{"id":1445,"date":"2008-09-14T13:18:43","date_gmt":"2008-09-14T11:18:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/persoenlicher-bericht-festival-afrikanischer-filme-in-bonendale-kamerun\/"},"modified":"2023-10-06T11:15:27","modified_gmt":"2023-10-06T09:15:27","slug":"persoenlicher-bericht-festival-afrikanischer-filme-in-bonendale-kamerun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/en\/persoenlicher-bericht-festival-afrikanischer-filme-in-bonendale-kamerun\/","title":{"rendered":"Pers\u00f6nlicher Bericht: Festival afrikanischer Filme in Bonendale\/ Kamerun"},"content":{"rendered":"<p>Pers\u00f6nlicher Erfahrungsbericht von Ingeborg Mautner, Lehrende am BRG 6 Marchettigasse, Wien, das seit 2007 eine Schulpartnerschaft mit dem Coll\u00e8ge du Levant, Bonab\u00e9ri\/ Douala pflegt. Frau Mautner beschreibt im Folgenden ihre Erfahrungen w\u00e4hrend ihrer ersten Begegnung mit dem afrikanischen Kontinent. n<b>Festival afrikanischer Filme in Bonendale\/ Kamerun <br \/> unterst\u00fctzt vom EED, 5. bis 30. Juli 2008 <br \/> Pers\u00f6nliche Sichtweise einer ersten Begegnung mit Afrika <br \/> von Ingeborg Mautner , Bonab\u00e9ri\/ Douala<\/b> <br \/> <b>Dem Leben n\u00e4her\u2026<\/b> nDas ist Afrika! Alles flie\u00dft ineinander, vieles passiert, auch gleichzeitig, oder \u00fcberraschend, weniger geplant, doch konzipiert, nicht zuf\u00e4llig, vielleicht gef\u00fcgt. Das Leben geschieht, man nimmt es wahr, man l\u00e4sst sich drauf ein, man nimmt es an. Man f\u00fchlt sich dem Leben n\u00e4her! n<b>In Afrika gelandet\u2026<\/b> <br \/> Landeanflug \u00fcber tropische W\u00e4lder und verzweigte Flussl\u00e4ufe, lebhaftes Treiben auf dem International Airport Douala, unvorstellbar lebhaftes Treiben: dichtes Gedr\u00e4nge ankommender und wartender Menschen, Unmengen von Koffern nahezu gleichzeitig landender Flugzeuge auf einem einzigen F\u00f6rderband. Das Bild ist so \u00fcberw\u00e4ltigend, dass ich einfach nur lache \u00fcber diese erste Herausforderung Afrikas an mich, die an wohlgeordnete Strukturen gew\u00f6hnte Europ\u00e4erin. Gelassenheit, der Koffer kommt, das Chaos funktioniert! n<b>Afrikanische Filme in einem Dorf\u2026<\/b> <br \/> Kaum angekommen, erwartet mich am n\u00e4chsten Tag eine weitere au\u00dfergew\u00f6hnliche Faszination. Eine Tafel vor der Fondation AfricAvenir International in Bonab\u00e9ri\/ Douala l\u00e4dt zur Er\u00f6ffnung der \u201eProjection des films africains dans les villages\u201c mit Prince Kum\u2019a Ndumbe III am 5. Juli 2008 in die Turbo Bar nach Bonabataka-Bonendale, ein Dorf in unmittelbarer Umgebung der Wirtschaftsmetropole Douala. Erstmals werden afrikanische Filme in D\u00f6rfern gezeigt und in die Muttersprache dieser Region, Duala, \u00fcbersetzt. Ich lasse mich drauf ein! Die Fahrt dorthin auf vom Regen durchl\u00f6cherter Stra\u00dfe f\u00fcgt sich in mein Afrikabild: Stadt und Land flie\u00dfen ineinander, ohne Widerspruch Apartmenth\u00e4user neben Bananenstauden. Nur K\u00fche h\u00e4tte ich nicht vermutet in Kamerun! nDie Er\u00f6ffnung des Festivals findet im Freien statt, jung und alt str\u00f6mt herbei: Kino in Afrika! Die Anordnung der Sessel l\u00e4sst auf eine bestimmte Sitzordnung schlie\u00dfen, weshalb ich sehr dankbar bin, dass ich als Gast der Fondation AfricAvenir International zu meinem Platz begleitet werde. Dort sitze ich nun und nehme alle Eindr\u00fccke in mich auf: kleine Kinder neben alten Menschen, einfache Holzst\u00e4mme als Halterung f\u00fcr die Filmleinwand neben modernster Projektionstechnik, Vertreter aktueller politischer Macht neben W\u00fcrdentr\u00e4gern traditioneller Gesellschaftsordnung. Das ist