{"id":1592,"date":"2012-10-03T14:12:00","date_gmt":"2012-10-03T12:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/online-publikation-nachricht-aus-dem-jenseits-das-letzte-bekannte-interview-von-thomas-sankara-vom-4-10-1987\/"},"modified":"2023-10-06T11:43:50","modified_gmt":"2023-10-06T09:43:50","slug":"online-publikation-nachricht-aus-dem-jenseits-das-letzte-bekannte-interview-von-thomas-sankara-vom-4-10-1987","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/fr\/online-publikation-nachricht-aus-dem-jenseits-das-letzte-bekannte-interview-von-thomas-sankara-vom-4-10-1987\/","title":{"rendered":"Online-Publikation: \u00ab\u00a0Nachricht aus dem Jenseits\u00a0\u00bb &#8211; Das letzte bekannte Interview von Thomas Sankara vom 4.10.1987"},"content":{"rendered":"<p>Am&nbsp;<b>4. Oktober 1987<\/b>, gab Thomas Sankara sein&nbsp;<b>letztes bekanntes Interview<\/b>, das am 11. November 1987 im Magazin&nbsp;<i>Jeune Afrique<\/i>&nbsp;publiziert wurde.&nbsp;<b>Inga Nagel<\/b>, die das Interview f\u00fchrte, war damals freie Journalistin f\u00fcr mehrere deutsche Zeitungen und arbeitete schwerpunktm\u00e4\u00dfig zur Situation der Frauen und zu Entwicklungsprojekten. In Kamerun lebend, reiste sie nach Burkina, um dieses Interview zu realisieren. Besonders motivierte sie der Gedanke, Sankara zu treffen. Sie reiste am 2. Oktober in Begleitung von Paulin Bamouni, dem damaligen Verantwortlichen f\u00fcr die pr\u00e4sidentielle Presse, nach&nbsp;<b>Tenkodogo<\/b>, um an der&nbsp;<b>Gedenkfeier zum DOP (Diskurs zur politischen Orientierung)<\/b>&nbsp;teilzunehmen. Zu diesem Anlass hielt Thomas Sankara die bedeutende Rede:&nbsp;<b>\u201eWir&nbsp; brauchen ein \u00fcberzeugtes, kein mundtotes Volk\u201c, (2. Oktober 1987)<\/b>. nAnl\u00e4sslich des <b>25. Jahrestages der Ermordung Sankaras<\/b> am 15. Oktober 2012 hat AfricAvenir das Interview transkribiert und auszugsweise \u00fcbersetzt. An dieser Stelle publizieren wir einen ersten Ausschnitt dieses Interviews, das Jeune Afrique <b>&quot;Nachricht aus dem Jenseits&quot;<\/b> betitelt hat. Weitere Ausschnitte sollen folgen. Das Foto wird hier erstmals ver\u00f6ffentlicht. Es entstand am 2.10.1987 w\u00e4hrend Sankaras <b>Rede in Tenkodogo<\/b>. \u00a9 Inga Nagel.&nbsp;nIn seinem letzten Interview zieht Sankara seine eigene kritische Bilanz und beantwortet alle Fragen, selbst die zu seiner m\u00f6glichen Ermordung. Genau elf Tage vor seiner T\u00f6tung gab Thomas Sankara sein letztes Interview einer deutschen Journalistin, Inga Nagel. Mit einer vagen Vorahnung sagte er zu ihr: \u201eEines Tages wird vielleicht jemand aus einer Menschenmasse heraustreten und auf den Pr\u00e4sidenten schie\u00dfen. Und dann ist er tot. Das kann passieren.\u201c Doch stur in seinem Vertrauen in die Menschen &#8211; vielleicht sogar im Missverst\u00e4ndnis der menschlichen Natur \u2013 leugnete er die Meinungsverschiedenheiten zwischen seinen Kameraden und sich. Immer enthusiastisch hielt er daran fest, sich mit dem Volk identifizieren zu wollen. Gleichzeitig zog er realistisch seine eigene Bilanz, wobei er den Akzent auf zwei oder drei kleine Erfolge setze und\u2026 10.000 Fehler.