Über den Imperialismus in unseren Tellern... Zum Gedenken an Thomas Sankara und anlässlich des bevorstehenden Welthungertages

Am 15. Oktober 2014 gedenken wir des 27. Todestages von Thomas Sankara, am Tag darauf findet der Welthungertag statt – oder sollen wir ihn wirklich Welternährungstag nennen? Ein günstiger Anlass, einige Gedanken zum Hunger in der Welt zu entwickeln.

Schauen wir nach Burkina Faso: Das kleine westafrikanische Land gehört zu den ärmsten, klimatisch schwierigsten, vom wirtschaftlichen Weltgeschehen am weitesten abgehängten der Welt. Thomas Sankara, Präsident Burkina Fasos von 1983 bis 1987, war eines der ersten afrikanischen Staatsoberhäupter, die die globalen Zusammenhänge zwischen Imperialismus, (Neo-) Kolonialismus, Kapitalismus und Ernährung nicht nur deutlich erkannt, sondern auch als solche klar benannt haben:

„Manche fragen : Wo ist er denn, der Imperialismus? Der Imperialismus – schaut in eure Teller! Wenn Ihr importierte Reis-, Mais-, Hirsekörner esst – das ist der Imperialismus, ihr braucht gar nicht weitersuchen!“

Sankara führt weiter aus, dass jene, die anderen zu Essen gäben, diesen ganz natürlich auch ihren Willen aufzwängen, und dass die internationale „Hilfe“ in Form von Nahrungsmitteln die eigenen Kräfte blockiere und ganze Völker zu Bettlern degradiere.

Hat Sankara übertrieben? Vieles spricht dagegen. Es gibt unzählige Beispiele, inwieweit Ernährungsfragen in engem Zusammenhang mit Imperialismus, Kolonialismus und Kapitalismus stehen, und wo wir schon von Sankara sprechen, können wir auch gleich beim Beispiel Burkina Faso bleiben.

Das mitten im Westteil des afrikanischen Kontinents gelegene Land hat mit seinen knappen Ressourcen und unzuverlässigen Niederschlägen von Natur aus ein recht begrenztes Agrarpotenzial. Nichtsdestotrotz ist eine relative Unabhängigkeit von Nahrungsmittelimporten bis hin zu einer bescheidenen Exportwirtschaft zumindest theoretisch möglich. Statt nun aber, wie es logisch erschiene, an Klima, Böden und Kultur angepasstes Saatgut zur Produktion von Feldfrüchten zu verwenden, welche dann – ohne größere Entfernungen und Exportschranken überwinden zu müssen – burkinische Mägen füllen könnten, wird einerseits noch immer die zwar hochwertige, aber ökologisch und wirtschaftlich katastrophale und vor allem nicht essbare Baumwolle für den Exportmarkt produziert, und andererseits ein Großteil des enormen Reiskonsums der Bevölkerung mit minderwertigen, teils seit Jahren überlagerten asiatischen Importen gedeckt.

Bleiben wir doch gleich beim Reis: diese Importe überschwemmen den lokalen Markt und bedrängen die burkinischen Reisbauern, obwohl das Land über ein hohes Reisanbaupotenzial verfügt und dieser dort, wo er produziert wird, von guter Qualität ist. Das Problem besteht also nicht in der landwirtschaftlichen Produktion, sondern kann an anderen Stellen lokalisiert werden: fehlende oder schlecht ausgestattete Verarbeitungsbetriebe, mangelhafte Infrastrukturen, schwach ausgebildete Absatzmärkte und Vermarkungsstrategien und, last but not least: nicht konkurrenzfähige Preise durch ungerechte internationale Marktbeschränkungen und Handelshemmnisse.

Kommen wir zurück zur Baumwolle. Warum sollte ein burkinischer Kleinbauer denn überhaupt auf seinem meist kleinen Stückchen Land anstelle von den im eigenen Haushalt benötigten Nahrungsmitteln dieses „weiße Gift“ für den kaum lohnenswerten Export (vor Ort fehlen Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen fast vollständig) anbauen? Ganz einfach: weil er Geld braucht. Für Saatgut, Dünger und sonstige Betriebsmittel, und, ganz wichtig: Geld für die Ausbildung seiner Kinder (in den meisten afrikanischen Ländern werden nach wie vor Schulgelder erhoben). Ein zweiter Grund für den fortwährenden Baumwollanbau ist darin zu suchen, dass ein burkinischer Kleinbauer hierfür im Gegensatz zu den meisten anderen Feldfrüchten erleichterten Zugang zu landwirtschaftlichen Krediten hat, weshalb viele Produzenten zumindest einen Teil ihres Landes der Baumwolle „opfern“ und die Kredite dann in Betriebsmittel für ihre Subsistenzkulturen investieren.

Die Perversion (neo-) kolonialer und kapitalistischer Strukturen führt in diesem Falle so weit, dass ebendieser Bauer möglichweise die von ihm im Schweiße seines Angesichtes erwirtschaftete Baumwolle, die über die Elfenbeinküste aus dem afrikanischen Kontinent förmlich herausgepumpt und nach Asien verschifft wird, wo sie verarbeitet und dann in Europa vermarktet wird, nach einigen Jahren als Second-Hand-T-Shirt zu einem Vielfachen dessen, was er für die Rohbaumwolle erhalten hat, in Ouagadougou am Straßenrand kauft.

Die vielfältigen Abhängigkeiten, in denen die burkinische Nahrungsmittelwirtschaft steckt, ist exemplarisch für einen Großteil der armen Länder und als ursächlich für den heute – eine Schande – noch immer auf der Welt existierenden Hunger zu betrachten. Vergessen wir dabei nicht, dass es die gleichen Abhängigkeiten sind, die auf der anderen Seite der Welt für unsere Übersättigung verantwortlich sind.

Thomas Sankara hat das, was heute in der Entwicklungszusammenarbeit als „landwirtschaftliche Wertschöpfungskette“ in aller Munde ist, schon während seiner Präsidentschaft zum Zentrum seiner Bemühungen gemacht. Unter der Maxime „lokal produzieren, lokal konsumieren“ war er dabei bedeutend weitsichtiger als die meisten seiner Zeitgenossen, bezog er doch bereits agrarökologische Überlegungen in seine Neukonzeption der afrikanischen Land- und Nahrungsmittelwirtschaft ein. Jahrzehnte später, nach einem langem Schattendasein der (vor allem kleinbäuerlichen) Landwirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit, wird der internationalen Gemeinschaft plötzlich wieder bewusst, was es eigentlich ist, das über das Leben oder Sterben eines jeden einzelnen Menschen entscheidet: Nahrung.

Nehmen wir uns doch anlässlich unseres Gedenkens an den Präsidenten Thomas Sankara sowie an all jene, die im Jahr 2014 noch Hunger erleiden, folgendes Zitat zu Herzen: „Produzieren wir das, was wir konsumieren, anstatt es zu importieren. Das ist die einzige Art und Weise, frei und würdig zu leben“.

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