{"id":1711,"date":"2007-05-14T11:12:47","date_gmt":"2007-05-14T09:12:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/wissenschaftskooperation-und-rassismus\/"},"modified":"2023-10-06T11:32:48","modified_gmt":"2023-10-06T09:32:48","slug":"wissenschaftskooperation-und-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/fr\/wissenschaftskooperation-und-rassismus\/","title":{"rendered":"Wissenschaftskooperation und Rassismus"},"content":{"rendered":"<p>Hindernisse in der Zusammenarbeit zwischen deutschen und afrikanischen Wissenschaftlern. Artikel von Dr. Michel Foaleng aus epd-Entwicklungspolitik 5\/2003, den wir anl\u00e4sslich seines Vortrags im AfricAvenir Dialogforum am 09. Mai 2007 ver\u00f6ffentlichen. n<b>Wissenschaftskooperation und Rassismus <br \/> Hindernisse in der Zusammenarbeit zwischen deutschen und afrikanischen Wissenschaftlern<\/b> n<i>Von Dr. Michel Foaleng<\/i> <br \/> Zuerst ver\u00f6ffentlicht in: epd-Entwicklungspolitik 5\/2003nAn mehreren deutschen Universit\u00e4ten sind in den letzten Jahren Sonderforschungsbereiche (SFB) eingerichtet worden, die sich Afrika und Afrikanern widmen. Dass Afrika hier zu Lande wissenschaftliche Aufmerksamkeit erf\u00e4hrt, ist an sich nichts Neues: Schon die Kolonisierung des Kontinents ging mit dessen wissenschaftlicher Erforschung einher. Aber anders als damals findet die deutsche Afrikaforschung gegenw\u00e4rtig ihre besondere Rechtfertigung darin, dass sie in Zusammenarbeit mit afrikanischen Wissenschaftlern betrieben wird. Diese Zusammenarbeit soll es erm\u00f6glichen, eurozentrische Auslegungen afrikanischer Wirklichkeit zu vermeiden. nWenn das Forschungsdesign zudem ein interdisziplin\u00e4res ist, wird dar\u00fcber hinaus erwartet, jene Wirklichkeit auch in ihrer Mannigfaltigkeit untersuchen zu k\u00f6nnen. Dass aber eine solche Kooperation auch als Alibi dienen kann, ist schon daran zu erkennen, wie wichtig es ist, sie \u00fcberall dort, wo Afrikaner, unabh\u00e4ngig von ihrer Stellung, in einem Forschungsprojekt besch\u00e4ftigt werden, besonders hervorzuheben. So hat auch Rainer Tetzlaff in epd-Entwicklungspolitik 3\/2003 betont, dass an dem an der Universit\u00e4t Hamburg angesiedelten SFB zu Afrika &quot;einzelne j\u00fcngere afrikanische Postgraduierte in Projekte integriert&quot; und afrikanische &quot;Forscher als Gastprofessoren eingeladen&quot; wurden. nDoch allein die Taxonomie von Rainer Tetzlaff, so z.B. wenn er von &quot;sozialer Anomie und politischem Chaos&quot; in Afrika spricht, verr\u00e4t, dass wir trotz der Zusammenarbeit mit Afrikanern nicht weit weg von einem Afrikabild sind, nach welchem in Afrika nur &quot;Barbarei&quot; herrscht. Mir scheint daher die Frage berechtigt, inwiefern diese Form wissenschaftlicher &quot;Zusammenarbeit&quot; mehr als nur eine eurozentristische Sichtweise widerspiegelt. Auch muss gefragt werden, wozu und wem die europ\u00e4ische Afrikaforschung \u00fcberhaupt dient. Die Absicht, durch die Zusammenarbeit mit afrikanischen Wissenschaftlern die afrikanischen kulturellen Eigenheiten besser zu begreifen, kann nicht eingel\u00f6st werden, solange nicht auch die Rahmenbedingungen solcher Zusammenarbeit hinterfragt werden. n<b>Herkunft und Verantwortlichkeit<\/b> <br \/> Es ist zu vermuten, dass es bei der heutigen europ\u00e4ischen Afrikaforschung, wie auch bei der von ihr praktizierten Zusammenarbeit mit afrikanischen Wissenschaftlern letztlich nur um die Interessen von Europ\u00e4ern geht &quot; Interessen, die mit denjenigen von Afrikanern in Konkurrenz stehen. Zugleich werden diese Interessen unter einem Paternalismus verschleiert, der seine Wurzeln in den rassistisch gepr\u00e4gten geschichtlichen Beziehungen zwischen Afrika und Europa hat. nUm dies