{"id":1079,"date":"2012-08-21T10:40:00","date_gmt":"2012-08-21T08:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/bruno-jaffre-drei-jahre-hoffnung-zum-25-todestag-von-thomas-sankara\/"},"modified":"2023-10-06T11:42:05","modified_gmt":"2023-10-06T09:42:05","slug":"bruno-jaffre-drei-jahre-hoffnung-zum-25-todestag-von-thomas-sankara","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/en\/bruno-jaffre-drei-jahre-hoffnung-zum-25-todestag-von-thomas-sankara\/","title":{"rendered":"Bruno Jaffr\u00e9: &#8220;Drei Jahre Hoffnung&#8221; &#8211; zum 25. Todestag von Thomas Sankara"},"content":{"rendered":"<p>Als Pr\u00e4sident von Burkina Faso begann Thomas Sankara einen Idealstaat zu verwirklichen. Seine Ermordung vor 25 Jahren setzte den Utopien ein Ende. Von Bruno Jaffr\u00e9. Dieser Artikel erscheint in einer leicht gek\u00fcrzten Fassung in der September-Ausgabe des S\u00fcdlink, dem Nord-S\u00fcd-Magazin von INKOTA.&nbsp;<link http:\/\/inkota.de\/material\/suedlink-inkota-brief\/ - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">|+| S\u00fcdlink<\/link>n<i>Was w\u00e4re, wenn Thomas Sankara \u00fcberlebt h\u00e4tte? W\u00e4re Westafrika heute ein Hort des Wohlstands und der Demokratie? Von 1984 bis 1987 trieb der junge Pr\u00e4sident eine Vielzahl grundlegender Reformen voran. Burkina Faso war auf dem besten Weg, postkoloniale Abh\u00e4ngigkeiten zu \u00fcberwinden, wirtschaftlich zu gedeihen und seine eigene Identit\u00e4t zu finden \u2013 zum Missfallen Frankreichs und einiger Nachbarstaaten. Am 15. Oktober 1987 wurde Sankara in einem Putsch ermordet. \u00dcber das kurze Leben eines Vision\u00e4rs.<br \/><\/i><br \/>Wir befinden uns zu Beginn der Achtziger Jahre in der ehemaligen franz\u00f6sischen Kolonie Obervolta, dem heutigen Burkina Faso. Das Land durchlebt eine schwere Finanzkrise, die durch eine politische Krise noch verst\u00e4rkt wird. Seit der Unabh\u00e4ngigkeit haben sich verschiedene Staatsformen abgewechselt, ohne das neokoloniale System in Frage zu stellen. W\u00e4hrend die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Bev\u00f6lkerung in Armut lebt, werden die Angeh\u00f6rigen der st\u00e4dtischen Mittelschicht in Gewerkschaften aktiv oder treten geheimen marxistischen Organisationen bei.nThomas Sankara ist zu diesem Zeitpunkt Anfang 30 und gerade zum Informationsminister ernannt worden \u2013 ein charismatischer Mann mit politischen Visionen. Er gruppiert junge Offiziere um sich, die wie er nach einer radikalen Ver\u00e4nderung streben und Beziehungen zu jungen marxistischen Intellektuellen kn\u00fcpfen. Gemeinsam organisieren sie die Macht\u00fcbernahme vom 4. August 1983.nAls Thomas Sankara mit nur 33 Jahren zum Pr\u00e4sidenten von Obervolta aufsteigt, erkennt ihn das Volk als unumstrittenen Herrscher an. Er hat sich lange auf seine Macht\u00fcbernahme vorbereitet und dabei doch niemals sein wichtigstes Ziel aus den Augen verloren, das er in einer Rede vor der UN-Generalversammlung 1984 wie folgt schildert:&nbsp;<i>\u201eWir lehnen den Zustand des blo\u00dfen \u00dcberlebens ab; wir wollen den Druck lockern, unsere D\u00f6rfer von ihrer mittelalterlichen Starre befreien, unsere Gesellschaft demokratisieren und unsere Geister \u00f6ffnen, um kollektiv Verantwortung zu \u00fcbernehmen \u2013 ja, um die Erfindung der Zukunft zu wagen. (&#8230;) Das ist unsere politische Agenda.