{"id":770,"date":"2014-09-09T22:48:00","date_gmt":"2014-09-09T20:48:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/offener-brief-decolonize-orientierungsrahmen\/"},"modified":"2023-10-06T11:29:52","modified_gmt":"2023-10-06T09:29:52","slug":"offener-brief-decolonize-orientierungsrahmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/en\/offener-brief-decolonize-orientierungsrahmen\/","title":{"rendered":"Offener Brief: &#8220;Decolonize Orientierungsrahmen!&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>AfricAvenir unterst\u00fctzt den aktuellen Offenen Brief \u201eDecolonize Orientierungsrahmen!\u201c von glokal, karfi, moveglobal, Berlin Postkolonial und IMAFREDU. Dieser Brief bezieht sich direkt auf den von einer gemeinsamen Arbeitsgruppe aus dem Bundesministerium f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der Kultusministerkonferenz (KMK) seit 2007 erarbeiteten Orientierungsrahmen f\u00fcr den Lernbereich globale Entwicklung. nDieser Orientierungsrahmen hat sich in den letzten Jahren als Referenzrahmen f\u00fcr (au\u00dfer-) schulische Aktivit\u00e4ten des Globalen Lernens und der Bildung f\u00fcr Nachhaltige Entwicklung herauskristallisiert. In den letzten beiden Jahren wurde der Orientierungsrahmen von der Arbeitsgruppe \u00fcberarbeitet und erweitert, allerdings ohne Kritiken v.a. aus postkolonialen und migrantisch-diasporischen Perspektiven aufzugreifen, die mehrfach u.a. auf gemeinsamen Podiumsteilnahmen, Anfragen, Publikationen zur macht- und rassismuskritischen Analysen zum derzeitigen Orientierungsrahmen eingebracht wurden. Nun steht seit Mitte Juli 2014 die \u00fcberarbeitete Neufassung des Orientierungsrahmens zur \u00f6ffentlichen Diskussion im Internet bereit.<\/p>\n<p> glokal, karfi, moveglobal, Berlin Postkolonial und IMAFREDU haben die Sommerpause genutzt und Ende August in einem zweit\u00e4tigen Arbeitstreffen gemeinsam die Neufassung des Orientierungsrahmen analysiert. Ergebnis ist dieser Offene Brief. \u00dcber 80 migrantisch-diasporische, rassismuskritische und postkoloniale Initiativen, Organisationen, Verb\u00e4nde und Wissenschaftler_innen haben den Brief innerhalb von wenigen Tagen mit unterschrieben. Damit wird sehr deutlich, dass die Forderungen von einem breiten B\u00fcndnis aus Wissenschaft und Praxis getragen werden und dass migrantisch-diasporische, rassismuskritische und postkoloniale Perspektiven in Deutschland geh\u00f6rt werden m\u00fcssen. Der Brief kann auch weiterhin gerne weitergeleitet und unterschrieben werden.nOffener BriefSehr geehrte Damen und Herren der gemeinsamen Arbeitsgruppe der KMK und des BMZ zur \u00dcberarbeitung des Orientierungsrahmens f\u00fcr den Lernbereich globale Entwicklung.n<b>Wer wir sind<\/b><br \/>Wir sind ein bundesweiter Zusammenschluss von Initiativen, Organisationen und Netzwerken der Zivilgesellschaft sowie Wissenschaftler_innen. Wir sind migrantisch-diasporische und Schwarze Organisationen und\/oder arbeiten oder forschen in der dekolonialen, machtkritischen Bildungsarbeit mit anti-rassistischem und emanzipatorischem Anspruch. Wir teilen die Werte und Ziele einer transformativen Bildung und sind daher der Einladung der gemeinsamen Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Bundesministeriums f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) vom 16. Juli 2014 gefolgt, den Entwurf zur Neufassung des Orientierungsrahmen f\u00fcr den Lernbereich Globale Entwicklung zu kommentieren.n<b>Warum wir kommentieren<\/b><br \/>Der Orientierungsrahmen hat in den letzten Jahren sehr stark an Bedeutung gewonnen und bildet einen normativen Referenzrahmen f\u00fcr Aktivit\u00e4ten des Globalen Lernens und der Bildung f\u00fcr