{"id":1511,"date":"2014-11-17T10:29:00","date_gmt":"2014-11-17T09:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/revolution-in-burkina-faso-ein-rundbrief-von-inga-nagel\/"},"modified":"2023-10-06T11:23:06","modified_gmt":"2023-10-06T09:23:06","slug":"revolution-in-burkina-faso-ein-rundbrief-von-inga-nagel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/fr\/revolution-in-burkina-faso-ein-rundbrief-von-inga-nagel\/","title":{"rendered":"Revolution in Burkina Faso &#8211; Ein Rundbrief von Inga Nagel"},"content":{"rendered":"<p>Wir ver\u00f6ffentlichen einen Rundbrief der deutschen Journalistin Inga Nagel zur Revolution in Burkina Faso. 1987 f\u00fchrte sie eines der letzten Interviews mit Pr\u00e4sident Thomas Sankara. Seiher ist sie eng verbunden mit Burkina und v.a. mit den Kr\u00e4ften, die gegen das Unrechtsregime Compaor\u00e9s k\u00e4mpften.nPort-au-Prince \/ HAITI, 12.11.2014nDieser Rundbrief h\u00e4tte schon l\u00e4ngst verschickt sein sollen, doch w\u00e4hrend ich die letzten Korrekturen vornahm, ver\u00e4nderte sich in Burkina die Welt. In der letzten Oktober\u00acwoche verhinderte ein Volksaufstand die abermalige Verfassungs\u00e4nderung durch den Pr\u00e4sidenten Blaise Compaor\u00e9, die es ihm erm\u00f6glicht h\u00e4tte, am Ende seines Mandats im n\u00e4chsten Jahr nochmals zu kandidieren und wom\u00f6glich weitere 15 Jahre im Amt zu bleiben. Mit diesem Ansinnen war er zu weit gegangen. Nun brauchte es nur wenige Tage, um ihn nach 27 Jahren aus diesem Amt zu jagen. nAm 15. Oktober 1987 hatte Blaise Compaor\u00e9 seinen vormaligen Freund und Kampfesbruder Thomas Sankara t\u00f6ten lassen, um selbst die Macht zu \u00fcbernehmen. W\u00e4hrend der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung in Armut lebt, wirtschaftete er sich, seinem Clan und einer korrupten Partei- clique hemmungs\u00aclos in die Taschen und beseitigte Regimegegner skrupellos. Von den neokolonialen Kr\u00e4ften war er als Garant f\u00fcr stabile Verh\u00e4ltnisse gesch\u00e4tzt. Frankreich konnte weiterhin seine geopolitischen Interessen vertreten und vermeintlich im Kampf gegen den internationalen Terrorismus das Land als Milit\u00e4r- und Spionagebasis nutzen. F\u00fcr die Amerikaner war Burkina Eingangspforte f\u00fcr Monsanto. Ein paar Geschenke an die Regierung gen\u00fcgten, um genmanipuliertes Baumwollsaatgut einf\u00fchren zu d\u00fcrfen, um nur zwei von vielen Beispielen zu nennen. Im Ausland wurde Compaor\u00e9 hofiert und gest\u00fctzt. nDoch die Jugendlichen, die ihr Leben lang nur diesen einen Pr\u00e4sidenten kannten, hatte die Nase gestrichen voll. Seit Jahren verbreitete sich Sankaras Geist aufs Neue und befl\u00fcgelte viele Menschen. Schon monatelang gab es Proteste gegen die Regierung, landesweit getragen von einer stetig wachsenden Volksbewegung, dem \u201abalai citoyen\u2018 (B\u00fcrgerbesen), die entschlossen war, das Land von der korrupten Diktatur zu reinigen. nMit der Ank\u00fcndigung, am 30. Oktober \u00fcber ein Gesetz zur erneuten Verfassungs\u00e4nderung abstimmen zu lassen, hatte Blaise \u00fcberreizt. Das Ma\u00df war voll. Er hatte die Stimmung im Land v\u00f6llig falsch eingesch\u00e4tzt. Der \u201abalai citoyen\u2018 rief zum zivilen Ungehorsam auf; in allen St\u00e4dten des Landes str\u00f6mte das Volk auf die Stra\u00dfe. In Ouagadougou wurde der Place de la Nation wieder zum Place de la R\u00e9volution, wie zu Sankaras Zeiten. Die Mobilisation lie\u00df nicht nach. Alle Strategien des Regimes, um sicherzustellen, dass korrupte Abgeordnete dem Gesetzesentwurf zustimmten, n\u00fctzten nichts. Nicht, dass