\u201c<\/i>&nbsp;nEine immense Aufgabe. Denn Obervolta ist eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt. Sankara sammelt fast 150 MitarbeiterIinnen um sich, die er minuti\u00f6s ausw\u00e4hlt: Neben einigen Ideologen entscheidet er sich f\u00fcr die besten und motiviertesten F\u00fchrungskr\u00e4fte des Landes.&nbsp;<\/p>\n<p><b>Bruch mit der Vergangenheit<\/b><br \/>Die Revolution erf\u00fcllt f\u00fcr Sankara haupts\u00e4chlich einen Zweck: die Lebensbedingungen der Bev\u00f6lkerung zu verbessern. In allen Bereichen strebt er einen Bruch mit der Vergangenheit an: Die Verwaltung soll umstrukturiert und die Reicht\u00fcmer umverteilt werden; Korruption ist gnadenlos zu bek\u00e4mpfen; die Frauen sollen durch konkrete und symbolische Aktionen bei ihrer Befreiung unterst\u00fctzt werden und die Jugend soll mehr Verantwortung erhalten.&nbsp;nAu\u00dferdem will Sankara das Chefwesen bek\u00e4mpfen, in dem er den Grund f\u00fcr die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der D\u00f6rfer und ihre Unterst\u00fctzung der alten Parteien sieht \u2013 ein verzweifelter Versuch, die Bauern als aktive Unterst\u00fctzer der Revolution zu gewinnen.&nbsp;nDoch nicht genug: Sankara will die Armee umbauen und sie in den Dienst des Volkes stellen, indem er ihr produktive Aufgaben zuschreibt, denn er f\u00fcrchtet ihr Gewaltpotenzial:&nbsp;<i>\u201eEin Soldat ohne politische Bildung ist ein potenzieller Verbrecher.\u201c<\/i>&nbsp;Schlie\u00dflich will er das Land dezentralisieren, durch die neu gegr\u00fcndeten \u201eKomitees zur Verteidigung der Revolution\u201c (CDR) eine direkte Demokratie einf\u00fchren und den Haushalt sowie die Minister kontrollieren. Und so weiter und so fort.nDurch unerbittliche Sparsamkeit versucht der Nationale Revolutionsrat (CNR) die mageren Ressourcen vern\u00fcnftig einzusetzen und die Verwaltungskosten zu verringern \u2013 so bleibt Geld f\u00fcr Investitionen. In der Hauptstadt Ouagadougou kann auf diese Weise ein brachliegendes Industriegebiet rehabilitiert werden. Sankara wollte eine autarke Entwicklung f\u00f6rdern und das Land von \u00e4u\u00dferer Hilfe unabh\u00e4ngig machen. Er wusste:&nbsp;<i>\u201eWer einem zu essen gibt, will einem auch seinen Willen aufzwingen.\u201c<\/i>n<i>\u201eMenschen von Burkina, lasst uns produzieren und konsumieren!\u201c<\/i>&nbsp;Dieser Slogan gibt eine seiner wichtigsten \u00dcberzeugungen wieder. Beamte werden angehalten, den Faso Dan Fani zu tragen, die traditionelle Kleidung, in die Baumwollstreifen von Hand eingewebt werden. Diese Kleidervorschrift l\u00f6st einen Boom aus: Sie l\u00e4sst die Nachfrage nach Baumwolle steigen; viele Frauen beginnen, zu Hause zu weben und werden zunehmend wirtschaftlich unabh\u00e4ngig. Die Einfuhr von Obst und Gem\u00fcse wird verboten; dies zwingt die H\u00e4ndler, in die schwer zug\u00e4nglichen D\u00f6rfer im S\u00fcdwesten Burkina Fasos zu fahren anstatt die Asphaltstra\u00dfe nach C\u00f4te d&#8217;Ivoire zu nehmen.