Nachhaltige Entwicklung. Ob im schulischen Lernen, in Angeboten der Zivilgesellschaft, in F\u00f6rderantr\u00e4gen oder in der Wissenschaft: Der Orientierungsrahmen mit seinen ideologischen Setzungen, seiner Auswahl an Themen und zu vermittelnden Kernkompetenzen, sowie seinen exemplarischen Unterrichtsvorschl\u00e4gen pr\u00e4gt die entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Deutschland wie bis dato kein anderes Dokument.n<b>In unserer ersten Analyse sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass der Orientierungsrahmen \u2013 auch im Entwurf seiner Neufassung \u2013 seinem eigenen Anspruch und Ziel einer transformativen Bildung nicht gerecht wird.<\/b> nStattdessen ist der Orientierungsrahmen in seiner aktuellen Form als Produkt der wei\u00dfen b\u00fcrgerlichen Mehrheitsgesellschaft erkennbar, der wiederum nur eine wei\u00dfe b\u00fcrgerliche Mehrheitsgesellschaft als Zielgruppe mitdenkt. Durch Stereotypisierungen, Ausschl\u00fcsse und Diskriminierungen, sowie eurozentrische Perspektiven auf Welt, Gesellschaft und Geschichte manifestiert er Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse, sowohl global als auch in der deutschen Migrationsgesellschaft.nAufgrund der sehr kurzen Zeit haben wir uns im Rahmen dieser Stellungnahme auf wesentliche Aspekte der Neufassung konzentriert: die Autor_innen, die Zielgruppen, den theoretischen Rahmen, die Inhalte und die aufgef\u00fchrten Handlungsoptionen. Unsere Kritik m\u00f6chten wir an konkreten Beispielen aus dem Orientierungsrahmen verdeutlichen:n<b>1. Autor_innen<\/b>nDer Prozess der Erstellung und \u00dcberarbeitung des Orientierungsrahmens verlief undemokratisch. Es bleibt intransparent, wie das Autor_innen-Kollektiv konstituiert wurde und wer zu welchem Zeitpunkt von wem und warum als kompetent erachtet wurde und wer nicht.nUnter den Autor_innen sind bis auf eine NRO-Vertretung nur staatliche und akademische Akteur_innen repr\u00e4sentiert. Schwarze und migrantisch-diasporische Expertise sowie Menschen aus dem globalen S\u00fcden fehlen im Kreise der Autor_innen und Berater_innen, so weit wir das \u00fcberblicken k\u00f6nnen, vollst\u00e4ndig. In den Literaturhinweisen sind ihre Werke kaum aufgelistet. Autor_innen des S\u00fcdens, die in einzelnen Quellen herangezogen werden, werden h\u00e4ufig lediglich benutzt, um hegemoniale Positionen zu verst\u00e4rken (S. 215, 218).nF\u00fcr die einzelnen Fachgruppen wurden vorwiegend Fachdidaktiker_innen herangezogen, die aber f\u00fcr die Themenbereiche, mittels derer sie ihr Fach mit einer Bildung f\u00fcr Nachhaltige Entwicklung verkn\u00fcpfen wollen, oftmals keine Expertise aufweisen. Als Beispiel sei das Fach Mathematik aufgef\u00fchrt (S. 235ff), das sich des Themas Bev\u00f6lkerungsentwicklung annimmt und die Sch\u00fcler_innen in die Allmachtsposition versetzt, \u00fcber Einflussm\u00f6glichkeiten auf und Familienplanungsmethoden f\u00fcr schnell wachsende Bev\u00f6lkerungen im globalen S\u00fcden nachzudenken.n<b>Forderung 1:<\/b> Migrantisch-diasporische und zivilgesellschaftliche Fachleute sowie Expert_innen aus dem globalen S\u00fcden m\u00fcssen mit ihren unterschiedlichen Perspektiven aktiv und ma\u00dfgeblich in die \u00dcberarbeitung des Orientierungsrahmens einbezogen werden. Ihre m\u00fcndlichen oder schriftlichen Beitr\u00e4ge sind namentlich zu erw\u00e4hnen und sollten Bestandteil der Literaturliste und der Quellenangaben sein.n<b>2. Zielgruppe<\/b>nDer Orientierungsrahmen vermittelt den Eindruck, dass die Gesellschaft in Deutschland vormals homogen wei\u00df, christlich und gesund war und erst durch die Globalisierung der letzten Jahrzehnte heterogene Lebenswelten entstanden sind, die wiederum