die Vertreter der Regierungsmehrheit bereits vorher in ein ans Parlament grenzendes Luxushotel einquartiert wurden, damit niemand versuchen konnte, sie umzustimmen. Nicht, dass der ganze Bezirk um Parlament und Hotel tagelang vorher von schwerbewaffneten Sicherheitskr\u00e4ften abgeschottet wurde. Nicht, dass den B\u00fcrger_innen im Staatsdienst Sanktionen angedroht wurden, sollten sie nicht am Arbeitsplatz sein, w\u00e4hrend drau\u00dfen demonstriert wurde. Nicht, dass die tagelang friedlichen Demonstrationen Zehntausender mit Tr\u00e4nengas und Wasser\u00acwerfern gesprengt wurden. nAm 29. Oktober wies der (damalige) Premierminister Luc Adolphe Tiao den Armeechef an, den \u201eUnruhen\u201c landesweit mit Waffengewalt Einhalt zu gebieten. Doch alles n\u00fctzte nichts. Im Gegenteil, immer mehr str\u00f6mten auf die Stra\u00dfe, entschlossen, dieses Mal aufs Ganze zu gehen. \u00dcber s\u00e4mtlich Netzwerke verbreitete sich die Einladung, am 30. Oktober an der Abstimmung im Parlament teilzunehmen, deren \u00d6ffentlichkeit in der Verfassung festgeschrieben ist, wohl wissend, dass der ganze Bezirk abgesperrt war. Viele folgten der Einladung, hatten sich schon am fr\u00fchen Morgen aufgemacht. Und die mutigen Jungs gingen vom Place de la Nation auf die Absperrungen und die gepanzerten&nbsp; Fahrzeuge zu, mit erhobenen H\u00e4nden, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren. nUnd das Unglaubliche geschah: die Milit\u00e4rs wichen zur\u00fcck, drehten ihre Fahr\u00aczeuge, schossen nicht und das Volk ging hinein in die Volkskammer und zerschlug die Abstimmungsmaschinerie, w\u00e4hrend die Abgeordneten durch die Hintert\u00fcr das Weite suchten\u2026 Bevor sich die weiteren Ereignisse \u00fcberschlugen, hatte die Regierung gerade noch Zeit, bekanntzugeben, die Abstimmung zur Gesetzes\u00e4nderung habe nicht stattgefunden. Getragen von diesem Sieg h\u00e4tten die Demonstranten auch noch den Pr\u00e4sidenten aus seinem Palast geholt, ein Marsch Jugendlicher hatte sich bereits dorthin in Gang gesetzt. Die Stimmung kochte, denn es war zu ersten Todesopfern vor dem Haus des Bruders des Pr\u00e4sidenten gekommen, angeblich durch dessen eigene Hand. Ein schreckliches Blutbad musste in Kosyam bef\u00fcrchtet werden, vor dem Palast, den Compaor\u00e9 2007 am Rand von Ouaga 2000 bezogen hatte, war der doch von einer bis an die Z\u00e4hne bewaffneten Eliteeinheit bewacht, einer \u201aParallelarmee\u2018 von 1.000 Mann. nGleichzeitig forderte die aufgebrachte Menge am seit Tagen besetzten Place de la R\u00e9volution den Kopf des Pr\u00e4sidenten. Sie skandierten \u201al\u2018arm\u00e9e au pouvoir\u2018, denn Ger\u00fcchte gingen um, Teile des Milit\u00e4rs h\u00e4tten sich auf die Seite des Volkes gestellt. Es sind nur Facetten dessen bekannt, was in diesen chaotischen und gleichzeitig entscheidenden Stunden hinter den Kulissen vor sich ging. Der Armeechef eilte zwischen dem im Kosyam verschanzten Compaor\u00e9 und dem Mogho Naaba hin und her, dem K\u00f6nig der Mossi, um dessen friedensstiftenden Einfluss zu nutzen. Mit wem telefonierte der franz\u00f6sische Botschafter wohl in diesen Stunden? Welchen Einfluss hat er ausge\u00fcbt? Und welche Rolle spielte General Di\u00e9nd\u00e9r\u00e9, Chef der Pr\u00e4sidentengarde, seit einem Vierteljahrhundert als diskreter \u201eSchatten von Blaise\u201c bestens informiert \u00fcber alle Geheimdossiers und Verwicklungen des Regimes in Brandherde der Region? Nichts h\u00f6rte man von ihm, doch war er es wohl, der die entscheidenden F\u00e4den zog. Es ist gut vorstellbar, dass es