{"id":1369,"date":"2009-12-14T10:35:00","date_gmt":"2009-12-14T09:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/prinz-kuma-ndumbe-iii-brief-aus-douala\/"},"modified":"2023-10-06T11:31:41","modified_gmt":"2023-10-06T09:31:41","slug":"prinz-kuma-ndumbe-iii-brief-aus-douala","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/en\/prinz-kuma-ndumbe-iii-brief-aus-douala\/","title":{"rendered":"Prinz Kum&#8217;a Ndumbe III.: Brief aus Douala"},"content":{"rendered":"<p>Wir ver\u00f6ffentlichen den &quot;Brief aus Douala&quot; von Prinz Kum&#8217;a Ndumbe III. mit freundlicher Genehmigung des Monde Diplomatique (dt. Edition), wo er zuerst erschienen ist: Le Monde diplomatique Nr. 9062 vom 11.12.2009.n<b>Brief aus Douala<br \/>Von Prinz Kum&#8217;a Ndumbe III.<\/b> nIch sa\u00df im Flugzeug von Paris nach Douala neben einem jungen Franzosen, um die drei\u00dfig, unrasiert oder mit anf\u00e4nglichem Bart. Er hatte kein Reisefieber und sa\u00df so gelassen neben mir, als w\u00fcrde er diese Strecke sehr oft fliegen. Florent erz\u00e4hlte, ein sechsmonatiges Praktikum in Kamerun hinter sich zu haben, nun habe er einen festen Vertrag, um im tiefsten Wald an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik B\u00e4ume in einem franz\u00f6sischen Privatbesitz zu f\u00e4llen und nach Europa zu exportieren. Ja, die Firma hat hunderte von Hektar Urwald gekauft. Da hatte noch niemand zuvor in diesen Wald seinen Fu\u00df gesetzt, meinte Florent ganz stolz. Und alles wird sehr professionell durchgef\u00fchrt. Mit GPS und Satelliten, da kann man sich im Urwald gar nicht verlieren, die B\u00e4ume werden identifiziert, markiert und gef\u00e4llt. Der Wald wird in drei\u00dfig Zonen eingeteilt. Jedes Jahr wird nur eine Zone niedergewalzt. Dann kommt die n\u00e4chste dran. Die Firma muss danach wieder aufholzen und die Zone drei\u00dfig Jahre ruhen lassen. Kameruns Beh\u00f6rden sollen streng dar\u00fcber wachen. Ob die im Lande so verbreitete Korruption eine effiziente Kontrolle erlaubt? Florent l\u00e4chelt nur, &quot;so ist halt das Leben!&quot;<\/p>\n<p>Ob er wei\u00df, dass B\u00e4ume bei uns heilig sind, zur Harmonie der Sch\u00f6pfung beitragen, zum Gleichgewicht des menschlichen Lebens f\u00fchren? Auf die Diskussion will er sich nicht einlassen, es geht um Wirtschaft und nicht um Gef\u00fchlsduselei, und er ist sehr gl\u00fccklich, nach seinem Master so einen tollen Job gefunden zu haben. Er bleibt drei Monate im Wald, dann darf er zwei Monate nach Europa, dann muss er wiederkommen. Nicht mal gegen Malaria braucht er Medikamente aus der Heimat. Die Bauern im Urwald kombinieren drei verschiedene Pflanzen und werden nie malariakrank. Florent auch nicht, denn er unterzieht sich dieser Therapie. Die Biodiversit\u00e4t in diesem Urwald ist \u00fcberhaupt sagenhaft. Drei\u00dfigtausend Heilpflanzen gibt es in den W\u00e4ldern Kameruns. Vierzigtausend weltweit, hei\u00dft es. Da sollte die Pharmaindustrie des Nordens doch alle diese W\u00e4lder kaufen!<\/p>\n<p>Am Flughafen von Douala sprachen alle nur vom Fu\u00dfballspiel Kamerun gegen Marokko. Wer wird sich f\u00fcr die WM in S\u00fcdafrika qualifizieren? Der Taxifahrer, der mich nach Bonab\u00e9ri auf die andere Seite der Br\u00fccke brachte, meinte, in einem Land wird es Leute geben, die nach dem Spiel bitter weinen, im anderen \u00fcbergl\u00fcckliche Menschen, die tanzend eine Flasche Bier in der Hand schwingen. Kamerun, eine Fu\u00dfballnation ohne Stadien. Seit 1972 keine internationale Fu\u00dfballmeisterschaft im Land. K\u00fche weiden manchmal am Stadium Mbape Lep\u00e9 in Douala, auf der anderen Seite des katholischen Doms. Nun sind die Chinesen da. Nach dem ultramodernen Sportpalast in Yaound\u00e9 werden sie mehrere Stadien bauen, k\u00fcndigte der Wirtschaftsminister an. Aber das Spiel Kamerun gegen Marokko wird niemand verpassen. Nicht einmal der Staatspr\u00e4sident. Da braucht ein Taxifahrer gar nicht zu fahren!