f\u00fcr Konflikte verantwortlich sind (S. 33, 39, 104, 204). Der Orientierungsrahmen richtet sich in seiner Ansprache implizit und h\u00e4ufig auch explizit nur an eine wei\u00dfe deutsche Zielgruppe. Deutlich wird dies in der Konstruktion von \u201eWir\u201c und \u201edie Anderen\u201c, von \u201eEigenem\u201c und \u201eFremdem\u201c, die in der biologistischen Postulierung der \u201eAndersartigkeit\u201c gipfelt (S. 63ff, 128) und dem selbst postulierten Anspruch, \u201cKulturen nicht als Merkmale der Differenz\u201d zu vermitteln (S.66), entgegenl\u00e4uft.nDas dahinter stehende Gesellschaftsbild wird auch in den Kernkompetenzen des Faches Deutsch deutlich, in denen formuliert wird, dass man \u201eMenschen mit Migrationshintergrund und Ausl\u00e4ndern, die Deutsch lernen, Verst\u00e4ndnis entgegen bringen\u201c sollte, ebenso wie man \u201eKontakte mit Migranten und Fl\u00fcchtlingen in der direkten Begegnung \u2026 konstruktiv gestalten\u201c sollte (S. 121). Wei\u00dfe Deutsche werden hier und an vielen anderen Stellen als Norm imaginiert und als die einzig handelnden Subjekte konstruiert, welche Kernkompetenzen im Umgang mit \u201eden Anderen\u201c erlangen sollen. Das geschieht, indem Schwarze Menschen und People of Color zum Objekt gemacht werden und\/oder auf ihre Kosten gelernt wird.n<b>Forderung 2:<\/b> Der Orientierungsrahmen muss dahingehend \u00fcberarbeitet werden, dass eine gender- und diskriminierungssensible (An-)Sprache benutzt wird, die die Realit\u00e4ten in Deutschlands Klassenzimmern und in seiner Zivilgesellschaft zur Kenntnis nimmt und aktiv alle Sch\u00fcler_innen (unabh\u00e4ngig von Herkunft, Schicht, Religion und legalem Status usw\u2026) als Zielgruppe mitdenkt. Die Kernkompetenzen m\u00fcssen so formuliert werden, dass sie nicht zu Herrschaftskompetenzen werden, sondern unterschiedliche Positionierungen ber\u00fccksichtigen und zur Verringerung von Ungleichheit beitragen.n<b>3. Theoretischer Rahmen<\/b>nDer Orientierungsrahmen ist aus einer hegemonialen Perspektive heraus entwickelt, die nicht als solche gekennzeichnet wird. Er bezieht sich normativ auf das Konzept von Nachhaltiger Entwicklung. Nachhaltigkeit wird als westliches Konzept dargestellt, das universalistische Wertma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr sich in Anspruch nimmt (S. 199), ohne jedoch die Teilung der Welt in \u201centwickelte\u201d und zu \u201centwickelnde\u201d Gesellschaften zu \u00fcberwinden. Das Leitbild einer Nachhaltigen Entwicklung wird dogmatisch als internationaler Konsens und damit als undiskutierbar vorausgesetzt. Damit verst\u00f6\u00dft der Orientierungsrahmen schon in seiner Grundherangehensweise gegen das Kontroversit\u00e4tsgebot der politischen Bildung, auf das er sich selbst bezieht (S. 79f., S. 82). Nachhaltige Entwicklung als Konzept ist sowohl im globalen S\u00fcden als auch im globalen Norden in Wissenschaft, Politik und Praxis umstritten und wurde von Beginn an als dominantes Konzept kritisiert. Es fehlt jegliche Erw\u00e4hnung kritischer Perspektiven bzw. alternativer Konzepte und deren Quellen zu dem der Nachhaltigen Entwicklung. Dadurch wird der Eindruck verst\u00e4rkt, es g\u00e4be nur das westliche, eurozentrische Leitbild.nWichtige Analysekategorien f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von globalen Verh\u00e4ltnissen wie Gender und Klasse fehlen ebenso wie Zusammenh\u00e4nge zwischen Armut und Reichtum. Kapitalismus und Neoliberalismus werden nicht einmal benannt. Zentrale Konzepte wie Entwicklung (als modern, siehe S. 198) und Kultur (als statisch, konfliktiv, homogen, siehe S. 144, 149, 162f.) werden durchgehend benutzt, ohne diese genauer zu definieren