{"id":1231,"date":"2011-05-21T15:34:00","date_gmt":"2011-05-21T13:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/vordenker-der-dekolonisierung-der-kameruner-politologe-achille-mbembe-vertritt-in-sortir-de-la-grande-nuit-einen-radikalen-afropolitanismus\/"},"modified":"2023-10-06T11:31:25","modified_gmt":"2023-10-06T09:31:25","slug":"vordenker-der-dekolonisierung-der-kameruner-politologe-achille-mbembe-vertritt-in-sortir-de-la-grande-nuit-einen-radikalen-afropolitanismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/en\/vordenker-der-dekolonisierung-der-kameruner-politologe-achille-mbembe-vertritt-in-sortir-de-la-grande-nuit-einen-radikalen-afropolitanismus\/","title":{"rendered":"Vordenker der Dekolonisierung: Der Kameruner \u00adPolitologe Achille Mbembe vertritt in &#8220;Sortir de la grande nuit&#8221; einen radikalen Afropolitanismus"},"content":{"rendered":"<p>Der folgende Artikel von <i>Moses M\u00e4rz<\/i> wurde zuerst im Kulturteil des Freitag ver\u00f6ffentlicht. Er wurde ma\u00dfgeblich inspiriert durch die AfricAvenir Publikation &quot;50 Jahre afrikanischen Un-Abh\u00e4ngigkeiten &#8211; Eine (selbst)kritische Bilanz&quot;.nAfrikanische Intellektuelle denken \u00fcber afrikanische Themen nach. So einfach ist das. Nur, was ist ein afrikanisches Thema? Der in Kamerun geborene <b>Politologe und Historiker Achille Mbembe<\/b>, aktuell einer der bedeutendsten und umstrittensten Autoren auf dem Feld der Postkolonialen Theorie, beruft sich in seiner Antwort auf den Schwaben Martin Heidegger. \u201eVielleicht geht die Weltnacht jetzt auf ihre Mitte zu\u201c, zitiert Mbembe aus Heideggers Aufsatz <b>Wozu Dichter?<\/b> \u201eVielleicht wird die Weltzeit jetzt vollst\u00e4ndig zu der d\u00fcrftigen Zeit. Vielleicht aber auch nicht, noch nicht, immer noch nicht, trotz der unermesslichen Not, trotz aller Leiden\u201c. Dichter in d\u00fcrftigen Zeiten sollten sich um die entflohenen G\u00f6tter sorgen, \u201eauf deren Spur bleibend und so den verwandten Sterblichen den Weg spuren zur Wende\u201c.nMit diesen Zeilen beginnt Achille Mbembes <i>Essay Sortir de la grande nuit<\/i>. Es geht um das dekolonialisierte Afrika, um die verwirrende Weltzeit und um M\u00f6glichkeiten, ihr jetzt zu entfliehen. Mbembe, Jahrgang 1957 und dadurch selbst ein \u201eKind der Unabh\u00e4ngigkeiten\u201c, f\u00fchrt den Leser zur\u00fcck ins Kamerun seiner Jugend und weiter entlang der biografischen Stationen, die sein Denken pr\u00e4gten: die Trauerges\u00e4nge der Gro\u00dfmutter um gefallene und verleugnete antikoloniale Befreiungsk\u00e4mpfer, die Ankunft im ungeliebten Paris und schlie\u00dflich die Entdeckung New Yorks, der \u201eglobalen \u00d6kumene\u201c schlechthin.<\/p>\n<p>Mbembes autobiografisch grundierter Text bricht mit dem europ\u00e4ischen Kodex scheinbarer Objektivit\u00e4t und folgt einer Tradition afrikanischer Intellektueller, die in der Autobiografie ein m\u00e4chtiges Instrument gegen koloniale Geschichtsschreibung fanden. Mbembes Analysen sind deswegen auch als Literatur zu lesen. Ihn treibt eine beinah religi\u00f6se Mission mit dem Ziel, dass f\u00fcr Afrika und die gesamte Menschheit eine neue Zeitrechnung anbricht. Mbembes Buchtitel ist in diesem Sinne auch als Hommage an Frantz Fanon und dessen legend\u00e4ren Appell an Die Verdammten dieser Erde zu lesen.