<\/p>\n<p>M\u00e4nner hatten sich in den Farben der Nationalflagge bemalt, trugen Riesenfahnen auf den Stra\u00dfen, Frauen hatten sich Kleider n\u00e4hen lassen, die oben gr\u00fcn, in der Mitte rot mit gelbem Stern und unten gelb waren. Dichte Menschenmengen versammelten sich um die Fernseher in den kleinen Verkaufsst\u00e4nden am Stra\u00dfenrand und h\u00f6rten dem Kommentator des Staatsfernsehens CRTV zu. 390 000 Euro sollen f\u00fcr die \u00dcbertragung gezahlt worden sein. Nach zehn Minuten Kommentar ohne Bild an diesem traurigen 15. November stand auf dem Bildschirm nur noch: Kamerun gegen Marokko. Aus dem Radio erfuhr man, dass Webo ein Tor geschossen hatte. Irgendwann in der zweiten H\u00e4lfte war das Spiel endlich zu sehen. Das Tor von Eto&#8217;o, der bei Inter Mailand spielt, konnten wir alle mitverfolgen. Aber die so bekannte Euphorie, wenn unsere Nationalelf spielt, war irgendwie verflogen. Eine ganze Halbzeit ohne Bild! Wir waren kurz vor einem gewaltsamen Volksaufstand. Zum Gl\u00fcck: Zum sechsten Mal wird Kamerun an einer Fu\u00dfballweltmeisterschaft teilnehmen. Das Ergebnis gen\u00fcgte. Der Staatspr\u00e4sident gratulierte und spornte seine Mitb\u00fcrger an, den &quot;Geist des L\u00f6wen&quot; in sich zu tragen, um zuk\u00fcnftige Aufgaben meistern zu k\u00f6nnen. Zu diesen Aufgaben geh\u00f6rt auch seine Wiederwahl im Jahr 2011. Kamerun wird ja f\u00fcr seine Stabilit\u00e4t gelobt. Seit 1958 regierten nur zwei Staatspr\u00e4sidenten, Ahmadou Ahidjo bis 1982, und seitdem Paul Biya, der gerade sein 27. Jahr im Amt unter dem Banner der &quot;gro\u00dfen Ambitionen&quot; gefeiert hat.<\/p>\n<p>An diesem 15. November waren alle Kirchen voll. Die Christen haben Aufwind in diesem Kampf der Kulturen. 9,3 Millionen Christen an der Zahl, darunter 4,7 Millionen Katholiken, gegen\u00fcber 3,3 Millionen Muslimen, bei insgesamt 16,3 Millionen Einwohnern. Hier werden ausgew\u00e4hlte Feiertage beider Religionen offiziell gefeiert, und man lebt in Frieden miteinander. \u00dcber 81 christliche Kirchen und Neukirchen wetteifern um das Geld der Gl\u00e4ubigen, die Pfingstler aus Nordamerika sammeln schon mindestens ein Zehntel des Gehalts ein. So kommen betr\u00e4chtliche Summen auch f\u00fcr die Investitionen dieser Kirchen zusammen. Es wird \u00fcberall gesammelt. Nicht nur anl\u00e4sslich von Gottesdiensten, sondern auch bei Beerdigungen, Taufen, Heiratszeremonien. Mit der gro\u00dfen Arbeitslosigkeit ist die Gr\u00fcndung von kleinen Kirchen oder Sekten eine gute Alternative geworden. Auch das eigene Wohnzimmer darf herhalten und den Pastor versorgen. Die Frau wacht dar\u00fcber, dass die Kasse stimmt. Viele christliche Radiosender laden den B\u00fcrger zum Gebet ein, zur Bibelstunde, zur Abkehr von verteufelten afrikanischen Traditionen, und versprechen das Heil, wenn man Mitglied der &quot;wahren Kirche Gottes&quot; wird.<\/p>\n<p>Die Banken haben es den Kirchen lange vorgemacht. Wer hier als Ausl\u00e4nder Gesch\u00e4fte machen will, braucht kein Verm\u00f6gen mitzubringen. Es reicht, eine Bank vor Ort zu gr\u00fcnden, Gelder zu mobilisieren und etwas Startkapital zu investieren, m\u00f6glichst so, dass Kredite die eigene Investition, aber nicht einheimische Firmen finanzieren &#8211; es sei denn, wichtige lokale Partner haben Anteile. Banken schwimmen in \u00dcberliquidit\u00e4t im entwicklungsbed\u00fcrftigen Kamerun. Aber es fehlt an Vertrauen, um kamerunischen Firmen Kredite zu gew\u00e4hren, hei\u00dft es. Und wenn das Gesch\u00e4ft am Ende ist oder weniger rentabel, schlie\u00dft die Bank, und der ausl\u00e4ndische Investor verabschiedet sich.