oder zu beschreiben, aus welcher Perspektive sie verstanden und benutzt werden.nDiversit\u00e4t wird als Motiv f\u00fcr Rassismus betrachtet (S. 39), \u201cIntegration\u201d wird als gesellschaftliches Ziel definiert (S. 63, 125, 274). Hierbei wird verkannt, dass Migration als ein fundamentaler Bestandteil der Menschheitsgeschichte zu begreifen ist. Was das Integrationsverst\u00e4ndnis angeht, werden verschiedene Verst\u00e4ndnisse konkurrierend verwendet, wobei integrationskritische Positionen fehlen. Stattdessen wird von einer homogenen deutschen Gesellschaft ausgegangen, die in erster Linie durch Toleranz, Akzeptanz und Respekt mit Vielfalt umgehen sollte. Die Annahme, dass die Gestaltung der Lebenswelt vorrangig auf pers\u00f6nlichen Entscheidungen beruht (S. 38) verkennt den Einfluss von Alltagsrassismus, von strukturellen und instititutionellen Machtverh\u00e4ltnissen und von damit einhergehender epistemischer Gewalt auf die Lebenswelten von Sch\u00fcler_innen und Lehrer_innen. Die gesellschaftlichen und strukturellen Barrieren wie Ausgrenzung, Diskriminierung mangelnde Teilhabe aufgrund von Armutsverh\u00e4ltnissen von Kindern armer, bildungsferner und sozial belasteter Familien werden nicht als Teil der gesamtgesellschaftlichen Realit\u00e4t und als Resultat ungleicher Chancen thematisiert, was das Bild einer homogenen Bev\u00f6lkerung als Dreh- und Angelpunkt von Bildungsaktivit\u00e4ten und- massnahmen verst\u00e4rkt.n<b>Forderung 3:<\/b> Die theoretische Rahmung des Orientierungsrahmens muss seine ideologischen Grundlagen kenntlich machen, sich von seiner hegemonialen Perspektive verabschieden und Alternativen zum Entwicklungsparadigma und zum dominanten Nachhaltigkeitsdiskurs thematisieren.n<b>Forderung 4:<\/b> Analysekategorien wie Gender, Klasse und \u201eRasse\u201c m\u00fcssen mitgedacht werden. Kapitalismus und Neoliberalismus als herrschende Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme m\u00fcssen benannt und kritisch behandelt werden.n<b>4. Inhalte<\/b>nLeider sind die zentralen Themen (S. 88) des Lernbereiches in der Neufassung nicht ver\u00e4ndert worden. Der Einbezug von Themen wie \u201cglobalisierter Freizeit\u201d bei gleichzeitigem Fehlen der Themen Machtverh\u00e4ltnisse, Rassismus, Diskriminierung, Ausbeutung, Reichtum und Privilegien unterstreicht die hegemoniale und gleichzeitig eingeschr\u00e4nkte Perspektive der Autor_innen.nDer Orientierungsrahmen ist zudem gr\u00f6\u00dftenteils ahistorisch. Zwar wird im Fach Geschichte die Auseinandersetzung mit der Berliner Afrika-Konferenz von 1884\/85 empfohlen, dabei wird deren herausragende Bedeutung f\u00fcr die Gegenwart jedoch eher in Frage gestellt denn betont. V\u00f6llig ausgeklammert bleibt zudem die gravierende, seit mehr als 500 Jahren betriebene Kolonisierung von weiten Teilen der Welt durch die Europ\u00e4er_innen. Wird \u00fcberhaupt auf die historischen Auswirkungen des Kolonialismus eingegangen, beschr\u00e4nkt sich das auf die Folgen f\u00fcr Afrika, wobei weder die anderen kolonisierten Erdteile noch Europa selbst in den Blick genommen werden. Auch die Wurzeln der europ\u00e4ischen Entwicklungspolitik im Kolonialrassismus des 19. Jahrhunderts und der kontinuierliche Widerstand der Kolonisierten werden nicht thematisiert. Stattdessen wird eine afrikanische Stimme bem\u00fcht, um auch auf die angeblich positiven Seiten des Kolonialismus hinzuweisen (S. 222).nStatt den Sch\u00fcler_innen Perspektiven der Kolonisierten nahezubringen, wird Michael Kayoyas sarkastisches Gedicht \u00fcber die vermeintlichen \u201cErrungenschaften\u201d der Kolonialrassist_innen in Afrika \u2013 der einzigen entschlossen antikolonialen Stimme im gesamten Orientierungsrahmen \u2013 mit folgender Aufgabenstellung begegnet: \u201eDiskutiert dar\u00fcber, was ein Vertreter der Kolonialm\u00e4chte Kayoyas Darstellung der Kolonialherrschaft m\u00f6glicherweise entgegengehalten h\u00e4tte.