Di\u00e9nd\u00e9r\u00e9 war, der seinen Stellvertreter in die vorderste Reihe schob, um die Kontrolle \u00fcber die Situation zu behalten. nJedenfalls bestimmte die Armee den weitgehend unbekannten Oberstleutnant Zida dazu, die F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen, um mit Einver\u00acst\u00e4ndnis der Koordination des Volksaufstands die Situation zu deeskalieren und Ordnung und Sicherheit wiederherzustellen. Compaor\u00e9 wurde zu einer R\u00fccktrittserkl\u00e4rung gedr\u00e4ngt. Nachdem ihm nichts anderes \u00fcbrig blieb, machte er sich durch die Hintert\u00fcr davon und fuhr mit einem Konvoi von 28 Luxus- und Gel\u00e4ndeautos in Richtung ghanaische Grenze. Ein privater Radiosender hielt die Welt (und \u00fcber Internet auch mich) unerm\u00fcdlich auf dem Laufenden, w\u00e4hrend der regierungstreue Sender von den Demonstranten au\u00dfer Betrieb gesetzt worden war. nZeugen am Wegesrand berichteten \u00fcber ihre Handys, wo der Konvoi gerade entlang fuhr. Die Bev\u00f6lkerung von P\u00f4, einem Ort vor der Grenze, dessen Bedeutung f\u00fcr die burkinische Geschichte nicht mehr erw\u00e4hnt werden muss, setzte sich in Bewegung, um Blaise geb\u00fchrend zu empfangen. Wei\u00df der Himmel, was sie mit ihm gemacht h\u00e4tten, h\u00e4tten ihn ihre Stra\u00dfenblockaden aufgehalten. Doch die im Konvoi h\u00f6rten wohl auch Radio \u2013 und kamen nie in P\u00f4 an. Vielmehr zweigten sie vorher ab, fuhren in einer unbesiedelten Gegend in den Busch und warteten auf den Hubschrauber, den ihnen Fran\u00e7ois Holland schickte, um den abgedankten Pr\u00e4sidenten au\u00dfer Landes zu bringen. nCompaor\u00e9 meldete sich am Tag darauf aus einem Luxusg\u00e4stehaus der ivorischen Regierung in Yamoussoukro, wohin ihm seine Frau, eine geb\u00fcrtige Ivorerin schon vorausgeeilt war. In Ouagadougou lie\u00dfen es sich die Jugendlichen nicht nehmen, die H\u00e4user und Fahrzeuge derer, die sie ihr Leben lang bestohlen und um ihre Zukunft betrogen hatten, zu pl\u00fcndern und anzuz\u00fcnden. Was leider dazu gef\u00fchrt hat, dass viele Beweisst\u00fccke, die zur Klagef\u00fchrung&nbsp; vor der Justiz h\u00e4tten dienen k\u00f6nnen, verloren gegangen sind.nDem burkinischen Volk ist ein historischer Sieg gelungen, der ein m\u00e4chtiges Signal aussendet an andere afrikanische L\u00e4nder, wo Despoten ebenfalls seit Jahrzehnten an ihren Sesseln kleben. In Togo und Gabun gingen Demonstranten die letzten Tage auf die Stra\u00dfe. Doch f\u00fcr Burkina ist es l\u00e4ngst nicht ausgestanden. Denn die Bonzen des gest\u00fcrzten Regimes sind dabei, sich zu sammeln, sich neu zu ordnen. Und vielerorts haben noch Regimetreue das Sagen, wie der B\u00fcrgermeister von Bobo-Dioulasso. Derzeit beteuern alle Seiten ihre Einigkeit \u00fcber das Prinzip eines zivilen Transformationsprozesses, der innerhalb eines Jahres zu Wahlen f\u00fchren soll. Zida will die \u00dcbergangspr\u00e4sidentschaft bald in die H\u00e4nde einer von einem Konsens getragenen zivilen Pers\u00f6nlichkeit legen. Doch es dauert\u2026 nEmiss\u00e4re der Organisation der westafrikanischen Staaten, der westafrikanischen Wirtschaftsunion und der&nbsp; Organisation der afrikanischen Union geben sich in der burkinischen Hauptstadt die Klinke in die Hand, darunter Figuren wie der nigerianische Pr\u00e4sident Goodluck Jonathan und sein togoischer Kollege Faure Gnassingb\u00e9, die f\u00fcr alles andere als demokratische Staatsf\u00fchrung bekannt sind. Und was haben hohe ausl\u00e4ndische Diplomaten, z.B. eine amerikanische Staatssekret\u00e4rin, beim \u00dcbergangspr\u00e4sidenten zu