{"id":1515,"date":"2014-08-20T23:23:00","date_gmt":"2014-08-20T21:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/landraub-stoppen-in-mali-und-ueberall-sonst-kundgebung-gegen-landgrabbing-21-08-14-11-uhr-malische-botschaft\/"},"modified":"2023-10-06T11:40:56","modified_gmt":"2023-10-06T09:40:56","slug":"landraub-stoppen-in-mali-und-ueberall-sonst-kundgebung-gegen-landgrabbing-21-08-14-11-uhr-malische-botschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/fr\/landraub-stoppen-in-mali-und-ueberall-sonst-kundgebung-gegen-landgrabbing-21-08-14-11-uhr-malische-botschaft\/","title":{"rendered":"Landraub stoppen \u2013 in Mali und \u00fcberall sonst! Kundgebung gegen Landgrabbing, 21.08.14, 11 Uhr, Malische Botschaft"},"content":{"rendered":"<p>Anfang 2013 ist Mali kurzzeitig in die internationalen Schlagzeilen geraten. Islamistische Milizen hatten den Norden des Landes besetzt, es folgte eine internationale Milit\u00e4rintervention unter F\u00fchrung Frankreichs, in deren Verlauf zumindest gr\u00f6\u00dfere St\u00e4dte wie Timbuktu und Gao befreit werden konnten. Und doch hat sich das Leben f\u00fcr die Masse der Bev\u00f6lkerung kaum ver\u00e4ndert \u2013 weder im Norden noch in den \u00fcbrigen Landesteilen. <\/p>\n<p>Besonders dramatisch ist die soziale Lage von Kleinbauern und -b\u00e4uerinnen, die ungef\u00e4hr 75 Prozent der Bev\u00f6lkerung ausmachen. Stellvertretend daf\u00fcr stehen die beiden D\u00f6rfer Sanamadougou und Sahou 270 Kilometer nord\u00f6stlich der Hauptstadt Bamako. Noch im Jahr 2009 haben diese zur Linderung einer landesweiten Ern\u00e4hrungskrise 40 Tonnen Hirse an die malische Regierung gespendet, heute sind sie selber auf Lebensmittellieferungen angewiesen. Denn im Zuge des weltweit boomenden Ausverkaufs fruchtbarer Acker-, Wald- und Weidefl\u00e4chen an Investmentfonds, Banken und Konzerne ist es auch in Sanamadougou und Sahou zu gewaltsamen Vertreibungen gekommen.<\/p>\n<p>Zudem mussten die BewohnerInnen die schmerzliche Erfahrung machen, dass b\u00e4uerlicher Widerstand selbst in vergleichsweise liberal regierten L\u00e4ndern wie Mali oftmals brutal unterdr\u00fcckt wird. Beides hat Sanamadougou und Sahou weit \u00fcber Mali hinaus bekannt gemacht \u2013 als ein Symbol f\u00fcr den Kampf um kollektive Bodenrechte und somit Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t.<\/p>\n<p>Begonnen hat es am 31. Mai 2010. Damals hat der malische Gro\u00dfinvestor Modibo Keita mit seiner Firma Soci\u00e9t\u00e9 Moulins Modernes du Mali einen \u00fcber 30 Jahre laufenden Pachtvertrag von 7.400 Hektar in der Region M&rsquo;Bewani S\u00e9ribabougou abgeschlossen \u2013 und zwar mit der Option, in einer zweiten Phase weitere 20.000 Hektar zu erhalten (eine riesige Fl\u00e4che, die insgesamt ca. 37.000 Fu\u00dfballfeldern entsprechen w\u00fcrde). Doch die \u00f6rtlichen Rahmenbedingungen passten Modibo Keita nicht \u2013 einem bestens mit der politischen Klasse in Bamako vernetzten Unternehmer, der vor allem im Getreidehandel ein riesiges Verm\u00f6gen angeh\u00e4uft hat. Er unterbreitete daher verschiedenen 30 Kilometer weiter s\u00fcdlich gelegenen D\u00f6rfern das Angebot, ihr Land gegen l\u00e4cherliche Geldbetr\u00e4ge, Geschenke oder Ersatzfl\u00e4chen abzugeben.