\u201c (S. 215). Kolonialismus, der von der UN als Trag\u00f6die betrachtet wird, die verurteilt werden muss wo und wann immer sie stattgefunden hat, wird hier als akzeptable Perspektive auf die Welt verharmlost, in die sich Sch\u00fcler_innen hineinversetzen sollen. Die Aufgabenstellung motiviert die Sch\u00fcler_innen, sofort Gegenpositionen zur Kolonialismuskritik zu entwickeln. Auf den dialogischen Wert der \u201cStimme der Betroffenen\u201d und die Chance, sie in eigene neue \u00dcberlegungen zu integrieren, wird verzichtet und damit eine zentrale Kompetenz des Lernbereiches Globale Entwicklung vernachl\u00e4ssigt.n<b>Forderung 5:<\/b> Der Orientierungsrahmen muss die Geschichten von Versklavung, kolonialer Gewalt, Rassismus und wirtschaftlicher Ausbeutung, aber auch von Selbstbehauptung und Widerstand aufgreifen und dazu ermutigen, die 500-j\u00e4hrige \u2013 auch deutsche \u2013 koloniale Geschichte als unmittelbar die Gegenwart betreffend zu verstehen. Nur so kann globalhistorisches Verantwortungsbewusstsein entwickelt werden, aus dem heraus im Sinne einer \u201crestorative justice\u201d gehandelt werden kann.n<b>5. Handlungsoptionen<\/b>nDurch den Dreiklang \u201eerkennen \u2013 bewerten \u2013 handeln\u201c wird schon in den Kernkompetenzen deutlich, dass den Autor_innen des Orientierungsrahmen die Bef\u00e4higung zum Handeln elementar wichtig ist. Allerdings sollen offenbar nicht alle Menschen gleicherma\u00dfen zum Handeln angeregt werden. Die Welt wird eingeteilt in diejenigen im globalen S\u00fcden, die Probleme haben und entwickelt werden m\u00fcssen, und diejenigen im globalen Norden, die L\u00f6sungs- und Konfliktkompetenzen und die F\u00e4higkeit zur Mitgestaltung von Entwicklungsprozessen (S. 79) erlangen sollen. Die koloniale Logik dahinter wird beispielsweise explizit, indem \u201cGrundkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen und Naturwissenschaft als Vorbedingung f\u00fcr nachhaltige Entwicklung\u201d (S. 24) bezeichnet werden \u2013 ohne anzuerkennen, dass eben diese Kompetenzen jahrhundertelang zur Einteilung der Welt in \u201czivilisiert\u201d und \u201cprimitiv\u201d dienten sowie zentral f\u00fcr die Ausbeutung und Zerst\u00f6rung von Welt waren.nDie den Sch\u00fcler_innen empfohlenen Handlungsoptionen verbleiben meist auf der Ebene der Sensibilisierung und gehen selten in Richtung realer Ver\u00e4nderungen. Die Sensibilisierung findet allerdings nicht im Sinne einer machtkritischen Selbstreflexion, einer Dekonstruktion und dem Verlernen von verinnerlichter Dominanz und Unterdr\u00fcckung statt. Handlungsoptionen, die gegen Diskriminierung und Ungleichheit vorgehen, fehlen selbst auf der individuellen Ebene (im Sinne von Zivilcourage bzw. Herausbildung einer solidarischen Haltung).nMit dem Fokus auf Hilfsprojekte, fairen Konsum und interkulturellen Kontakt werden in erster Linie apolitische Handlungsoptionen stark gemacht, denen es an transformativer Kraft fehlt. Im Gegenteil, die Kernkompetenz \u201cSch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler k\u00f6nnen und sind auf Grund ihrer m\u00fcndigen Entscheidung bereit, Ziele der nachhaltigen Entwicklung [&#8230;] zu verfolgen\u201d best\u00e4tigt, dass das Ziel eher ein \u2018Auf Linie bringen\u2019 von Sch\u00fcler_innen bzgl. des Konzepts der Nachhaltigen Entwicklung ist, als die Ausbildung von m\u00fcndigen und kritischen politischen Subjekten zu bef\u00f6rdern.nSch\u00fcler_innen des