{"id":1652,"date":"2009-09-12T10:50:00","date_gmt":"2009-09-12T08:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/karl-roessel-eroeffnungsrede-der-ausstellung-die-dritte-welt-im-zweiten-weltkrieg-am-1-september-2009-in-den-uferhallen-berlin-wedding\/"},"modified":"2023-10-06T11:33:09","modified_gmt":"2023-10-06T09:33:09","slug":"karl-roessel-eroeffnungsrede-der-ausstellung-die-dritte-welt-im-zweiten-weltkrieg-am-1-september-2009-in-den-uferhallen-berlin-wedding","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/en\/karl-roessel-eroeffnungsrede-der-ausstellung-die-dritte-welt-im-zweiten-weltkrieg-am-1-september-2009-in-den-uferhallen-berlin-wedding\/","title":{"rendered":"Karl R\u00f6ssel: Er\u00f6ffnungsrede der Ausstellung \u00abDie Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg\u00bb am 1. September 2009 in den Uferhallen (Berlin-Wedding)"},"content":{"rendered":"<p>Der Weg bis zur Realisierung dieser Ausstellung war lang und f\u00fchrte noch auf der Zielgeraden in der letzten Woche hier in Berlin \u00fcber unerwartete Hindernisse von Neuk\u00f6lln in den Wedding, um Zensurversuchen in der Werkstatt der Kulturen zu begegnen. Den Betreibern der Uferhallen, die uns hier spontan Asyl geboten haben, und den zahlreichen Helferinnen und Helfern von AfricAvenir, dem Korea-Verband und der Berliner Gruppe der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO), die in einem extremen Kraftakt in nur wenigen Tagen aus dieser vor einer Woche noch komplett leeren Halle einen pr\u00e4sentablen Ausstellungs- und Veranstaltungsraum gezaubert haben, geh\u00f6rt mein erster und ganz besonderer Dank. Stellvertretend f\u00fcr alle sei hier nur Ivalu Hildmann genannt, die die Aufbauarbeien koordiniert hat. nMein zweiter Dank geht an Professor Kum\u2019a Ndumbe III., der den weitesten Anreiseweg nach Berlin auf sich genommen hat und direkt aus Kamerun angereist ist. Er begleitet unser Projekt schon seit einigen Jahren, hat das Vorwort zu unserem Buch verfasst, er\u00f6ffnet jetzt auch diese Ausstellung, in der wir ihm \u2013 auf einer Tafel des Epilogs \u2013 auch das letzte Wort gegeben haben unter der \u00dcberschrift \u201eDas Recht auf Erinnerung\u201c. Wir danken ihm f\u00fcr sein anhaltendes Engagement bei dem Versuch, auch an verdr\u00e4ngte und verschwiegene historische Fakten zu erinnern. <br \/>&nbsp;<br \/>Auch vor Berlin war der Weg dieses Projektes keineswegs unbeschwerlich. Er f\u00fchrte uns rund um den Globus und in 30 L\u00e4nder Afrikas, Asiens und Ozeaniens, um Stimmen, Erfahrungen und Meinungen von Menschen aus der sogenannten Dritten Welt zu sammeln und aufzuzeichnen, die zur Befreiung der Welt vom deutschen und italienischen Faschismus und vom japanischen Gro\u00dfmachtwahn beigetragen haben. nDer Ausgangspunkt dieses Projekts liegt zeitlich fast ein Vierteljahrhundert zur\u00fcck. Es war Mitte der achtziger Jahre, als wir im Rheinischen Journalistenb\u00fcro in K\u00f6ln, einem Kollektiv freier Journalisten, in dem ich noch heute arbeite, an einem Buch \u00fcber die Geschichte der Dritte Welt-Bewegung in der Bundesrepublik arbeiteten. Darin gingen wir den Konjunkturen der Solidarit\u00e4tsarbeit von der Unterst\u00fctzung des algerischen Befreiungskampfes in den 1950er Jahren \u00fcber die Protestbewegungen gegen den Vietnam-Krieg und den Milit\u00e4rputsch in Chile in den 60ern und 70ern, bis zur Unterst\u00fctzung der Sandinisten und den Kampagnen gegen das s\u00fcdafrikanische Apartheids-Regime in den 1980er Jahren nach.