Afrika! Das unmittelbare Nebeneinander, ja sogar Miteinander scheinbar unvereinbarer Gegens\u00e4tze. Die profunde Akzeptanz des Anderen. Als historischen Moment sogar bewertet Prince Kum\u2019a Ndumbe III diese Tatsache, dass politische Vertreter offizieller Regierungs\u00e4mter und politische Vertreter der traditionellen vorkolonialen Ordnung erstmals gemeinsam ein Festival der Fondation AfricAvenir International er\u00f6ffnen. Das duale Gesellschaftssystem, die Koexistenz aktueller und traditioneller politischer Macht, in den postkolonialen Staaten Afrikas k\u00f6nnte nicht deutlicher zu Tage treten! nEr\u00f6ffnungsworte werden gesprochen, die Initiative von AfricAvenir gelobt und die Idee von Prince Kum\u2019 a Ndumbe III bewundert. Die Botschaft ist klar: Die R\u00fcckbesinnung auf das afrikanische Genie, die eigenen kulturellen und spirituellen Werte, die besonders in den D\u00f6rfern noch unverf\u00e4lscht vorhanden sind, sollen zur Basis zuk\u00fcnftiger Gestaltungskraft werden. Das Medium Film erscheint in einer Gesellschaft, in der eher erz\u00e4hlt und zugeh\u00f6rt als gelesen wird, besonders geeignet. Die Themen der ausgew\u00e4hlten acht afrikanischen Filme ber\u00fchren das unmittelbare Lebensumfeld der Zuschauer und stehen so in einem beabsichtigten Kontrast zu den gel\u00e4ufigen amerikanischen, europ\u00e4ischen und asiatischen Filmen. Doch das ist nicht das einzig Besondere an diesem Filmfestival: Alle Filme werden von Merveille Moukoko in die Muttersprache der Dorfbewohner, Duala, \u00fcbersetzt und anschlie\u00dfend zweisprachig diskutiert. Ein starkes Zeichen im Internationalen Jahr der Sprachen! Diese junge Frau ist es auch, die die jeweils anschlie\u00dfende Diskussion in Franz\u00f6sisch und Duala geschickt moderiert. Ihre Pers\u00f6nlichkeit allein vereint authentisch afrikanische Tradition und Moderne! nNicht nur der Er\u00f6ffnungsfilm \u201eSia, le r\u00eave du python\u201c von Dani Kouyat\u00e9, der fragw\u00fcrdige Traditionen entlarvt, fordert die Zuschauer in ihrem Denken und F\u00fchlen heraus und regt zu interessanten Diskussionen an. Am zweiten Filmabend stellt \u201ePi\u00e8ces d\u2019identit\u00e9\u201c von Mw\u00e9z\u00e9 Dieudonn\u00e9 Ngangura die Identit\u00e4tsfrage und provoziert eine Wertediskussion, \u201eLa nuit de la v\u00e9rit\u00e9\u201c von Fanta R\u00e9gina Nacro zeigt den schwierigen Weg zum Frieden nach ethnischen Konflikten, \u201eYellow Card\u201c von John Riber thematisiert jugendgerecht am Beispiel eines Fu\u00dfballtalents den verantwortungsvollen Umgang mit Sexualit\u00e4t, und \u201eLa petite vendeuse du soleil\u201c von Djibril Diop Mambety bringt auf liebenswerte Art und Weise das Schicksal afrikanischer Stra\u00dfenkinder n\u00e4her. Die Pr\u00e4sentation von \u201eCeddo\u201c, \u201eLe mandat\u201c und \u201eCamp de Thiaroye\u201c sehe ich als eine Hommage an Semb\u00e8ne Ousmane, den Pionier des afrikanischen Films. Das Spektrum der gezeigten Filme ber\u00fchrt sowohl traditionelle als auch hochaktuelle Probleme afrikanischer Gesellschaften. Gratulation dem jungen Team von AfricAvenir zur Auswahl der Filme! n<b>Afrikanische Gespr\u00e4chskultur\u2026 <\/b> <br \/> Aufmerksam und konzentriert folgen die Zuschauer den Filmen und artikulieren anschlie\u00dfend \u2013 oder auch bereits w\u00e4hrend der Filme \u2013 in Duala und Franz\u00f6sisch ihre Betroffenheit von den Inhalten und ihr Bed\u00fcrfnis nach Austausch mit anderen. Man hat das Gef\u00fchl, dass die Emotionen ihren Ausdruck finden m\u00fcssen! Probleme werden nicht tabuisiert, sondern eingehend diskutiert. nDie Geborgenheit der Gemeinschaft scheint dabei ein besonderes Gef\u00fchl der Sicherheit f\u00fcr derart offene Worte zu vermitteln. