Kooperation: Afrika-Konferenz: Vorträge & Podiumsdiskussion

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Info   Tickets für die gesamte Afrika-Konferenz kosten 13,- Euro bzw. 11,- Euro (ermäßigt).

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Was bedeutet eine Dekolonisierung der geteilten deutsch-afrikanischen Geschichte? Welche neuen Einsichten auf deutsche Geschichte und Gegenwart eröffnet eine kolonialkritische Perspektive? Die Dekolonisierung Afrikas ist trotz nomineller Unabhängigkeit noch nicht abgeschlossen – die Dekolonisierung des europäischen, des deutschen Geschichtsbildes und Selbstverständnisses hat scheinbar kaum begonnen.

In zwei Key Notes und einem Podium nähern sich Expert_innen dem Themenkomplex De/Berlinisierung aus historischer, politikwissenschaftlicher und aktivistischer Perspektive.

16:00, Großes Haus
Von der Vernichtung der Nichtweißen zur Vernichtung der Nichtarier.
Rosa Amelia Plumelle-Uribe.

Rosa Amelia Plumelle-Uribe ist Autorin zahlreicher Publikationen über die Nachwirkungen des schwarzen Sklavenhandels, der Sklaverei und der kolonialen Barbarei. Sie stammt von nach Amerika deportierten Afrikanern und amerikanischen Ureinwohnern ab und hat sich mit den juristischen Systemen befasst, welche die Entmenschlichung der Schwarzen in Amerika beinahe vier Jahrhunderte lang regulierte. Ausgehend von Aimé Césaires Essay Über den Kolonialismus thematisiert sie in ihrem Vortrag, wie koloniale Vernichtungsmethoden der Europäischen Mächte über Nicht-Europäer im 20. Jahrhundert ihre Fortsetzung und Wiederkehr fanden.

16.45 Uhr, Großes Haus
Macht, Ausbeutung, Neugestaltung des internationalen Kräfteverhältnisses und die Gefährdung des Weltfriedens.
Prince Kum'a Ndumbe III.

Das internationale Kräfteverhältnis ändert sich entscheidend. Die ehemals Kolonisierten in Lateinamerika, Asien und Afrika bilden im Jahre 2015 nicht nur die weitaus überwiegende Zahl der Menschheit, ihre Wirtschaftskapazität und ihre Verteidigungsfähigkeit im Innern und im Ausland ist derart gestiegen, dass das alte Zentrum Europa-Amerika äußerst nervös um sich schlägt und die anderen, die das alte Muster der Unterwerfung auch mit Machtmitteln bekämpfen, zu Feinden der Zivilisation und des Fortschritts abgestempelt werden. Der Mantel der Religion wird herangezogen, um erbitterte Machtkämpfe um Verteilung der Güter weltweit zu verdecken. Die Gefahr eines Ausrutschens in einen vorgesehenen und vorbereiteten Weltkrieg droht. Kann das internationale Macht-Muster der Berliner Konferenz von 1884 grundlegend geändert werden?

Afrika-Konferenz | Podiumsgespräch
De|Berlinisierung und De|Kolonisierung Afrikas und Europas in der Kolonialmetropole Berlin
17.30 Uhr, Großes Haus
Mit: Prince Kum‘ a Ndumbe III., Rosa Amelia Plumelle-Uribe, Ramata Sore, Jürgen Zimmerer, Moderation: Kwesi Aikins