<\/p>\n<p><b>Unerf\u00fcllte Aufgabe<\/b><br \/>Der algerische Befreiungskrieg gegen Frankreich war noch nicht gewonnen, da rief Fanon kurz vor seinem Tod 1961 die Elite der neuen afrikanischen Staaten dazu auf, sich von Europa abzuwenden. \u201eDie gro\u00dfe Nacht, in der wir versunken waren, m\u00fcssen wir absch\u00fctteln und hinter uns lassen\u201c, schrieb der 36-j\u00e4hrige Psychiater und Vordenker des antikolonialen Widerstandes. \u201eVerlassen wir dieses Europa, das nicht aufh\u00f6rt, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Stra\u00dfen, an allen Ecken der Welt\u201c. Fanons Aufforderung an die \u201ekolonisierten Intellektuellen\u201c, sich f\u00fcr eine radikale Transformation des Bewusstseins einzusetzen, bleibt f\u00fcr Mbembe eine unerf\u00fcllte Aufgabe. Fanon warnte: Wenn die schwache Schicht der einheimischen Intellektuellen den Kontakt zum Volk verliert, um mit der kolonialen Bourgeoisie gemeinsame Sache zu machen, g\u00e4be es keinen Unterschied, ob ihr Land offiziell unabh\u00e4ngig oder noch immer Kolonie sei. In vielen L\u00e4ndern hat sich dies bewahrheitet.<\/p>\n<p>Mit der Mixtur aus Referenzen an Hei\u00addegger und Fanon macht sich Mbembe daran, die Dekolonisierung Afrikas neu zu denken. Im aktiven Willen zur Gemeinschaft und zum Leben liege die politische Bedeutung einer echten Dekolonisierung, schreibt er in Sortir de la grande nuit. Der Neubeginn l\u00e4sst noch immer auf sich warten. Im Jahr 2010, anl\u00e4sslich einer Reihe von Unabh\u00e4ngigkeits-Jubil\u00e4en, gab es f\u00fcr Mbembe deshalb nichts zu feiern: \u201eAutorit\u00e4re Restaurationen hier, vorget\u00e4uschte Mehrparteiensysteme da, anderswo magere, im \u00dcbrigen jederzeit reversible Fortschritte und nahezu \u00fcberall ein sehr hohes Ausma\u00df an sozialer Gewalt.\u201c nSpuren positiver Ver\u00e4nderung sieht er vage in den Bereichen der Kultur und der Vorstellungskraft. Dort transformiere sich der afrikanische Kontinent bereits rasant. Es gehe jetzt darum, eine politische \u00d6konomie, eine Vorstellung der Macht und einer Lebenskultur sowie Sozialstrukturen entstehen zu lassen, die auf traditionelle Systeme zur\u00fcckgreifen und doch flexibel genug sind, auf gegenw\u00e4rtige Anforderungen zu reagieren. Sosehr die j\u00fcngsten Revolutionen in Tunesien und \u00c4gypten als panarabische Momente postkolonialer Emanzipation im Norden Afrikas gefeiert wurden, so sehr lie\u00df das tragische Wahlfiasko in der Elfenbeink\u00fcste gro\u00dfe Zweifel daran aufkommen, dass die Wende auch hier begonnen hat.<\/p>\n<p><b>Intellektuellengenozid<\/b><br \/>Zwischen der Witwatersrand Universit\u00e4t in Johannesburg und der Duke University in den USA pendelnd, lebt Mbembe seit Langem au\u00dferhalb seines Heimatlandes. \u201eJene, die t\u00e4glich etwas weiter von ihrem Geburtsort entfernt ihr Lager aufschlagen und ihre Boote auf andere Fl\u00fcsse zerren, sehen den Lauf der undeutlichen Dinge besser\u201c, zitiert Mbembe den Literaturnobelpreistr\u00e4ger Saint-John Perse. Die Erfahrungen des Exils, die Ausbildung in Metropolen wie Paris, London und New York und das anschlie\u00dfende Reisen im universit\u00e4ren Zirkus machen einen gro\u00dfen Teil von dem aus, was es bedeutet, ein renommierter afrikanischer Intellektueller zu sein.<\/p>\n<p>Seit dem Bruch zwischen den gro\u00dfen afrikanischen Denkern und ihren Regierungen in den Achtzigern \u2013 die Unabh\u00e4ngigkeitseuphorie war verflogen und die Maxime \u201eSilence: Development in Progress\u201c nicht mehr verbindlich \u2013 bestimmt das Exil die Lebensl\u00e4ufe afrikanischer Intellektueller. Ihr Prestige, hei\u00dft eine h\u00e4ufige Kritik, entstehe eher aus der Distanz vom afrikanischen Publikum und in Abh\u00e4ngigkeit von europ\u00e4ischen Institutionen als in afrikanischen Kontexten.