Kooperation: 32. Französische Filmtage Tübingen Stuttgart

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Das frankophone Afrika spielt bei den Französischen Filmtagen jedes Jahr eine besondere Rolle. Auf dem Spielplan stehen außergewöhnliche Filme, die ohne dieses Festival kaum den Weg in einen deutschen Kinosaal finden würden, die aber allesamt ausgesprochen sehenswert sind. Fokus Afrika vermittelt mit seinen Filmen und Diskussionsveranstaltungen ein modernes Afrikabild fernab aller Karen-Blixen-Klischees – wobei der wache Blick auf Afrika durchaus voller Liebe und Sehnsucht sein darf. 

Schwerpunktland Burkina Faso

„Das Land der rechtschaffenen Menschen“ bedeutet der Name des auch für afrikanische Verhältnisse bitterarmen Landes, das 1960 seine Unabhängigkeit von Frankreich erlangte. 1983 erlebte es mit der Machtübernahme von Thomas Sankara und seiner links-populären Regierung große Aufmerksamkeit. Der Hoffnungsträger Sankara kam 1987 beim Umsturz durch Blaise Compaoré ums Leben. Die Protestbewegung hatte in ihm eine feste Bezugsgröße für die politische Neuausrichtung des Landes gesehen. Eine Rückbesinnung auf eigene Wurzeln und eine kulturelle Erneuerung – das wichtigste afrikanische Filmfestival FESPACO zeugt heute noch davon – konnten jedoch dem vom Baumwollanbau abhängigen Land keine Verbesserung der Lebensverhältnisse bringen. Die andauernde Wirtschaftskrise hatte in den vergangenen Jahren besonders die Jugend zur Migration und zur Arbeit auf den Kakaoplantagen der Elfenbeinküste gezwungen. Mit dem dortigen Bürgerkrieg kehrten viele wieder zurück, und die Routen der Migration führen nun in den Norden. Das Land im Zentrum Westafrikas ist in den Strudel der Schmuggler und Schlepper geraten, die am Strom der Menschen durch die Wüste verdienen.

Im Oktober vergangenen Jahres zogen Tausende durch die Straßen Burkina Fasos, um gegen den „Langzeitherrscher“ Compaoré zu demonstrieren. Das Regime reagierte mit blutiger Unterdrückung, doch nach 27 Jahren wandte sich auch die Armee von Compaoré ab und zwang ihn zur Flucht. Eine Interimsregierung der Armee sollte Stabilität schaffen und demokratische Wahlen organisieren, die für den 11. Oktober dieses Jahres geplant waren.

Am 16. September 2015 putschte die Präsidentengarde (Régiment de Sécurité Présidentielle, RSP) unter der Führung von General Gilbert Diendéré. Wenige Tage später gaben die Putschisten auf und unterzeichneten ein Abkommen mit der regulären Armee, die ihnen vorläufig Sicherheit verspricht. Der bisherige Übergangspräsident Michel Kafando  hat die Regierung wieder übernommen. Neuer Wahltermin ist der 22. November. 

Als Burkina Faso zum Schwerpunktland der Afrika-Reihe ausgewählt wurde, konnte niemand die jüngsten Ereignisse im Lande vorhersehen. Umso interessanter und wichtiger wird jetzt die Auseinandersetzung mit dem westafrikanischen Land südlich der Sahara. Zum Beispiel in folgenden Filmen:

Une Révolution africaine

Burkina Faso 2015

Regie Gidéon Vink, Boubacar Sangaré

Ende Oktober 2014 beendete ein Volksaufstand in Burkina Faso die 27 Jahre währende Diktatur von Blaise Compaoré und seinem Regime. Als der verhasste Compaoré ein verfassungswidriges drittes Mandat anstrebte, lief das Fass über: Hunderttausende Burkinabè gingen auf die Straße. Der Film des Kollektifs ‚Droit libre TV’ zeichnet anhand von Videoaufnahmen und Interviews die letzten zehn Tage nach, die zum Sturz des Diktators am 31. Oktober führten. Der Film war der Eröffnungsfilm des 11. Menschenrechtsfilm-Festivals am 28. Juni 2015 in Ouagadougou und hat in Tübingen seine Deutschlandpremiere. 

