
Chronologie der afrikanischen Un-Abhängigkeiten: 1935 – 1994 (Auszug)
Die historische Chronologie der afrikanischen Un-Abhängigkeiten: 1935 - 1994 wurde von Eric Van Grasdorff zusammengestellt. Grundlage für die Auswahl bilden verschiedene Werke, v.a. die sehr ausführliche historisch-kulturelle Chronologie in Okwui Enwezors The Short Century – Independence and Liberation Movements in Africa 1945-1994, die politische Chronologie in Band VIII der UNESCO General History of Africa, Africa since 1935, die von South African History Online (SAHO) veröffentlichte Chronologie Colonialism, Arts, Protest & Independence und die literarische Chronologie im Band 10 der vom Musée du Quai de Branly herausgegebenen Publikation Gradhiva zum Thema Présence Africaine – Les conditions noires: une généalogie des discours.
Die Auswahl der Ereignisse ist subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Wie der von Ali A. Mazrui herausgegebene Band VIII der UNESCO General History of Africa, beginnt die Chronologie mit dem Jahr 1935, Zeitpunkt des italienischen Angriffs auf Äthiopien und entsprechend Beginn des Zweiten Weltkriegs auf dem afrikanischen Kontinent. Nach Mazrui erhalten in dieser Zeit der afrikanische Nationalismus und der Pan-Afrikanismus eine neue Stoßkraft. Die internationale Empörung in Afrika und der gesamten Diaspora über die italienische Besetzung Äthiopiens, gepaart mit den Erfahrungen hunderttausender afrikanischer Kolonialsoldaten, die zum großen Teil an der Seite der Alliierten gegen den Faschismus und für „Freiheit und Gleichheit“ gekämpft haben, führen unweigerlich zur Forderung nach Autonomie und Unabhängigkeit.
1994, so Nelson Mandela bei seiner ersten Rede als demokratisch gewählter Präsident Südafrikas vor der OAU in Tunis, ging eine Epoche mit ihren historischen Aufgaben zu Ende, womit der Prozess der formellen oder politischen afrikanischen Unabhängigkeiten gemeint ist. Nun müsse eine andere Epoche beginnen, mit ihren eigenen Herausforderungen, eine Epoche des Wiederaufbaus und der Wiedergeburt Afrikas.
Die vollständige Chronologie ist in der Publikation "50 Jahre afrikanische Un-Abhängigkeiten - Eine (selbst-)kritische Bilanz" erschienen, zu bestellen unter:publication
1935
Nnamdi Azikiwe, der spätere erste Präsident Nigerias, gründet The West African Pilot, eine nigerianische nationalistische Zeitung. ♦ Am 3. Oktober fallen Mussolinis Truppen in Äthiopien ein. Beginn des Zweiten Weltkriegs in Afrika. Nur mit massivem Einsatz von Giftgas auch gegen die Zivilbevölkerung stoßen die Italiener bis zur Hauptstadt Addis Abeba vor. Obwohl die italienische Armee die Oberschicht des Landes mit Massenerschießungen zu vernichten versucht, gelingt es ihr zu keinem Zeitpunkt, das ganze Land zu kontrollieren. Zwischen 1935 und 1941 fallen zwischen 350.000 und 760.000 Äthiopier/innen dem italienischen Expansionsdrang zum Opfer. ♦ In Westafrika geht ein Aufschrei gegen die italienische Invasion Äthiopiens durch die nationalistischen Zeitungen wie z.B. The Sierra Leone Weekly, Nigerian Daily Times, Vox Populi in der Goldküste (heute Ghana), The Gold Coast Spectator und The West African Pilot. ♦ Die International African Friends of Abyssinia wird von Persönlichkeiten wie Jomo Kenyatta, George Padmore u.a. als Reaktion auf die italienische Invasion Äthiopiens gegründet. ♦ MISR Studio, Afrikas erstes Filmstudio, wird in Ägypten eröffnet.
1936
Äthiopiens Kaiser Haile Selassie muss ins Exil nach Genf fliehen und ruft vergeblich den Völkerbund auf, Äthiopiens Souveränität wiederherzustellen.