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte melden sich zu Wort, Pastoren, K\u00fcnstler, Journalisten, Juristen, Mediziner, Abgeordnete, B\u00fcrgermeister, Regierungsvertreter, Schneider, Elektriker, Fischer, Bauern, Beamte, Lehrer, Sch\u00fcler, Studenten \u2013 eine einmalige Mischung verschiedener Genres und Berufsgruppen, des formellen und informellen Sektors, von Dauerbesuchern und Zufallsg\u00e4sten \u2013 legen ihre Sichtweisen dar. nDie Ernsthaftigkeit der Diskussion f\u00e4llt auf und die Tatsache, dass jeder Sprecher in Ruhe aussprechen kann. Niemand f\u00e4llt ins Wort! Die Zuh\u00f6rer geben dem Gesagten Raum und Zeit. F\u00fcr mich schwingt dabei sehr viel Respekt vor der Meinung und dem Standpunkt anderer mit, aber ebenso die bescheidene Haltung, dass man von anderen lernen kann und nicht selbst schon alles besser wei\u00df. Zutiefst beeindruckt von dieser Gespr\u00e4chskultur freue ich mich f\u00fcr die Kinder, die in diesem nat\u00fcrlichen Umfeld von jung und alt ihre \u201ekommunikativen F\u00e4higkeiten\u201c \u2013 so w\u00fcrde man es wahrscheinlich in Europa nennen \u2013 schulen k\u00f6nnen. F\u00fcr den Eindruck dieser offenen Diskussionskultur bin ich au\u00dferordentlich dankbar. Anlass zur kritischen Selbstreflexion! n<b>Perspektivenwechsel\u2026<\/b> <br \/> Dank der offiziellen Vorstellung meiner Person durch Prince Kum\u2019a Ndumbe III als Mitglied von AfricAvenir ist meine Anwesenheit und Rolle klar. Doch wie erlebe ich mich? Anders unter vielen zumindest \u00e4u\u00dferlich gleichen, sehr wei\u00df unter schwarz! Um das Festival zu dokumentieren, fotografiere ich viel, f\u00fchle mich dabei aber nicht wirklich wohl: Europ\u00e4erin auf Fotosafari! Glaube auch, eine gewisse Skepsis einiger alter Menschen zu bemerken. Die Kinder hingegen genie\u00dfen es, fotografiert zu werden: noch ein Foto, noch ein Foto! nEin kleines M\u00e4dchen ist es dann auch, das mich jeden Abend erwartet und zu meinem Platz begleitet \u2013 neben seine Gro\u00dfmutter! Das ist nun sozusagen mein Platz in der Gemeinschaft, eine gro\u00dfe Ehre! Von Abend zu Abend wird meine Anwesenheit mehr und mehr zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit und gegen Ende habe ich das Gef\u00fchl, schon fixer Bestandteil der Veranstaltung zu sein und gar nicht mehr als so fremd wahrgenommen zu werden. Ein Bewohner des Dorfes bedankt sich sogar am letzten Abend bei mir f\u00fcr mein nachhaltiges Interesse und Engagement f\u00fcr die Ideen von AfricAvenir. Das freut mich sehr! n<b>Afrika\u2026 Afrika&#8230; <\/b> <br \/> Mit gro\u00dfer Begeisterung wird auch der letzte Abend vorbereitet. Wird das Wetter mitspielen? Tropische Regen w\u00e4hrend der Regenzeit sind gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig! Zu Beginn des lauen Abends pr\u00e4sentiert eine Gruppe von K\u00fcnstlern traditionelle afrikanische Musik und T\u00e4nze. Danach wechseln an Prince Kum\u2019 a Ndumbe III gerichtete Dankesworte verschiedener W\u00fcrdentr\u00e4ger, wie zum Beispiel des K\u00f6nigs der Bakoko, mit pers\u00f6nlichen Worten und Eindr\u00fccken zahlreicher Festivalbesucher, von denen einige alle acht Filme gesehen haben! nBesonders hervorzuheben ist die Aussage eines Malers aus Bonendale, der nach dem ersten Filmabend seine Kinder zu allen weiteren mitgenommen hat, um ihnen die Botschaft der Filme nicht vorzuenthalten. Sein Sohn ist es auch, der sich als j\u00fcngster Teilnehmer, mit neun Jahren, bei einer Diskussion zu Wort meldet: \u201eIch habe aus dem Film (\u201eCamp de Thiaroye\u201c) gelernt, dass man L\u00fcgnern keinen Glauben schenken darf!