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Revolution in Burkina Faso - Ein Rundbrief von Inga Nagel

2.10.1987. Thomas Sankara, Paulin Bamouni und Inga Nagel

2.10.1987. Thomas Sankara, Paulin Bamouni und Inga Nagel

Wir veröffentlichen einen Rundbrief der deutschen Journalistin Inga Nagel zur Revolution in Burkina Faso. 1987 führte sie eines der letzten Interviews mit Präsident Thomas Sankara. Seiher ist sie eng verbunden mit Burkina und v.a. mit den Kräften, die gegen das Unrechtsregime Compaorés kämpften.

Port-au-Prince / HAITI, 12.11.2014

Dieser Rundbrief hätte schon längst verschickt sein sollen, doch während ich die letzten Korrekturen vornahm, veränderte sich in Burkina die Welt. In der letzten Oktober¬woche verhinderte ein Volksaufstand die abermalige Verfassungsänderung durch den Präsidenten Blaise Compaoré, die es ihm ermöglicht hätte, am Ende seines Mandats im nächsten Jahr nochmals zu kandidieren und womöglich weitere 15 Jahre im Amt zu bleiben. Mit diesem Ansinnen war er zu weit gegangen. Nun brauchte es nur wenige Tage, um ihn nach 27 Jahren aus diesem Amt zu jagen.

Am 15. Oktober 1987 hatte Blaise Compaoré seinen vormaligen Freund und Kampfesbruder Thomas Sankara töten lassen, um selbst die Macht zu übernehmen. Während der Großteil der Bevölkerung in Armut lebt, wirtschaftete er sich, seinem Clan und einer korrupten Partei- clique hemmungs¬los in die Taschen und beseitigte Regimegegner skrupellos. Von den neokolonialen Kräften war er als Garant für stabile Verhältnisse geschätzt. Frankreich konnte weiterhin seine geopolitischen Interessen vertreten und vermeintlich im Kampf gegen den internationalen Terrorismus das Land als Militär- und Spionagebasis nutzen. Für die Amerikaner war Burkina Eingangspforte für Monsanto. Ein paar Geschenke an die Regierung genügten, um genmanipuliertes Baumwollsaatgut einführen zu dürfen, um nur zwei von vielen Beispielen zu nennen. Im Ausland wurde Compaoré hofiert und gestützt.

Doch die Jugendlichen, die ihr Leben lang nur diesen einen Präsidenten kannten, hatte die Nase gestrichen voll. Seit Jahren verbreitete sich Sankaras Geist aufs Neue und beflügelte viele Menschen. Schon monatelang gab es Proteste gegen die Regierung, landesweit getragen von einer stetig wachsenden Volksbewegung, dem ‚balai citoyen‘ (Bürgerbesen), die entschlossen war, das Land von der korrupten Diktatur zu reinigen.

Mit der Ankündigung, am 30. Oktober über ein Gesetz zur erneuten Verfassungsänderung abstimmen zu lassen, hatte Blaise überreizt. Das Maß war voll. Er hatte die Stimmung im Land völlig falsch eingeschätzt. Der ‚balai citoyen‘ rief zum zivilen Ungehorsam auf; in allen Städten des Landes strömte das Volk auf die Straße. In Ouagadougou wurde der Place de la Nation wieder zum Place de la Révolution, wie zu Sankaras Zeiten. Die Mobilisation ließ nicht nach. Alle Strategien des Regimes, um sicherzustellen, dass korrupte Abgeordnete dem Gesetzesentwurf zustimmten, nützten nichts. Nicht, dass die Vertreter der Regierungsmehrheit bereits vorher in ein ans Parlament grenzendes Luxushotel einquartiert wurden, damit niemand versuchen konnte, sie umzustimmen. Nicht, dass der ganze Bezirk um Parlament und Hotel tagelang vorher von schwerbewaffneten Sicherheitskräften abgeschottet wurde. Nicht, dass den Bürger_innen im Staatsdienst Sanktionen angedroht wurden, sollten sie nicht am Arbeitsplatz sein, während draußen demonstriert wurde. Nicht, dass die tagelang friedlichen Demonstrationen Zehntausender mit Tränengas und Wasser¬werfern gesprengt wurden.

Am 29. Oktober wies der (damalige) Premierminister Luc Adolphe Tiao den Armeechef an, den „Unruhen“ landesweit mit Waffengewalt Einhalt zu gebieten. Doch alles nützte nichts. Im Gegenteil, immer mehr strömten auf die Straße, entschlossen, dieses Mal aufs Ganze zu gehen. Über sämtlich Netzwerke verbreitete sich die Einladung, am 30. Oktober an der Abstimmung im Parlament teilzunehmen, deren Öffentlichkeit in der Verfassung festgeschrieben ist, wohl wissend, dass der ganze Bezirk abgesperrt war. Viele folgten der Einladung, hatten sich schon am frühen Morgen aufgemacht. Und die mutigen Jungs gingen vom Place de la Nation auf die Absperrungen und die gepanzerten  Fahrzeuge zu, mit erhobenen Händen, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren.

