{"id":834,"date":"2014-03-20T22:30:00","date_gmt":"2014-03-20T21:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/imperfect-steal-humboldts-erben-in-postkolonialer-liquidationskrise-von-kien-nghi-ha\/"},"modified":"2023-10-06T11:30:15","modified_gmt":"2023-10-06T09:30:15","slug":"imperfect-steal-humboldts-erben-in-postkolonialer-liquidationskrise-von-kien-nghi-ha","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/en\/imperfect-steal-humboldts-erben-in-postkolonialer-liquidationskrise-von-kien-nghi-ha\/","title":{"rendered":"Imperfect Steal: Humboldts Erben in postkolonialer Liquidationskrise? von Kien Nghi Ha"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Monaten hat sich die seit Jahren andauernde Kontroverse \u00fcber Sinn und Unsinn des geplanten Humboldt-Forums politisch deutlich zugespitzt und zieht immer gr\u00f6\u00dfere Kreise. J\u00fcngst setzten sich Marianne Mball\u00e9 (Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde in Deutschland), Tahir Della (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland) und Christian Kopp (Berlin Postkolonial) in dem Fernsehbeitrag \u201eStreit um Kunst aus Kolonialzeiten\u201c (ARTE, 05.01.2014) f\u00fcr die R\u00fcckgabe kolonialer Raubkunst an ihre rechtm\u00e4\u00dfigen Besitzer ein. Ihre im Juni 2013 gemeinsam mit AfricAvenir International, AFROTAK TV cyberNomads, Artefakte\/\/Anti-Humboldt und Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag initiierte Kampagne \u201eNo Humboldt 21!\u201c fordert anl\u00e4sslich der Grundsteinlegung ein Moratorium des strittigen Bauvorhabens. Nur so sei es m\u00f6glich, die grunds\u00e4tzlichen Probleme und offenen Widerspr\u00fcche des wenig transparenten Nutzungskonzeptes in einer breiten \u00f6ffentlichen Debatte aufzuarbeiten. Anf\u00e4nglich wurde diese Initiative von \u00fcber 40 NGOs aus entwicklungs- und kulturpolitischen sowie diasporischen Zusammenh\u00e4ngen unterst\u00fctzt. Inzwischen haben fast 80 Organisationen und Verb\u00e4nde aus dem In- und transkontinentalen Ausland den Aufruf unterzeichnet. Dieser zivilgesellschaftliche Konflikt \u00fcber die Notwendigkeit dekoloniale Besitz-, Restitutions-, Reparations- und Repr\u00e4sentationskonzepte in Kultur- und Bildungseinrichtungen zu entwickeln und institutionell zu implementieren, weist eine globale Dimension auf, die weit \u00fcber die Grenzen Deutschlands von Bedeutung ist.n<b>Preu\u00dfisches Retro-Revival<\/b><br \/>Die Konfliktlinien und Beweggr\u00fcnde der in diesem Kontext ge\u00e4u\u00dferten Kritik sind vielf\u00e4ltig. So wird durch den Wiederaufbau des wuchtig und einsch\u00fcchtern wirkenden Berliner Schlosses nicht nur ein \u00e4sthetisch-st\u00e4dtebaulicher Backlash zugunsten des Preu\u00dfentums, sondern hinter der Humboldt-Fassade auch die kulturpolitische Rehabilitierung des deutschen Kolonialismus bef\u00fcrchtet. Eine von Herman Parzinger, Pr\u00e4sident der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz (SPK), als Tr\u00e4ger des Forums autorisierte Werbehochglanzbrosch\u00fcre gewinnt den historischen Altlasten Deutschlands \u00fcberraschende Seiten ab: \u201eDas Kulturerbe Preu\u00dfens er\u00f6ffnet neue Perspektiven im interkulturellen Dialog\u201c1. Ungekl\u00e4rt ist bisher wie z.B. die Berliner Konferenz von 1884\/5 (kolonialsprachlich Kongokonferenz genannt) zur imperialistischen Zerst\u00fcckelung Afrikas mit diesem Ansatz sinnvoll bearbeitet werden kann. Kulturhistorisch ist jedoch ersichtlich, dass das Berliner Schloss symbolisch und politisch f\u00fcr das Wilhelminische Kolonialkaiserreich steht. Es repr\u00e4sentiert eine historische Periode, in der vom \u201evornehmsten Platz Deutschlands\u201c (ebd., S. 12) Pl\u00e4ne f\u00fcr die Kolonialisierung Afrikas erdacht, propagiert und politisch eingeleitet wurden. Das Schloss symbolisiert eine antidemokratische Herrschaftsarchitektur, dass die koloniale Macht und imperiale Hochkultur Deutschlands repr\u00e4sentiert. <br \/>Gerade die in diesem Zusammenhang gepflegte Inszenierung der \u201ekosmopolitischen Weltsicht der Br\u00fcder Humboldt\u201c als ethischer Kompass des Forumprojektes ist allgegenw\u00e4rtig. Parzinger entwirft ein Bild, in dem beide als nationale Galionsfiguren \u201ef\u00fcr Gleichberechtigung der Weltkulturen, Aufkl\u00e4rung und die Neugier auf das Andere und das Fremde in der Welt\u201c (ebd., S. 18) einstehen w\u00fcrden. Der Gestus, das Humboldt-Forum als gro\u00dfz\u00fcgiges Geschenk Deutschlands an die Welt zu pr\u00e4sentieren, ist unschwer erkennbar. Gleichzeitig ist dieser Habitus nicht uneigenn\u00fctzig, da es um nationale Selbstaufwertung im internationalen Standortwettbewerb der westlichen Metropolen mit ihren milliardenschweren Tourismus- und Kulturm\u00e4rkten geht.