Mit der Berliner Konferenz - November 1884 bis 1885 - wurden die Einflusssphären der europäischen Kolonialmächte in Afrika abgesteckt und Grenzen vereinbart, die später vor Ort teils an geographische, nicht aber an politische, historische oder kulturelle Gegebenheiten angepasst wurden – Hegels Phantasie vom geschichtslosen Kontinent wurde nicht weit von seiner vormaligen Wirkungsstätte zur Grundlage von Geopolitik. Die mit Hilfe einer 5 Meter hohen Afrikakarte vorgenommene Aufteilung zerteilte historisch gewachsene politische Gemeinschaften, Wirtschafts- und Kulturräume aber auch Familien nach den geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen europäischer Mächte. Die neu geschaffenen Grenzen umschlossen Kolonien, die auf dem Berliner Reißbrett nicht als Staaten konzipiert wurden. Sie sollten nach dem Willen der Besatzer abhängige Dependancen der jeweiligen Metropolen bleiben – Rohstoffquellen und Absatzmärkte, Siedlungsgebiete und Labore für politische, militärische und medizinische Experimente. Die Berlinisierung Afrikas war ein wichtiger Schritt in der Etablierung kolonialer Gewaltherrschaft, die im Weiteren auch von Deutschland ausgehend Vernichtungskriege entfesselte. So markiert die Berliner Konferenz den Eintritt des deutschen Reiches in eine Kolonialpolitik, die ab 1904 zur Einrichtung des ersten offiziell so bezeichneten deutschen Konzentrationslagers im Rahmen des im heutigen Namibia an Herero und Nama verübten Genozids führte.

Doch während auf dem Kontinent und in der afrikanischen Diaspora der Konferenz gedacht und die Fortwirkungen des Kolonialismus diskutiert werden, hat dieses Gedenken keinen Platz in der offiziellen Berliner Erinnerungslandschaft. Dabei hatte die Berlinisierung des afrikanischen Kontinents weitreichende Folgen auch für Europa – das koloniale Gewaltverhältnis veränderte Kolonisierte und Kolonisierende auf vielfältige Weise. Koloniale Hierarchien schufen und nährten rassistische Selbstüberhöhung, ein Zerrbild von Welt und Selbst, ein Phantasma linearer Entwicklung, das durch Gewalt etablierte Hierarchien zwischen Nord und Süd, zwischen dem Westen und dem Rest der Welt als quasi natürlich erscheinen lässt. Europa und Deutschland erscheinen nun als Gefangene der eigenen Selbstüberschätzung. Die Inwertsetzung der Welt im Rahmen der kolonialen Moderne hat Probleme hervorgebracht, für die es keine modernen Lösungen gibt – die konzeptionelle Armut der vermeintlich “Fortgeschrittenen” hindern Deutschland und Europa jedoch daran, die eigene Geschichte und Gegenwart aus der Perspektive der Kolonisierten zu reflektieren. Gleichzeitig finden koloniale Hierarchien an den äußeren und inneren Grenzen der Festung Europa ihre gewaltvolle, vielfach tödliche Fortführung.

Professor emeritus Kum'a Ndumbe III,  renommierter Politikwissenschaftler, Germanist und Schriftsteller sowie Enkel des von deutschen Kolonialtruppen gewaltsam entmachteten Königs von Douala, blickt auf ein über 40 jähriges wissenschaftliches und publizistisches Wirken im Zeichen der Dekolonisierung und Rehabilitierung afrikanischer Geschichte zurück.

Rosa Amelie Plumelle-Uribe, Publizistin, stellt sich in ihrem viel diskutierten Buch “Weiße Barbarei – vom Kolonialrassismus zur Rassenpolitik der Nazis“ in eine Denktradition mit Frantz Fanon und Aimee Cesaire, die aus der Perspektive der Kolonisierten klare Kontinuitäten zwischen kolonialem Rassismus und dem rassistischen Genozid des Dritten Reiches sahen.

Ramata Sore ist freie Journalistin und lebt in Bonn. Die Burkinarin erhielt 2006 den CNN Multi-Choice Award und 2008 den Reuters IUCN Media Award unter anderem für ihre Recherchen zu den Themen der illegalen Aneignung von Land (Land Grabbing) und die Unterdrückung von politischen Randgruppen in Burkina Faso.

Jürgen Zimmerer forscht zu der Kontinuität zwischen der deutschen Kolonialzeit und dem Dritten Reich. Insbesondere seine Forschungen zur Kontinuität zwischen dem Genozid in Namibia und dem Holocaust des Dritten Reiches rühren an Kernfragen des deutschen Geschichtsverständnisses.
 
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