suchen? Es schockierte, dass Di\u00e9nd\u00e9r\u00e9, den man mit Compaor\u00e9 im Ausland w\u00e4hnte, sich immer noch frei in Ouagadougou bewegt und anscheinend noch mitspielt. In wessen Auftrag? Ein Aufschrei ging durch die Reihen der Opposition, als am Verhandlungstisch Angeh\u00f6rige der vormaligen Regierungsmehrheit auftauchten. nDie Vertreter der Zivilgesellschaft haben es zwar erreicht, dass sie des Saales verwiesen wurden, doch was geht hinter den Kulissen vor? Welchen Einfluss \u00fcbt Fran\u00e7afrique aus? Letztendlich hat die ehemalige Kolonialmacht immer die F\u00e4den gezogen und selten in eine Richtung, die positiv f\u00fcr die Interessen des burkinischen Volkes gewesen w\u00e4re. Da n\u00fctzt es auch wenig, dass die traditionellen Oberh\u00e4upter sowie Vertreter aller religi\u00f6sen Richtungen hinzugezogen wurden. nMilit\u00e4rs und Zivilgesellschaft haben ihre Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine \u00dcbergangscharta vorgelegt, die als Verhandlungsbasis dienen, wobei es die Ex-Mehrheit geschafft hat, ihre Forderungen in die Vorschl\u00e4ge der Armee einzubringen. Was die Zusammensetzung des \u00dcbergangsrats anbelangt, bestehen grunds\u00e4tzliche Divergenzen. Das zivile Lager schl\u00e4gt 90 Abgeordnete vor, darunter 10 Milit\u00e4rs und 10 aus der alten Regierung. Die Armee will nur 60, mit jeweils 15 Sitzen f\u00fcr Opposition, Zivilgesellschaft, Milit\u00e4rs und Ex-Mehrheit. Die Armee ist auch nicht mit dem Vorschlag einverstanden, eine \u201eKommission f\u00fcr Auss\u00f6hnung und Reformen\u201c einzusetzen, die sich f\u00fcr die Wirtschaftsverbrechen und die Beseitigung von Regimegegnern durch das gest\u00fcrzte Regime interessieren w\u00fcrde. nIch wage es nicht, zum gegebenen Zeitpunkt irgendeine Prognose zu stellen. Alles ist m\u00f6glich. Haitianische Freunde haben die Entwicklung in Burkina verfolgt. Sie ziehen Parallelen zu 1986, als das haitianische Volk den Diktator Jean-Claude Duvalier verjagte. Ein Flugzeug der amerikanischen Armee brachte in au\u00dfer Landes und er blieb 25 Jahre im franz\u00f6sischen Exil. Nach seinem Abgang kam es in Port-au-Prince zu Pl\u00fcnderungen und Racheakten, die viele Tonton Makout und regimenahe Personen das Leben kosteten. In Burkina kamen lediglich Demonstranten ums Leben, getroffen von scharfer Munition. Regierungs\u00acmitgliedern und Parteibonzen wurde kein Haar gekr\u00fcmmt. Auch in Haiti \u00fcbernahm das Milit\u00e4r die F\u00fchrung, um die Ordnung wiederherzustellen, denn es herrschte Chaos und Anarchie. Die Transition dauerte vier lange Jahre, in denen sich Duvalier-nahe Milit\u00e4rs an Grausamkeiten und Menschenrechts-verletzungen \u00fcberboten. Erst 1990 wurde das Zepter an Zivilisten \u00fcbergeben, um den Weg f\u00fcr Wahlen frei zu machen, aus denen Aristide als Sieger hervorging.nWenn Ihr diesen Brief lest, wird in Ouagadougou hoffentlich ein Zivilist, vielleicht eine Frau, die Leitung \u00fcbernommen haben. Aller Wahrscheinlich nach werden auch Vertreter des alten Regimes im \u00dcbergangsregime sitzen, ebenso Milit\u00e4rs. Die Volksbewegung um den \u201abalai citoyen\u2018 wird au\u00dfen vor bleiben\u2026<br \/>&nbsp;<br \/>2. Oktober 1987, Thomas Sankara (15.10.87\u2020) , Paulin Bamouni (15.10.87\u2020) und Inga Nagel <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir ver\u00f6ffentlichen einen Rundbrief der deutschen Journalistin Inga Nagel zur Revolution in Burkina Faso. 1987 f\u00fchrte sie eines der letzten Interviews mit Pr\u00e4sident Thomas Sankara. 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