<\/p>\n<p>Bei den Arbeiten an diesem Buch fiel uns auf, dass s\u00e4mtliche Aktionsformen, die Initiativen hierzulande in Solidarit\u00e4t mit L\u00e4ndern und Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt nutzten, w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs umgekehrt in L\u00e4ndern der Dritten Welt praktiziert wurden, um den antifaschistischen Widerstand in Deutschland und Europa zu unterst\u00fctzen. So gab es in den 1930er Jahren in Buenos Aires und Manila Boykottkampagnen gegen deutsche und italienische Waren, so wie sp\u00e4ter zu S\u00fcdafrika. Der Aufruf \u201eWaffen f\u00fcr El Salvador\u201c, mit dem Solidarit\u00e4tsgruppen hierzulande Sammlungen f\u00fcr die dortige Befreiungsbewegung durchf\u00fchrten, hatte einen Vorl\u00e4ufer in Kuba, wo Arbeiter w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs unter dem Motto \u201eWaffen f\u00fcr die Rote Armee\u201c Geld f\u00fcr den antifaschistische Kriegsallianz in Europa sammelten. Und w\u00e4hrend die Nicaragua-Solidarit\u00e4t Kaffee-Brigadisten nach Mittelamerika schickte, waren Ende der 1930er Jahre Brigadisten aus Afrika, Asien und Lateinamerika nach Spanien gekommen, um mit der Waffen in der Hand gegen den Faschismus zu k\u00e4mpfen. 1944 hatten nahezu alle L\u00e4nder der Dritten Welt, die bereits unabh\u00e4ngig waren, Deutschland den Krieg erkl\u00e4rt und die kriegf\u00fchrenden M\u00e4chte hatten all ihre Kolonien in den Krieg mit einbezogen.&nbsp; <\/p>\n<p>Fakten wie diese schrieben wir 1985 in die Einleitung unseres Buchs \u00fcber die hiesige Dritte-Welt-Bewegung, um darauf zu verweisen, dass internationale Solidarit\u00e4t historisch keineswegs nur einseitig vom Norden f\u00fcr den S\u00fcden ge\u00fcbt wurde, sondern w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs unter Einsatz ungleich h\u00f6herer Opfer umgekehrt praktiziert worden war. In diesem Kontext wollten wir auch an die Soldaten aus der Dritten Welt erinnern, die im Zweiten Weltkrieg f\u00fcr unsere Befreiung gek\u00e4mpft hatten und gestorben sind. Wir waren bei Recherche-Reisen in Afrika, Asien und Ozeanien auf Veteranen gesto\u00dfen, die uns von ihren Kriegserlebnissen erz\u00e4hlt hatten. Auch in afrikanischen Filmen und asiatischen Romanen waren auf das Thema gesto\u00dfen. Als wir jedoch damals nachschlagen wollten, wie viele (Kolonial-) Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten gek\u00e4mpft hatten, fanden wir in der hiesigen Literatur nicht eine einzige zuverl\u00e4ssige Angabe dar\u00fcber. <\/p>\n<p>Auch die Opfer aus der Dritten Welt kamen in den Statistiken \u00fcber den Zweiten Weltkriegs schlichtweg nicht vor. In diesen waren stets die etwa 20 Millionen Opfer in der Sowjetunion und die ca. 5,5 Millionen in Deutschland aufgelistet, gefolgt von Opferzahlen aus Frankreich, Gro\u00dfbritannien, Italien, den USA und Japan, manchmal bis hin zu den 1.600 Toten in D\u00e4nemark. Aber \u00fcber Kriegsopfer in der Dritten Welt fand sich nichts. <\/p>\n<p>Diese Ausblendung weiter Teile der Welt in der Geschichtsschreibung \u00fcber den Zweiten Weltkrieg empfanden wir schon damals als so ungeheuerlich, dass wir uns die vornahmen, den Versuch zu unternehmen, daran etwas zu \u00e4ndern. Ab 1996 haben wir die Recherchen zu diesem Thema systematisiert und in Afrika, Asien und Ozeanien Interviews mit Zeitzeugen und Historikern gef\u00fchrt, Biographien von Veteranen gesammelt, Dokumentar- und Spielfilme zum Thema, Romane und Sachb\u00fccher, Fotos, Archivmaterialien und historische Dokumente.