{"id":1680,"date":"2008-12-04T11:39:35","date_gmt":"2008-12-04T10:39:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/eroeffnungsrede-des-botschafters-haiti-in-deutschland\/"},"modified":"2023-10-06T11:18:39","modified_gmt":"2023-10-06T09:18:39","slug":"eroeffnungsrede-des-botschafters-haiti-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/fr\/eroeffnungsrede-des-botschafters-haiti-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnungsrede des Botschafters Haiti in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Am 23.11.2008, anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung des Festivals &quot;200 Jahre sp\u00e4ter&#8230;&quot; hielt der Botschafter der Republik Haiti in Deutschland, Herr Jean Robert Saget eine Er\u00f6ffnungsrede, die wir hier mit seiner Erlaubnis ver\u00f6ffentlichen. nExcellenzen, <br \/> Meine Damen und Herren, <br \/> Liebe Freunde der Freiheit und der Gerechtigkeit, nEs ist f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Freude, am heutigen Nachmittag bei Ihnen zu sein und die Ehre zu haben, mit Ihnen die Auftaktveranstaltung zu einer ganzen Reihe von Gedenkveranstaltungen zu er\u00f6ffnen, die an die Abschaffung des europ\u00e4ischen, des transatlantischen Sklavenhandels und der Sklaverei vor 200 Jahren erinnern. nErlauben Sie mir zun\u00e4chst, den Organisatoren, insbesondere Frau Philippa Eb\u00e9n\u00e9 und Herrn Eric van Grasdorff, sowie den G\u00e4sten dieses besonderen Ereignisses zu danken, auch im Namen des haitianischen Volkes und seiner Regierung, die ich hier vertrete. nUnsere Dankbarkeit gilt diesem Aufruf zur Besinnung und Erinnerung an viele bekannte und auch unbekannte Helden, die den Weg zu einer \u00c4ra von mehr Menschlichkeit \u00fcberhaupt erst geebnet haben, durch die die Ideale von Freiheit und Gleichheit f\u00fcr Millionen unterdr\u00fcckter Menschen Wirklichkeit werden konnten. nNichtsdestoweniger, w\u00e4hrend wir uns hier zusammengefunden haben, um an eben diese Menschen zu erinnern, die ihr Leben f\u00fcr die Freiheit gegeben haben, er\u00f6ffnen wir trotz dieser uns traurig stimmenden Erinnerung, die Diskussion \u00fcber ein neues Zeichen der Hoffnung, die die ganze Welt nach der Wahl von Barack Obama zum ersten afro-amerikanischen Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten von Amerika befl\u00fcgelt hat. nDas Nebeneinander dieser beiden Ereignisse dr\u00e4ngt sich einem auf und trifft das imagin\u00e4re Kollektiv, denn die Wahl eines Abk\u00f6mmlings afrikanischer Schwarzer an die Spitze eines Staates, der fr\u00fcher die Sklaverei praktiziert hat, ist eine m\u00e4chtige B\u00fcrde mit hoher Symbolkraft, die etliche Fiktionen und Legenden von der Minderwertigkeit bestimmter Rassen wieder aufkommen und die leidenschaftliche Begeisterung der Verfechter der Gleichheit wieder aufflammen l\u00e4sst, zu denen wir alle hier im Saal wahrscheinlich geh\u00f6ren. nDie Hoffnung bl\u00fcht wieder auf, die Hoffnung auf eine neue \u00c4ra der kulturellen Mischung der Rassen und die Hoffnung, dass das universelle Ideal der Gleichheit &#8211; seit mehr als 3 Jahrhunderten von weitsichtigen M\u00e4nnern und Frauen proklamiert &#8211; lebendig ist und bleibt, und sich im weltweiten Bewusstsein fest verankert. Diese so wichtige Etappe in der Geschichte der amerikanischen Gesellschaft zieht alle V\u00f6lker mit in ihren Bann und befl\u00fcgelt alle hoffnungsvollen Erwartungen. nDie Menschen im 21. Jahrhundert f\u00fchlen sich der Fortsetzung dieses Weges unbeirrt verpflichtet &#8211; trotz der Auseinandersetzungen, die wir noch zu bestehen haben, um die Sklaverei endg\u00fcltig auszumerzen, die es heute noch in verschiedenen Gegenden auf unserer Erde gibt. nGewaltige Herausforderungen stehen besonders den Menschen in Haiti trotz des Weges, den wir seit unserer Unabh\u00e4ngigkeit im Jahr 1804 zur\u00fcckgelegt haben, noch bevor. Das Gedenken heute an die Zeit, als vor 200 Jahren der europ\u00e4ische, der transatlantische Sklavenhandel aufgehoben und die Sklaverei abgeschafft wurde, weckt schmerzliche Erinnerungen an eine nicht allzu ferne Vergangenheit und an eine nicht weniger schmerzhafte Tatsache, wie schwierig es f\u00fcr uns war, den Nachwehen dieser Vergangenheit zu entrinnen. nDie zahlreichen pl\u00f6tzlichen Ver\u00e4nderungen und unerwarteten Ereignisse, die Haiti seit dem glorreichen Aufstand 1791 unter der F\u00fchrung von <b>Fran\u00e7ois Dominique TOUSSAINT LOUVERTURE (1743-1803)<\/b>, genannt \u201eDer schwarze Napoleon\u201c, erlebt hat, haben weder die r\u00fchmenswerte geschichtliche Bedeutung erlangt noch die gerechte W\u00fcrdigung des au\u00dfergew\u00f6hnlichen Beitrags erfahren, den sie f\u00fcr die weltweite Entwicklung der Menschenrechte geleistet haben. nDer chronische Zustand der Unterentwicklung, in dem sich unser Land seit der einseitigen Proklamation seiner Unabh\u00e4ngigkeit befindet, verdunkelt diese bedeutende geschichtliche Wahrheit. nEine klare, r\u00fccksichtslose Bilanz deckt die langanhaltenden Zeitr\u00e4ume der Diktaturen auf, die zahlreichen Staatsstreiche, fehlende Infrastrukturen auf mehreren Ebenen, die f\u00fcr einen Aufstieg des Landes f\u00f6rderlich gewesen w\u00e4ren. All dies und viele andere M\u00e4ngel und L\u00fccken demonstrieren immer wieder das Scheitern dieses so gro\u00dfartigen Projekts, eine gerechtere, eine menschlichere Gesellschaft zu schaffen, die sich auf die Freiheit, die Gleichheit und die Br\u00fcderlichkeit &#8211; wie die Franz\u00f6sische Revolution &#8211; gr\u00fcnden wollte, und f\u00fcr die Tausende ohne Z\u00f6gern ihr Leben geopfert haben. nGleichwohl erinnerte der Sieg, durch eine tapfere Armee von Sklaven errungen, deren Wahlspruch \u201eLeben in Freiheit oder sterben\u201c lautete, die ganze Welt daran, dass jedermann, sogar in Ketten gelegt und einer unerbittlichen Macht unterworfen, danach streben konnte, die Welt zu ver\u00e4ndern, und die Pflicht hatte, sich gegen diese Niedertracht zu erheben, um die Freiheit als sein unver\u00e4u\u00dferliches Recht einzufordern. nDiese Druck- und Sto\u00dfwelle r\u00fcttelte alle Kolonien auf und wird Jahre sp\u00e4ter eine Quelle der Inspiration f\u00fcr emanzipatorische K\u00e4mpfe anderer V\u00f6lker, die damals noch von Kolonialm\u00e4chten beherrscht waren. nAls <b>TOUSSAINT LOUVERTURE<\/b> durch Verrat verhaftet und nach Frankreich deportiert worden war, wo er allein und krank in einer eiskalten Zelle starb, \u00e4u\u00dferte er sich so: \u201eIndem ihr mich zum Schweigen bringt, habt ihr nur den Stamm des Baumes der Freiheit f\u00fcr die Schwarzen gef\u00e4llt. Er wird wieder nachwachsen mit all seinen Wurzeln, die tief verankert und zahlreich vorhanden sind\u201c. nSklavensohn, geboren als Sklave &#8211; sein legend\u00e4rer Kampf f\u00fcr die Abschaffung der Sklaverei legt Zeugnis ab von der Eigenart und Besonderheit menschlicher Bestimmung sowie von der Vielseitigkeit seines unersch\u00fctterlichen Willens, eine bessere Welt zu schaffen, nicht nur f\u00fcr sich selbst, sondern auch f\u00fcr seine Mitmenschen. n<b>Jean-Jacques DESSALINES (1758-1806 \/ als \u00abJacques I.