zu illustrieren, m\u00f6chte ich beispielhaft Erfahrungen aus einem Kolloquium anf\u00fchren, das im Rahmen eines Teilprojekts des Hamburger SFB zu Afrika im Sommer 2001 an der Universit\u00e4t Hamburg stattfand. Dieses Teilprojekt hat die Lebensgeschichten von Kameruner Studierenden in Deutschland zum Gegenstand. Zu dem Kolloquium wurden Wissenschaftler\/innen verschiedener Fachrichtungen aus Deutschland, Frankreich, Kamerun und der Schweiz eingeladen, um erste Forschungsergebnisse zu diskutieren. nAuch wenn hier nicht behauptet wird, dass es eine einheitliche europ\u00e4ische gegen\u00fcber einer einheitlichen afrikanischen Position g\u00e4be, so waren in der Diskussion dennoch herkunftsspezifische Betrachtungsweisen zu bemerken. Deren pr\u00e4gende Wirkung hat es beiden Gruppen au\u00dferordentlich schwer gemacht, sich aufeinander zu beziehen. Tendenziell galt das Interesse der Afrikaner\/innen z.B. der Frage, inwiefern die Forschung, die mit diesem Projekt betrieben wurde, dazu beitragen kann, dass die Anliegen afrikanischer Studierender in Deutschland besser Geh\u00f6r finden. Damit ist nun nicht unterstellt, afrikanische Wissenschaftler verfolgten blo\u00df alltagspraktische Anliegen, w\u00e4hrend europ\u00e4ische Kollegen rein wissenschaftliche Interessen im Auge h\u00e4tten. Die einen wie die anderen sehen ihre Aufgabe als Wissenschaftler vielmehr darin, Erkenntnisfortschritte zu erzielen. In beiden F\u00e4llen hat der Wissenschaftler eine Verantwortung gegen\u00fcber der &quot;Wahrheit&quot; im Sinne der Schl\u00fcssigkeit seiner Untersuchung bzw. ist er rechenschaftspflichtig gegen\u00fcber der scientific community. nJedoch ersch\u00f6pft sich darin noch nicht die Verantwortung der Wissenschaft. Die f\u00fcr die Wissenschaft relevante Frage sollte nicht die Relevanz wissenschaftlicher Forschung f\u00fcr die Erforschten verdr\u00e4ngen. Vielmehr muss der Wissenschaftler auch eine gesellschaftlich-historische und eine ethisch-politische Verantwortung denjenigen gegen\u00fcber wahrnehmen, die Gegenstand seiner Untersuchung sind. Diese weitergehende Verantwortung wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die Afrikapolitik verschiedener europ\u00e4ischer Regierungen ohne wissenschaftliche Afrikaforschung nicht denkbar w\u00e4re &quot; zumal es ohne eine solche Europa gar nicht erst gelungen w\u00e4re, den vermessenen Anspruch zu rechtfertigen, die Welt &quot;zivilisieren&quot; zu m\u00fcssen. Heute zielt die Skepsis von Afrikanern gegen\u00fcber der europ\u00e4ischen Afrikaforschung vor allem auf die Frage, ob diese nicht lediglich dazu dient, die Abh\u00e4ngigkeit Afrikas weiter aufrechtzuerhalten. nW\u00e4hrend die wissenschaftlichen Kriterien f\u00fcr afrikanische und europ\u00e4ische Wissenschaftler gleicherma\u00dfen gelten und beide zugleich zur Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung verpflichten, bringt sie ihre gesellschaftliche Verbundenheit zur jeweiligen Herkunftsgesellschaft in Konflikt zueinander. Beide sind unterschiedlich in die afrikanische Problemsituation verwickelt und sind nicht in derselben Weise den Erforschten verbunden. Dabei ergibt sich f\u00fcr afrikanische Wissenschaftler die Verbundenheit wie die Verantwortung f\u00fcr die Erforschten aus der Teilhabe an deren geschichtlicher Erfahrung. n<b>Rassismus als Erfahrung oder Einbildung?