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Sennen Andriamirado (Jeune Afrique)nInga Nagel erz\u00e4hlt:&nbsp;<i>\u201cEs war mein allererster Kontakt mit Thomas Sankara, und ich tat an diesem Abend in Tenkodogo alles, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, damit er mir einen Termin f\u00fcr ein Interview zugesteht, auf das ich so wartete. Am Sonntagmorgen dann, den 4. Oktober 1987, lie\u00df er mich gegen 10:00 rufen. Bamouni empfing mich unten im Pr\u00e4sidentenpalast, und wir gingen hoch. Er \u00f6ffnete mir die T\u00fcr und lie\u00df mich eintreten. Dann war ich mit Sankara gut anderthalb Stunden alleine. Keine Taschenkontrolle, niemand wollte wissen, welche Fragen ich stellen w\u00fcrde\u2026\u201c<\/i><\/p>\n<p><b>Jeune Afrique: Welche Bilanz ziehen Sie vier Jahre nach dem Beginn der Revolution?<\/b><\/p>\n<p>Thomas Sankara: Ich mag diese Frage nicht wirklich, weil ich selbst Akteur bin. Bei uns sagt man: \u201eEin T\u00e4nzer kann nicht wissen, ob er gut tanzt.\u201c Aber wir denken in aller Bescheidenheit, dass wir einige Erfolge erzielt haben. Wir haben Schulen gebaut. Wir haben die Einschulungsrate verdoppelt: sie ist von 12 % auf \u00fcber 23 % gestiegen. Wir haben eine Gesundheitsstation pro Dorf eingerichtet, und wir sind dabei, das Bewusstsein der Leute zu sch\u00e4rfen, damit sie diese Gesundheitsposten unterhalten. Mittlerweile ist das zur Gewohnheit geworden.<\/p>\n<p><b>J.A.: Gestehen Sie auch Misserfolge ein? Evtl. sogar pers\u00f6nliche Fehler?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Aber ja. Wir haben viele Misserfolge erlebt. Jeden Tag begehen wir Fehler, aber der Unterschied ist, dass wir vorher hundert Fehler begingen und keinerlei Erfolge verzeichneten. Jetzt begehen wir vielleicht 10.000 Fehler, aber wir erzielen zwei, drei kleine Erfolge. Unsere Fehler sind so zahlreich, dass ich sie gar nicht aufz\u00e4hlen kann. Zum Beispiel in der Einsch\u00e4tzung der Menschen oder der Situation. Wir selbst verzagen manchmal, wir sind ungeduldig oder intolerant. Ich nehme das alles auf meine Kappe, weil ich der Pr\u00e4sident bin. Diese Fehler, das bin ich. Das macht mich sehr oft traurig.<\/p>\n<p><b>J.A.: Bemerken Sie Ihre Fehler immer rechtzeitig?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Das ist noch ein Fehler, den wir machen. Manchmal schaffen wir es nicht, sie rechtzeitig zu erkennen. Es ist unwichtig, wer diese Fehler begeht, wichtig ist, dass wir sie als unser aller Fehler akzeptieren.<\/p>\n<p><b>J.A.: Die Ern\u00e4hrungssicherheit ist Ihr oberstes Ziel. Wie k\u00f6nnen Sie diese erreichen, wenn es nicht genug regnet?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Zun\u00e4chst einmal durch den Bau von Staud\u00e4mmen, gro\u00dfen und kleinen, und von vielen Regenauffangbecken. Wir k\u00f6nnen uns nicht ausschlie\u00dflich auf die Niederschl\u00e4ge verlassen. Au\u00dferdem versuchen wir, unsere B\u00f6den zu regenerieren und aufzuforsten. Wir wollen dieses Jahr den \u201eGr\u00fcnen G\u00fcrtel\u201c im Norden des Landes ins Leben rufen, und wir werden mehrere tausend Menschen dorthin bringen, um B\u00e4ume zu pflanzen.<\/p>\n<p><b>J.A.: B\u00e4ume pflanzen ist schnell gemacht. Aber wie wollen Sie diese B\u00e4ume sch\u00fctzen?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Wir m\u00fcssen Ma\u00dfnahmen gegen streunendes Vieh ergreifen, gegen missbr\u00e4uchliche Abholzung und gegen die Buschfeuer. Das ist es, was wir die \u201edrei K\u00e4mpfe\u201c nennen.&nbsp;<\/p>\n<p><b>J.A.: Werden die, die diese Regeln missachten, tats\u00e4chlich bestraft?