\u00bb war seit 1804 Kaiser von Haiti)<\/b>, der den Kampf bis zur Unabh\u00e4ngigkeit fortf\u00fchren und beenden sollte, verdient ebenso unsere Bewunderung, als er die Entscheidungsschlacht schl\u00e4gt, er, der die Armee Napoleons besiegt, indem er seine Soldaten mit dem Schlachtruf \u201eWir alle werden sterben f\u00fcr die Freiheit\u201c anfeuert. nKonnte es einen schlagenderen Beweis f\u00fcr unsere so lange geleugnete Menschlichkeit geben, um den sch\u00e4ndlichen Umgang miteinander zu rechtfertigen, der so viel zu dem Reichtum der heute h\u00f6her entwickelten Nationen beigetragen hat? nIch w\u00fcrde mir nie verzeihen, den nicht weniger heldenhaften Kampf Tausender Europ\u00e4er, B\u00fcrger und W\u00fcrdentr\u00e4ger, unerw\u00e4hnt zu lassen, die sich unabl\u00e4ssig f\u00fcr die Freiheit eingesetzt und an unserer Seite gek\u00e4mpft haben. Diejenigen, die lange und z\u00e4h zu unseren Gunsten verhandelt und auch ihr Leben f\u00fcr die Freiheit gegeben haben, die sie als Grundrecht f\u00fcr jeden Mann und jede Frau erachteten und nicht als ein Privileg, das an die Hautfarbe oder an ein bestimmtes Schicksal gebunden war. Deren Kampf hat die Abschaffung des Sklavenhandels und der Sklaverei beschleunigt. (Ich denke zum Beispiel an Victor SCHOELCHER und Dominique Francois Jean ARAGO, an die deutschen und polnischen Soldaten des Expeditionscorps von Napoleon, die desertiert haben und gemeinsame Sache mit den Aufstaendischen gemacht haben e t c .) nDer Kampf ist lang, doch wir geben uns dennoch nicht von vornherein geschlagen. Wir sind uns der L\u00e4nge des noch vor uns liegenden Weges bewusst, und wir schaffen es, unsere Inspiration aus dem Mut unserer Helden zu sch\u00f6pfen, den Gr\u00fcndungsv\u00e4tern unseres Heimatlandes. Ebenso wie sich die Idee der Abschaffung des Sklavenhandels, erstmals im Jahr 1794 \u00f6ffentlich vertreten, etliche Jahre sp\u00e4ter (so 1848 in Frankreich) durch das Ende der Praxis der Sklaverei durchgesetzt hat, m\u00fcssen wir feststellen, dass die meisten kolonialisierten L\u00e4nder noch heute unter den anhaltend harten Folgesch\u00e4den und zuweilen unvorhersehbaren Nachwirkungen dieser von kolonialer Ausbeutung gekennzeichneten Vergangenheit leiden. nDies entlastet uns nicht von der B\u00fcrde unserer nationalen Verantwortung bez\u00fcglich unserer Misserfolge. Immerhin gestattet diese weltweite Perspektive, die verschiedenen Probleme besser zu verstehen, denen wir in aller ihrer Vielfalt gegen\u00fcberstehen. Dieser ganzheitliche Ansatz, diese Herangehensweise wird es uns erm\u00f6glichen, weltweit neuartige L\u00f6sungen anzubieten &#8211; auf der Grundlage von auf die Gleichheit aller gerichteten Beziehungen, politisch und sozial, sowie basierend auf br\u00fcderlichen Banden mit anderen L\u00e4ndern und V\u00f6lkern. nDieses Gedenken bietet auch Gelegenheit, sich daran zu erinnern, dass unsere Unterschiede, bez\u00fcglich materiellen Reichtums, nicht auf eine \u00dcberlegenheit oder Minderwertigkeit der einen gegen\u00fcber den anderen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. <br \/> Diese Unterschiede haben eigentlich ihren Ursprung in dem ungerechten historischen Kampf, in dem diejenigen, die durch Waffengewalt unterjocht worden waren, ihre Rechte haben aufgeben m\u00fcssen, ebenso ihre Reicht\u00fcmer und ihre Hoffnungen zu Gunsten derjenigen, die heute reichlich davon haben. <br \/> Es ist indes noch wichtiger, sich der unermesslichen