<\/p>\n<p><b>Humboldt-Mania in Berlin<\/b><br \/>In dem Ma\u00dfe, in dem die Humboldts als geniale \u201eWeltgelehrte\u201c und fr\u00fche Vertreter der kulturellen Weltoffenheit des deutschen Humanismus beweihr\u00e4uchert werden, zelebriert die deutsche Nation im gleichen Akt sich selbst. Dies erkl\u00e4rt auch die grassierende Humboldt-Obsession in der kollektiven Gedenkpolitik mit ihren allgegenw\u00e4rtigen Erinnerungslandschaften im Stadtbild: In Berlin nimmt dieses \u00dcberangebot dramatische Formen an, wo neben universit\u00e4ren Einrichtungen, Stiftungen, Stipendien- und Wissenschaftsprogrammen, mehrere Grund-, Sekundarschulen und Gymnasien, ferner Stra\u00dfen, Parks, Schl\u00f6sser, H\u00e4fen, Br\u00fccken, Bibliotheken, Krankh\u00e4user, Hochh\u00e4user u.v.a. mehr den Personenkult betreiben.<br \/>Die Humboldts sind eine kollektive Projektionsfl\u00e4che und kulturpolitische Erfindung f\u00fcr das, was Deutschland in seiner Geschichte eigentlich noch nie war. Durch die Humboldtsche Omnipr\u00e4senz erschafft die Kulturnation ein phantastisches Bild von sich, das im Grunde genommen kaum mit seiner Geschichte vereinbar ist. Daher ist das nationale Label \u201eHumboldt\u201c allgegenw\u00e4rtig: Wo Humboldt darauf steht, ist auch das Versprechen auf ein gutes Deutschland drin. In diesem Sinne ist der Humboldt-Diskurs nicht nur selbstverliebt, sondern engt auch die R\u00e4ume f\u00fcr kritische Diskurse ein, die die deutsche Gesellschaft, ihre politische Kultur und Geschichte nicht durch die rosarote Humboldt-Brille sehen. Der Humboldt-Kult ist also im Sinne einer nationalen Inszenierung zu lesen und zu dekonstruieren.<b><\/p>\n<p>Humboldt einmal dekolonial betrachtet<\/b><br \/>Vor diesem Hintergrund hat die Kampagne \u201eNo Humboldt 21!\u201c Alexander von Humboldts (1769-1859) kanonisiertes Bild als humanistischen und weltoffenen Wissenschaftsheld hinterfragt und seine (wissenschafts-)politische Rolle w\u00e4hrend seiner hoch gepriesenen Forschungsreise in S\u00fcdamerika einer kritischen Relekt\u00fcre unterzogen2. Humboldts eigene Reiseaufzeichnungen bezeugen die koloniale Kooperation wie sein gutes Verh\u00e4ltnis zur spanischen Krone. Im Gegenzug f\u00fcr Reisevisa und andere Privilegien versorgte Humboldt die Kolonialverwaltung mit \u201eAbschriften des von mir gesammelten Materials \u00fcber die Geographie und Statistik der Kolonien, das dem Mutterlande von einigem Nutzen sein konnte\u201c3. Die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner sogenannten Entdeckungsreisen entstanden in Zusammenarbeit mit und dienten willentlich einem kolonialen Ausbeutungs- und Unterdr\u00fcckungsregime. Der renommierte K\u00f6lner Lateinamerikanist Michael Zeuske befindet, \u201eder junge Humboldt stellte [trotz seiner Kritik an den empirischen Verh\u00e4ltnissen] die Legitimit\u00e4t der Herrschaft der spanischen Krone \u00fcber die Gebiete jenseits des Atlantiks [&#8230;] nicht infrage\u201c.4 Diese koloniale Komplizenschaft l\u00e4sst nicht nur Zweifel \u00fcber die kosmopolitische und wissenschaftsethische Erhabenheit seines Gesamtwerks aufkommen. Sie nimmt heute auch die ihn ehrenden Institutionen in die Pflicht, f\u00fcr eine kritische Aufarbeitung zu sorgen.<br \/>Dies gilt umso mehr als Humboldt als Wissenschaftler anscheinend weitaus skrupelloser war, als das nationale Heiligenbild es bisher wahrhaben will. In seinen Reiseerz\u00e4hlungen beschreibt er wie seine Reisegruppe im Jahre 1800 in der H\u00f6hle von Ataruipe (im heutigen Venezuela) mehrere Leichenskelette und Sch\u00e4del der indigenen Atures gegen den erkl\u00e4rten Willen ihrer Angeh\u00f6rigen heimlich stahl, sie belog und sich dann davon schlich (Humboldt 2010: S. 385-6). Ein Teil des Raubguts ging bei der Verschiffung verloren. Ein Sch\u00e4del schenkte er seinem Freund und Mentor Johann Friedrich Blumenbach. Der G\u00f6ttinger Professor f\u00fcr Anthropologe verwandte das menschliche Relikt f\u00fcr die Ausarbeitung seiner pseudo-wissenschaftlichen \u201eRassenkunde\u201c, die die Menschheit in f\u00fcnf unterschiedliche \u201eRassen\u201c aufgeteilte. Humboldts \u201ewissenschaftliches\u201c Fehlverhalten ist in diesem schwerwiegendem Fall mit der Etablierung rassenkonstruktivistischer Ideologeme verkn\u00fcpft, die die biologistische Grundlage f\u00fcr den colonial divide in der Moderne und darauf basierende rassistische Praktiken bildet. <br \/>&nbsp;&nbsp; &nbsp;Obwohl eine Reihe von Statements Humboldt als Vertreter eines auf Dialog und Akzeptanz setzenden Umgangs mit kolonialisierten Menschen und au\u00dfereurop\u00e4ischen Kulturen ausweisen, sind seine Positionen keineswegs so eindeutig und frei von Widerspr\u00fcchen, wie gemeinhin suggeriert. Dabei finden sich im Humboldts Werk auch \u00c4u\u00dferungen und Positionen, die ihn offen als Verfechter einer eurozentrierten Kultur- und Zivilisationsidee darstellen. So w\u00fcrden seiner Ansicht nach die \u201ehalbbarbarischen V\u00f6lker\u201c S\u00fcdamerikas mit ihren \u201eunf\u00f6rmigen Idolen\u201c den Gegensatz \u201ezu den gemei\u00dfelten Meisterwerken des Praxiteles und des Lysippos [bilden]! Wundern wir uns nicht \u00fcber die Rohheit des Stils und die Fehlerhaftigkeit der Umrisse in den Werken der V\u00f6lker Amerikas.