<\/p>\n<p>Sogar afrikanische Universit\u00e4ten seien in diesem Sinne nicht afrikanisch, meint etwa Prinz Kum\u2019a Ndumbe III, Schriftsteller und Professor im kamerunischen Yaounde. Im Hinblick auf die dort gesprochenen europ\u00e4ischen Sprachen m\u00fcssten sie als Orte der Unterdr\u00fcckung gesehen werden, an denen systematisch ein \u201eIntellektuellengenozid\u201c betrieben werde. Mit seinem Aufruf, afrikanische Sprachen institutionell zu f\u00f6rdern, erneuert Ndumbe III eine Forderung, die der Autor Ngugi wa Thiongo aus Kenia in den siebziger Jahren aufstellte, als er entschied, seine B\u00fccher nicht mehr in europ\u00e4ischen Sprachen zu ver\u00f6ffentlichen. Nach Thiongos Verhaftung durch das Regime Daniel arap Mois wegen seines Theaterst\u00fccks Ich heirate wann ich will schrieb er den ersten modernen Roman Teufel am Kreuz in der kenianischen Sprache Gikuyu auf dem Toilettenpapier des Kamiti Maximum-Security-Gef\u00e4ngnisses in Nairobi.<\/p>\n<p><b>Afropolitanismus<\/b><br \/>Im Unterschied zu Ndumbe und Thiongo zielt Mbembe weniger auf ein fehlendes \u201eafrikanisch-Sein\u201c unter den Intellektuellen. Ihm kommt es vielmehr darauf an, das Nachdenken aus dem \u201ewissenschaftlichen Getto\u201c der Afrikadiskurse des 20. Jahrhunderts zu befreien. In Mbembes Augen sind der antikoloniale Nationalismus, die N\u00e9gritude eines Leopold Senghors, diverse Spielarten eines Afro-Marxismus oder ein zum Essenzialismus neigender Panafrikanismus in einer Opfermentalit\u00e4t und einem \u201erassistischen Paradigma\u201c gefangen. Markige Worte, die 2001 intensive Kritik provozierten. W\u00fctend erkl\u00e4rte Thandika Mkandawire, Mbembes Vorg\u00e4nger als Direktor des panafrikanischen Sozialwissenschaftsrates: Mbembes \u201epostmoderne Argumentation\u201c gleiche einer \u201eSelbstgei\u00dfelung\u201c, sei \u201emodischer Unsinn\u201c und blind f\u00fcr die \u00f6konomischen Realit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Zehn Jahre sp\u00e4ter f\u00e4llt es Mbembes Kritikern leicht zu behaupten, dessen Afropolitanismus sei nichts weiter als die Vision eines elit\u00e4ren Akademikers, der die eigene Weltsicht zur kontinentalen Norm stilisiert. Afropolitanismus ist laut Mbembe ein Ph\u00e4nomen, das in afrikanischen Metropolen wie Johannesburg besonders deutlich zu beobachten sei. S\u00fcdafrika betrachtet er als \u201evorderstes Laboratorium\u201c dieser neuen afrikanischen Modernit\u00e4t. Aus der Dynamik eines postkolonialen Moments und einer Kultur der Mobilit\u00e4t entstehe ein Ort, an dem die Distanzen zwischen dem Hier und Dort verschwimmen, wo Tradition und Moderne parallel und miteinander existierten und das Fremde in die eigene Familie mit aufgenommen wird. Die Spuren einer neuen Menschlichkeit k\u00f6nnen nach Mbembe abstrakt in eben diesem Zustand \u201ekultureller, historischer und \u00e4sthetischer Sensibilit\u00e4t\u201c gesucht werden.<\/p>\n<p><b>Soziale Kr\u00e4fte \u201evon unten\u201c<\/b><br \/>Mbembes post-strukturalistisch inspirierter Antikolonialismus und liberaler Universalismus unterscheidet sich nicht grunds\u00e4tzlich von \u00dcberzeugungen, die momentan auch innerhalb des Mainstreams der Politikwissenschaft vertreten werden: Wirtschaftswachstum, Demokratisierung, eine liberale Verfassung und stabile Institutionen sind f\u00fcr Mbembe ebenso notwendige Voraussetzungen f\u00fcr seine Vision eines dekolonisierten Afrikas wie das langsame Verschwinden des Apartheid-Rassismus in privilegierten Studenten-, K\u00fcnstler- und Unternehmerzirkeln. Nur so kann er ausgerechnet Johannesburg, trotz Kriminalit\u00e4t und sozialer Ungleichheit, zur Hauptstadt des Afropolitanismus ernennen.<\/p>\n<p>Um radikales Anders-sein und um die \u201eauthentische Perspektive eines Afrikaners\u201c geht es Mbembe explizit nicht. Sondern darum, auf Tendenzen und soziale Kr\u00e4fte \u201evon unten\u201c hinzuweisen, die viele europ\u00e4ische Experten \u00fcbersehen, weil sie sich auf das konzentrieren, was in Afrika angeblich fehlt. \u201eRational \u00fcber Afrika zu sprechen, ist etwas, was zu keinem Zeitpunkt selbstverst\u00e4ndlich war\u201c, schrieb Mbembe in De la postcolonie. Nichts anderes k\u00f6nne der Anspruch afrikanischer Intellektueller sein.