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Es hat viele Strafen gegeben. Wir wurden f\u00fcr unsere Strenge sogar kritisiert. Ich behaupte nicht, dass jetzt alle diszipliniert sind. Aber vor ein paar Jahren hat man das Vieh in allen Stra\u00dfen Ouagadougous herumstreunen sehen; mittlerweile sieht man dies nicht mehr. Weil wir unseren Mitb\u00fcrgerInnen erlaubt haben, alle ungeh\u00fcteten, herumstreunenden Tiere einzufangen, zu t\u00f6ten und zu essen. Das ist der einzige Weg.<\/p>\n<p><b>J.A.: Manche Leute sorgen sich wegen des Bieres. Sie wollen das Bierbrauen ab Januar 1988 verbieten, wenn das importierte Getreide nicht durch lokale Produkte ersetzt werden kann. Aber wie wollen Sie Hirse zum Bierbrauen verwenden, wenn es nicht mal genug f\u00fcr die Ern\u00e4hrung gibt?&nbsp;<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Bier ist keine Priorit\u00e4t. Was ist wichtiger, Hirse zum Essen oder Hirse zum Trinken? Ich glaube, dass man zuerst die Leute ern\u00e4hren muss. Dann kann man sehen, was aus denen wird, die trinken wollen. Nicht alle BurkinerInnen trinken Bier, aber alle BurkinerInnen essen jeden Tag. Es wird Bier geben, unter der Bedingung, dass die Menschen zun\u00e4chst genug zu essen haben, und dass es aus burkinischer Hirse gemacht ist. Kann denn wirklich das Schicksal der Biertrinker die Priorit\u00e4t eines ernsthaften politischen Regimes sein?<\/p>\n<p><b>J.A.: Sie haben von der Modernisierung der Landwirtschaft gesprochen. Sie m\u00fcssen dazu Maschinen, D\u00fcnger etc. importieren. Wird sich Ihre Abh\u00e4ngigkeit von der Au\u00dfenwelt nicht vergr\u00f6\u00dfern?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Das stimmt. Wir k\u00e4mpfen gegen die Einfuhr chemischer D\u00fcnger und bauen die Verwendung organischer D\u00fcnger aus. Unsere Bauern lernen gerade neue Methoden. Modernisierung hei\u00dft nicht unbedingt den Einsatz von Traktoren, sondern auch von Pfl\u00fcgen, die von Tieren gezogen werden. Wir versuchen, diese Pfl\u00fcge hier zu bauen, und wir suchen Partner, um alte Autokarosserien zu Pfl\u00fcgen umzubauen.<\/p>\n<p><b>J.A.: Man wartet noch immer auf die angek\u00fcndigte Agrarreform\u2026<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Ich gestehe unsere administrative Schwerf\u00e4lligkeit ein. Noch einer unserer Misserfolge, aber wir werden das korrigieren, wenn es auch noch einige Monate dauern kann.<br \/>&nbsp;<br \/><b>J.A.: Reden wir \u00fcber die Beamten. Haben Sie keine Angst vor diesen potenziellen Feinden? Die Ma\u00dfnahmen der Regierung haben sie schwer getroffen, zumindest was die K\u00fcrzungen ihrer Geh\u00e4lter betrifft\u2026<br \/><\/b><br \/>T.S.: Das stimmt, sie sind unzufrieden, und ich kann das gut nachvollziehen. Ich bin selbst Beamter und verstehe ihre Situation. Sie hatten zuvor sehr hohe Geh\u00e4lter. Heute werden sie gebeten, mit dem gesamten Volk zu teilen. Sie haben etwas verloren. Man muss aber eine Wahl treffen. Entweder versuchen wir, die Beamten zufrieden zu stellen \u2013 es sind etwa 25.000, sagen wir 0,3 % der Bev\u00f6lkerung \u2013 oder wir versuchen, uns um alle anderen zu k\u00fcmmern, die sich nicht mal Nivaquine oder Aspirin leisten k\u00f6nnen und einfach sterben, wenn sie krank werden. Die Beamten wissen gar nicht, was Ern\u00e4hrungssicherheit bedeutet. Sie wissen nicht, was Trockenheit ist. Aber wie viele BurkinerInnen sind schon wegen der Trockenheit gestorben? Wenn man diese Dinge in Betracht zieht, muss man daf\u00fcr eine L\u00f6sung finden. Das wird f\u00fcr die Beamten eben etwas schwierig. Deshalb betone ich in all meinen Reden, dass wir sie verstehen m\u00fcssen, und ihnen nach und nach dies begreiflich machen: \u201eIhr habt zu essen, weil Ihr Beamte seid. Aber wenn es dem Volk schlecht geht, wenn es weiterhin in seinem Elend alleine gelassen wird, dann wird dieses Volk Euch eines Tages daran hindern, ungest\u00f6rt zu essen. Es wird zuerst an Eure T\u00fcr kommen, und dann wird es sie aufbrechen, in Euer Haus eindringen, alles zerschlagen und Euch zwingen, Euer Essen zu teilen.