\u201c5 Kulturentwicklung erscheint hier als linearer Fortschritt, bei der Europa durch seinen avancierten Status Vorbildcharakter hat.<br \/>Der Reifegrad des gesellschaftlichen Mainstreamdiskurses l\u00e4sst sich daran ablesen wie ernsthaft und redlich mit Kritik umgegangen wird. Symptomatisch ist in diesem Zusammenhang die emp\u00f6rte Reaktion des ausgewiesenen Humboldt-Experten Frank Holl. In seinem Protestbrief wiederholt er die oft hervorgehobenen Zitate Humboldts zu dessen Ehrenrettung und b\u00fcrstet die Kritik polemisch ab. Allerdings kann auch der Historiker Holl den Leichenraub an den Atures nicht bestreiten. Statt Gegenargumente f\u00fcr seine eindeutig positive Rezeption Humboldts zu nennen, l\u00e4sst sich Holl sicherheitshalber erst gar nicht auf die inhaltliche Diskussion ein.6 Wie der Historiker Christian Kopp in seiner Entgegnung effektiv nachweisen kann, belegen auch Holls eigene Publikationen die enge Zusammenarbeit Humboldts mit der spanischen Verwaltung, die erstaunlicherweise jedoch nicht als koloniale Kollaboration aufgefasst werden.7 Der Gedanke, dass die eigenen Bewertungs- und Interpretationsmuster inkonsistent sind und einer Weiterentwicklung bed\u00fcrfen, kam Holl nicht in den Sinn. <br \/>Bedenklich muss auch stimmen, dass der frevelhafte Raub von Human Remains in der bisherigen Humboldt-Rezeption zwar nicht unbekannt ist, aber dort auf kein ausgepr\u00e4gtes Forschungsinteresse st\u00f6\u00dft. Auch in der breiten \u00d6ffentlichkeit wird das historische Unrecht kaum zur Kenntnis genommen, weil anscheinend auch das Feuilleton kaum Aufkl\u00e4rungs- und Diskussionsbedarf sieht. Es k\u00f6nnte schlie\u00dflich die Nationalikone in Verlegenheit bringen. Das bisherige politische Desinteresse und Verschweigen kann als diskursiv-institutionelle Machtform einer andauernden epistemologischen Kolonialit\u00e4t aufgefasst werden. Beides reproduziert koloniales Unrecht in der Gegenwart.<br \/>Anfang M\u00e4rz 2014 sind die f\u00fcr zw\u00f6lf Millionen Euro angekauften Reisetageb\u00fccher des Alexander von Humboldts in Berlin angekommen. Wie beim hochoffiziellen Festakt verk\u00fcndet, sollen die rund 4000 Seiten in einem drei Millionen Euro teuren Forschungsprojekt der SPK und der Universit\u00e4t Potsdam ausgewertet werden. Ob Humboldts koloniale Schattenseiten dabei erforscht werden, ist nicht bekannt.<br \/>So bleibt nur zu hoffen, dass eine kritischere Lesart von Alexander von Humboldts Wirken Verbreitung findet, die seine eigent\u00fcmliche Ambivalenz aufzeigt. In einem neuen Band \u00fcber koloniale Erinnerungsorte wird zwar nicht die Humboldt-Forschung, aber marginalisierte Dimensionen des Humboldtschen Kosmos skizziert: \u201eBesondere Konflikte galten immer Humboldts Europazentrismus, seiner Rolle als m\u00f6glicher Begr\u00fcnder europ\u00e4ischen Kolonialismus und seiner Bedeutung f\u00fcr die zwischen 1775 und 1945 ausbreitende Leitideologie des \u201awissenschaftlichen\u2018 Rassismus\u201c (Zeuske 2013, S. 345). <b><\/p>\n<p>Eurozentrische Setzungen im Gewand universeller Aufkl\u00e4rung<\/b><br \/>Der Streit \u00fcber die Wahl eines geeigneten Namenspatrons und ihre (meta-)narrativen Muster im nationalen Selbstverst\u00e4ndnis verweisen auf eine grunds\u00e4tzlichere Problematik: Die Art und Weise wie koloniale Aufarbeitung in vielen wissenschaftlichen Kultur- und Bildungsinstitutionen strategisch gedacht und \u00f6ffentlich kommuniziert wird, ist selbst problematisch. In der Diskussion um das Kulturforum ist es aufschlussreich zu erkennen, dass \u201edie Kolonialgeschichte als tragische und folgenschwere Verbundenheit Europas mit den Menschen anderer Kontinente\u201c (Parzinger 2011, S.31) ausgestellt werden soll. So wird \u2014 intendiert oder nicht \u2014 der Eindruck erweckt, dass die europ\u00e4ische Kolonialisierung der Welt sich wie eine Naturkatastrophe ohne das gezielte Handeln menschlicher Akteure ereignet h\u00e4tte. Richtig ist jedoch, dass europ\u00e4ische Aufkl\u00e4rer und Wissenschaftler einen bedeutenden Anteil am kolonialen Projekt hatten und sie in vielen Bereichen als Think-Tanks wie als praktische Hilfswissenschaften fungierten. Wissenschaftlich begr\u00fcndete Rationalisierungen und Kategorisierungen des Anderen sind elementarer Teil der Kolonialisierung, in dem die Anderen Objekte Wei\u00dfer Blicke und ihrer Bewertungsma\u00dfst\u00e4be wurden. Dadurch