<\/p>\n<p>Alle lehnten ab, lediglich ein Dorf tauschte 800 Hektar gegen eine kleine Fl\u00e4che bew\u00e4ssertes Ackerland. Modibo Keita nutzte dies, um sich von dort aus weitere Fl\u00e4chen&nbsp; r\u00e4uberisch unter den Nagel zu rei\u00dfen, so auch diejenigen von Sanamadougou und Sahou \u2013 wobei es in einem aktuellen Regierungsbericht hei\u00dft, dass die Fl\u00e4chen just jener beiden D\u00f6rfer von einem 400 Hektar-Ableger im Rahmen seines allgemeinen 7.400 Hektar-Deals juristisch abgedeckt seien. Inwiefern dies zutreffend oder lediglich eine nachtr\u00e4gliche Schutzbehauptung ist, sei dahingestellt. Fakt ist allerdings, dass Mobido Keita rasch zwei Bew\u00e4sserungskan\u00e4le errichtete, die Bauern und B\u00e4uerinnen am Zutritt zu ihren Feldern behinderte und stattdessen selber begann, in gro\u00dfen Stil Kartoffeln und andere Kulturen anzubauen (wenn auch mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg).<\/p>\n<p>Die Bauern und B\u00e4uerinnen setzten sich von Anfang an massiv zur Wehr, zumal der erste gro\u00dfe Schock bereits kurz nach Vertragsunterzeichnung erfolgte: Am 18. Juni 2010 lie\u00df Modibo Keita in Sanamadougou ohne jede Ank\u00fcndigung zahlreiche uralte B\u00e4ume f\u00e4llen, die f\u00fcr die bestens an die \u00e4u\u00dferen Bedingungen angepasste Agroforstwirtschaft des Dorfes unentbehrlich waren. Doch Modibo Keita hatte 70 Gendarmen mitgebracht, die gewaltsam gegen die friedlich auf ihren eigenen Feldern protestierenden Bauern und B\u00e4uerinnen vorgingen. Rund 40 Personen wurden verhaftet, 8 blieben bis zu 6 Monate in Haft. Sp\u00e4ter folgten n\u00e4chtliche \u00dcberf\u00e4lle in Sanamadougou und Sahou durch Gendarmerie und Nationalgarde \u2013 einschlie\u00dflich gezielter Vergewaltigungen. Eine \u00e4ltere Frau wurde vor den Augen ihres Sohnes zu Tode gepr\u00fcgelt, andere wurden schwer verletzt, zwei Frauen erlitten Fehlgeburten.<\/p>\n<p>Die BewohnerInnen lie\u00dfen sich unterdessen nicht einsch\u00fcchtern, sie schrieben Briefe an verschiedene PolitikerInnen und RegierungsvertreterInnen, beteiligten sich an Demonstrationen und nahmen an nationalen und internationalen Bauernversammlungen teil. Mehr noch: Mit Hilfe von CMAT (\u201eConvergence Malienne contre les Accaparements de Terres\u201c), einem Zusammenschluss verschiedener Bauern- und Menschenrechtsorganisationen, strengten sie einen Gerichtsprozess in Markala an, der zwar am 22. Februar 2012 er\u00f6ffnet, dann aber ebenfalls verschleppt wurde. Daran hat sich auch nichts ge\u00e4ndert, nachdem am 22. M\u00e4rz 2013 auf einen Kabinettsbeschluss hin der Minister f\u00fcr Raumplanung und Dezentralisierung den zust\u00e4ndigen Gouverneur von Segou in einem Brief ausdr\u00fccklich aufforderte, dem ungesetzlichen und menschenrechtswidrigen Treiben von Modibo Keita ein Ende zu setzen. <\/p>\n<p>Heute ist die Situation zugespitzter denn je \u2013 vor allem durch den Hunger, welcher mittlerweile insbesondere die Bev\u00f6lkerung von Sanamadougou fest im Griff h\u00e4lt und somit abh\u00e4ngig von der Unterst\u00fctzung durch Nachbard\u00f6rfer oder einzelne Familienmitglieder in Bamako oder im Ausland macht. Die Alternative ist insofern klar: Entweder die Bauern und B\u00e4uerinnen erhalten ihr Land zur\u00fcck oder sie m\u00fcssen gehen \u2013 so wie das allein seit vergangenem Mai 23 Haushalte in Sanamadougou