1937
Nnamdi Azikiwe und Herbert Macaulay gründen die National Convention of Nigeria and Cameroon in Lagos, die erste nationalistische politische Partei mit einer breiten Mitgliederbasis. ♦ Die International African Friends of Abyssinia wird zum International African Service Bureau (IASB), organisiert Veranstaltungen zum Thema Recht der Völker auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit und gründet die Zeitung International African Opinion in Nigeria. ♦ Februar: Anschlag von äthiopischen Widerstandskämpfer/innen auf den italienischen Marschall Graziani, bei einem Empfang in Addis Abeba. Dessen faschistische Garde metzelt daraufhin 300 äthiopische Gäste nieder. ♦ Nnamdi Azikiwe veröffentlicht Renascent Africa, ein Buch über die Idee der politischen und kulturellen Unabhängigkeit Afrikas.
1938
Jomo Kenyatta, einer von Kenias nationalistischen Führungspersönlichkeiten, veröffentlicht Facing Mount Kenya: The Tribal Life of the Gikuyus, mit einem Vorwort von Bronislaw Malinowski. ♦ In Frankreich wird das Institut Fondamental d’Afrique Noire (IFAN) gegründet.
1939
3. September: Nach ihrer Kriegserklärung an Nazi-Deutschland rufen Großbritannien und Frankreich auch in ihren Kolonien die Generalmobilmachung aus. In Afrika werden hunderttausende Männer zum Kriegsdienst in den französischen und britischen Streitkräften rekrutiert – viele von ihnen unter Zwang. ♦ Das IASB organisiert eine Konferenz über Völker Afrikas, Demokratie und Frieden in der Welt.
1940
Im April wird Nelson Mandela aufgrund seiner Beteiligung an Studentenprotesten von der Universität von Fort Hare verwiesen. ♦ Mai: Hunderttausende Kolonialsoldaten aus Afrika verteidigen Frankreich gegen den Überfall der deutschen Wehrmacht. ♦ Im Tschad werden mit Hilfe des Gouverneurs Félix Eboué Kolonialsoldaten für das „Freie Frankreich“ geworben.
1941
Die sog. Patriots (Partisanen Armee) zwingen Italien zur Kapitulation und zum Rückzug aus Äthiopien. Kaiser Haile Selassie kehrt zurück auf den Thron. ♦ Veröffentlichung der Atlantik-Charta durch die USA und Großbritannien, in der proklamiert wird: „(...) das Recht aller Völker, sich jene Regierungsform zu geben, unter der sie zu leben wünschen. Die souveränen Rechte und autonomen Regierungen aller Völker, die ihrer durch Gewalt beraubt wurden, sollen wiederhergestellt werden.“ ♦ Aimé Césaire gründet die Zeitschrift Tropiques.
1943
Westafrikanische Journalisten, darunter Nmamdi Azikiwe, veröffentlichen ein Memorandum: Die Atlantik-Charta und das Britische Westafrika, in dem sie das in der Atlantik-Charta proklamierte Recht der Nationen auf Selbstbestimmung einfordern. ♦ Juli: De Gaulle rekrutiert weitere hunderttausende Kolonialsoldaten in West- und Nordafrika für die anstehenden Kämpfe um die Befreiung Europas.
1944
Konferenz von Brazzaville: De Gaulle kündigt die Umwandlung des Kolonialverhältnisses in eine „Französische Union“ an. ♦ 31. November: Gewaltsame Niederschlagung einer Revolte afrikanischer Kriegsheimkehrer im Camp de Thiaroye (Senegal). Als die Kolonialsoldaten dort ihren ausstehenden Sold einfordern, metzeln französische Soldaten Hunderte von ihnen nieder.
1945
8. Mai: Ende des Zweiten Weltkriegs – in Europa! ♦ 8. Mai: In den algerischen Städten Constantine, Guelma und Sétif feiern zehntausende Menschen das Kriegsende. Einige fordern dabei die Unabhängigkeit ihres Landes von der Kolonialmacht Frankreich und werden von französischen Siedler/innen attackiert. Die französische Armee und Luftwaffe massakrieren daraufhin tausende Zivilisten. Seitdem gilt der 8. Mai in Algerien als „Tag der Trauer“. ♦ In Madagaskar gründet sich die Demokratische Bewegung der Madagassischen Erneuerung (Mouvement Démocratique de la Rénovation Malgache, MDRM), deren erklärtes Ziel die Unabhängigkeit Madagaskars ist. ♦ In Frankreich sind 29 afrikanische Abgeordnete an der Ausarbeitung der neuen Verfassung der IV. Republik beteiligt. ♦ Im Oktober findet der 5. Pan-Afrikanische Kongress in Manchester, England statt. Hauptthema ist das Ende des Kolonialismus und die politische Unabhängigkeit der kolonisierten Länder. ♦ Im Oktober tritt die Charta der Vereinten Nationen in Kraft.