<\/p>\n<p>Die intensiven Debatten, die von Mbembe und Kollegen auf dem afrikanischen Kontinent gef\u00fchrt werden, k\u00f6nnen in \u00fcberregionalen Tages- und Wochenzeitungen wie dem Magazin Jeune Afrique oder Kameruns Le Messager sowie im Internet auf Portalen wie Africultures, Amandla und Pambazuka News verfolgt werden. Auf Pambazuka.org ver\u00f6ffentlicht beispielsweise eine Community von fast 3.000 Akademikern, Aktivisten, Frauenorganisationen, Bloggern, Schriftstellern, NGOs und Politikern regelm\u00e4\u00dfig neue Berichte auf Englisch, Franz\u00f6sisch und Portugiesisch \u2013 eine deutsche Version ist in Planung. Pambazuka, was auf Kiswahili so viel wie \u201eMorgend\u00e4mmerung\u201c bedeutet, hat f\u00fcr sein Engagement bereits eine Reihe internationaler Preise gewonnen, darunter einen Platz unter den Top-Ten-Seiten \u201eWho Are Changing the World of Internet and Politics\u201c.<\/p>\n<p><b>Dekolonisierung<\/b><br \/>Die antikolonialen Nationalisten, post-modernen Kritiker und \u00fcberzeugten Panafrikanisten, die auf Pambazuka miteinander diskutieren, helfen viel von dem Verhalten politischer Akteure und historischen Zusammenh\u00e4ngen zu verstehen, die in europ\u00e4ischen Medien als irrational abgetan oder ignoriert werden. So wurde in Bezug auf die Elfenbeink\u00fcste versucht, die Gegen\u00fcberstellung von Laurent Gbagbo und Alassane Ouattara durch eine Vielzahl von Beitr\u00e4gen aufzul\u00f6sen, die die Ratio der beiden Hauptakteure des Konflikts beleuchteten, statt sich auf die Kuriosit\u00e4t eines Landes mit zwei Pr\u00e4sidenten zu fokussieren.<\/p>\n<p>Die deutsche universit\u00e4re \u00d6ffentlichkeit wirft afrikanischen Wissenschaftlern gerne fehlende Objektivit\u00e4t vor oder behauptet, sie b\u00f6ten keine Alternativen zu den Einsichten westlicher Experten. Diese Kritik verhindert, dass die Stimmen afrikanischer Intellektueller in deutschen Medien Geh\u00f6r finden. \u201eF\u00fcr das kommende halbe Jahrhundert\u201c entwirft Mbembe deswegen das Programm einer neuen Dekolonisierung: Es sei einerseits die dringende Aufgabe der \u201eIntellektuellen, der Kulturschaffenden und der afrikanischen Zivilgesellschaft, die verschiedenen Kr\u00e4fte der Gesellschaften zu mobilisieren, und andererseits, die \u201aafrikanische Frage\u2018 zu internationalisieren\u201c. Auch wenn die Dekolonisierung in erster Linie eine afrikanische Angelegenheit ist, hat der europ\u00e4ische Wissensbetrieb die Dekolonisierung seines Wissens noch vor sich. So steht eine deutsche \u00dcbersetzung der Werke von Achille Mbembe noch an.nZuerst ver\u00f6ffentlicht im Kulturteile des Freitag am 14.05.2011<\/p>\n<p><b>Autor: Moses M\u00e4rz<\/b><br \/>Moses M\u00e4rz schreibt zurzeit im \u201eafropolitanen\u201c Kapstadt seine Diplomarbeit in Politologie<\/p>\n<p>Sortir de la grande nuit \u2013 Essai sur l\u2019Afrique d\u00e9colonis\u00e9e Achille Mbembe \u00c9ditions La D\u00e9couverte 2010, 243 S., 17 \u20acn<link 277 undefined internal-link>|+| &quot;50 Jahre afrikanischen Un-Abh\u00e4ngigkeiten &#8211; Eine (selbst)kritische Bilanz&quot;<\/link>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Artikel von Moses M\u00e4rz wurde zuerst im Kulturteil des Freitag ver\u00f6ffentlicht. Er wurde ma\u00dfgeblich inspiriert durch die AfricAvenir Publikation &quot;50 Jahre afrikanischen Un-Abh\u00e4ngigkeiten &#8211; Eine (selbst)kritische Bilanz&quot;.nAfrikanische Intellektuelle denken \u00fcber afrikanische Themen nach. 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