{"id":1493,"date":"2015-04-16T15:50:00","date_gmt":"2015-04-16T13:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/sueddeutsche-zeitung-wie-weltbank-projekte-den-aermsten-schaden\/"},"modified":"2023-10-06T10:32:07","modified_gmt":"2023-10-06T08:32:07","slug":"sueddeutsche-zeitung-wie-weltbank-projekte-den-aermsten-schaden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/en\/sueddeutsche-zeitung-wie-weltbank-projekte-den-aermsten-schaden\/","title":{"rendered":"S\u00fcddeutsche Zeitung: Wie Weltbank-Projekte den \u00c4rmsten schaden"},"content":{"rendered":"<p>Im vergangenen Jahrzehnt haben etwa 3,4 Millionen Menschen ihr Land oder einen Teil ihrer Lebensgrundlage verloren. Tausende wurden aus ihren H\u00e4usern vertrieben, viele leiden bis heute unter den Folgen gro\u00dfer Mammut-Projekte. Die S\u00fcddeutsche Zeitung stellt eine \u00dcbersicht von Menschenrechtverletzungen der Weltbank im Form von <link http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/vertreibung-und-verfolgung-wie-weltbank-projekte-den-aermsten-schaden-1.2437465 - - \"\u00d6ffnet externen Link in neuem Fenster\">einer interaktiven Landkarte<\/link> dar.n<\/p>\n<ul>\n<li>Bei von der Weltbank finanzierten Infrastrukturprojekten in Afrika werden Armutsviertel zum Teil ohne Vorwarnung niedergewalzt. Bewohner werden zwangsweise umgesiedelt oder obdachlos.<\/li>\n<li>Durch Projekte der Weltbank haben im vergangenen Jahrzehnt 3,4 Millionen Menschen ihr Land oder einen Teil ihrer Lebensgrundlage verloren.<\/li>\n<li>Die Weltbank soll eigentlich Armut durch die Finanzierung von Infrakstrukturma\u00dfnahmen bek\u00e4mpfen. Deutschland ist viertgr\u00f6\u00dfter Geldgeber der Institution.<\/li>\n<li>Menschenrechtler kritisieren, Deutschland mache seinen Einfluss nicht geltend, um sch\u00e4dliche Projekte zu verhindern.<\/li>\n<li>Nach Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber die Folgen der Weltbankprojekte gelobten die Verantwortlichen Besserung. Doch Menschenrechtsorganisationen kritisieren, geplante \u00c4nderungen k\u00f6nnten alles noch verschlimmern.<\/li>\n<\/ul>\n<p>n<i>Von Sasha Chavkin und Katrin Langhans<\/i>nSie kamen mit Bulldozern und schrien: &quot;Wenn dir dein Leben lieb ist, dann hau ab!&quot; Sie rissen die H\u00fctte ab, die ganze Nachbarschaft. Bimbo Omowole Osobe verlor in dem Chaos den \u00dcberblick, sah ihre Kinder nicht mehr und floh mit tausend anderen, die griffen, was sie in der Schnelle retten konnten. Als sie wenige Stunden sp\u00e4ter zur\u00fcckkehrte, hatten die Bulldozer ihre Heimat, einen Slum in der Region Lagos in Nigeria, komplett niedergewalzt.nNiemand hatte Osobe vorgewarnt.nSie stand da, sah Tr\u00fcmmer, soweit ihr Auge blicken konnte, und f\u00fchlte sich, als h\u00e4tte sie ein Kind verloren. Das war im Februar 2013, als die Regierung von Lagos ihren Slum zerlegte und Osobe das bisschen Hab und Gut, das sie besa\u00df, verlor. Tausende Menschen wurden \u00fcber Nacht obdachlos.nDie Regierung des Staates Lagos hatte den Slum zerst\u00f6rt f\u00fcr ein Infrastrukturprojekt, das die Lebensbedingungen der Menschen verbessern sollte. Ein