<\/b> <br \/> Diese Differenz zeigt sich besonders an der Diskussion \u00fcber &quot;Rassismus&quot;. Zur Verdeutlichung sei eine Passage aus dem erw\u00e4hnten Kolloquium herangezogen: Der Kameruner Student, dessen Lebensgeschichte Gegenstand der Diskussion war, hatte, nachdem er von Erfahrungen rassistischer Diskriminierung berichtet hatte, die Meinung ge\u00e4u\u00dfert, Rassismus sei in der deutschen Gesellschaft derart verankert, dass er meist auch unbewusst zum Tragen komme. nF\u00fcr einen deutschen Teilnehmer konnte es sich bei dieser Einsch\u00e4tzung nur um einen &quot;Einbildungsprozess&quot; handeln. Sogleich versuchte der deutsche Kollege, die M\u00f6glichkeitsbedingungen der Rede von Rassismus zu ergr\u00fcnden. Er argumentierte, dass Rassismus Gegenstand einer Auseinandersetzung sei, f\u00fcr die es keine ontologische Referenz gebe. Man rede \u00fcber Rassismus, ohne definieren zu k\u00f6nnen, ob es sich im Sinne eines unbezweifelbaren Sachverhaltes um Rassismus handele. Rassismus speise sich also aus den soziokulturellen Interpretationshorizonten von Afrikanern, die das von ihnen kritisierte Verhalten als rassistisch zuordneten, unter Umst\u00e4nden auch, um ihre Bequemlichkeit zu haben. nDieses Verst\u00e4ndnis von &quot;Rassismus&quot; wurde von einem afrikanischen Kollegen als irref\u00fchrend zur\u00fcckgewiesen, beim Thema Rassismus gehe es nicht um &quot;Wahrheit&quot;, sondern um &quot;Erleben&quot;. F\u00fcr viele Menschen, die sich als Opfer vom Rassismus ansehen, stelle nicht die Diskussion \u00fcber Rassismus, sondern der Rassismus selbst ein dramatisches Problem dar, das nicht banalisiert werden d\u00fcrfe. Auch wenn das Problem des Rassismus anders interpretiert werden k\u00f6nnte, so solle dies ohne Relativierung der Erfahrung anderer erfolgen, denen sonst damit weitere Gewalt zugef\u00fcgt w\u00fcrde. nIn der Tat ist eine Relativierung des Ph\u00e4nomens Rassismus auch deshalb problematisch, weil sie den Aufbau eines Dialogs zwischen Afrikanern und Europ\u00e4ern erschwert. Wer z.B. vom &quot;Rassismus&quot; gegen Wei\u00dfe in Afrika redet, negiert jene historische Dimension des Rassismus, mit deren Folgen Afrikaner in Deutschland heute zu tun haben: Ein Afrikaner kommt nicht als Schwarzer hierher, wird aber hier in erster Linie als Schwarzer wahrgenommen. Diese Wahrnehmung ist geschichtlich gepr\u00e4gt und beinhaltet alle m\u00f6glichen erniedrigenden Vorurteile. nM\u00fcssen wir nicht anerkennen, dass die Machtverh\u00e4ltnisse, die die historisch gewachsenen Beziehungen Europas zur nicht-europ\u00e4ischen Welt pr\u00e4gten und die auch weiterhin in der Afrikaforschung wirksam sind, das Erbe einer rassistischen Strukturierung der Welt darstellen? Hierbei ist Rassismus nicht als irgendeine Ungerechtigkeit gegen ein Individuum oder eine bestimmte Gruppe zu verstehen. Auch ist Ethnozentrismus, ein konstitutives Moment jeder Gesellschaft, keineswegs mit Rassismus gleichzusetzen. Rassismus ist vielmehr als ein System der Negation des Menschseins nicht-europ\u00e4ischer V\u00f6lker zu begreifen, es dient dazu, die Europ\u00e4er als das Paradigma des Menschseins zu setzen. Rassismus ist untrennbar mit dem europ\u00e4ischen Anspruch verbunden, die in Europa entstandene Zivilisation als Zivilisation schlechthin zu proklamieren und sie den Menschen in anderen Erdteilen aufzuzwingen. Es ist dieser Anspruch, der im Zuge der Rassenideologie des 18. und 19. Jahrhunderts zur Klassifizierung unterschiedlicher &quot;Rassen&quot; f\u00fchrte. Dabei wurden die &quot;Schwarzafrikaner&quot; auf die unterste Stufe der Menschheit gestellt. nMit aus diesem Grunde bilden noch heute Afrikaner erste Zielscheibe rassistischen Verhaltens. Diejenigen Afrikaner, denen man ein rassistisches Verhalten gegen\u00fcber anderen Afrikanern vorwerfen mag, sind eben solche, die diese rassistische Strukturierung der Welt sowie den daran gebundenen eurozentristischen Anspruch verinnerlicht haben und sich anderen umso mehr \u00fcberlegen f\u00fchlen, je n\u00e4her sie der europ\u00e4ischen Zivilisation stehen. <br \/> Es verwundert kaum, dass das