezeihung der Revolution des 25. Januars am nächsten kommt der Film Heyya Fawda (Chaos), Chahines letzter, der (...) mit einem Volksaufstand gegen eine Polizeistation endet.“
 Al-Ahram Weekly

"Der ägyptische Altmeister Youssef Chahine führt in ein Stadtviertel von Kairo, das einst für das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft und Konfession bekannt war, inzwischen aber von sozialen und politischen Spannungen geprägt ist. Vor diesem Hintergrund entwickelt sein Film die für ganz Ägypten verallgemeinerbare Fabel eines jungen Staatsanwalts, der gegen einen korrupten und machtgierigen Polizeioffizier antritt und ihn zu Fall bringt. Durchsetzt mit Elementen einer hoch emotionalen Liebesgeschichte und der Komödie erweist sich der Film wie ein didaktisches Pamphlet, das auf eine Rückkehr zu bürgerlichen Regeln und Tugenden, zu Ordnung und Ehrlichkeit pocht." (filmdienst) HH

“Seit seinem Film “Das Schicksal”, der vorausschauened gegen Fundamentalismus warnt, hat Chahine keine solch kraftvolle Aussage über die katastrophale Richtung Ägyptens gemacht”  Variety, September 2007

„Chahines Kino war politisch nicht durch seinen Inhalt, sondern durch die Freiheit seines Blicks“ FAZ, Andreas Kilb

„Jenseits der Anprangerung der Korruption des Polizeiregimes – das zentrale Thema des Films – nehmen die Bilder einer Öffnung auf erstaunliche Weise jene voraus, die über die Bewegung des 25. Januars über die sozialen Medien zirkulierten. Der Ausbruch der populären Wut, der pazifistische und zivile Charakter der Demonstrationen, und dem gegenüber, die Gewalt und Brutalität des Polizeistaats und seiner repressiven Methoden, das was drei Jahre später passieren würde ist hier bereits angekündigt.“ Tahar Chikhaoui, Africiné

Die Regisseure: Youssef Chahine & Khaled Youssef

Youssef Chahine

Geboren am 25. Januar 1926 in Alexandria. Nach einem Jahr Englisch-Studium in der Universität von Alexandria, während dem er sich vor allem um das Theater kümmerte, zog er in die USA. Am Pasadena Play House in der Nähe von Los Angeles besuchte er zwei Jahre lang Seminare zu Film und Dramaturgie. Schließlich holte ihn der Kameramann Alvise Orfanelli, der „Pionier des ägyptischen Kinos“, in die Filmproduktion.

1949, im Alter von 23 Jahren, führte Chahine Regie bei seinem ersten Spielfilm BABA AMINE. Zahlreiche Filme und Auszeichnungen folgten. Chahine’s Filmschaffen während der politischen Ära von Gamal Abdel Nasser (1956-70) war eng mit Nasser’s politischen Konzept des national Projektes, des Pan-Arabismus und dem Kampf gegen Imperialismus, Unterdrückung, sozialer Ungerechtigkeit verknüpft. Drei Filme von Chahine aus dieser Zeit gelten bis heute als nationale Meilensteine und als bedeutsame Beiträge zur nationalen Kultur und Identität. Dies sind “Tatort… Hauptbahnhof Kairo” (1958), der in Ägypten zwanzig Jahre verboten war, “Sultan Saladin” (1963), im Original ursprünglich “El Nasser; Saladin” genannt, und  “The Land”, der die Seele des ägyptischen Landlebens widerspiegelt und bis heute eines der eindrucksvollsten Werke des Weltkinos gegen soziale Ungerechtigkeit darstellt. Sein Weltruhm beginnt in der Post-Nasser Phase. 1970 gewann sein Film "The Choice" den großen Preis des Film Festival von Karthago. Mit "The Sparrow" führte Chahine 1972 bei der ersten ägyptisch-algerischen Co-Produktion Regie.

1979 gewann Chahines Film "Alexandria... Why?" den Silbernen Bären und den Großen Preis der Jury der Berlinale. "Alexandria... Why?" war der erste Teil von Chahines autobiographischer Film-Trilogie, die mit "An Egyptian Story" (1982) und "Alexandria again and forever" (1990) vollendet wurde.

1994 drehte Chahine den Film "The Emigrant" nach einer Geschichte, die vom biblischen Charakter Joseph, Sohn des Jakob, inspiriert war – ein Wunschtraum Chahines seit den 50er Jahren. Während 1997 sein Film "Destiny" auf den Filmfestspielen von Cannes präsentiert wird, erhält Chahine den „Cinquentenaire Prize“ für sein Lebenswerk. 1999 eröffnet sein Film "The Other" die Reihe „Un Certain Regard“ in Cannes. Im Jahr 2001 führt er Regie bei dem Musical "Silence... We're Rolling". 2004 folgte "Alexandria... New York", der die autobiographische Trilogie verlängert.

Bei "Chaos", Chahines bisher letztem Film, wurde der über 80-jährige während der Dreharbeiten von dem jungen Regisseur Khaled Youssef unterstützt. Die finale Version des Films konnte Chahine selbst nicht mehr erleben. Er verstarb am 27. Juli 2008 im Alter von 82 Jahren.