<\/p>\n<p>Wie das alles funktioniert, warum das Land so bangt in Unterentwicklung, obwohl es Rohstoffe im \u00dcberfluss und viele gut ausgebildete Fachkr\u00e4fte gibt, das ist zu viel f\u00fcr die B\u00fcrger. Religion und Fu\u00dfball, das besch\u00e4ftigt die Leute genug, auch die Elite, die das gar nicht schlecht findet. Sie spendet reichlich, oft vom veruntreuten Geld, und freut sich \u00fcber ihren Ehrenplatz in der Kirche oder der Moschee. Aber auch als Elite muss man genau aufpassen.<\/p>\n<p>Lobeshymnen singen ist zur Gewohnheit geworden, wenn man mit einer guten Stelle lieb\u00e4ugelt. Am besten t\u00f6tet man den kritischen Geist in sich selbst, freiwillig, dann steigt man auf und beruhigt die eigene Familie damit, dass man es zu was gebracht hat. Dann darf man die teuren Luxuswagen zu Hause vorzeigen. Man braucht nicht genau hinzuschauen, wie die Stra\u00dfen aussehen. Als w\u00fcrden Bomben eingeschlagen oder kleine Seen sich an Stellen eingenistet haben, auf denen man eigentlich fahren oder gehen sollte. Der Lateritboden f\u00e4rbt die Motorr\u00e4der mit einem lehmigen Rot. Die Taxis haben sich verabschiedet, sie w\u00e4hlen nur noch die selten gewordenen sch\u00f6n asphaltierten Stra\u00dfen aus. Auf dem Motorrad hinten sitzen der Fahrer und drei Mitfahrer, vorne steht das Gep\u00e4ck der Fahrg\u00e4ste. Augen zudr\u00fccken, wenn sogar Babys oder kleine Kinder mittransportiert werden. Auf gut Gl\u00fcck hoffen, dass kein Unfall gebaut wird. Viele Experten kommen aus Europa und Nordamerika und sagen uns, wie wir unsere Probleme l\u00f6sen k\u00f6nnten. Irgendwie m\u00fcssen sie es wohl wissen.<\/p>\n<p>Vorige Woche kam ein Herr Doktor aus Heidelberg und erz\u00e4hlte uns, wie es war beim Fall der Mauer in Berlin vor 20 Jahren. Er war selber 13 damals. Die Wende schlug ja gro\u00dfe Wellen bis nach Kamerun. Der Demokratisierungsprozess wurde eingeleitet. Bis zu 207 politische Parteien gibt es hier im Jahr 2009, Wahlen werden regelm\u00e4\u00dfig organisiert, eine betr\u00e4chtliche Anzahl von Zeitungen tr\u00e4gt zur politischen Bildung bei, die Medienvielfalt hat sich etabliert. Das verdankt auch Kamerun dem Geist der Wende nach dem 9. November 1989. Begeisterte Menschen in einem \u00fcberf\u00fcllten Saal verfolgten die Debatte.<\/p>\n<p>Aber auch diese Debatte im deutschen Seemannsheim in Douala hatte eine Wende. Jemand \u00e4u\u00dferte die Meinung, dass die alte Kolonialmacht die Kameruner bei der Unabh\u00e4ngigkeit von 1960 betrogen habe, dass diese ermordet, verfolgt und ins Exil geschickt wurden, gerade weil sie Meinungsfreiheit, Pluralismus und freie Wahlen forderten. Der Kalte Krieg wollte aber nur Diktatoren in Afrika, die eine feste Bindung an den Westen zulie\u00dfen. Und diese Forderungen und K\u00e4mpfe hatten nie aufgeh\u00f6rt, sie haben nicht erst 1989 angefangen. Nur war in Kamerun danach kein &quot;kommunistischer&quot; Feind mehr in Sicht, und neue Gesetze einer kontrollierten Demokratisierung wurden 1990 erlassen. Wir w\u00e4hlen flei\u00dfig. Immer wieder. Auch das ist Demokratie, wenn gew\u00e4hlt werden darf, und es kommt zu keinem Regierungswechsel.<\/p>\n<p>Beste Gr\u00fc\u00dfe aus dem feuchtwarmen und lebensfrohen Douala!<\/p>\n<p>Kum&#8217;a Ndumbe III. ist Prinz der Bele Bele in Kamerun, Schriftsteller und Universit\u00e4tsprofessor. Er schreibt auf Douala, Deutsch, Franz\u00f6sisch und Englisch (siehe: <link http:\/\/www.africavenir.org>www.africavenir.org<\/link> und  <link http:\/\/www.exchange-dialogue.com>www.exchange-dialogue.com<\/link>). \u00a9 &quot;Le Monde diplomatique, Berlin <\/p>\n<p>Le Monde diplomatique Nr. 9062 vom 11.12.2009, 262 Zeilen, Prinz Kum&#8217;a Ndumbe III. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir ver\u00f6ffentlichen den &quot;Brief aus Douala&quot; von Prinz Kum&#8217;a Ndumbe III. mit freundlicher Genehmigung des Monde Diplomatique (dt. 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