Opfer dieser kolonialisierten V\u00f6lker zu erinnern, ihres heldenhaften Widerstands, ihres unglaublichen \u00dcberlebenswillens, ihres geistigen und kulturellen Reichtums, fest verwurzelt in jahrtausendealten Traditionen, die &#8211; manchmal paradoxerweise &#8211; das Gegenst\u00fcck zu den \u00fcbertriebenen Erscheinungen des modernen Lebens und zu der geistigen Leere darstellen, die durch den \u00dcberfluss an materiellen G\u00fctern und durch einen Individualismus bis zur Unm\u00e4\u00dfigkeit bedingt ist. nAll jene, die unvoreingenommen, ohne jegliches Vorurteil unterwegs sind, haben die Erfahrung einer solchen Art \u201eErscheinung\u201c gemacht, wo die Begegnung mit einem anderen zu einer Begegnung mit einem Teil seiner selbst geworden ist \u2026 <br \/> K\u00f6nnten wir in demselben offenen Geist internationale Kooperationen in einer weltweiten Perspektive ansteuern, wo die Anerkennung des anderen als einem gleichwertigen Partner und das aufrichtige Bem\u00fchen um Wiedergutmachung unseren Gedankenaustausch leiten? nDie globalen Herausforderungen, mit denen wir heute unter anderem auf dem Gebiet des Umweltschutzes konfrontiert sind, best\u00e4rken meine pers\u00f6nliche \u00dcberzeugung, dass wir als Menschen sehr viel mehr an Gemeinsamkeiten denn an Unterschieden haben, und dass unser Schicksal untrennbar miteinander verbunden ist, ob wir das nun wollen oder nicht. nDie \u00c4ra kultureller Mischung der Rassen fordert uns dazu auf, gegen Ignoranz und Vorurteile zu Felde zu ziehen, die in letzter Konsequenz zum Erl\u00f6schen der Menschheit f\u00fchren k\u00f6nnten. nSchlie\u00dflich w\u00e4re angesichts der Trag\u00f6die, die der Handel mit den Schwarzen und deren Verbringung in die Sklaverei f\u00fcr die Menschlichkeit bedeutet, das blo\u00dfe Erinnern vergeblich und kraftlos ohne den tats\u00e4chlichen Willen, eine neue Partnerschaft zu begr\u00fcnden, die auf ehrlicher Solidarit\u00e4t beruht, die \u00fcber der Bestimmung nationaler Interessen der Wohlhabenden auf Kosten der weniger Beg\u00fcterten steht. nWir k\u00f6nnen das definitive Ende der Sklaverei beschleunigen, indem wir deren gef\u00e4hrliche Folgen beseitigen, die sich in Unterentwicklung und fortw\u00e4hrender Verschuldung zeigen, die die Zukunft von Millionen von Menschen belasten und sie als Sklaven der Armut aufrechthalten. nWir k\u00f6nnen ein solches Erbe unseren Kindern hinterlassen, wenn wir bereit sind, unerbittlich und unabl\u00e4ssig daran zu arbeiten. nS. E. Jean-Robert SAGET (Botschafter der Republik Haiti) <br \/> Berlin \/ Werkstatt der Kulturen (23.11.2008)  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23.11.2008, anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung des Festivals &quot;200 Jahre sp\u00e4ter&#8230;&quot; hielt der Botschafter der Republik Haiti in Deutschland, Herr Jean Robert Saget eine Er\u00f6ffnungsrede, die wir hier mit seiner Erlaubnis ver\u00f6ffentlichen. nExcellenzen, Meine Damen und Herren, Liebe Freunde der Freiheit und der Gerechtigkeit, nEs ist f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Freude, am heutigen Nachmittag bei Ihnen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[95,107],"tags":[],"class_list":["post-1680","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrikanische-perspektiven","category-kolonialismus-und-dekolonisierung"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Er\u00f6ffnungsrede des Botschafters Haiti in Deutschland &#8211; 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