<br \/>Dabei zeigte sich schnell, dass die hierzulande vergessene Beteiligung der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg in den betroffenen L\u00e4ndern selbst sehr pr\u00e4sent und teilweise bereits erstaunlich systematisch aufgearbeitet war. <\/p>\n<p>So gibt es z.B. in nahezu jeder gr\u00f6\u00dferen afrikanischen Stadt ein Haus, in dem sich Veteranen aus den Kolonialarmeen treffen. In den ehemals franz\u00f6sischen Kolonien hei\u00dfen sie \u201eMaison d\u2019anciens combattants\u201c, in den britischen \u201eVeterans-Clubs\u201c. Am Rande der philippinischen Hauptstadt Manila gibt es ein soziales Zentrum f\u00fcr ehemalige Partisanen, die gegen die japanischen Besatzer gek\u00e4mpft haben. In vielen asiatischen L\u00e4ndern haben Frauen, die im Zweiten Weltkrieg von der japanischen Armee in deren Milit\u00e4rbordelle verschleppt worden waren, Selbsthilfegruppen gegr\u00fcndet, die in einem internationalen Netzwerk zusammen arbeiten. Und in Ozeanien hatten Historiker der Universit\u00e4t des S\u00fcdpazifiks schon in den achtziger Jahren Oral-History-Konferenzen \u00fcber Kriegserfahrungen von Insulanern durchgef\u00fchrt, die in umfangreichen Publikationen in Englisch und Pidgin dokumentiert sind. Allein auf den Inseln Vanuatus hatten einheimische Feldforscher \u00fcber Jahre hinweg Hunderte von Interviews mit Zeitzeugnisse \u00fcber den Zweiten Weltkrieg aufgezeichnet, die auf Kassetten im Archiv des Kulturzentrums in der Inselhauptstadt Port Villa lagern. \u00dcberall, wo wir recherchierten, trafen wir Zeitzeugen, die uns bereitwillig von ihren Erfahrungen berichteten und uns darum baten, diese endlich auch in den L\u00e4ndern, die den Krieg verschuldet und gef\u00fchrt hatten, bekannt zu machen.<\/p>\n<p>Wir haben uns bei der Arbeit an diesem Projekt von Anfang an als \u00dcbersetzer und Vermittler dieser vergessenen Befreier und Zeitzeugen verstanden. Deshalb sind die H\u00f6rstationen mit Original-Aufnahmen von Zeitzeugen aus den verschiedensten L\u00e4nden und Kontinenten auch ein wichtiger Bestandteil dieser Ausstellung. So weit irgend m\u00f6glich haben wir in den jeweiligen L\u00e4ndern auch einheimische Historiker zu Rate gezogen. Wir wollten keine Geschichtsschreibung aus wei\u00dfer, europ\u00e4ischer Sicht, sondern haben z.B. Joseph Ki-Zerbo aus Burkina Faso getroffen, der die erste Geschichte Afrikas aus afrikanischer Sicht geschrieben hatte und der beim Interview in Ouagadougou den Zweiten Weltkrieg als \u201egr\u00f6\u00dften historischen Einschnitt f\u00fcr Afrika seit dem Sklavenhandel\u201c bezeichnete. Sie finden das Zitat in der Afrika-Abteilung der Ausstellung.nIn Manila trafen wir Ricardo Trota Jos\u00e9 von der Universit\u00e4t der Philippinen, der seit Jahren zu den Folgen der japanischen Besatzungszeit forscht und uns das erschreckende Ergebnis mitteilte, dass in seinem Land jeder 16. in diesem Krieg umgekommen war, insgesamt 1,1 Millionen Menschen. In Hongkong f\u00fchrte uns der chinesische Historiker Tim Ko durch ein Museum zu den Folgen des Zweiten Weltkriegs und aus Nanking brachte uns eine befreundete Sinologin Augenzeugenberichte von \u00dcberlebenden des Massakers mit, bei dem die japanischen Truppen innerhalb weniger Wochen mehr als 300.000 Chinesinnen und Chinesen abschlachteten. Berichte, die im Rahmen unseres Projekts erstmals in deutsche \u00fcbersetzt wurden.