\u201c<\/p>\n<p><b>J.A.: Man sagt, es gebe Unstimmigkeiten im Nationalrat der Revolution.<br \/><\/b><br \/>T.S.: Diese Ger\u00fcchte gibt es immer, und das macht uns gro\u00dfen Kummer. Wir m\u00fcssen uns bem\u00fchen, das zu korrigieren. Es ist aber auch normal. Die Leute sind es nicht gew\u00f6hnt, dass die Personen an der Spitze des Staates sich verstehen. In unserem Land, bei unseren Nachbarn, ist es schon zur Normalit\u00e4t geworden, dass die Leute in der F\u00fchrung bestimmte Ideen entwickeln; das Volk fragt sich, warum es bei uns anders sein sollte. Es ist das gleiche mit der Ehrlichkeit. Die Leute haben sich daran gew\u00f6hnt, dass die Politiker das Geld des Volkes veruntreuen. Sie verstehen nicht, warum das jetzt nicht passiert. Wenn Sie das nicht erkl\u00e4ren, dann n\u00e4hren die Ger\u00fcchte sich selbst und liefern am Ende ihre eigenen Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n<p><b>J.A.: Was bedeutet es f\u00fcr Sie, Staatschef zu sein?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Viel Verantwortung. Man ist f\u00fcr das Gl\u00fcck all seiner Landsleute zust\u00e4ndig, muss daf\u00fcr sorgen, dass jeden Tag kein einziger von ihnen traurig ist, und es ist schwierig, dieses Gl\u00fcck zu erreichen und f\u00fcr alles verantwortlich zu sein. Die Menschen sind nicht mit allem einverstanden, was man selbst f\u00fcr richtig und gut h\u00e4lt. Wenn alle einverstanden sind, gehen wir in Richtung Gl\u00fcck. Aber es sind eben nicht alle zufrieden. W\u00e4hrend Sie zu den Leuten sagen: \u201ewir wollen in diese Richtung gehen\u201c, werden einige in die andere Richtung laufen.<\/p>\n<p><b>J.A.: Wissen Sie, was das Volk \u00fcber Sie denkt?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Nicht alles. Es ist schwierig, das zu wissen. Aber ich glaube, dass wenn man sein Volk liebt, wenn man Interesse an seinem Volk hat, man zumindest in Grundz\u00fcgen wissen sollte, was es denkt.<\/p>\n<p><b>J.A.: \u201eMit der Masse der Bev\u00f6lkerung leben\u201c; was bedeutet das von Seiten des Mannes, der im Pr\u00e4sidentenpalast lebt?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Der Mann im Palast lebt dort, weil er aus Gr\u00fcnden des Protokolls und der Sicherheit auf diesen Rahmen angewiesen ist. Aber man muss sich anstrengen, um nicht den Bezug zum Volk zu verlieren.. Deswegen fahre ich oft in die Provinzen, um Leute zu treffen und mit ihnen zu diskutieren. Ich muss zug\u00e4nglich bleiben, um bestimmte Dinge zu wissen und zu verstehen. Als F\u00fchrungsperson muss man sich im zehnten Stock aufhalten, weil man dort sehr weit sehen kann, aber von Zeit zu Zeit muss man auch ins Erdgeschoss gehen und miterleben, was auf der Stra\u00dfe los ist.<\/p>\n<p><b>J.A.: Was hat sich in Ihrem Leben ge\u00e4ndert, seit Sie Pr\u00e4sident sind?