wurden Kolonialisierte zu Objekten europ\u00e4ischen Wissens gemacht. Eurozentrierte Wissenschaft und ihre Wissensaneignungspraktiken sind immanent in kolonialen Machtverh\u00e4ltnissen verstrickt, weil sie von einer machtbesetzten Position aus sich die Welt mit ihren Menschen in ihren sozialen, kulturellen und \u00f6konomischen Beziehungen aneignen. <br \/>In der dominanten politischen Nationalnarrationen erscheinen die kolonialen Forschungsreisen dagegen immer noch h\u00e4ufig in einem positiven Licht: Die Werbebrosch\u00fcre der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz l\u00e4sst sich so lesen, als ob Wei\u00dfe Wissenschaftler als Forschungsreisende, Naturforscher, Entdecker und Experten Artefakte und Exponate au\u00dfereurop\u00e4ischer Kulturen gerettet h\u00e4tten. Diese seien dem Untergang geweiht, weil sie der \u201eKolonialisierung, Missionierung und Modernisierung\u201c (ebd.) nicht standhalten w\u00fcrden. W\u00e4hrend die Involvierung wissenschaftlicher Praktiken und Forschungsergebnisse in kolonialisierenden Prozessen ausgeblendet bleibt, wird gleichzeitig die ehrbare europ\u00e4ische Wissenschaft \u2013 repr\u00e4sentiert durch deutsche Wissenschaftsheroen wie Alexander von Humboldt, Georg Forster und Adolf Bastian \u2013 zum Gegenspieler des Kolonialismus aufgebaut. Sie h\u00e4tten \u201eInteresse an wissenschaftlichem Erkenntnisdrang bei der jungen Generation geweckt\u201c und den \u201eGrundstock einer systematischen Sammlung au\u00dfereurop\u00e4ischer Kunst und Kultur\u201c gelegt. Ihr selbstloses Ziel sei, \u201edie damals bereits vom Kolonialismus bedrohten Kulturen fremder Kontinente zu dokumentieren, ihre Zeugnisse m\u00f6glichst l\u00fcckenlos zu sammeln, zu erforschen und der Nachwelt zu erhalten\u201c (ebd.). <br \/>Nach dieser Darstellung w\u00fcrde Adolf Bastians Museumsarbeit \u201eam Beginn eines systematischen Erfassens und Begreifens der Kulturen der Welt [stehen]\u201c (ebd.). Dieser These nach w\u00e4re das systematische kulturelle Verstehen ausgerechnet eine Errungenschaft des K\u00f6niglichen Museums f\u00fcr V\u00f6lkerkunde, das Bastian 1873 in Berlin gegr\u00fcndet hat. Folgen wir dieser Wahrnehmung m\u00fcssten wir im Umkehrschluss davon ausgehen, dass au\u00dfereurop\u00e4ische Gesellschaften diese Kulturleistung entweder nur unsystematisch oder gar nicht erbracht bzw. erst durch Wei\u00dfe Wissenschaftler erlernt h\u00e4tten.<br \/>Auch sonst erscheinen au\u00dfereurop\u00e4ische Kulturen und ihre Menschen in diesem eurozentrischen Blick weiterhin nicht als erw\u00e4hnenswerte Individuen, sondern nur als passive Objekte ohne ein eigenes Bewusstsein und beachtenswerte Selbstbestimmung. Ihre Entscheidung, ob sie und wie sie ihre Kultur erforschen und dokumentieren wollen, erscheint nicht relevant und diskussionsw\u00fcrdig. Welche eigenst\u00e4ndigen Wissensformen und Forschungsleistung sie selbst geleistet, wie sie Wei\u00dfe und ihre europ\u00e4ischen Kulturen ihrerseits erforscht haben, wird nicht thematisiert. Erst die scheinbare Entdeckung durch europ\u00e4ische Wissenschaftler mit ihren vermeintlich neutralen Sammlungen und \u201esystematischen Dokumentationen\u201c verleiht den Erforschten im Koordinatensystem der europ\u00e4ischen Wissensmatrix Bedeutung und Sinn. Dagegen werden Communities of Color nicht als autonome Kultur- oder als f\u00fcr westliche Perspektiven sogar unzug\u00e4ngliche Wissenstr\u00e4ger dargestellt. Dabei muss ihr Zugang zur Welt keineswegs mit den musealen Sammlungen mit ihren Kriterien und Ordnungssystemen \u00fcbereinstimmen, die zumeist im Kolonialzeitalter definiert wurden.<br \/><b><br \/>Vom kolonialen Rarit\u00e4tenkabinett zur nationalen Schatzkammer<\/b><br \/>Die Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz behauptet: \u201eIn der Mitte Berlins kehren die au\u00dfereurop\u00e4ischen Sammlungen in ein Ensemble zur\u00fcck, in dem sie das abwertende Stigma des Exotischen verlieren\u201c (ebd., S. 26). Daneben ist auf einer farbigen Doppelseite eine \u201eWolfsmaske der Haida, Kanada, um 1880\u201c (ebd.) gro\u00dfformatig abgebildet. Es gibt keine Erkl\u00e4rung zu der Geschichte der Wolfmaske und den Weg ihrer Musealisierung, ihrer Bedeutung f\u00fcr die indigenen Haida. Wer die Haidas sind, was aus ihnen geworden ist, warum an diese Stelle die Wolfsmaske abgebildet ist, all das ist anscheinend so uninteressant, irrelevant oder selbstverst\u00e4ndlich, dass es keiner Erw\u00e4hnung bedarf. Wie die Haida Wolfsmaske, so vollkommen entkontextualisiert und inhaltsleer auf ihre eindrucksvolle Form reduziert, das publikumswirksame Stigma des Exotischen verlieren kann, ist ein R\u00e4tsel.