<\/p>\n<p>Das Massaker von Nanking ereignete sich Ende 1937, Anfang 1938, also zu einem Zeitpunkt, wo nach hiesiger Lesart der Zweite Weltkrieg noch gar nicht begonnen hatte. Tats\u00e4chlich sind viele der historischen Koordinaten, mit denen hierzulande der Zweite Weltkrieg beschrieben wird, fragw\u00fcrdig, wenn nicht sogar falsch. Dazu geh\u00f6rt auch dessen Terminierung. Am 1. September 1939, also genau heute vor 70 Jahren, begann der Krieg lediglich in Europa. Nicht nur in Asien war er l\u00e4ngst im Gange und hatte in China bereits Millionen Tote gefordert. Auch in Afrika herrschte bereits seit dem italienischen \u00dcberfall auf \u00c4thiopien im Oktober 1935 Krieg &#8211;&nbsp; ein Krieg, in dem bis zur italienischen Kapitulation im Jahre 1941 Soldaten aus 17 L\u00e4ndern und drei Kontinenten teilnahmen, der aber wohl deshalb nicht als Weltkrieg firmiert, weil er nicht in Europa stattfand, sondern in Afrika.<\/p>\n<p>Die Ignoranz der hiesigen Geschichtsschreibung gegen\u00fcber den Kriegsfolgen auf anderen Kontinenten dokumentieren wir in diese Ausstellung anhand einiger prototypischen Beispiele auf Tafeln mit dem Titel \u201eVerdrehte Geschichte\u201c. <br \/>So findet sich zum Beispiel in zahlreichen B\u00fcchern, mit denen an deutschen Schulen Geschichte gelehrt wird, bis heute der Satz, dass sich der Krieg erst mit dem Angriff der japanischen Luftwaffe auf den US-St\u00fctzpunkt Pearl Harbor \u201ezum Weltkrieg ausgeweitet habe\u201c. Der war im Dezember 1941 und zu diesem Zeitpunkt herrschte in Asien bereits vier Jahre Krieg, in Afrika sechs Jahre. <\/p>\n<p>Der prominenteste Fernsehhistoriker der Republik, Guido Knopp, pr\u00e4sentierte im September 2004 einen Dokumentarfilm \u00fcber \u201eden Krieg im Pazifik\u201c, in dem nicht ein einziger Inselbewohner in Wort oder Bild vorkam, nur japanische Kamikaze-Flieger und US-amerikanische Marine-Soldaten. Und dazu hie\u00df es im Off-Kommentar, dass die grausamsten Schlachten im Pazifik auf \u2013 Zitat &#8211; \u201eunbewohnten Insel\u201c stattgefunden h\u00e4tten. Wir haben dieses Zitat in dieser Ausstellung neben die Tafel \u00fcber Neuguinea geh\u00e4ngt, wo damals zwei Millionen Menschen lebten, die sich 1942 mit 1,8 Millionen japanischen, US-amerikanischen und australischen Soldaten konfrontiert sahen. Um ihren Krieg im hohen Gebirge dieser Insel austragen zu k\u00f6nnen, rekrutierten die Allierten und die japanischen Milit\u00e4rs jeweils 50.000 Einheimische, die als Tr\u00e4ger, Kundschafter, Soldaten oder auch lebende Schutzschilde dienen mussten. \u00c4hnlich verheerende Folgen hatte der Zweite Weltkrieg f\u00fcr die Bewohner der Salomon-Insel, des Zentralpazifiks und Mikronesiens. In Palau kam ein Drittel der Bewohner im Krieg ums Leben, auf Saipan stand danach nahezu kein Haus mehr und jeder Zw\u00f6lfte Inselbewohner war umgekommen. Dem ZDF war all das in einer 45-min\u00fctigen Dokumentation nicht einen einzigen Satz und nicht ein einziges Bild wert.<\/p>\n<p>Es ist diese Ignoranz gegen\u00fcber der au\u00dfereurop\u00e4ischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die wir mit dieser Ausstellung und unseren Publikationen zum Thema endlich zu durchbrechen versuchen. Schlie\u00dflich geht es nicht um Marginalien, sondern um die andere H\u00e4lfte der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. nAllein China zum Beispiel hatte mehr Opfer zu beklagen als Deutschland, Japan und Italien zusammen. Wenn sich hierzulande die Nachfahren der T\u00e4ter in den Vertriebenenverb\u00e4nden als Opfer zu pr\u00e4sentieren versuchen, dann sei daran erinnert, dass der Vernichtungskrieg des deutschen B\u00fcndnispartners Japan in China 95 Millionen Vertriebene zur Folge hatte. Nicht in Berlin, Dresden oder K\u00f6ln gab es die meisten Bombenopfer, sondern in der philippinischen Hauptstadt Manila, bei deren Befreiung 100.000 Zivilisten ums Leben kamen. n<b>Von den 11 Millionen Soldaten unter britischem Kommando<\/b><br \/>stammten f\u00fcnf Millionen aus Kolonien &#8211; allein Indien stellte im Zweiten Weltkrieg 2,5 Millionen Soldaten.