Projekt, finanziert mit einem Kredit der Weltbank. Eben jener Sonderorganisation der Vereinten Nationen, deren Ziel es ist, weltweit Armut zu bek\u00e4mpfen.nSeit mehr als drei Jahrzehnten sollen eigentlich Schutzma\u00dfnahmen die Rechte der V\u00f6lker sch\u00fctzen. Menschen m\u00fcssen bei einer Umsiedlung vorgewarnt werden. Und es muss ihnen in der neuen Siedlung mindestens genauso gut gehen wie zuvor.nIn den Bankstatuten steht, &quot;do no harm&quot;, verursache kein Leid. Die Bank hat ihr Versprechen gebrochen. Und das nicht nur einmal.nIm vergangenen Jahrzehnt haben etwa 3,4 Millionen Menschen in mehr als 900 Projekten der Bank ihr Land oder einen Teil ihrer Lebensgrundlage verloren. Tausende wurden zwangsumgesiedelt, es gab heftige Auseinandersetzungen, es gab Vergewaltigungen, es gab Morde. Die Bank hat die Menschen in den \u00e4rmsten L\u00e4ndern der Welt nicht ausreichend gesch\u00fctzt. Oft wei\u00df sie nicht einmal, wie viele Menschen umgesiedelt wurden, geschweige denn, wie es ihnen geht. Die Recherche zeigt: Die Weltbank muss sich tiefgehend \u00e4ndern, wenn sie ihren Idealen gen\u00fcgen will.nOft fehlen Umsiedlungspl\u00e4ne, oft werden V\u00f6lker bei der Planung vergessen. Die Umsetzung der Schutzma\u00dfnahmen? \u00dcberl\u00e4sst die Bank dem Kreditnehmer.nFast ein Jahr lang hat ein Team des Internationalen Konsortiums f\u00fcr Investigative Journalisten (ICIJ), darunter auch Reporter von NDR, WDR und der S\u00fcddeutschen Zeitung, 6600 Dokumente untersucht. Mehr als 50 Journalisten aus 21 L\u00e4ndern haben Hunderte Interviews gef\u00fchrt und Projekte in L\u00e4ndern wie Uganda, \u00c4thiopien, Kosovo und Indien besucht.nDie Weltbank wurde 1944 in Bretton Woods gegr\u00fcndet und ist keine Bank im eigentlichen Sinne. Sie ist eine der weltweit gr\u00f6\u00dften Finanziers von Entwicklungsvorhaben und vergibt Kredite, damit Krankenh\u00e4user, Schulen oder Staud\u00e4mme in Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern gebaut werden k\u00f6nnen. Sie soll den Armen helfen.nMehr als 65 Milliarden US-Dollar flossen 2014 in Projekte weltweit. Deutschland ist nach Gro\u00dfbritannien, den USA und Japan viertgr\u00f6\u00dfter Geldgeber. Alle drei Jahre bezuschusst die Bundesregierung die Bank, zuletzt 2014 mit 1,6 Milliarden Euro. Auch die Kreditanstalt f\u00fcr Wiederaufbau (KfW) und die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) beteiligen sich j\u00e4hrlich mit etlichen Millionen an Weltbankprojekten.nAls einer der gr\u00f6\u00dften Geldgeber hat Deutschland einen von 25 Sitzen im Board, das \u00fcber jedes Weltbankprojekt abstimmt. Deutschland hat nach Angaben des Entwicklungsministeriums eine &quot;herausgehobene Stellung&quot; und ein &quot;besonderes Gewicht und Einfluss auf Entscheidungen der Weltbankgruppe&quot;. Zwar kann Deutschland allein Projekte nicht verhindern, es sei aber ein &quot;deutliches Zeichen&quot; an das Management der Bank, wenn die Bundesrepublik ein Vorhaben ablehne.nSeit Ende 2013 hat Deutschland das nur ein einziges Mal getan, bei einem umstrittenen Energieprojekt.nDas Entwicklungsministerium erkl\u00e4rte, es