<\/p>\n<p><b>Lokal wirtschaften<\/b><br \/>Auch beim Thema Umweltschutz ist Sankara ein Vorreiter: Er macht deutlich, dass die Menschen f\u00fcr die Ausdehnung der W\u00fcste in die Sahelzone hinein verantwortlich sind. Der Nationale Revolutionsrat setzt sich gegen \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Holzschlag ein, wirbt daf\u00fcr, beim Kochen Gas statt Feuerholz zu verwenden und geht gegen Buschfeuer und streunende Tiere vor. Die Revolutionskomitees setzen die Regeln in die Tat um \u2013 wenn es sein muss, auch mit Zwang. Sankara schiebt allen Diplomaten und Staatsm\u00e4nnern unerm\u00fcdlich seine Vorhaben unter. Von Frankreich, so sagt er ihnen, sei keine Hilfe zu erwarten, obwohl franz\u00f6sische Unternehmen den meisten Nutzen aus Gro\u00dfprojekten in Obervolta z\u00f6gen.&nbsp;nDie Globalisierung, das internationale Finanzsystem, die Allgegenwart von IWF und Weltbank, die Frage des Schuldenerlasses f\u00fcr L\u00e4nder der Dritten Welt: lauter Kernthemen unserer Zeit, mit denen Thomas Sankara schon in den Achtzigerjahren vision\u00e4r umzugehen versteht. In einer Rede vor der Organisation f\u00fcr Afrikanische Einheit (OAU) 1987 bezeichnet er die Verschuldung als Mittel der \u201egeschickt organisierten Rekolonialisierung Afrikas\u201c:&nbsp;<i>\u201eSie soll daf\u00fcr sorgen, dass Afrikas Wachstum und seine Entwicklung Phasen und Normen gehorchen, die uns v\u00f6llig fremd sind.\u201c<\/i>&nbsp;Er ruft die Staats- und Regierungschefs der anderen afrikanischen L\u00e4nder auf, ihre Schulden nicht zur\u00fcckzuzahlen.nAls ein Radiojournalist Sankara einmal fragt, was f\u00fcr ihn Demokratie sei, antwortet er:&nbsp;<i>\u201eDie Demokratie ist das Volk mit all seinen M\u00f6glichkeiten und seiner St\u00e4rke. (&#8230;) Wer sich nur unmittelbar vor dem Wahlakt um die Menschen k\u00fcmmert, hat kein demokratisches System. Nur wenn die Leute jederzeit ihre Meinung sagen k\u00f6nnen und die Politiker sich tagt\u00e4glich ihr Vertrauen verdienen m\u00fcssen, kann von wahrer Demokratie die Rede sein. Man kann keine Demokratie errichten, ohne die Macht (&#8230;) in die H\u00e4nde des Volkes zu legen.\u201c&nbsp;<\/i><\/p>\n<p><b>Ein Dorn im Auge des Westens<\/b><br \/>Dieser neue Pr\u00e4sidententypus, dessen Patriotismus und Integrit\u00e4t, pers\u00f6nliches Engagement und Selbstlosigkeit heute von allen Seiten gelobt wird, war den westlichen M\u00e4chten damals ein Dorn im Auge. Sankaras Ruhm bedrohte die Macht der Pr\u00e4sidenten in der Region und ganz allgemein die franz\u00f6sische Pr\u00e4senz in Afrika.&nbsp;nDer Hinterhalt ist unausweichlich. Die Nummer zwei der Regierung, Blaise Compaor\u00e9, heute Pr\u00e4sident von Burkina Faso, organisiert das Komplott mit Unterst\u00fctzung von Frankreich, C\u00f4te d&#8217;Ivoire und Libyen. Der Rest ist Geschichte: Wie durch postkoloniale Netzwerke eine Allianz aus Politikern, Milit\u00e4rs und Gesch\u00e4ftsleuten aus C\u00f4te d&#8217;Ivoire, Frankreich, Libyen und Burkina Faso entsteht. Wie sie Charles Taylor unterst\u00fctzen, der in Liberia und Sierra Leone schreckliche B\u00fcrgerkriege anzettelt. Wie sich Blaise Compaor\u00e9 am Diamanten- und Waffenhandel beteiligt, um dem Embargo gegen Jonas Savimbis UNITA-Guerilla zu entgehen. Obwohl er die ivorische Rebellengruppe \u201eForces Nouvelle\u201c unterst\u00fctzt hat, wird