<br \/>Trotz der vollmundigen Ank\u00fcndigung den au\u00dfereurop\u00e4ischen Kulturen einen gleichberechtigten Platz einzur\u00e4umen, folgt dieses Modell einer Logik, das seinen eigenen machtvollen Platz in der Kultur- und Weltgeschichte weder zur Diskussion stellt noch seine zentrale Machtposition aufgibt.8 Wie wenig gleichrangig die dahinterstehende Logik der kulturell-\u00f6konomischen Inwertsetzung au\u00dfereurop\u00e4ischer Kunst ist und dem alten Zentrum-Peripherie-Modell folgt, wird erkennbar, wenn \u201efremde Kunst und fremde Kulturen als Inspirationsquelle f\u00fcr Europas Moderne\u201c (ebd., S.28) vorgestellt werden. <br \/>Bei diesem Modell kommt eine klassische eurozentrische Repr\u00e4sentations- und Narrationsweise zum Tragen: In diesem Rahmen dient au\u00dfereurop\u00e4ische Kunst lediglich als Inspirationsquelle f\u00fcr die gro\u00dfen europ\u00e4ischen Meister. Im Mittelpunkt stehen nat\u00fcrlich Gr\u00f6\u00dfen wie Pablo Picasso und der deutsche Maler Ernst Ludwig Kirchner sowie Sigmund Freud und der deutsche Kunst- und Kulturtheoretiker Aby Warburg. In Kurzbiografien werden ihre Bez\u00fcge zu au\u00dfereurop\u00e4ischen Kulturen skizziert, die vor allem ihre Faszination f\u00fcr das Fremde und Fremdartige betonen (ebd., S. 28). Kritische Gedanken, inwieweit diese Bez\u00fcge etwa als Fremdaneignung oder als Othering auch problematisch sein k\u00f6nnten, fehlen dagegen.<br \/>&nbsp;&nbsp; &nbsp;Wie problematisch ein wenig ausgereiftes Repr\u00e4sentationsformat ist und wie stark essentialisierende Darstellungsschemata rekurrieren, wird sichtbar, wenn unter dem Schlagwort \u201eWeltkunst in Berlin\u201c (ebd., S. 33) explizit an das koloniale Museumsmodell der fr\u00fcheren Berliner Schatzkammer angekn\u00fcpft wird (Bose 2013). Mit der prachtvollen wie zusammenhangslosen Zurschaustellung von pr\u00e4kolonialen Herrschaftssymbolen, religi\u00f6sen Kultgegenst\u00e4nden und wertvollen Alltagsgegenst\u00e4nden aus allen au\u00dfereurop\u00e4ischen Erdteilen, wird der Blick des vornehmlich Wei\u00dfen Museumpublikums nicht nur auf den enormen k\u00fcnstlerischen, spirituellen und materiellen Wert der au\u00dfereurop\u00e4ischen Kulturobjekte gelenkt. Gleichzeitig werden die Auswirkungen der Kolonialgeschichte f\u00fcr die heutigen Interessen Deutschlands umgedeutet: \u201eWith the Humboldt-Forum, we see the enactment of a cosmopolitanism that manages to turn the material reminders of complex historical relations of mutual entanglement, appropriation and exploitation into an asset of cosmopolitan understanding and mutuality.\u201c (Bose 2013)<br \/>Eine andere und kritischere Lesart ergibt sich, wenn das bunt zusammengew\u00fcrfelte Ausstellungskonvolut als kulturhistorisches Inventar der Nationalgeschichte gesehen wird, das nicht nur der Selbstvergewisserung des eigenen Besitzstandes, sondern auch der kommunikativen Darstellung nationaler Gr\u00f6\u00dfer im internationalen Kontext dient. Als einzigartige k\u00fcnstlerische Exponate der kolonialen Aneignung au\u00dfereurop\u00e4ischer Kulturen repr\u00e4sentieren sie sowohl \u00fcber ihre symbolischen wie materiellen Werte als auch als historisches Narrativ den eigenen nationalen Reichtum und die eigene \u00fcberlegene Machtposition. Die zehn Exponate bilden einen verschwindend kleinen Teil der auf 500.000 Besitzst\u00fccke taxierten ethnologischen Sammlungen in Berlin. Ihre nationale Kulturrendite korreliert mit der institutionellen Ausrichtung auf ein Kernpublikum, das identit\u00e4tspolitisch die staatsb\u00fcrgerlichen, materiellen, r\u00e4umlichen und kulturellen Voraussetzungen mitbringt, um das Museum als Rezipierende aktiv bespielen zu k\u00f6nnen. Wer als Adressatin und Konsument des neuen Kulturforums den Machern im Kopf herumschwebt, ist nicht schwer zu erraten: \u201eDie Sammlungen lassen uns fremde Welten verstehen\u201c (Parzinger 2011, S. 40).<br \/><b><br \/>Klare Besitzverh\u00e4ltnisse \u2013 keine Restitution?<\/b><br \/>Ern\u00fcchtern sind auch die Ausf\u00fchrungen der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz zu Besitz- und R\u00fcckf\u00fchrungsfragen. W\u00e4hrend Wissenschaftler_innen wie der Europ\u00e4ische Ethnologe Wolfgang Kaschuba von der benachbarten Humboldt Universit\u00e4t keinen grunds\u00e4tzlichen Unterschied zwischen NS-Raubkunst und kolonialer Beutekunst erkennen k\u00f6nnen und f\u00fcr beide Unrechtskontexte eine rechtlich, kulturpolitisch wie ethisch einwandfreie Aushandlung fordern,9 versucht die Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz jede ernsthafte Diskussion \u00fcber illegale bzw. unethische Sammlungsmethoden einen Riegel vorzuschieben: Die \u201eVollst\u00e4ndigkeit der Berliner Best\u00e4nde geht auf ein einmaliges und weltweit verzweigtes Netz von Sammlern und Ank\u00e4ufern zur\u00fcck, das Bastian aufgebaut hatte. Damals entstand das wissenschaftliche Fundament des Ethnologischen Museums in Berlin, und es entstand auf legale Weise. Die Berliner Museen sind deshalb rechtm\u00e4\u00dfige Besitzer ihrer Best\u00e4nde\u201c (Parzinger 2011: S. 31). Der koloniale Kontext mit seinen expliziten Gewaltverh\u00e4ltnissen wird nicht g\u00e4nzlich geleugnet, aber es wird einfach so getan als ob koloniale Raubkunst und strukturelle Zwangsverh\u00e4ltnisse keine wesentliche Rolle beim Aufbau der Berliner Sammlungen gespielt h\u00e4tten: \u201eIm Zeitalter des expandierenden Kolonialismus sorgte Bastian mit Hilfe von Berliner M\u00e4zenen und eines weltweiten Netzes von Beziehungen unerm\u00fcdlich f\u00fcr die Vermehrung der Sammlungen\u201c (ebd.).