&nbsp; Auch die Streitkr\u00e4fte des Freien Frankreich bestanden zeitweise mehrheitlich aus Afrikanern. <\/p>\n<p>Es besteht kein Zweifel, dass die Befreiung der Welt vom deutschen und italienischen Faschismus sowie vom japanischen Gr\u00f6\u00dfenwahn ohne die milit\u00e4rische, \u00f6konomische und politische R\u00fcckendeckung durch die Dritte Welt nicht oder doch zumindest nicht in derselben Zeit h\u00e4tte errungen werden k\u00f6nnen.nAber all diese historischen Fakten werden im hiesigen Geschichtsdiskurs systematisch ausgeblendet. Das erkl\u00e4rt auch die Form dieser Ausstellung. Da kaum einer der genannten Fakten bekannt ist, also nur wenig vorausgesetzt werden kann, sind Texte zu den in dieser Ausstellung pr\u00e4sentierten 400 Fotos unverzichtbar. Wer zum Beispiel hat schon einmal von dem Massaker auf der Pazifikinsel Banaba geh\u00f6rt oder von den kriegsbedingten Hungerskatastrophen in Bengalen und Vietnam im Jahre 1943\/44, die jeweils Millionen Tote forderten. Wer wei\u00df, dass der Krieg auch im Pazifik nicht in Pearl Harbor, sondern mit der Bombardierung der zentralpazifischen Insel Nauru durch die deutsche Kriegsmarine begann? Wer kennt schon die Indische Legion der Deutschen Wehrmacht und wei\u00df, dass diese 1944 in die Waffen-SS eingegliedert wurde und in Frankreich Jagd auf die Resistance machte und am Atlantikwall gegen Landsleute auf Seiten der Alliierten k\u00e4mpften?<\/p>\n<p>Fakten wie diese m\u00fcssen erkl\u00e4rt und k\u00f6nnen nicht einfach mit Fotos dokumentiert werden, da diese kaum jemand einordnen k\u00f6nnte. Allerdings muss niemand alle Texte lesen, damit das Ziel dieser Ausstellung erreicht wird. Jede einzelne Tafel pr\u00e4sentiert eine in sich geschlossene Geschichte und auch wer nur wenige liest, wird rasch die Dimension dessen erkennen, was bislang verschwiegen wurde. Damit bin ich bei den Vorw\u00fcrfen und Anfeindungen gegen\u00fcber diese Ausstellung, die aufgrund von Stellungnahmen von&nbsp; Philippa Eb\u00e9n\u00e9 von der Werkstatt der Kulturen in den letzten Tagen durch die Presse geisterten, obwohl bis heute niemand die Ausstellung gesehen hat. nTextlastigkeit\u201c und damit lediglich interessant f\u00fcr Bildungsb\u00fcrger lautete einer dieser Vorw\u00fcrfe, den allerdings schon die Drucker widerlegt haben, die in K\u00f6ln die Alutafeln f\u00fcr die Ausstellung digital bedruckt haben. Sie haben bei der Arbeit s\u00e4mtliche Texte gelesen und waren davon so \u00fcberrascht, erstaunt und bewegt, dass sie uns eine zus\u00e4tzliche Schulversion der Ausstellung im kleinen flexiblen A1-Format geschenkt haben. Denn sie wollten, dass die hier pr\u00e4sentierten historischen Fakten endlich weitere Bekanntheit erlangen. Dank dieser Drucker verf\u00fcgten wir auch hier in Berlin \u00fcber eine kleine Version der Ausstellung und konnten dem Integrationsbeauftragten des Senats, als dieser zu vermitteln versuchte, vorschlagen, zumindest diese in der Werkstatt der Kulturen zu zeigen, was nach dem derzeitigen Stand ab dem 3. September auch geschehen soll. Auch MigrantInnen aus Neuk\u00f6lln d\u00fcrften im \u00fcbrigen mit dieser Ausstellung durchaus etwas anfangen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Allerdings sind MigrantInnen tats\u00e4chlich nicht das Zielpublikum dieser Ausstellung, da sie aufgrund eigener Erfahrungen in ihren Herkunftsl\u00e4ndern in der