La Sirène du Faso Fani

Burkina Faso, Frankreich, Deutschland, Katar 2015

Regie Michel K. Zongo

In Koudougou, der drittgrößten Stadt von Burkina Faso, rottet der einstige Stolz des Landes langsam vor sich hin: die Textilfabrik Faso Fani, die 2001 geschlossen wurde. Der vor Ort aufgewachsene Michel Zongo versucht, die Geschichte der legendären Fabrik zu rekonstruieren. Bei seiner Suche entdeckt er in den Höfen der Stadt Frauen, die mit einfachen Webstühlen die traditionelle Weberei weiterführen. Damit knüpfen sie buchstäblich sowohl an das handwerkliche Erbe wie auch den einstigen Erfolg der Firma an. 

L’Œil du cyclone

Burkina Faso, Frankreich, Kamerun 2015

Regie Sékou Traoré

In einem fiktiven afrikanischen Staat begegnen sich Emma Tou, eine junge idealistische Anwältin, und Blackshouam, ein ehemaliger Kindersoldat, der wegen Kriegsverbrechen vor Gericht steht. 

Als Emmas Chef die junge Anwältin bittet, die Pflichtverteidigung des gefangen genommenen Rebellen Blackshouam zu übernehmen, zögert sie zunächst: Sie war ein kleines Mädchen, als ihre Familie von Rebellen angegriffen wurde. Doch nach einem Besuch im Gefängnis und der Aufdeckung verschiedener Ungereimtheiten übernimmt sie das Mandat. 

Von Burkina Faso geht es weiter durch Westafrika:

La lune est tombée 

Guinea, Frankreich 2015

Regie & Buch Gahité Fofana

Douba kehrt nach Jahren aus den USA in seine Heimat Guinea zurück. Er möchte seinem Freund Manthia dabei helfen, eine Mineralwasserfirma aufzubauen. Ihre Jugendfreundin Salma hilft ihnen dabei. Auf der Grundlage einer wahren Geschichte versucht Gahité Fofana die Schwierigkeiten wirtschaftlicher Entwicklungen in einer Gesellschaft aufzuzeigen, in der die Mehrheit am modernen Wirtschaftsleben kaum teilhaben kann. Anekdoten und Momentaufnahmen aus dem Alltag werden dabei mit den Erfahrungen der beiden Hauptpersonen zu einem eindrucksvollen Sozial-Panorama eines afrikanischen Landes verwoben. 

Mbeubeuss, Le Terreau de l'espoir   

von Nicolas Cissé

Senegal, Schweiz 2014

Regie & Buch Nicolas Cissé

Mbeubeuss, die gewaltige Müllkippe Dakars, ist der Arbeitsplatz für Tausende, die den Abfall der Großstadt nach Wiederverwertbarem durchsuchen. Eines Tages findet ein Bewohner der Deponie ein Baby. Eine junge Frau hat es nach der Geburt ausgesetzt. Im Kreis der Müllsucher wächst es zu einem eigensinnigen Jungen heran. Mit dem wachsenden Müllberg am Rand der Stadt werden auch die Umweltprobleme immer bedrohlicher. Die Mutter des Jungen engagiert sich in einer sozialen Initiative. Bei einem Besuch auf der Müllkippe kommt es nach Jahren zur Begegnung von Mutter und Sohn. 

Mörbayassa – Le Serment de Koumba

Guinea, Frankreich 2014

Regie Cheick Fantamady Camara 

Die 30-jährige Bella aus Guinea schlägt sich als Sängerin und Hostess in einem Nachtklub durch. Mit allen Mitteln versucht sie, sich aus der Abhängigkeit der Nachtklubbesitzer zu befreien. Sie will genügend Geld verdienen, um ihre Tochter zu suchen, die in Frankreich in einer Pflegefamilie lebt.

Sie trifft Yelo, einen UN-Mitarbeiter, der ihr helfen will. Mit seiner Unterstützung gelangt sie nach Frankreich. 

Zwei Filme aus dem Maghreb und der neue Film von Raoul Peck ergänzen die Filme aus Westafrika um weitere Aspekte einer politischen Realität, die Europa mit den Flüchtlingsströmen in den vergangenen Monaten unmittelbar zu spüren bekommt. 