Und das Unglaubliche geschah: die Militärs wichen zurück, drehten ihre Fahr¬zeuge, schossen nicht und das Volk ging hinein in die Volkskammer und zerschlug die Abstimmungsmaschinerie, während die Abgeordneten durch die Hintertür das Weite suchten… Bevor sich die weiteren Ereignisse überschlugen, hatte die Regierung gerade noch Zeit, bekanntzugeben, die Abstimmung zur Gesetzesänderung habe nicht stattgefunden. Getragen von diesem Sieg hätten die Demonstranten auch noch den Präsidenten aus seinem Palast geholt, ein Marsch Jugendlicher hatte sich bereits dorthin in Gang gesetzt. Die Stimmung kochte, denn es war zu ersten Todesopfern vor dem Haus des Bruders des Präsidenten gekommen, angeblich durch dessen eigene Hand. Ein schreckliches Blutbad musste in Kosyam befürchtet werden, vor dem Palast, den Compaoré 2007 am Rand von Ouaga 2000 bezogen hatte, war der doch von einer bis an die Zähne bewaffneten Eliteeinheit bewacht, einer ‚Parallelarmee‘ von 1.000 Mann.

Gleichzeitig forderte die aufgebrachte Menge am seit Tagen besetzten Place de la Révolution den Kopf des Präsidenten. Sie skandierten ‚l‘armée au pouvoir‘, denn Gerüchte gingen um, Teile des Militärs hätten sich auf die Seite des Volkes gestellt. Es sind nur Facetten dessen bekannt, was in diesen chaotischen und gleichzeitig entscheidenden Stunden hinter den Kulissen vor sich ging. Der Armeechef eilte zwischen dem im Kosyam verschanzten Compaoré und dem Mogho Naaba hin und her, dem König der Mossi, um dessen friedensstiftenden Einfluss zu nutzen. Mit wem telefonierte der französische Botschafter wohl in diesen Stunden? Welchen Einfluss hat er ausgeübt? Und welche Rolle spielte General Diéndéré, Chef der Präsidentengarde, seit einem Vierteljahrhundert als diskreter „Schatten von Blaise“ bestens informiert über alle Geheimdossiers und Verwicklungen des Regimes in Brandherde der Region? Nichts hörte man von ihm, doch war er es wohl, der die entscheidenden Fäden zog. Es ist gut vorstellbar, dass es Diéndéré war, der seinen Stellvertreter in die vorderste Reihe schob, um die Kontrolle über die Situation zu behalten.

Jedenfalls bestimmte die Armee den weitgehend unbekannten Oberstleutnant Zida dazu, die Führung zu übernehmen, um mit Einver¬ständnis der Koordination des Volksaufstands die Situation zu deeskalieren und Ordnung und Sicherheit wiederherzustellen. Compaoré wurde zu einer Rücktrittserklärung gedrängt. Nachdem ihm nichts anderes übrig blieb, machte er sich durch die Hintertür davon und fuhr mit einem Konvoi von 28 Luxus- und Geländeautos in Richtung ghanaische Grenze. Ein privater Radiosender hielt die Welt (und über Internet auch mich) unermüdlich auf dem Laufenden, während der regierungstreue Sender von den Demonstranten außer Betrieb gesetzt worden war.

Zeugen am Wegesrand berichteten über ihre Handys, wo der Konvoi gerade entlang fuhr. Die Bevölkerung von Pô, einem Ort vor der Grenze, dessen Bedeutung für die burkinische Geschichte nicht mehr erwähnt werden muss, setzte sich in Bewegung, um Blaise gebührend zu empfangen. Weiß der Himmel, was sie mit ihm gemacht hätten, hätten ihn ihre Straßenblockaden aufgehalten. Doch die im Konvoi hörten wohl auch Radio – und kamen nie in Pô an. Vielmehr zweigten sie vorher ab, fuhren in einer unbesiedelten Gegend in den Busch und warteten auf den Hubschrauber, den ihnen François Holland schickte, um den abgedankten Präsidenten außer Landes zu bringen.

Compaoré meldete sich am Tag darauf aus einem Luxusgästehaus der ivorischen Regierung in Yamoussoukro, wohin ihm seine Frau, eine gebürtige Ivorerin schon vorausgeeilt war. In Ouagadougou ließen es sich die Jugendlichen nicht nehmen, die Häuser und Fahrzeuge derer, die sie ihr Leben lang bestohlen und um ihre Zukunft betrogen hatten, zu plündern und anzuzünden. Was leider dazu geführt hat, dass viele Beweisstücke, die zur Klageführung  vor der Justiz hätten dienen können, verloren gegangen sind.