spreche Kritik in der Weltbank &quot;im Wesentlichen in Vorgespr\u00e4chen und bei informellen Beratungen&quot; an.n&quot;Deutschland h\u00e4lt auf dem Papier Menschenrechte hoch. Wird aber still, wenn es konkret wird&quot;, sagt Knud V\u00f6cking, Mitglied der Menschenrechtsorganisation Urgewald. Er besch\u00e4ftigt sich seit 13 Jahren mit der Weltbank. Selbiges bem\u00e4ngelt auch die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.nDie Weltbank investiert oft in strittige Unternehmen. Zum Beispiel vergab die Weltbanktochter IFC im Jahr 2009 einen Kredit an den Palm\u00f6lhersteller Dinant. Zu einem Zeitpunkt als bereits bekannt war, dass heftige Landkonflikte in der Region Bajo Agu\u00e1n in Honduras herrschen. Bis heute sind dabei sch\u00e4tzungsweise hundert Menschen umgekommen.nIn Indien verschmutzt ein von der Weltbanktochter IFC finanziertes Kohlekraftwerk das nahegelegene Gew\u00e4sser. Menschen, die auf die Fischerei angewiesen sind, klagen \u00fcber den starken R\u00fcckgang der Best\u00e4nde. In \u00c4thiopien wurden mit Geldern der Weltbank Tausende Menschen zwangsumgesiedelt, M\u00e4nner wurden verpr\u00fcgelt und Frauen vergewaltigt.nKonfrontiert mit den Rechercheergebnissen gestand die Weltbank im M\u00e4rz schwere Fehler ein. Viele Projekte seien in der Vergangenheit schlecht bis gar nicht dokumentiert worden, hie\u00df es. &quot;Wir haben unsere Arbeit in diesem Bereich kritisch untersucht, und was wir herausgefunden haben, erf\u00fcllt mich mit gro\u00dfer Sorge&quot;, sagte Weltbankpr\u00e4sident Jim Yong Kim. &quot;Wir m\u00fcssen und wir wollen es besser machen.&quot; Die Weltbank r\u00e4umte ein, oft nicht zu wissen, wie viele Menschen von den Projekten betroffen sind. Aus einem internen Pr\u00fcfbericht geht sogar hervor, dass Bankmitarbeiter in 60 Prozent der untersuchten F\u00e4lle nicht dokumentiert hatten, wie das Leben der Umgesiedelten weiter ging.nDas Ausma\u00df mag die Weltbank \u00fcberrascht haben. Aber schon seit Jahren wei\u00df sie, dass es in ihren Projekten zu Menschenrechtsverletzungen kommt. In einem Bericht Mitte der neunziger Jahre steht, dass 2,5 Millionen Menschen binnen acht Jahren ihr Land verlassen mussten, viele davon unfreiwillig. Man solle &quot;wenn m\u00f6glich&quot; Zwangsumsiedlungen vermeiden und k\u00f6nne die Zahl der Betroffenen minimieren, hie\u00df es schon damals. Vielen ohnehin schon armen V\u00f6lkern ginge es &quot;schlechter als zuvor&quot;.n&quot;Was n\u00fctzen gute Standards, wenn man sie nicht einh\u00e4lt?&quot;, sagt der Menschenrechtler Knud V\u00f6cking.nNichtregierungsorganisationen kritisieren, dass die internen Strukturen der Weltbank darauf ausgelegt seien, Profit zu f\u00f6rdern, auch um sich in Konkurrenz mit neuen Entwicklungsbanken wie der Entwicklungsbank der BRICS-Staaten oder der Asia Investment Bank, zu behaupten. &quot;Das Problem sind die Anreiz-Strukturen f\u00fcr die Mitarbeiter. Derjenige wird bef\u00f6rdert, der das meiste Geld schnell abflie\u00dfen l\u00e4sst&quot;, sagt V\u00f6cking. V\u00f6lkerrechte seien oft nebens\u00e4chlich. In einer internen Befragung der Weltbank