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Bericht: Filmpräsentation „Les Saignantes“ am 23.6.2009 an der TU-Dresden

Am 23.6.2009 kamen im Kino im Kasten – ein von Studierenden der TU-Dresden mit Engagement betriebenes Programmkino – ca. 180 Menschen, darunter auch Schüler/innen und andere außeruniversitäre Gruppen, im großen Hörsaal zur Vorführung des Films „Les Saignantes“ („Die Blutenden“) von Jean-Pierre Bekolo zusammen.

Veranstaltet wurde die Präsentation von Dr. Ulrike Stutz, die sich im Rahmen ihrer Seminarreihe „Kunstpädagogik und Kulturelle Vielfalt“ mit gesellschaftlichen Prozessen wie Globalisierung und Migration und Konsequenzen für einen zeitgemäßen Kunstunterricht auseinandersetzt.

Mitveranstaltet wurde die Filmpräsentation vom Verein AfricAvenir International e.V., sowie von Weiterdenken Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen sowie von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft Sachsen.

Gestaltet wurde das Ambiente des Abends auch von Musik- und Informationsangeboten. Im Foyer des Hörsaals wurden die Gäste mit Klängen von DJ Massumo begrüßt. Neben der Projektion eines im Seminar „Kulturelle Vielfalt“ entstandenen Wikis stellte das Kunsthaus Dresden einen thematischen Bücherstand bereit, der für die aktuelle Ausstellung „Notes from the Empire“ zusammengestellt wurde. Mit Getränken und Snacks ging es dann in den Hörsaal, in welchem uns der Filmkritiker Julien Enoka Ayemba mit einem einleitenden Vortrag auf den Film einstimmte.

Ayemba ging zunächst auf den Regisseur Jean-Pierre Bekolo ein und wies darauf hin, dass die Arbeit Bekolos von Brüchen bestimmt und im Rahmen einer afrikanischen Filmkunst einen provokativen Ansatz darstellt. Gerade sein erster Film „Quartier Mozart“ (1992) sei eine Revolution für den afrikanischen Film gewesen. Ayemba betonte die Intention Bekolos, neben der Unterhaltung auch ein Bewusstsein für die Praxis des afrikanischen Filmschaffens und für die Perspektive auf Afrika zu erzeugen. So versetzt uns „Les Saignantes“ in ein nicht näher bestimmtes afrikanisches Land im Jahre 2025 – nach Ayemba eine ungewöhnliche Herangehensweise, da gerade Afrika selten in die Zukunft projiziert würde. In dem Engagement, sich nicht der westlichen Sichtweisen zu bedienen, stelle der Film kritische Fragen zum Geschlechterverhältnis und übe Kritik an von sexueller Gier besessenen und korrupten Politikern.

Obwohl Bekolo mit „Les Saignantes“ einen Science Fiction produziert zeige er eine Situation, die sich nicht wesentlich von der Gegenwart unterscheide. Allerdings interpretiert Ayemba diese Herangehensweise nicht als einen Afropessimismus, sondern als Darstellung der Situation „so, wie sie ist, ohne Optimismus, ohne Pessimismus“. Vielleicht würde der Blick in die Zukunft den Blick auf das jetzige Afrika schärfen und ihn von exotischen Verschleierungen befreien. Als Filmkritiker sieht Ayemba Afrika als den einzigen Kontinent, dessen Kino nicht bekannt sei. Gerade deshalb sei die Art und Weise, wie die Menschen aus afrikanischen Ländern sich selbst erzählen von besonderer – und man kann ergänzen politischer - Bedeutung. Als eine Botschaft von „Les Saignantes“ kann nach ihm deswegen auch die Aussage „Lass und leben, wie wir sind, nicht wie die Leute uns sehen wollen.“ abgelesen werden.

Des Weiteren hob Ayemba die besondere Rolle der beiden Frauen im Film hervor, deren erotische Anziehungskraft radikal und neu inszeniert sei. Sie würden in einer anziehenden Erscheinung gezeigt, aber auch als Frauen, die ihren Körper als Waffe einsetzen, um sich und die Gesellschaft aus einer eigentlich verzweifelten Lage zu befreien. Chouchou und Majolie – halb Dämoninnen, halb Göttinnen – bewegen sich im Film durch eine ausschließlich nächtliche Szenerie, motiviert durch die Absicht sich des toten Körpers eines beim Sex verstorbenen Politikers zu entledigen.