Dem burkinischen Volk ist ein historischer Sieg gelungen, der ein mächtiges Signal aussendet an andere afrikanische Länder, wo Despoten ebenfalls seit Jahrzehnten an ihren Sesseln kleben. In Togo und Gabun gingen Demonstranten die letzten Tage auf die Straße. Doch für Burkina ist es längst nicht ausgestanden. Denn die Bonzen des gestürzten Regimes sind dabei, sich zu sammeln, sich neu zu ordnen. Und vielerorts haben noch Regimetreue das Sagen, wie der Bürgermeister von Bobo-Dioulasso. Derzeit beteuern alle Seiten ihre Einigkeit über das Prinzip eines zivilen Transformationsprozesses, der innerhalb eines Jahres zu Wahlen führen soll. Zida will die Übergangspräsidentschaft bald in die Hände einer von einem Konsens getragenen zivilen Persönlichkeit legen. Doch es dauert…

Emissäre der Organisation der westafrikanischen Staaten, der westafrikanischen Wirtschaftsunion und der  Organisation der afrikanischen Union geben sich in der burkinischen Hauptstadt die Klinke in die Hand, darunter Figuren wie der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan und sein togoischer Kollege Faure Gnassingbé, die für alles andere als demokratische Staatsführung bekannt sind. Und was haben hohe ausländische Diplomaten, z.B. eine amerikanische Staatssekretärin, beim Übergangspräsidenten zu suchen? Es schockierte, dass Diéndéré, den man mit Compaoré im Ausland wähnte, sich immer noch frei in Ouagadougou bewegt und anscheinend noch mitspielt. In wessen Auftrag? Ein Aufschrei ging durch die Reihen der Opposition, als am Verhandlungstisch Angehörige der vormaligen Regierungsmehrheit auftauchten.

Die Vertreter der Zivilgesellschaft haben es zwar erreicht, dass sie des Saales verwiesen wurden, doch was geht hinter den Kulissen vor? Welchen Einfluss übt Françafrique aus? Letztendlich hat die ehemalige Kolonialmacht immer die Fäden gezogen und selten in eine Richtung, die positiv für die Interessen des burkinischen Volkes gewesen wäre. Da nützt es auch wenig, dass die traditionellen Oberhäupter sowie Vertreter aller religiösen Richtungen hinzugezogen wurden.

Militärs und Zivilgesellschaft haben ihre Vorschläge für eine Übergangscharta vorgelegt, die als Verhandlungsbasis dienen, wobei es die Ex-Mehrheit geschafft hat, ihre Forderungen in die Vorschläge der Armee einzubringen. Was die Zusammensetzung des Übergangsrats anbelangt, bestehen grundsätzliche Divergenzen. Das zivile Lager schlägt 90 Abgeordnete vor, darunter 10 Militärs und 10 aus der alten Regierung. Die Armee will nur 60, mit jeweils 15 Sitzen für Opposition, Zivilgesellschaft, Militärs und Ex-Mehrheit. Die Armee ist auch nicht mit dem Vorschlag einverstanden, eine „Kommission für Aussöhnung und Reformen“ einzusetzen, die sich für die Wirtschaftsverbrechen und die Beseitigung von Regimegegnern durch das gestürzte Regime interessieren würde.

Ich wage es nicht, zum gegebenen Zeitpunkt irgendeine Prognose zu stellen. Alles ist möglich. Haitianische Freunde haben die Entwicklung in Burkina verfolgt. Sie ziehen Parallelen zu 1986, als das haitianische Volk den Diktator Jean-Claude Duvalier verjagte. Ein Flugzeug der amerikanischen Armee brachte in außer Landes und er blieb 25 Jahre im französischen Exil. Nach seinem Abgang kam es in Port-au-Prince zu Plünderungen und Racheakten, die viele Tonton Makout und regimenahe Personen das Leben kosteten. In Burkina kamen lediglich Demonstranten ums Leben, getroffen von scharfer Munition. Regierungs¬mitgliedern und Parteibonzen wurde kein Haar gekrümmt. Auch in Haiti übernahm das Militär die Führung, um die Ordnung wiederherzustellen, denn es herrschte Chaos und Anarchie. Die Transition dauerte vier lange Jahre, in denen sich Duvalier-nahe Militärs an Grausamkeiten und Menschenrechts-verletzungen überboten. Erst 1990 wurde das Zepter an Zivilisten übergeben, um den Weg für Wahlen frei zu machen, aus denen Aristide als Sieger hervorging.

Wenn Ihr diesen Brief lest, wird in Ouagadougou hoffentlich ein Zivilist, vielleicht eine Frau, die Leitung übernommen haben. Aller Wahrscheinlich nach werden auch Vertreter des alten Regimes im Übergangsregime sitzen, ebenso Militärs. Die Volksbewegung um den ‚balai citoyen‘ wird außen vor bleiben…
 
2. Oktober 1987, Thomas Sankara (15.10.87†) , Paulin Bamouni (15.10.87†) und Inga Nagel

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