Khaled Youssef 
Der 1965 geborene Khaled Youssef studierte Elektro- und Kommunikationstechnik an der Kairoer Banha Universität. Getrieben durch seine Liebe zum Kino, organisierte Youssef eine Vortragsreihe, zu der er die Größen des ägyptischen Filmschaffens einlud. Einer von ihnen war Youssef Chahine. Als Youssef mit 25 das Studio betrat, indem Chahine gerade drehte wusste er plötzlich, dass er auch Filme machen wollte. Nach mehreren erfolgreichen Projekten, u.a. beim Kassenschlager Al-Maseer, meinte Chaine, Youssef sei bereit, seine eigene Kariere einzuschlagen. Der jedoch entschied sich, noch weiter mit dem Altmeister zu arbeiten, u.a. bei den Filmen Al-Massir (Das Schicksal), Al-Mohagir (Der Migrant), Heya Fawda..? (Chaos)... Erst 2001 brachte er mit Al-Asefa (Der Sturm) seinen ersten eigenen Film heraus, der auf Anhieb die Silberne Pyramide beim Kairo Film Festival gewann. Seither hat Youssef zahlreiche Filme gedreht, von denen einige zu den besten des ägyptischen Kinos zu zählen sind, z.B. "El Rayes Omar Harb" (Herr Omar Harb) oder "Dokkan Shehata" (Shehata Store) mit der libanesischen Starschauspielerin Haifa Wehbe.

Filmografie von Youssef Chahine

  • 1950: Baba Amin (‏بابا أمين‎, DMG Bābā Amīn)
  • 1951: Sohn des Nil (‏ابن النيل‎, DMG Ibn al-Nīl)
  • 1954: Tödliche Rache (‏صراع في الوادي‎, DMG Ṣirāʿ fī l-wādī)
  • 1956: Dunkle Wasser (‏صراع في المناء‎, DMG Ṣirāʿ fī l-mināʾ)
  • 1958: Tatort… Hauptbahnhof Kairo (‏باب الحديد‎, DMG Bāb al-ḥadīd)
  • 1958: Djamila (‏جميلة‎, DMG Ǧamīla)
  • 1963: Sultan Saladin (‏الناصر صلاح الدين‎, DMG al-Nāṣir Ṣalāh al-Dīn)
  • 1965: Der Ringverkäufer (‏بياع الخواطم‎, DMG Bayyāʿ al-ḫawāṭim)
  • 1968: An einem Tag am Nil (‏النص والنيل‎, DMG al-Naṣṣ wa-l-Nīl)
  • 1969: The Land (‏|, الأرض, DMG Al-Ard/TheLand)
  • 1978: Alexandria… warum? (‏اسكندرية... ليه؟‎, DMG Iskandariyya... lē?)
  • 1982: Eine ägyptische Geschichte (‏حدوثة مصرية‎, DMG Ḥaddūṯa miṣriyya)
  • 1985: Adieu Bonaparte
  • 1986: Der sechste Tag (Le sixième jour)
  • 1990: Für immer Alexandria (‏اسكندرية، كمان وكمان‎, DMG Iskandariyya, kamān wa kamān)
  • 1994: Der Emigrant (‏المهاجر‎, DMG al-Muhāǧir)
  • 1997: Das Schicksal (‏المصير‎, DMG al-Maṣīr) [4]
  • 1999: Der Andere – L'Autre (L'Autre)
  • 2001: Sukut Hansawwar (‏سكوت ح نصور‎, DMG Sukūt ḥa nṣawwar)
  • 2002: 11'09"01 – September 11 (Episode)
  • 2004: Alexandrie… New York
  • 2007: Chaos (‏هي فوضى‎, DMG Hiya fawḍā)

Diskutantin: Hoda Salah
Hoda Salah ist Beraterin für politische und kulturelle Angelegenheiten in der Arabischen Welt. Sie berät politische Stiftungen und die Medien. Bis Juni 2012 arbeitete sie im Programm 'Flow By Flow EU Egypt Bridge Building' (FFEEBB), eine Kooperation der Freien Universität Berlin und dem Institut für Politikwissenschaft der Universität Kairo. Das Programm setzte sich vorrangig mit der Rolle der Jugend hinsichtlich der Herausforderungen in der Arabischen Welt auseinander. Zuvor arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients der Freien Universität Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf den Beziehungen zwischen Geschlechterrollen, Religion und Politik in der Arabischen Welt. Sie behandelt Gender-Themen, Frauenbewegungen im Nahen Osten, den islamischen Feminismus, Politische Theorie, Transformationsprozesse im Nahen Osten, Dynamiken der Zivilgesellschaft sowie Islamismus als soziale Bewegung.

Chaos – Heya Fawda
Spielfilm, Drama, Ägypten, Frankreich 2007, 122 Min.
Datum: Sonntag, 30. September 2012 um 17.00 Uhr

Ort: Hackesche Höfe Kino, Rosenthaler Str. 40/41, 10178 Berlin
S Hackescher Markt, U Rosenthaler Platz
Kartenreservierung: (030) 283 46 03
Eintritt: 7,50 €, Ermäßigungen über Berlinpass, Gildepass und Heavy User Card
Weitere Informationen:
 www.hoefekino.de/preise-und-rabatte

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