The Sea is behind

Marokko, UAE, Frankreich, Libanon 2014

Regie & Buch Hicham Lasri

Tarik ist ein „H`Dya“, ein in Frauenkleidern tanzender Künstler, der bei den farbenprächtigen Umzügen auftritt, die durch die Straßen marokkanischer Städte führen. Bei Tarik mündet der Trancezustand des Tanzens zunehmend in ein von Wahnvorstellungen geprägtes Alltagsleben. Seine Umgebung macht dafür mit Drogen verseuchtes Wasser verantwortlich. Gewalt und Kriminalität verschärfen die Konflikte. In surrealen, mit marokkanischer Rockmusik unterlegten Bildern führt Hicham Lasri in die Welt der Gaukler Marokkos ein.

À peine j'ouvre les yeux

Tunesien, Frankreich, Belgien 2015

Regie Leyla Bouzid

Die 18-jährige Farah singt in einer Rockband, streift durch das Nachtleben von Tunis, genießt ihre Freiheit und verliebt sich in ihren Bandkollegen. Ihre Eltern sind nicht amüsiert: Mit ihrem Abitur in der Tasche soll sie Medizin studieren und etwas Vernünftiges machen. Aber der Filmerzählt mehr als den üblichen Konflikt zwischen Eltern und ihren heranwachsenden Töchtern: In einer Stadt kurz vor der Revolution stößt Farah mit ihrer Musikband auf viele Grenzen. 

Meurtre à Pacot

Haiti, Frankreich, Norwegen 2014

Regie Raoul Peck

Nachdem Raoul Peck das Erdbeben, das Port-au-Prince in Haiti im Januar 2010 erschütterte, in seinem Film „Tödliche Hilfe“ dokumentarisch bearbeitet hat, zeigt er in seinem Spielfilm das konfliktreiche Aufeinandertreffen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten Haitis angesichts der Zerstörungen. Die Villa eines Paares im Nobelviertel Pacot liegt nach dem Erdbeben in Trümmern. Die beiden müssen ihren Alltag neu organisieren. Um an Geld zu kommen, vermieten sie einen Teil des Hauses an Alex, einem europäischen Katastrophenhelfer, der zusammen mit Andrémise, einer jungen Haitianerin, einzieht. Die labile Situation der beiden Paare spitzt sich schnell zu. 

Die dramatischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die von den afrikanischen FilmemacherInnen in eindrucksvollen Bildern und Geschichten begleitet werden, sind auch Gegenstand der diesjährigen Podiumsdiskussion:

Table ronde Focus Afrique

Podiumsdiskussion Fokus Afrika

Burkina Faso und Afrika im Wandel

Welche Rolle spielen Zivilgesellschaft und Künstler beim Aufbau von jungen Demokratien in Afrika?

Filmemacher, Journalisten und Musiker waren ein maßgebliches Sprachrohr der Zivilgesellschaft in Burkina Faso während der Revolution 2014. Zusammen mit den FilmemacherInnen und anderen Gästen soll der Umbruch in Burkina Faso und die Rolle des Kinos ausgehend von den gezeigten Filmen diskutiert werden. 

Mit 

Michel Zongo (Burkina Faso – Filmemacher – La sirène du Faso Fani)

Gahité Fofana (Guinea – Filmemacher – La lune est tombée)

Sekou Traoré (Burkina Faso – Produzent und Filmemacher – L’œil du cyclone)

Malek Akhmiss (Marokko – Schauspieler – The Sea Is Behind)

Abdoulaye Diallo (Burkina Faso – Aktivist –  Festival Ciné Droit Libre)

Mit Simultanübersetzung über Kopfhörer

Samstag,  07. 11. | 16:00

Tübingen,  Kino Atelier - Café Haag

Aber natürlich wird auf den Französischen Filmtagen nicht nur diskutiert, sondern auch gefeiert: Wie in jedem Jahr organisieren die Französischen Filmtage Stuttgart zusammen mit dem Forum Afrikanum Stuttgart einen Afrikanachmittag: Drei ausgewählte Filme -  „La Danseuse d’Ébène“, „La sirène de Faso Fani“ und „Mörbayassa“ -  bieten einen Querschnitt durch die Bandbreite afrikanischer Filme im diesjährigen Filmtageprogram. Live-Musik und afrikanisches Essen sorgen für afrikanisches Flair, viele nette Begegnungen und angeregte Diskussionen.