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Ich habe eine Wirklichkeit entdeckt, die ich noch nicht kannte. Ich habe gelernt, viel toleranter zu sein und zu verstehen, dass die Menschen nicht alle gleich sind. Eine Idee kann richtig sein, aber deshalb muss sie noch lange nicht von allen akzeptiert werden. Um diese Idee zu akzeptieren, braucht jeder eine eigene Erkl\u00e4rung, die manchmal sehr unterschiedlich sein kann. Es gibt bei uns ein Sprichwort, das besagt: \u201eUm eine Herde zu f\u00fchren, braucht der Hirte einen einzigen Stab.\u201c Um aber ein Volk zu f\u00fchren, braucht man f\u00fcr jeden einzelnen passende Spielregeln. Manche wollen kleine Regeln, andere wollen gro\u00dfe, flexible, sichere, knifflige oder nicht knifflige&#8230; Man muss also mit jedem in seiner Sprache sprechen. Ich m\u00fcsste ein einziges Ziel haben: 8 Millionen Reden, um den Diskurs an alle anzupassen! Das ist nicht leicht.&nbsp;<\/p>\n<p><b>J.A.: Wie sehen Sie ihre eigene politische Zukunft?<br \/><\/b><br \/>T.S.: Meine Zukunft ist eng mit den Volksmassen verbunden. Ich werde gl\u00fccklich sein, wenn die Leute es sind. Wenn ich das ungl\u00fccklicherweise nicht erreiche, sehe ich eine sehr finstere Zukunft.<\/p>\n<p><b>J.A.: Haben Sie Angst vor einem Staatsstreich?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Ich denke nicht daran. Das kann passieren. Ich ziehe es vor, nicht daran zu denken. Ich sage mir, Staatstreich oder kein Staatsstreich, die L\u00f6sung liegt in der F\u00e4higkeit des Volkes, uns zu besch\u00fctzen. Eines Tages wird vielleicht jemand aus einer Menschenmasse heraustreten und auf den Pr\u00e4sidenten schie\u00dfen, und dann ist er tot. Das kann jederzeit passieren. Das Wichtigste ist doch, dass das Volk auch jederzeit jeden von uns braucht. Wir machen eine n\u00fctzliche Arbeit. Wir schie\u00dfen nicht st\u00e4ndig Tore, aber jeder in der Mannschaft ist wichtig.<\/p>\n<p><b>J.A.: Reden wir \u00fcber Au\u00dfenpolitik. Denken Sie, dass die OAU (Organisation der Afrikanischen Einheit) weiterhin das am besten angepasste Instrument zur L\u00f6sung der Probleme des Kontinents ist?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Ich glaube an die afrikanische Einheit und ich glaube, dass sie sich realisieren wird. Vielleicht in tausend Jahren, ich wei\u00df nicht wann, aber sie wird als Ausdruck dessen gedeihen, was die V\u00f6lker w\u00fcnschen. Den afrikanischen V\u00f6lkern sind die Grenzen zunehmend egal. Das hei\u00dft, dass die Staatschefs sich mit ihren V\u00f6lkern identifizieren und ihre Interessen respektieren m\u00fcssen, wenn sie nicht von ihnen weggefegt werden wollen. Das wird uns zur Einheit f\u00fchren. Die Einheit einiger F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten an der Spitze wird nicht ausreichen.<br \/>&nbsp;<br \/><b>J.A.: Edem Kodjo sagte einmal: \u201eAfrika ist bei den gro\u00dfen weltweiten Debatten abwesend.\u201c Wem geben Sie die Schuld daran?<br \/><\/b><br \/>T.S.: Schuld haben die, die Afrika ausbeuten. Schuld haben aber auch die AfrikanerInnen, die sich nicht vereinen, um ihren Platz einzunehmen. Der Sklave verdient seine Ketten. Der Sklave, der nicht k\u00e4mpft, der seiner Pflicht nicht nachkommt, kann sich von seinen Ketten nicht befreien. Er bleibt ein Sklave, ganz egal wie viele moralische Reden sein Herr auch schwingen mag. Die AfrikanerInnen m\u00fcssen sich gegen all jene organisieren, die sie aus den Debatten dieser Welt ausschlie\u00dfen. Sie m\u00fcssen sich durchsetzen, und es ist ihnen auch m\u00f6glich, sich durchzusetzen.