<br \/>Allerdings hat die No Humboldt 21!-Initiative inzwischen in einer Reihe von F\u00e4llen starke Indizien f\u00fcr eine unrechtm\u00e4\u00dfige und unzul\u00e4ssige Inbesitznahme dokumentiert und ihre Befunde mit wissenschaftlichen Analysen wie historischen Quellen untermauert.10 Dazu z\u00e4hlt etwa das Exponat \u201eGedenkkopf einer K\u00f6niginmutter aus dem K\u00f6nigreich Benin (16. Jahrhundert)\u201c, das plakativ unter der erw\u00e4hnten \u00dcberschrift \u201eWeltkunst in Berlin\u201c abgebildet ist. Diese Haltung l\u00e4sst sich als ungen\u00fcgende Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber einem verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Kolonialgeschichte lesen. In diesem Fall existieren klare Stellungnahmen in den kritischen Arbeiten des Schwarzen Kunsthistorikers Sylvester Okwunodu Ogbechie (University of California, Santa Barbara),11 aber auch in historischen Dokumenten. Dazu z\u00e4hlen Aussagen von Zeitzeugen wie Felix von Luschan (1854-1924), der Direktor der Afrika- und Ozeanienabteilung im Berliner V\u00f6lkerkundemuseum war, die darauf hindeuten, dass dieser Gedenkkopf als koloniale Beutekunst 1897 bei der britischen Eroberung Benins entwendet wurde.12 Da Bezeugungen kolonialisierter Subjekte schwieriger nachzuweisen sind und sie keinen privilegierten Zugang zu westlich anerkannten Dokumentations- und Authentifizierungssystemen haben, w\u00e4re eine erh\u00f6hte Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber kolonialer Raubkunst naheliegend. Sich ergebnisoffen der Kritik zu stellen und die bisher stark vernachl\u00e4ssigte Provenienzforschung massiv aufzubauen, ist in dieser Situation das einzige politisch verantwortbare Mindestangebot. <br \/><b><br \/>Institutionelle Taschenspielertricks <\/b><br \/>Der International Council of Museums (ICOM) hat 1986 professionelle Minimalstandards f\u00fcr die museale Arbeit seiner Mitglieder verabschiedet. 2004 wurden die verbindlichen, aber rechtlich nicht bindenden wie sanktionierbaren Kriterien und Arbeitsprozeduren f\u00fcr Museen aktualisiert.13 Damit sollte der internationale Konsens \u00fcber die geltenden Werte und Prinzipien der Museumsgemeinschaft \u2014 auch im Umgang mit kolonialer Beutekunst \u2014 Rechnung getragen werden. Parallel wurde die Erkl\u00e4rung der Vereinten Nationen \u00fcber die Rechte der indigenen V\u00f6lker14 2007 verabschiedet, die auch das Recht auf eine respektvolle, gleichrangige und rechtebejahende Repr\u00e4sentation in westlichen Kultur- und Bildungsinstitutionen st\u00e4rkt wie ggf. eine angemessene Restitution ehemals kolonialisierter Gemeinschaften vorsieht. <br \/>K\u00fcrzlich berichtete Christian Kopp, dass der Code of Ethics for Museums der ICOM in Deutschland nicht nur unzureichend umgesetzt, sondern in der erst 2010 von den Mitgliedsorganisationen in Deutschland, \u00d6sterreich und Schweiz ver\u00f6ffentlichten deutschsprachigen Fassung (\u201eEthische Richtlinien f\u00fcr Museen\u201c)15 anscheinend auch entsch\u00e4rfend und auslassend \u00fcbersetzt wurde.16 In der Tat ist es irritierend, warum die offizielle \u00dcbersetzung eines derart wichtigen Dokuments erst mit so gro\u00dfer Versp\u00e4tung der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht wird. Noch irritierender sind allerdings die Diskrepanzen in der \u00dcbersetzung selbst.<br \/>So weist Kopp zum einen auf Signifikanz- und Bedeutungsverschiebungen hin, wenn aus dem \u201egeforderte[n] \u201agreat tact and respect\u2018 im Umgang mit \u201asensiblen Objekten\u2018 [\u2026] ein schlichteres \u201aTaktgef\u00fchl und Achtung\u2018\u201c (ebd.) wird oder \u201ecultural property\u201c nicht als Kulturbesitz, sondern als \u201eKulturgut\u201c indigener Gemeinschaften wiedergegeben wird. Zum anderen wird durch die \u00dcbersetzung von \u201ematerials of sacred significance\u201c als \u201eGegenst\u00e4nde von religi\u00f6ser Bedeutung\u201c das Missverst\u00e4ndnis provoziert, \u201edass zum Beispiel Gegenst\u00e4nde von besonderer politischer Bedeutung (wertvolle Throne, Bekleidungsst\u00fccke, Zepter, etc.) nicht zu den spirituellen \u201aGegenst\u00e4nden mit heiliger Bedeutung\u2018 z\u00e4hlen \u2013 und daher selbst auf Wunsch der Herkunftsgesellschaften nicht zur\u00fcckgegeben werden m\u00fcssen.