Regel um die globale Dimension des Zweiten Weltkriegs sehr viel besser wissen als andere. Dies belegen die Interviews, die wir f\u00fcr die Ausstellung gef\u00fchrt haben und die unter dem Titel \u201eKriegserinnerungen aus der Nachbarschaft\u201c an einer der drei Videostationen zu sehen sind. Fast all unsere Interviewpartner mit Migrationshintergrund, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg befragten, konnten dazu eine Geschichte erz\u00e4hlen, egal ob sie aus Indien, S\u00fcdkorea oder dem Iran, Uganda, Kamerun, Senegal, Kongo oder Gambia kamen. nUm dem eurozentristischen und damit rassistischen Geschichtsdiskurs hierzulande endlich eine globale Perspektive bedarf es deshalb vor allem einer Bewusstseins\u00e4nderung in der wei\u00dfen Mehrheitsgesellschaft sowie in der von ihr dominierten historischer Forschung und Lehre an Schulen und Universit\u00e4ten. Deshalb wir nach dem Buch \u201eUnsere Opfer z\u00e4hlen nicht\u201c im letzten Jahr auch Unterrichtsmaterialien zum Thema nachgelegt haben. Im Vorfeld dieser Ausstellung haben wir diese mit einem offenen Brief auch an alle Schul- und Geschichtsbuchverlage geschickt und um Antwort gebeten, ob und wie die darin pr\u00e4sentierten Fakten in zuk\u00fcnftigen Ausgaben von Geschichtsb\u00fcchern ber\u00fccksichtigt werden sollen. Der Brief und die Antworten sind im Epilog der Ausstellung nachzulesen.<\/p>\n<p>Ein in der \u00d6ffentlichkeit kolportierter Vorwurf gegen\u00fcber dieser Ausstellung stimmt hingegen tats\u00e4chlich, wenn auch nicht in dem von den Kritikern intendierten Sinne: der Anteil arabischer Soldaten an der Befreiung Europas vom Faschismus wird tats\u00e4chlich nicht angemessen pr\u00e4sentiert. Er ist vielmehr deutlich \u00fcberrepr\u00e4sentiet, wie mir allerdings erst im Laufe der eigent\u00fcmlichen Debatten um diese Ausstellung hier in Berlin auffiel. Schon in der ersten Video-Installation mit dem Titel \u201eUnsere Befreier\u201c sind Portraits von mehr als 50 Kolonialsoldaten aus dem Maghreb zu sehen, womit ihr Anteil&nbsp; im Vergleich zu chinesischen Soldaten oder philippinischen Partisanen, die in weitaus gr\u00f6\u00dferer Zahl auf Seiten der Alliierten gek\u00e4mpft habe, deutlich \u00fcbergewichtig ist. An der zweiten Video-Station ist ein Film von Rachid Bouchareb aus Algerien zu sehen, also eines arabischen Regisseurs. Eine der H\u00f6rstationen ist mit Alice Cherki einer Zeitzeugin aus dem Maghreb gewidmet, die auf unseren Vorschlag hin am 11. September auch hier in den Uferhallen auftreten wird, um \u00fcber die Bedeutung des Zweiten Weltkriegs f\u00fcr die antirassistischen Theorien Frantz Fanons zu referieren. Insgesamt ist das Begleitprogramm geradezu arabophil. Nicht nur die beiden Auftaktfilme heute Abend stammen von arabischen Regisseuren &#8211; die Dokumentation des Tunesiers Fitouri Belhiba haben wir \u00fcbrigens eigens f\u00fcr diese Ausstellung \u00fcbersetzt. Wir haben auch daf\u00fcr gesorgt, dass der Spielfilm \u201eIndig\u00e8nes\u201c in Berlin und anderswo erstmals mit deutschen Untertiteln gezeigt werden kann. Er erz\u00e4hlt die Geschichte von vier arabischen Soldaten, die ihr Leben einsetzen, um Frankreich und Deutschland vom Nazi-Terror zu befreien. Drei weitere Dokumentationen in dem von uns vorgeschlagenen Berliner Begleitprogramm erz\u00e4hlen von den Hunderttausenden arabischen Soldaten aus Nordafrika im Zweiten Weltkrieg und auch das Hiphop-Tanztheater, f\u00fcr dessen Deutschland-Premiere in Berlin am 20. September wir eine deutsche Fassung mit Obertiteln auf Videoscreen erstellt