Die Ästhetik des Films ist geprägt von fließenden Bildern, die nicht distanziert wahrgenommen werden, sondern gleichsam auf die Betrachtenden einströmen. Sie lassen ein subtiles und bizarres Bild entstehen und laufen damit dem Wunsch zuwider, in sich logischen Handlungsabläufe geboten zu bekommen – die Zukunft verläuft nicht in abgegrenzten Etappen, sondern ist atemlos und unaufhaltsam. Die Dynamik und Rätselhaftigkeit der weiblichen Protagonistinnen findet ihren Widerhall in einer hypnotisierenden Frauenstimme, die von Mevoungou berichtet – einer übernatürlichen weiblichen Kraft und ein Ritual der Beti, das ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Diese Darstellungenformen lehnen sich nach Ayemba an die Ästhetik aus Action-, Science-Fiction- und Horrorfilm an. Aufgeworfen werden zentrale Fragen wie: Wie soll man einen Horror-Film drehen in einem Land, in dem das Leben Horror ist? Wie kann man einen Film über Liebe machen, in einem Land, in dem Liebe unmöglich ist?
 
Im Anschluss an die Filmvorführung gab es die Möglichkeit mit Julien Enoka Ayemba in ein Gespräch über den Film zu kommen, das von Dr. Ulrike Stutz moderiert wurde. Eine kleinere Gruppe der Besucher/innen nutzte diese Gelegenheit und diskutierte den Film sowohl unter inhaltlichen als auch formal-ästhetischen Aspekten.

Dabei wurde deutlich, dass besonders das Bruchstückhafte im Umgang mit Zitaten und Anspielungen und das Spiel mit dem Bekannten und Fremden viele Zuschauer irritierte und Fragen nach dem Bezug von Form und Inhalt aufwarf. Allerdings zeigten die Gesprächsbeiträge auch, dass gerade diese ungewohnte Bildsprache und das Nicht-Erfüllen von Erwartungen als anregend empfunden wurde und sinnlich-körpliche Rezeptionsformen motivierte. Insbesondere die mysteriöse Rolle des Mevoungou und das Gefühl, nicht stringent auf ein Ziel, sondern in Kreisbewegungen involviert zu werden, sorgten sowohl für Irritation und Diskussionsbedarf als auch für eine interessierte Betrachtung.

Anknüpfend an die hier skizzierte Auseinandersetzung wurde die Frage danach aufgeworfen, inwiefern „Les Saignantes“ als ein „typisch“ afrikanischer Film zu lesen sei und für welches Publikum er gedreht wurde. Spekulationen wurde dazu angestellt, dass ein „afrikanischer kultureller Hintergrund“ das Verständnis des Films vereinfachen würde, eine Vermutung, die allerdings mit Verweis auf das Avantgardistische von Bekolos Filmschaffen von Ayemba nicht bestätigt wurde.

Allerdings wurde in der Diskussion auch thematisiert, dass der Film in unterschiedlicher Hinsicht im Kontext afrikanischen Kulturschaffens gesehen werden kann: Er trägt dazu bei, die aus europäischer Perspektive getroffenen Sichtweisen zu unterlaufen und präsentiert einen Umgang mit fragmentarischen kulturellen Versatzstücken, die gerade vom Kolonialismus geprägte Kulturen kennzeichnen. Angeregt werden die Betrachter/innen durch diese heterogene und zitierende Erzählform dazu, hybride Strukturen und Machtverflechtungen der eigenen Kultur zu reflektieren und hiermit nicht nur Wahrnehmungen einer fremden, sondern auch der eigenen Kultur zu erweitern.

Die mit der Diskussion angeregten Gespräche konnten im Anschluss im Foyer bei Musik fortgeführt werden. Dort ließen einige Besucher/innen den Abend im gemeinsamen Tanz ausklingen.

Christin Wen

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