getan haben. <\/p>\n<p>Die Erfahrungen von Sanamadougou und Sahou sind keineswegs Ausnahmen. Vielmehr hat der malische Staat seit 2003 mindestens 540.000 Hektar Boden verkauft und \u00fcber weitere 379.000 Hektar Vorvertr\u00e4ge abgeschlossen (Stand: Mai 2011) \u2013 und das zu Gepflogenheiten, die auch in anderen Weltregionen gang und g\u00e4be sind: Geheim, das hei\u00dft ohne Konsultation der lokalen Bev\u00f6lkerung, unter Verzicht auf Umwelt- und Sozialvertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfungen sowie zu grotesk g\u00fcnstigen Konditionen, wozu unter anderem niedrigste Pachtzinsen bzw. Kaufpreise, jahrzehntelange Steuernachl\u00e4sse (\u201etax holiday\u201c) und nicht kosten-deckende Wassergeb\u00fchren geh\u00f6ren. Hinzu kommen innerst\u00e4dtische Vertreibungen und Landenteignungen durch korrupte PolitikerInnen und VerwaltungsbeamtInnen. Vor allem die Enteignungspolitik ist ein in Mali seit langem \u00f6ffentlich diskutierter Skandal, sie findet haupts\u00e4chlich im Office du Niger statt \u2013 einem riesigen, vom Niger gespeisten Bew\u00e4sserungsgebiet, zu dem auch Sanamadougou und Sao geh\u00f6ren (wenn auch ohne Anschluss an das Kanalsystem). Konkret: K\u00f6nnen Bauern und B\u00e4uerinnen am Ende des Erntezyklus ihre Wasserrechnung nicht bezahlen, wird ihr Land entsch\u00e4digungslos konfisziert, selbst nach jahrzehntelanger Bewirtschaftung. <\/p>\n<p>Offiziell wird der Ausverkauf fruchbarer Fl\u00e4chen damit gerechtfertigt, dass die P\u00e4chter bzw. K\u00e4ufer einen allgemeinen Beitrag zur Entwicklung des Landes leisten w\u00fcrden. Die Beispiele von Sanamadougou und Sahou zeigen aber, dass dies nicht der Fall ist. Denn statt Ern\u00e4hrungssicherung zu garantieren, werden Bauern und B\u00e4uerinnen in gro\u00dfer Zahl vertrieben. Oft sehen sich einzelne Familienmitglieder gezwungen, in die Migration zu gehen \u2013 meist nach Westafrika, einige auch Richtung Europa. Hinzu kommt, dass auf den geraubten Fl\u00e4chen nicht zuletzt Exportgetreide und Agrosprit-Pflanzen angebaut werden. In Mali betr\u00e4gt der Anteil an Agrosprit-Pflanzen 40 Prozent, afrikaweit sogar 66 Prozent. Schlie\u00dflich das \u00f6kologische Desaster: Agrarindustrielle Landwirtschaft spitzt die Bodenauslaugung zu, versch\u00e4rft den Klimawandel und f\u00fchrt zur Senkung der Flu\u00df- und Grundwasserspiegel (\u201eWatergrabbing\u201c).<\/p>\n<p>Zur\u00fcck nach Sanamadougou und Sahou: Beide D\u00f6rfer stehen am Scheidepunkt, es muss etwas passieren. Kurzfristig brauchen die BewohnerInnen Nahrungsmittelunterst\u00fctzung, grunds\u00e4tzlich ist ihnen jedoch das Land zur\u00fcckzugeben und eine Wiedergutmachung f\u00fcr die erlittenen Sch\u00e4den zu erstatten (unabh\u00e4ngig davon, ob Modibo Keita einen echten Besitztitel vorweisen kann oder nicht). Wir fordern die malische Regierung deshalb dazu auf, die hierf\u00fcr erforderlichen Ma\u00dfnahmen schnellstm\u00f6glich zu ergreifen. Des Weiteren d\u00fcrfte mittelfristig kein Weg daran vorbeif\u00fchren, insbesondere die kleinb\u00e4uerliche Landwirtschaft zu unterst\u00fctzen, die bis heute die Ern\u00e4hrungssicherheit in Mali ma\u00dfgeblich gew\u00e4hrleistet (wie im \u00dcbrigen \u00fcberall auf der Welt). Denn es darf nicht sein, dass einzelne Investoren 20.000, 50.000 oder gar 