\u201c (ebd.)<br \/>Das gr\u00f6\u00dfte Problem in der Umdeutung der ICOM Deklaration von 2004 sieht Kopp aber in der \u00dcbersetzung der Paragrafen 6.1. (Zusammenarbeit) und 6.2. (R\u00fcckgabe von Kulturg\u00fctern): \u201eSo werden in der autorisierten deutschen \u00dcbersetzung von 2010 aus den (englischen) Aufforderungen zur proaktiven Suche nach Kooperationsm\u00f6glichkeiten mit den [&#8230;] Museen in den Herkunftsl\u00e4ndern m\u00fcde Ermahnungen und in puncto R\u00fcckgabe [&#8230;] entf\u00e4llt die Verpflichtung zu aktiven Kontaktaufnahmen mit den Herkunftsl\u00e4ndern und \u2011gemeinschaften gleich ganz. Die Selbstverpflichtung der Museen zur selbstst\u00e4ndigen Ansprache der Herkunftsgesellschaften wird dabei umgedeutet zu einer passiven Dialogbereitschaft der Museen\u201c (ebd.). Eine Beschwerde beim Ethikrat der ICOM h\u00e4lt Kopp angesichts der starken Dominanz deutschsprachiger und europ\u00e4ischer Mitglieder in den F\u00fchrungsgremien nicht f\u00fcr aussichtsreich.<br \/>Erst fast zehn Jahre nach der Verabschiedung internationaler Standard hat der Deutsche Museumsverband Ende 2013 seine \u201eEmpfehlungen zum Umgang mit menschlichen \u00dcberresten in Museen und Sammlungen\u201c17 ver\u00f6ffentlicht, die Fragen der R\u00fcckgabe von Kulturbesitz und der Gegenst\u00e4nde mit heiliger Bedeutung ausschlie\u00dft. Statt die ICOM-Statuten konsequent umzusetzen, werden seine Mitglieder nach der Auffassung von Kopp wie folgt beraten: \u201eSo werden hier R\u00fcckgaben von menschlichen \u00dcberresten an die Herkunftsgesellschaften anders als in den bedingungslosen internationalen Richtlinien an zwei Voraussetzung gekn\u00fcpft: Es muss 1.) beim Erwerb ein \u201aUnrechtskontext\u2018 vorgelegen haben und die Gebeine sollten 2.) nicht \u00e4lter als 125 Jahre sein. Die Entscheidung dar\u00fcber, was als \u201aUnrechtskontext\u2018 zu verstehen ist, wird hier also nicht etwa in das Ermessen der Herkunftsgesellschaften und Nachfahren gelegt \u2013 vielmehr ma\u00dfen sich die deutschen Museen selbst an, neben der Untersuchung auch die Bewertung des historischen Erwerbskontextes vorzunehmen\u201c (ebd.).<br \/>Vor diesem Hintergrund gewinnt diese Forderung der No Humboldt 21!-Initiative eine umso gr\u00f6\u00dfere Aktualit\u00e4t: Nicht die Nutznie\u00dfer und Erben westlicher Imperien, sondern die gesch\u00e4digte Seite sollten das einklagbare Recht erhalten \u00fcber den zuk\u00fcnftigen Verbleib kolonialer Beutekunst und menschlicher Relikte in den ethnologischen Museumssammlungen Berlins zu befinden.<b><\/p>\n<p>Humboldt-Forum als kulturpolitische \u201eHeuschrecke\u201c<\/b><br \/>\u00dcber die andiskutierten Probleme hinaus sind auch negative Auswirkungen f\u00fcr die lokale Kulturarbeit von migrantischen wie postmigrantischen Communities of Color nicht auszuschlie\u00dfen. Schon jetzt ist absehbar, dass die hohen Betriebs- und Unterhaltskosten zur Bespielung des \u201ewichtigsten kulturpolitischen Projekts in Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts\u201c (Parzinger) permanent Mitteln aus dem Kulturhaushalt des Bundes und der Stadt Berlin binden werden. Nat\u00fcrlich werden diese Gelder an anderer Stelle eingespart. Es ist zu bef\u00fcrchten, dass die Kosten dieser Umverteilung nicht zuletzt auf Kosten der sowieso schon kulturpolitisch marginalisierten migrantischen Kulturvereine und postmigrantischen Kulturinstitutionen gehen werden. <br \/>Vor allem in \u00f6konomisch schlechten Zeiten wird sich der Sparzwang besonders auf die Bereiche Kultur und Bildung auswirken und dort vor allem institutionell randst\u00e4ndige Akteure treffen. Das sind in der Kulturhierarchie niedrig angesiedelte Organisationen und Community-Projekte, die vermeintlich nicht zum Kern der Wei\u00dfen eurozentrischen Hochkultur geh\u00f6ren. Personell werden insbesondere au\u00dfereurop\u00e4ische Kulturschaffende und Deutsche of Color in der freien Szene betroffen sein, die keine schm\u00fcckenden \u201ebig names\u201c haben und nicht zum internationalen Jet-Set geh\u00f6ren. Sie bilden aber die gro\u00dfe Mehrheit der Kulturarbeiter_innen. Der Humboldt-Komplex bedroht die kulturelle Vielfalt und verst\u00e4rkt die bereits heute prek\u00e4r arbeitende freie Szene. Selbst des Ballhaus Naunynstr. wurde 2009 nur mit einem Jahresetat von 250.000 \u20ac unterst\u00fctzt. Trotz des \u00fcberw\u00e4ltigenden k\u00fcnstlerischen Erfolgs war das international renommierte Modellprojekt des interkulturellen und postmigrantischen Berlins 2011 von dem finanziellen Aus bedroht.18 <br \/>Vor diesem Hintergrund ist die Gefahr, dass das Humboldt-Forum zuk\u00fcnftig als \u201eHeuschrecke\u201c auf dem kulturpolitischen Markt auftritt, umso realer. Aufgrund seiner bundespolitischen Bedeutung als nationales Vorzeigeprojekt der Berliner Republik tritt das Kulturforum schon aufgrund seiner schieren Gr\u00f6\u00dfe und der politischen Protegierung in einem strukturell unfairen Wettbewerb mit Community-Projekten und -Institutionen. In diesem symbolpolitisch v\u00f6llig \u00fcberfrachteten Kontext spielt die Qualit\u00e4t k\u00fcnstlerischer und kuratorischer Konzepte f\u00fcr die F\u00f6rdervergabe wahrscheinlich nur noch eine nachrangige Rolle. In der Konsequenz ist eine Schlechterstellung und weitergehende kulturelle Unterversorgung marginalisierter Communities zu bef\u00fcrchten. Sie blieben dann nicht nur weiterhin aus der deutschen Hochkultur ausgeschlossen, sondern sollen daf\u00fcr im verst\u00e4rkten Ma\u00dfe auch noch mit ihren Steuergeldern zahlen.<br \/><b><br \/>Humboldt, who?<\/b><br \/>Angesichts der politischen und wissenschaftlichen Bedeutung des Forums ist zu fragen, ob der Humboldtsche Geist, der den Ma\u00dfstab f\u00fcr \u201edie Vermessung der Welt\u201c (Daniel Kehlmann) vorgibt, nicht die erkl\u00e4rterma\u00dfen kolonialkritische und kosmopolitische Ausrichtung des Kulturforums konterkariert. Wollte man statt der nationalen Nabelschau tats\u00e4chlich ein kulturpolitisches Zeichen durch einen Namensgeber mit Lateinamerika-Bezug setzen, dann w\u00e4ren Frantz Fanon oder Che Guevara spannendere Kandidaten. Ihre Namen w\u00fcrden zumindest kein m\u00fcdes G\u00e4hnen, sondern nicht nur in dieser Weltregion ein Aufhorchen ausl\u00f6sen. Eine andere M\u00f6glichkeit das Verh\u00e4ltnis zwischen interkulturellen Dialog und der Dialektik kolonial-rassistischer Unterdr\u00fcckung mit ihren weltweiten Befreiungsk\u00e4mpfen anzugehen, w\u00e4ren globale Symbolfiguren wie Mahatma Gandhi, Kwame Nkrumah, Ho Chi Minh und Nelson Mandela. Revolution\u00e4re Frauen wie Phoolan Devi, Halide Edip Adivar oder Angela Davis h\u00e4tten aber den Vorteil, dass sie die Frage der rassifizierten Gendergerechtigkeit im kolonialen und postkolonialen Kontext aufwerfen. Die Namensdebatte macht aber sowieso erst wirklich Sinn, wenn die unbedenkliche Provenienz der Sammlungsbest\u00e4nde nach g\u00fcltigen internationalen Standards zweifelsfrei sichergestellt ist, die strukturellen Machtverh\u00e4ltnisse bei der Konzeptionalisierung des Kulturforums neutralisiert und dekonstruierende Repr\u00e4sentationsformen gefunden wurden. Die Frage ist, ob das zuk\u00fcnftige Museumspublikum dann noch wei\u00df, wer Humboldt ist.n<b>Autoreninfo<\/b><br \/>Kien Nghi Ha, promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler, ist Fellow des Instituts f\u00fcr post\u00ac koloniale und transkulturelle Studien der Universit\u00e4t Bremen. Er hat an der New York University sowie an den Universit\u00e4ten in Heidelberg und T\u00fcbingen zu postkolonialer Kritik, Migration und Asian Diasporic Studies geforscht und gelehrt. Als Kurator hat er u.a. im Haus der Kulturen der Welt (Berlin) und im Hebbel am Ufer-Theater (Berlin) verschiedene Projekte \u00fcber asiatische Diaspora realisiert. Seine Monografie Unrein und vermischt. Post\u00ackoloniale Grenzg\u00e4nge durch die Kulturgeschichte der Hybridit\u00e4t und der kolonialen \u201eRassenbastarde\u201c (transcript 2010) wurde mit dem Augsburger Wissenschaftspreis f\u00fcr Interkulturelle Studien 2011 ausgezeichnet. Fr\u00fchjahr 2014 gab er das Online-Dossier <link http:\/\/heimatkunde.boell.de\/dossier-asian-germany - external-link-new-window \"Opens external link in new window\">http:\/\/heimatkunde.boell.de\/dossier-asian-germany<\/link> \u201eAsian Germany \u2013 Asiatische Diaspora in Deutschland\u201c f\u00fcr die Heinrich B\u00f6ll Stiftung heraus. Weitere B\u00fccher: Ethnizit\u00e4t und Migration Reloaded (Westf\u00e4lisches Dampfboot 1999\/WVB 2004); Vietnam Revisited (WVB 2005), Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond (Assoziation A 2012, Hg.) und re\/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland (Unrast 2007, Co-Hg.).n<b><br \/>Mehr Informationen:<\/b><link http:\/\/www.no-humboldt21.de\/ - - \"Opens external link in new window\">http:\/\/www.no-humboldt21.de\/<\/link><link http:\/\/www.no-humboldt21.de\/information\/imperfect-steal-humboldts-erben-in-postkolonialer-liquidationskrise\/ - - \"Opens external link in new window\">http:\/\/www.no-humboldt21.de\/information\/imperfect-steal-humboldts-erben-in-postkolonialer-liquidationskrise\/<\/link>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Monaten hat sich die seit Jahren andauernde Kontroverse \u00fcber Sinn und Unsinn des geplanten Humboldt-Forums politisch deutlich zugespitzt und zieht immer gr\u00f6\u00dfere Kreise. 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