<\/p>\n<p><b>J.A.: Warum haben Sie ein Forum gegen die Apartheid in Ouagadougou organisiert?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Wir sind alle gegen die Apartheid und wir denken, dass sie ein Thema ist, das alle Menschen angeht, Schwarze wie Nicht-Schwarze. Wenn es stimmt, dass die Schwarzen sich von der Unterdr\u00fcckung der wei\u00dfen Rassisten in S\u00fcdafrika befreien wollen, dann glaube ich nicht, dass es den anderen Wei\u00dfen in Afrika und au\u00dferhalb gleichg\u00fcltig sein kann, zu wissen, dass die Schwarzen sie eines Tages mit den wei\u00dfen Rassisten in S\u00fcdafrika verwechseln k\u00f6nnten. Ich glaube demnach, dass es im Interesse aller ist, dass Rassismus und Apartheid in der Welt ausgerottet werden. Die Debatten auf Regierungsebene reichen jedoch nicht aus, weil sie hier immer auch Staatsinteressen mitmischen. Kein Volk kann aber gegen die Apartheid k\u00e4mpfen, wenn es kein Bewusstsein gegen die Apartheid entwickelt hat.&nbsp;<\/p>\n<p><b>J.A.: Wie denken Sie \u00fcber die \u2013 sogar atomare \u2013 Aufr\u00fcstung, der L\u00e4nder der Dritten Welt?&nbsp;<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Ich m\u00f6chte nicht, dass wir \u00fcber die Aufr\u00fcstung sprechen, als g\u00e4be es einerseits eine akzeptable und andererseits eine inakzeptable Aufr\u00fcstung. Wichtig ist, was man mit diesen Waffen erreichen will. Den V\u00f6lkern Gesetze aufzwingen? Ist das beste Gesetz jeder Gesellschaft nicht jenes, das das Volk selbst w\u00e4hlt? Wenn man die Freiheit und die Demokratie sich ausdr\u00fccken lie\u00dfe, dann w\u00e4re dies m\u00e4chtiger als jede Atombombe, als alle Gef\u00e4ngnisse, als jede Polizei der Welt. Aber je weniger man der Stimme des Volkes zuh\u00f6rt, je weniger man das Recht des Volkes erlaubt, sich auszudr\u00fccken, respektiert, desto mehr muss man Gewalt anwenden, ob sie nun atomar oder herk\u00f6mmlich sei.<\/p>\n<p><b>J.A.: Ist es zu rechtfertigen, dass die Armen so viel Geld f\u00fcr die Aufr\u00fcstung bezahlen?<\/b><\/p>\n<p>T.S.: Bewaffnung ist kein Luxus, kein Recht der Reichen. Sie ist eine Dummheit der Armen wie der Reichen. Ein deutsches Sprichwort sagt: \u201eDer Kl\u00fcgere gibt nach.\u201c Es ist der Kl\u00fcgste, der sich gleichzeitig als der M\u00e4chtigste erweisen kann. Die gr\u00f6\u00dfte aller M\u00e4chte ist jene, die dem Volk am meisten W\u00fcrde verleihen kann, am meisten Freiheit, am meisten Demokratie.<\/p>\n<p>Dank an Inga Nagel und Antoine Souef daf\u00fcr, dass sie die Publikation dieses Interviews erm\u00f6glicht haben.nInga Nagel hat das gesamte Interview als Audiodateien wiedergefunden. Ein sehr langes und besonders wichtiges Interview, da es kaum 10 Tage vor seiner Ermordung gef\u00fchrt wurde. Sie finden das gesamte Interview zum Nachh\u00f6ren auf Franz\u00f6sisch unter&nbsp;<link http:\/\/www.thomassankara.net\/spip.php?article921>http:\/\/www.thomassankara.net\/spip.php?article921<\/link>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Redaktion von thomassankara.netnn<link 468 - internal-link \"Opens internal link in current window\">&lt;- Zur\u00fcck zur Sankara-Newsseite<\/link>n<link 464 - internal-link \"Opens internal link in current window\">&lt;- Zur\u00fcck zur Sankara-Hauptseite<\/link>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am&nbsp;4. Oktober 1987, gab Thomas Sankara sein&nbsp;letztes bekanntes Interview, das am 11. 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