Compaor\u00e9 heute nach wie vor als Mann des Friedens in der Region pr\u00e4sentiert, unterst\u00fctzt von franz\u00f6sischen und US-amerikanischen Interessen.nAlles wurde getan, um die Erinnerung an Thomas Sankara in Burkina Faso zu l\u00f6schen. Doch es hilft nichts. Sankara lebt weiter, in Tonaufzeichnungen, Bildern, Schriften. Das Internet verst\u00e4rkt dieses Ph\u00e4nomen noch. Umso mehr erscheint er auch den Umweltaktivisten und Antikapitalisten der westlichen L\u00e4nder heute als Vorreiter \u2013 f\u00fcr Fragen des Umweltschutzes ebenso wie f\u00fcr seine Haltung zum internationalen Finanzsystem und zur Schuldenfrage.n<i>\u00dcbersetzung aus dem Franz\u00f6sischen von Christina Felschen.<\/i>n<b>Bruno Jaffr\u00e9<\/b>&nbsp;hat Thomas Sankaras Biografie geschrieben und setzt sich mit seinem&nbsp;<link http:\/\/thomassankara.net\/ - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">|+| Blog<\/link>&nbsp;und einer&nbsp;<link http:\/\/thomassankara.net\/spip.php?article880&#038;var_lang=de - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">|+| Kampagne<\/link>&nbsp;daf\u00fcr ein, dass Sankara nicht vergessen wird. Er begegnete Sankara bei seiner ersten Reise nach Burkina Faso im Jahre 1983. Als Forschungsingenieur gr\u00fcndete Jaffr\u00e9 eine NGO f\u00fcr internationale Solidarit\u00e4t im Bereich der Telekommunikation (CSDPTT).&nbsp;<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich des 25. Todestages von Thomas Sankara organisiert AfricAvenir eine&nbsp;<b>bildungspolitische Veranstaltungsreihe<\/b>, sowie eine&nbsp;<b>\u00f6ffentlichkeitswirksame Poster-Kampagne<\/b>.<\/p>\n<p>Am&nbsp;<b>Sonntag, 14.10.2012, um 15.00 Uhr<\/b>&nbsp;pr\u00e4sentiert AfricAvenir die&nbsp;<b>Deutschlandpremiere<\/b>&nbsp;des neuen zweiteiligen Dokumentarfilms&nbsp;<b>\u201eAuf den Spuren von Thomas Sankara\u201c<\/b>&nbsp;und&nbsp;<b>\u201eGeteiltes Erbe\u201c<\/b>&nbsp;im&nbsp;<i>Hackesche H\u00f6fe Kino<\/i>, in Anwesenheit der Filmemacher\/innen von Baraka.n<b>Zum Weiterlesen:<\/b>n<\/p>\n<ul>\n<li><link http:\/\/www.thomassankara.net>www.thomassankara.net<\/link>: Von Bruno Jaffr\u00e9 betriebene Website zu Thomas Sankara, die viele der hier zitierten Reden im Original wiedergibt, inklusive deutscher \u00dcbersetzungen.&nbsp;<\/li>\n<li>Jaffr\u00e9, Bruno: Les ann\u00e9es Sankara de la r\u00e9volution \u00e0 la rectification. L&#8217;Harmattan, 1989.<\/li>\n<li>Jaffr\u00e9, Bruno: Thomas Sankara, la patrie ou la mort. L&#8217;Harmattan, 2007.<\/li>\n<li>Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit AfricAvenir: Publikation zum 15.10.2012 (in franz\u00f6sischer Sprache). N\u00e4here Infos auf&nbsp;<link http:\/\/www.africavenir.org>www.africavenir.org<\/link>.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Pr\u00e4sident von Burkina Faso begann Thomas Sankara einen Idealstaat zu verwirklichen. Seine Ermordung vor 25 Jahren setzte den Utopien ein Ende. Von Bruno Jaffr\u00e9. Dieser Artikel erscheint in einer leicht gek\u00fcrzten Fassung in der September-Ausgabe des S\u00fcdlink, dem Nord-S\u00fcd-Magazin von INKOTA.&nbsp;|+| S\u00fcdlinknWas w\u00e4re, wenn Thomas Sankara \u00fcberlebt h\u00e4tte? 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