\u201c Treffsicher eine Botschaft dieses Films erfasst! Der Abschlussfilm \u201eLa petite vendeuse du soleil\u201c ber\u00fchrt auf sehr subtile Weise, die M\u00f6glichkeit zur Diskussion an diesem Abend weicht einem herzlichen Empfang durch die Dorfbewohner. Auch dabei haben die Prinzen und K\u00f6nige, die M\u00e4nner und Frauen ihren Platz. nDiesmal ist es Merveille Moukoko, die mich in diese Gesellschaft begleitet. Sie vermittelt mir das Gef\u00fchl, dass Menschen f\u00fcr Menschen einfach da sein k\u00f6nnen, um ein harmonisches Zusammenleben m\u00f6glichst reibungslos zu gestalten. Das d\u00fcrfte, wie mir scheint, in der bisweilen f\u00fcr europ\u00e4ische Augen beschwerlich anmutenden afrikanischen Lebensumwelt ein unausgesprochener Grundkonsens sein! So ergibt es sich auch, dass wir bei der Heimfahrt statt zu zweit zu f\u00fcnft im Auto sitzen, denn\u2026 nun beginnt der tropische Regen! n<b>Gro\u00dfes Medieninteresse\u2026<\/b> <br \/> Nicht nur die Akzeptanz und das nachhaltige Interesse der Bev\u00f6lkerung sind beeindruckend \u2013 viele Besucher werden neue Mitglieder von AfricAvenir International \u2013, sondern auch die Aufmerksamkeit und Pr\u00e4senz der Medien ist \u00fcberw\u00e4ltigend. Die au\u00dfergew\u00f6hnliche Idee von Prince Kum\u2019a Ndumbe III, afrikanische Filme in D\u00f6rfern zu zeigen und diese anschlie\u00dfend sowohl in einer der offiziellen Amtssprachen, n\u00e4mlich Franz\u00f6sisch, als auch in einer der regionalen Muttersprachen, in diesem Fall Duala, zu diskutieren, wird bewundert und das Ereignis aufmerksam verfolgt. Radio und Fernsehen bitten um Interviews und Reportagen. In den wichtigsten Tageszeitungen Kameruns erscheinen zum Teil ganzseitige Artikel an prominenten Stellen: in \u201eLe Messager\u201c, in \u201eMutations\u201c, in \u201eLa Nouvelle Expression\u201c und in \u201eCameroon Tribune\u201c, der staatlichen Regierungszeitung. Eine angemessene Best\u00e4tigung des jahrzehntelangen Weges von Prince Kum\u2019a Ndumbe III und eine W\u00fcrdigung seiner Arbeit im Sinne einer Afrikanischen Renaissance! n<b>Lernen von Afrika\u2026<\/b> <br \/> In Gespr\u00e4chen mit Prince Kum\u2019 a Ndumbe III kommen weitere f\u00fcr mich wesentliche Details zutage. Wie ich erfahre, ist das Filmfestival nicht einfach \u201everanstaltet\u201c worden, sondern die betroffene Dorfbev\u00f6lkerung von Anfang an in die Gestaltung miteinbezogen worden. Allein die Auswahl des Veranstaltungsortes ist eingehend diskutiert worden, bis die Entscheidung f\u00fcr die Turbo Bar gefallen ist. Die Notabeln, Berater des K\u00f6nigs, haben das letzte Wort! Ihre Meinung und ihre Haltung sind ausschlaggebend f\u00fcr die Akzeptanz einer Veranstaltung in der lokalen Bev\u00f6lkerung. Eine politische Handlung, die man nicht untersch\u00e4tzen sollte! n<b>\u201eBamako\u201c in Wien\u2026<\/b> <br \/> So ein Zufall! Ausgerechnet ein afrikanischer Film, \u201eBamako\u201c von Abderrahmane Sissako, der das allt\u00e4gliche Leben in der Hauptstadt Malis fragmentarisch schildert und in Form einer fiktiven Anklage gegen IWF und Weltbank die Probleme Afrikas hautnah miterleben l\u00e4sst, sollte mich in einem Wiener Kino so faszinieren und zur besten Reisevorbereitung f\u00fcr meine erste Begegnung mit Afrika werden. Vielleicht doch\u2026 F\u00fcgung?  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pers\u00f6nlicher Erfahrungsbericht von Ingeborg Mautner, Lehrende am BRG 6 Marchettigasse, Wien, das seit 2007 eine Schulpartnerschaft mit dem Coll\u00e8ge du Levant, Bonab\u00e9ri\/ Douala pflegt. 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