100.000 Hektar Land erhalten, w\u00e4hrend die \u00e4rmere H\u00e4lfte der ohnehin armen 600.000 Bauern und B\u00e4uerinnen im Office du Niger zusammen gerade mal 85.000 Hektar besitzt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sollte auch dem Gewohnheitsrecht an Boden uneingeschr\u00e4nkte Geltung verschafft werden, wie es in Kapitel 43 des malischen Bodenrechts vorgesehen ist. Danach kann individuell bzw. kollektiv genutztes Land nur unter der Bedingung enteignet werden, dass dies dem Gemeinwohl dient. Und im Falle von Sanamadougou und Sahou noch nicht einmal das. Denn die beiden uralten D\u00f6rfer haben das Land bereits in vorkolonialer Zeit und somit vor der offiziellen Registrierung des Bodens durch staatliche Stellen bewirtschaftet, so die Dorfchefs in einem im Juli 2014 an den Premierminister verfassten Brief.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber m\u00f6chten wir die deutsche Bundesregierung auffordern, ihren Einfluss geltend zu machen und sich im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit f\u00fcr eine R\u00fcckgabe des geraubten Landes an Sanamadougou und Sahou einzusetzen. In diesem Zusammenhang ist auch zu pr\u00fcfen, was in Bamako als offenes Geheimnis gilt: N\u00e4mlich, dass die von Modibo Keita verwendeten Maschinen aus Mitteln abgezweigt wurden, mit denen Deutschland im Jahr 2004 unter anderem den Anbau von Kartoffeln gef\u00f6rdert hat. Zudem sollte Deutschland s\u00e4mtliche Ma\u00dfnahmen einstellen, die Landgrabbing erm\u00f6glichen bzw. beg\u00fcnstigen \u2013 wie zum Beispiel die im Rahmen der europ\u00e4ischen Biodieselrichtlinie vorgesehenen Beimischungsquoten von Agrotreibstoffen. <\/p>\n<p>Dieser Aufruf ist in Europa entstanden, daher sei abschlie\u00dfend aus dem schon erw\u00e4hnten Brief der beiden Dorfchefs zitiert: \u201eTrotz der fast vollst\u00e4ndigen Enteignung unserer Felder bleiben wir dabei, den Erhalt unserer D\u00f6rfer einzufordern, unserer Felder, unserer fruchtbaren B\u00e4ume, unserer historischen und kulturellen St\u00e4tten, die unsere Werte und Orientierungspunkte verk\u00f6rpern \u2013 gestern, heute und morgen.\u201c<\/p>\n<p>Das transnationale Netzwerk Afrique-Europe-Interact arbeitet mit BewohnerInnen verschiedener D\u00f6rfer im Office du Niger zusammen \u2013 unter anderem aus Sanamadougou und Sahou. VertreterInnen der malischen und europ\u00e4ischen Sektion von Afrique-Europe-Interact haben die beiden D\u00f6rfer in diesem Jahr bereits mehrfach besucht, insbesondere um gemeinsame Aktionen vorzubereiten. Im August 2014 hat Afrique-Europe-Interact 10 Tonnen Hirse zur \u00dcberbr\u00fcckung der aktuellen Hungersnot gespendet. <link http:\/\/www.afrique-europe-interact.net>www.afrique-europe-interact.net<\/link>&nbsp; <\/p>\n<p>Donnerstag (21.08.) um 11 Uhr vor der Malischen Botschaft in Berlin (Kurf\u00fcrstendamm 72, U-Bahnhof Adenenauerplatz)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang 2013 ist Mali kurzzeitig in die internationalen Schlagzeilen geraten. Islamistische Milizen hatten den Norden des Landes besetzt, es folgte eine internationale Milit\u00e4rintervention unter F\u00fchrung Frankreichs, in deren Verlauf zumindest gr\u00f6\u00dfere St\u00e4dte wie Timbuktu und Gao befreit werden konnten. 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