haben, erinnert nicht nur an Kriegsteilnehmer aus arabischen L\u00e4ndern, sondern auch die H\u00e4lfte der Darsteller sind arabische Herkunft. <\/p>\n<p>Neben alledem sind die umstrittenen Tafeln \u00fcber arabische Nazi-Kollaborateure deutlich untergewichtet. Darauf ganz zu verzichten, w\u00e4re jedoch historisch unakzeptabel. Uns geht es nicht um platte Heldenverehrung, auch wenn in dieser Ausstellung viele vergessene Helden in Wort und Bild vorgestellt werden und eine Gruppe von Afro-Deutschen in der dritten Videopr\u00e4sentation ein Projekt vorstellt, zu dem Plakate geh\u00f6ren, auf denen afrikanische Kolonialsoldaten als \u201eHelden\u201c pr\u00e4sentiert werden. <\/p>\n<p>Auch unter den \u201ePeople of Coulour\u201c, um einmal diese pauschalisierende Charakerisierung von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Gesinnung aufzugreifen, gab es jedoch keineswegs nur antifaschistische Helden, sondern auch zahllose Mitl\u00e4ufer, Faschisten und Kollaborateure. Wer diese historischen Tatsachen zu ignorieren oder zu unterdr\u00fccken versucht, missachtet die Opfern dieser Kollaborateure. Schlie\u00dflich geht es auch hier nicht um einige wenige Einzelf\u00e4lle. Selbst f\u00fcr die Todesschwadronen der Waffen-SS, die Giftgasbrigaden der italienischen Faschisten und die Mordkommandos der japanischen Besatzer lie\u00dfen sich Tausende Helfershelfer anheuern. Zehntausende meldeten sich freiwillig zur Arbeit in den R\u00fcstungsindustrien der kriegtreibenden M\u00e4chte, Hunderttausende zum Kriegsdienst in deren Streitkr\u00e4ften und Millionen Menschen bejubelten deren Siege. <\/p>\n<p>Die Folge dieser massenhaften Kollaboration waren Millionen Tote und wie fragw\u00fcrdig die hier in Berlin um die Ausstellung gef\u00fchrte Debatte ist, verdeutlicht die Tatsache, dass die Opfer der weltweiten Kollaboration mehrheitlich \u201ePeople of Coulour\u201c waren. nSo arrangierten sich in \u00c4thiopien Teile der Elite mit den italienischen Invasoren, obwohl diese schon bei ihrem Vormarsch auf Addis Abeba 150.000 Zivilisten nierder metzelten \u2013 150.000 People of Coulour.nIn Nordafrika starben Tausende Kolonialsoldaten aus Ost-, West- und S\u00fcdafrika, Indien und dem Pazifik, Aborigines aus Australien und Maoris aus Neuseeland \u2013 People of Coulour &#8211; bei dem Versuch, den deutsch-italienischen Angriff auf \u00c4gypten aufzuhalten, der von f\u00fchrenden Politikern und Milit\u00e4rs in \u00c4gypten bejubelt wurde. nIm Maghreb unterhielten die faschistischen M\u00e4chte mehr als einhundert Lager, die von einheimischen Kollaborateuren bewacht und in denen politische Oppositionelle und Juden aus Nordafrika gequ\u00e4lt und zu Tausenden ermordet wurden \u2013 people of coulour. nIn Sinapur und Malaya meldeten sich 50.000 Inder freiwillig zum Kriegsdienst an der Seite Japans, w\u00e4hrend die japanischen Besatzer Zehntausende einheimische Chinesen niedermetzelte \u2013 People of Coulour. nDer Thail\u00e4ndische Milit\u00e4rherrscher Phibun Songkram, der Hitler und Mussolini bewunderte und sich selbst den Beinamen \u201eF\u00fchrer\u201c zulegte, nutzte die Allianz mit den japanischen Kriegstreibern, um selbst in Laos und Kambodscha einzufallen, um Thai heim in sein Gro\u00dfreich Thailand zu holen \u2013 die Opfer dieses \u00dcberfalls waren \u201epeople of coulour\u201c. nIm westafrikanischen Dakar, in Nordafrika wie in der Levante, heute Syrien und Libanon, k\u00e4mpften und starben afrikanische Kolonialsoldaten \u2013 also \u201epeople of coulour\u201c \u2013 auf beiden Seiten der Front, die einen rekrutiert