Sonntag, 08. 11. | 15:30 

Stuttgart, Kino Delphi 

Mit den Verantwortlichen für diese wie immer eindrucks- und anspruchsvolle Afrikareihe Bärbel Mauch, Jörg Wenzel und Bernd Wolpert freuen wir uns auf zahlreiche interessierte Besucher, unsere afrikanischen Gäste, spannende Diskussionen, rauschende Feste und natürlich auf eine umfangreiche und detaillierte Berichterstattung. Bilder und Trailer der Filme finden Sie auf unserer brandneu gestalteten Homepage franzoesische.filmtage-tuebingen.de, die auch darüber hinaus einen ausgiebigen Besuch wert ist. Weitere Informationen oder Fotos liefern wir Ihnen ebenfalls selbstverständlich gern.

Cordialement

Christopher Buchholz – Festivalleiter, Andrea Bachmann - Pressearbeit

Filmpreise

Internationaler Wettbewerb

Filmtage-Tübingen-Preis: 5.000 €, gestiftet vom Tübinger Kinomäzen Volker Lamm (Vereinigte Lichtspiele).

Kurzfilmwettbewerb: 1.000 €, gestiftet von der Kreissparkasse Tübingen. Die Internationale Jury prämiert den innovativsten Kurzfilm.

Stuttgarter Drehbuchpreis: 1.000 €, gestiftet von der Landeshauptstadt Stuttgart

Stuttgarter Publikumspreis: 1.000 €, gestiftet von Arthaus Filmtheater Stuttgart

Französischer Wettbewerb

Verleihförderpreis: 20.000 €, gestiftet von Unifrance und der MFG Filmförderung Baden-Württemberg. Das Preisgeld erhält derjenige deutsche Verleih, der den Gewinnerfilm des Tübinger Publikumspreises in die deutschen Kinos bringt.

Tübinger Publikumspreis: 2.500 €, ebenfalls gestiftet von Volker Lamm.

Preis der Jugendjury Tübingen: 1.000 € , gestiftet von Volker Lamm

Preis der Jugendjury Stuttgart: 1.000 €, gestiftet von der Landeshauptstadt Stuttgart

Filminteressierte Schülerinnen und Schüler empfehlen den besten Film für jugendliche Zuschauer unter fünf nominierten Filmen aus dem gesamten Programm.

Förderer und Partner der 32. Französischen Filmtage  

Förderer der Französischen Filmtage

Auswärtiges Amt (Berlin), Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst (Berlin), Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) (Bonn),Institut Français Berlin, Institut Français Paris, Johannes-Löchner-Stiftung, Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) (Stuttgart), Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG) Stuttgart, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, OFAJ – Deutsch-Französisches Jugendwerk (Paris), Schweizerisches Generalkonsulat (Stuttgart), Société des auteurs, compositeurs et éditeurs de musique, SACEM, Société de développement des entreprises culturelles du Québec S.O.D.E.C., Stadt Tübingen, Stadt Stuttgart, SWISS Films, Unifrance Film International (Paris), W.B.I. Wallonie-Bruxelles International

Sponsoren

Affentaler Winzergenossenschaft Bühl, ARTE, Arthaus Filmtheater Stuttgart GmbH, Baisinger, Bionade, Expert Tübingen, Kreissparkasse Tübingen, Mercedes-Benz, Niederlassung Reutlingen und Tübingen, Pons Stuttgart, Saturn Tübingen, Teinacher, Vereinigte Lichtspiele

Kooperationspartner der Französischen Filmtage

A.C.I.D. (Paris), Ernst Klett Verlag, Filmakademie Ludwigsburg, Forum Afrikanum (Stuttgart), Institut Culturel Franco-Allemand, Tübingen (ICFA), Institut Français Stuttgart, Internationales Trickfilmfestival Stuttgart (ITFS), OFAJ – Deutsch-Französisches Jugendwerk, SWR, Universität Tübingen, Vertretung der Regierung von Québec (Berlin), Zentrum für Medienkompetenz  der Universität Tübingen 

Medienpartner

ARTE, Radio Wüste Welle, RFI, Schwäbisches Tagblatt, SWR, AfricAvenir

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