gaben 77 Prozent der Mitarbeiter an, dass das Management ihre Bem\u00fchungen um Schutzma\u00dfnahmen nicht wertsch\u00e4tze.n&quot;Oft profitieren Gro\u00dfunternehmen wie Halliburton oder Rio Tinto&quot;, sagt V\u00f6cking. Auch die deutsche Wirtschaft hat einen nicht geringen Nutzen. Insgesamt lag das Auftragsvolumen deutscher Unternehmen in Weltbank-Projekten im vergangenen Jahr bei mehr als 300 Millionen US-Dollar.nSeit knapp drei Jahren \u00fcberarbeitet die Weltbank die Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr \u00f6ffentliche Projekte, die sogenannten Safeguards. Der Prozess begann, kurz nachdem Kim den Weltbankpr\u00e4sidenten Robert Zoellick abgel\u00f6st hatte. Damals sprach Jim Yong Kim von Leidenschaft, von Innovationen und der Zusammenarbeit, &quot;allen voran, mit den Menschen, die in Armut leben&quot;. Die Kontrollen sollten strenger werden, die Kreditvergabe mehr auf den Klienten zugeschnitten.nJetzt liegt der erste Entwurf vor. Und 300 Organisationen weltweit laufen Sturm. In einem Statement schreiben unter anderem Oxfam, Amnesty International und Greenpeace: &quot;Die neuen Regeln w\u00fcrden 30 Jahre Schutzpolitik zunichtemachen&quot;.nEinfach so.nDie Safeguards, sagen sie, werden schw\u00e4cher, nicht st\u00e4rker. Schwammige Formulierungen wie &quot;angemessen&quot; oder &quot;wo es technisch und finanziell m\u00f6glich ist&quot; lassen dem Kreditnehmer Spielraum. Betroffene V\u00f6lker k\u00f6nnen aus der Planung ausgeschlossen werden und Schlupfl\u00f6cher erm\u00f6glichen es, die Safeguards zu umgehen. &quot;Die lange Latte von Ausnahmen verwandelt das sichere Netz eigentlich nur noch in L\u00f6cher&quot;, sagt V\u00f6cking. Dann k\u00f6nnten die Schutzma\u00dfnahmen auch in der Theorie an Bedeutung verlieren. &quot;Verw\u00e4ssert die Weltbank die Regeln, dann lockern auch andere Banken ihre Schutzma\u00dfnahmen, weil sie sich an der Weltbank orientieren&quot;. Das h\u00e4tte Folgen f\u00fcr Milliarden Menschen.nMenschen wie Osobe. In wenigen Stunden hatten die Bulldozer ihr Haus und ihre zwei Shops plattgewalzt und aus dem Wenigen, das sie hatte, war nichts geworden. Sie fand ihre drei Kinder wieder nach dem Chaos, aber wo sollten sie jetzt hin. Wo schlafen? &quot;Ich war gezwungen, meine Kinder zu Verwandten zu schicken&quot;, sagt Osobe. Sie selbst schlief monatelang unter einem Tuch, ohne Dach \u00fcber dem Kopf. Seit Mitte M\u00e4rz \u00fcbernachtet sie im Eingang einer medizinischen Klinik.nEin neue H\u00fctte? Einen neuen Shop? Hat ihr die Weltbank nicht gezahlt.n<i>Mitarbeit: Giulia Afiune, Jeanne Baron, Ben Hallman, Michael Hudson, Jacob Kushner, Anthony Langat, Besar Likmeta, Friedrich Lindenberg, Musikilu Mojeed, C\u00e9cile Schilis-Gallego, Shane Shifflett, Elisabeth Weydt, Barry Yeoman<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im vergangenen Jahrzehnt haben etwa 3,4 Millionen Menschen ihr Land oder einen Teil ihrer Lebensgrundlage verloren. Tausende wurden aus ihren H\u00e4usern vertrieben, viele leiden bis heute unter den Folgen gro\u00dfer Mammut-Projekte. 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