von der Kollaborationsregierung in Vichy, die anderen f\u00fcr die Streitkr\u00e4fte des Freien Frankreich.nDie Liste lie\u00dfe sich fortf\u00fchren und diese Ausstellung erinnert sehr bewusst auch an die Opfer, die es ohne Kollaborateure in der Dritten Welt nicht gegeben h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Aufgrund der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzungen um dieses Thema bieten wir im \u00fcbrigen am Freitag, den 18. September, um 20 Uhr eine Zusatzveranstaltung \u00fcber Nazikollaborateure aus dem Nahen Osten und ihre deutschen Apologeten an, wobei es in diesem Falle auch Apologetinnen hei\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zum Schluss danke ich allen, die das Konzept dieser Ausstellung, das im \u00fcbrigen seit Anfang des Jahres feststeht und auch der Werkstatt der Kulturen von vor Monaten vorlag, erm\u00f6glicht und mit getragen haben. Dazu geh\u00f6rt als Hauptf\u00f6rderer die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft aus Berlin, der wir ebenso danken wie der Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen und dem Evangelischen Entwicklungsdienst EED, die vor der Ausstellung auch schon die Herausgabe des Buchs und der Unterrichtsmaterialien zum Thema erm\u00f6glicht haben. <\/p>\n<p>Das Langzeitprojekt und die Ausstellung sind das Ergebnis eines kollektiven Prozesses \u00fcber viele Jahre, an dem zahlreiche Menschen aus mehreren Kontinenten teilgenommen haben. Es fehlt die Zeit, um sie alle zu nennen, aber ihnen allen gilt unser Dank. Stellvertretend will ich nur zwei Personen namentlich nennen und ihnen f\u00fcr die intensive, kreative und geduldige Zusammenarbeit an diesem Projekt danken: dem Layouter Holger Deilke, mit dem wir von der Erstellung unserer B\u00fccher bis zur Gestaltung dieser Ausstellung ungez\u00e4hlte Tage und N\u00e4chte vor dem Computer verbracht haben und der mir auch bei der erzwungenen Verlegung der Ausstellung hier in Berlin in der letzten Woche rund um die Uhr zur Seite stand. Daf\u00fcr tausend Dank. Und ein besonderer Dank an meine Lebensgef\u00e4hrtin Christa Aretz, die dieses Projekt nicht nur von der ersten Idee vor 25 Jahren bis zum heutigen Tag begleitet hat und ist auch heute wieder dabei ist, sondern auch all unsere Publikationen bis hin zu den Texten dieser Ausstellung redigiert, korrigiert und vielfach verbessert hat. Ohne ihren R\u00fcckhalt h\u00e4tte ich den mit diesem Projekt verbundenen Stress kaum durchgestanden. <\/p>\n<p>Last but not least bedanke ich mich bei allen, die heute Abend hierher gekommen sind, um sich selbst ein Bild von dieser Ausstellung zu machen. Ich bitte Sie darum, dazu beizutragen, dass in den n\u00e4chsten Wochen nicht weiter \u00fcber wirre Spekulationen, sondern \u00fcber die realen Inhalte dieser Ausstellung diskutiert wird. Schlie\u00dflich zielt dieses Projekt darauf ab, den historischen Diskurs \u00fcber das zentrale Ereignis des Zwanzigsten Jahrhunderts endlich so zu ver\u00e4ndern, dass nicht l\u00e4nger nur Europa, die USA und Japan, sondern auch der Rest der Welt in der Geschichtsschreibung \u00fcber den Zweiten Weltkrieg wahrgenommen werden. Daf\u00fcr brauchen wir auch Ihre Unterst\u00fctzung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Weg bis zur Realisierung dieser Ausstellung war lang und f\u00fchrte noch auf der Zielgeraden in der letzten Woche hier in Berlin \u00fcber unerwartete Hindernisse von Neuk\u00f6lln in den Wedding, um Zensurversuchen in der Werkstatt der Kulturen zu begegnen. 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