globalen Nordens werden dabei in Machtpositionen versetzt, aus denen heraus sie Aktivit\u00e4ten des S\u00fcdens bewerten und sich weiterhin als globaler \u201cKopf\u201d imaginieren k\u00f6nnen, der das Geschick der Welt in den H\u00e4nden h\u00e4lt.nEntsprechend ist es notwendig, auch im Lernbereich Globale Entwicklung in der Lehrer_innenbildung Selbstreflexion und Dekonstruktion, sowie die Einbindung von machtkritischen Analyseinstrumenten zur Professionalisierung von Lehrkr\u00e4ften aufzunehmen. In der Auflistung der Institutionen fehlen solche, die das bereits in ihren Anspruch und in ihre Bildungspraxis aufgenommen haben, wie bspw. das P\u00e4dagogische Institut M\u00fcnchen, der Studiengang Empowerment Studies an der FH D\u00fcsseldorf, ausgew\u00e4hlte Seminare im Master of Education an der Leuphana Universit\u00e4t L\u00fcneburg.n<b>Forderung 6:<\/b> Der Orientierungsrahmen muss seinem Anspruch, transformative Bildung zu erm\u00f6glichen, auch in der Formulierung von Handlungsoptionen gerecht werden. Daf\u00fcr sollte allen an Schule Beteiligten ein Zugang zu emanzipatorischem Wissen und gesellschaftsver\u00e4ndernden Handlungsoptionen erm\u00f6glicht werden, um ihre Entwicklung zu m\u00fcndigen und kritischen Menschen zu f\u00f6rdern.n<b>6. Fazit<\/b>nWir begr\u00fc\u00dfen, dass im Vergleich zur ersten Fassung des Orientierungsrahmens einzelne Passagen enthalten sind, die postkoloniale und machtkritische Perspektiven einbringen und beispielsweise Stereotypisierungsprozesse, Identit\u00e4tskonstruktionen wei\u00dfer \u00dcberlegenheit und ideologische Setzungen kritisch unter die Lupe nehmen und Machtverh\u00e4ltnisse thematisieren. Leider wird weder benannt, wer diese Themen in den Diskurs hineingebracht hat, noch mit welchen sozialen K\u00e4mpfen sie verbunden sind. Stattdessen werden sie oftmals abgeschw\u00e4cht und dabei so entsch\u00e4rft, dass sie die hegemoniale Grundhaltung des Orientierungsrahmen nicht gef\u00e4hrden.nWir sehen angesichts der Breite und Tiefe unserer Kritik nicht, dass es ausreicht, einzelne Passagen des Orientierungsrahmens zu modifizieren. Unserer Meinung nach m\u00fcssen die Grundhaltung, der theoretische Rahmen und die Inhalte ebenso gravierend ver\u00e4ndert werden, wie es eine neue Zusammensetzung der Autor_innen und eine der Realit\u00e4t der Migrationsgesellschaft in Deutschland angepasste Zielgruppenadressierung braucht.n<b>Forderung 7:<\/b> Sollen die im Orientierungsrahmen postulierten Anspr\u00fcche erf\u00fcllt und mit dem Werk tats\u00e4chlich zu einer gerechteren Welt beigetragen werden, kann der \u00dcberarbeitungsprozess nicht wie geplant bis Ende 2014 abgeschlossen werden. Vielmehr muss dieser Prozess unter Ber\u00fccksichtigung der hier aufgef\u00fchrten grunds\u00e4tzlichen Defizite noch einmal neu und ergebnisoffen aufgerollt und in einen weitaus breiteren und kontinuierlichen gesellschaftlichen Dialog \u00fcberf\u00fchrt werden.n<link http:\/\/www.berlin-postkolonial.de\/>Berlin Postkolonial<\/link>, <link http:\/\/www.glokal.org\/>glokal<\/link>, <link http:\/\/www.elina-marmer.com\/>IMAFREDU<\/link>, <link https:\/\/decolonizeorientierungsrahmen.files.wordpress.com\/2014\/08\/flyer_karfi.pdf>karfi<\/link> und <link http:\/\/www.moveglobal.de\/>moveglobal<\/link>nEine Liste mit allen Unterzeichner_innen findet sich <link http:\/\/decolonizeorientierungsrahmen.wordpress.com\/unterzeichnende\/>hier<\/link>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AfricAvenir unterst\u00fctzt den aktuellen Offenen Brief \u201eDecolonize Orientierungsrahmen!\u201c von glokal, karfi, moveglobal, Berlin Postkolonial und IMAFREDU. 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