EN · FR · DE
 

Brief von Mariam Sankara an François Hollande nach der Ankündigung des Empfangs von Blaise Compaoré im Elysée Palast am 18. September 2012

Mariam Sankara, die Witwe von Thomas Sankara, hat anlässlich des geplanten Besuchs von Blaise Compaoré bei François Hollande einen deutlichen Brief an letzteren verfasst. Eine symbolisch sehr starke Geste! AfricAvenir hat den Brief auf deutsch übersetzt.

Donnerstag, 13. September 2012

Frau Mariam Sankara
Witwe des Präsidenten Thomas Sankara    
S/C Maître Jean Abessolo
15 Boulevard Gambetta
30000 Nîmes

Herr Präsident der Französischen Republik
Elysée-Palast
55 Rue Faubourg Saint Honoré
75008 Paris

Herr Präsident, 

Wie zahlreiche Afrikaner/innen habe ich Ihre Wahl an die Staatsspitze als Präsident der französischen Republik mit Freuden aufgenommen. Ich ermesse die Schwere der Aufgabe, die Ihnen zufällt, und nutze diesen Brief, um Ihnen viel Erfolg in der Arbeit, die Sie leisten, zu wünschen.

Wie Sie wissen, erwartet die afrikanische Zivilgesellschaft von Ihrer Regierung qualitative Veränderungen in der Strategie der wirtschaftlichen Beziehungen, die Begleitung der Übergangsprozesse hin zur Demokratie, die Unterstützung bei der Verteidigung der Menschenrechte und das Ende der Straflosigkeit, derer sich noch immer viele Führungspersönlichkeiten erfreuen.  

Als Gast Frankreichs, dem Land, das mich aktuell aufgenommen hat, erlaube ich mir, Sie im Namen der Waisen, der Witwen und der untröstlichen Familien, allesamt Opfer des Regimes Blaise Compaoré, wachzurütteln, um Sie davon abzubringen, diesen am 18. September 2012 zu empfangen.

Herr Präsident, Blaise Compaoré ist nicht der Demokrat, der zu sein er vorgibt. Er ist ein blutrünstiger Mensch, der sich 1987 einen Namen machte durch den Mord an Präsident Thomas Sankara, dessen Autorität auf dem Respekt der menschlichen Werte Integrität, Ehrlichkeit, Demut, Gerechtigkeit und der aufopfernden Hingabe für sein Volk beruhte: alles Werte, die Sie an einem Staatsmann geschätzt hätten.

Das kriminelle Regime von Blaise Compaoré war von der ersten Stunde an von Grausamkeiten jeglicher Art bestimmt. Zahlreiche Menschen wurden bei lebendigem Leibe verbrannt, andere wurden hingerichtet und ohne Zweifel an unbekannten Orten in Massengräbern verscharrt – denn ihre Familien wissen bis heute nicht, wo sich ihre Gräber befinden.

Um unter den Augen der Weltöffentlichkeit akzeptiert zu werden, hat Compaoré unilateral einen Tag der Entschuldigung angeordnet, zu dem er die Familien der Opfer eingeladen hat, ohne vorab seine Missetaten und die seines Regimes anzuerkennen. Schlimmer noch, ohne eine Erklärung für die Verbrechen, die begangen wurden. Er hat außerdem den Familien finanzielle Zuwendungen angeboten, unter der Bedingung, dass diese im Gegenzug keine Anklage erheben.

Das Bild vom versöhnten Land, das er nach außen tragen will, wird durch die sich fortsetzenden Verbrechen zunehmend verfinstert. Wir erinnern uns weiter an den Tod des berühmten Journalisten Norbert Zongo, der ermordet und in seinem Auto verbrannt wurde; die Akte wurde ohne irgendeine Form des Prozesses „beerdigt“.

Herr Präsident, dieser Mann, der als Vermittler in den Konflikten in Westafrika herangezogen wird, ist in Wirklichkeit derjenige, der sie schürt. Länder wie Angola, Liberia, Sierra Leone und zuletzt die Elfenbeinküste und Mali haben seine Machenschaften und Destabilisierungsversuche erleiden müssen. 

In der Tat ist Burkina Faso von den Experten der UNO der Nichtbefolgung der Sanktionen gegen die UNITA in Angola und gegen die Revolutionäre Front in Sierra Leone beschuldigt worden. Ehemalige Kameraden von Charles Taylor (John Tarnue und Prince Johnson) haben 2008 in ihren Zeugenaussagen Herrn Blaise Compaoré in Bezug auf die Ermordung meines Ehemanns und seiner 12 Gefährten am 15. Oktober 1987 belastet. Im Konflikt in der Cote d'Ivoire ist er durch Aufnahme in Burkina Faso der Rebellengruppe von Guillaume Soro aufgefallen. In Mali tritt er offiziell als Vermittler auf, während er gleichzeitig die Kräfte unterstützt, die den Norden des Landes illegal besetzt haben.

Das Regime von Compaoré ist nicht nur durch die fehlende Achtung der Menschenrechte, sondern auch durch die Institutionalisierung der Straflosigkeit gekennzeichnet.

Seit 1997 verlange ich, dass meinem Ehemann Gerechtigkeit widerfährt. Ich habe hierfür eine Klage wegen Mordes und Fälschung der Todesurkunde eingereicht. Bis heute bleib mein Gesuch aufgrund der fehlenden Rechtsprechung in Burkina Faso ohne Folgen. Mit der Unterstützung eines internationalen Kollektivs von Anwälten wurde die UN-Menschenrechtskommission angerufen. Die Maßnahmen, die das Regime von Compaoré ergriffen hat, stimmten nicht mit den Empfehlungen der genannten Kommission überein.

Herr Präsident, angesichts der neuen politischen Lage in Frankreich, bleibe ich überzeugt, dass die politische Vision, die Sie verkörpern, dazu beitragen wird, die Bearbeitung meines Ersuchens voranzubringen. Deshalb bitte ich Sie darum, von Herrn Compaoré zu fordern, dass dem verstorbenen Präsidenten Thomas Sankara Gerechtigkeit widerfährt. Ebenfalls wünschte ich, dass Sie in Frankreich das Verfahren zur Einberufung einer parlamentarischen Untersuchungskommission unterstützen, um die Verantwortlichkeiten im Mord an Präsident Sankara aufzuklären.

Ich danke Ihnen im Voraus für Ihre Unterstützung und möchte Sie, Herr Präsident, meiner hohen und respektvollen Anerkennung versichern,

Frau Mariam Sankara

 

Das  |+| französische Original des Briefs findet sich auf der Website www.thomassankara.net

 

<- Zurück zur Sankara-Newsseite

<- Zurück zur Sankara-Hauptseite

back to top