Zur\u00fcckweisen der Klage \u00fcber Rassismus (wohl auch, weil sie implizit als Anklage zu verstehen ist) manch anderen westlichen Diskursen \u00e4hnelt, in denen Afrikaner als unf\u00e4hig angesehen werden, ihre eigenen Erfahrungen selbst theoretisch zu erfassen. Diese Denkweise zeigt sich z.B., wenn man meint, afrikanische Intellektuelle seien von ihrem Alltag so \u00fcberfordert, dass sie gar nicht zur &quot;Mu\u00dfe&quot; kommen k\u00f6nnten, &quot;sich zur\u00fcckzulehnen, um \u00fcber Gegenwart und Zukunft nachzudenken&quot;, wie Christoph Plate und Theo Sommer in ihrem Buch &quot;Der bunte Kontinent. Ein neuer Blick auf Afrika&quot; noch 2001 argumentieren &quot; ein Argument, das allerdings, wie einst Hegels Sentenzen \u00fcber Afrikaner, weniger etwas \u00fcber die Realit\u00e4t afrikanischer Intellektueller als \u00fcber die Ignoranz mancher Afrikaforscher aussagt. Doch wenn sich selbstbewusste afrikanische Intellektuelle den &quot;Luxus&quot; praktisch irrelevanter Ausf\u00fchrungen nicht g\u00f6nnen wollen, wird ihnen in intellektuellen Diskussionen gerne vorgeworfen, &quot;zu kurz zu greifen&quot; oder &quot;unwissenschaftliche&quot; Positionen zu vertreten. nSo zeichnet sich eine grundlegende Schwierigkeit in der Zusammenarbeit zwischen europ\u00e4ischen und afrikanischen Wissenschaftlern in Bezug auf afrikanische Angelegenheiten ab: W\u00e4hrend jene eher ihrer wissenschaftlichen Gemeinschaft verpflichtet sind, handeln diese aus dem Bewusstsein heraus, dass die gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr die Menschen Afrikas darin besteht, sich eine selbstbestimmte Stellung in der Welt zu verschaffen. Um dieser Herausforderung begegnen zu k\u00f6nnen, brauchen wir eine afrikanische Forschung, verstanden als Studien von Afrikanern \u00fcber ihre eigenen Angelegenheiten. Erst eine solche afrikanische Forschung kann ein Gleichgewicht gegen\u00fcber der herk\u00f6mmlichen Afrikaforschung, im Sinne der Erforschung von Afrika bzw. Afrikanern durch Europ\u00e4er, herstellen. Erst dann scheint es m\u00f6glich, zu einer Forschung zu gelangen, die im wechselseitigen Blick von Europ\u00e4ern und Afrikanern aufeinander im Rahmen gemeinsamer wissenschaftlicher Fragestellungen besteht. n<b>Kulturelle Gebundenheit der Paradigmen<\/b> <br \/> Aber der Weg zu einem solchen wechselseitigen Blick ist noch weit. Bei den Kontroversen zwischen afrikanischen und deutschen Wissenschaftlern spielen nicht nur wissenschaftliche, sondern auch zahlreiche pers\u00f6nliche Interessen eine Rolle. Hier\u00fcber kann weder der universalistische Anspruch von Wissenschaft noch deren Ambition auf Objektivit\u00e4t hinwegt\u00e4uschen. Zudem ist der Anspruch auf Universalit\u00e4t nicht von der Macht zu trennen, mit deren Hilfe sich die Wissenschaft w\u00e4hrend der letzten drei Jahrhunderte von Europa aus in nicht-westliche Gesellschaften ausgebreitet hat. nIn diesem Sinne stellt die Forschungsperspektive europ\u00e4ischer Wissenschaftler nur eine europ\u00e4isch situierte Sichtweise dar, die von der je eigenen Sozialisation gepr\u00e4gt ist. Dagegen korrespondiert die Perspektive afrikanischer Wissenschaftler mit ihrer eigenen geschichtlichen Erfahrung als Unterdr\u00fcckte und spiegelt aus diesem Grund afrikanische Lebenserfahrung weit besser wider, als dies Europ\u00e4ern m\u00f6glich ist. nNat\u00fcrlich lassen sich die Beziehungen zwischen Europa und Afrika nicht auf eine &lsquo;T\u00e4ter-Opfer&rsquo;-Logik reduzieren. Zu fragen ist dennoch, ob die ungleiche Verteilung von Macht nicht auch die Qualit\u00e4t der Zusammenarbeit derart pr\u00e4gt, dass dabei die Benachteiligung von Afrikanern, trotz bester Absichten, reproduziert wird. Zweifellos m\u00fcsste der deutsche Afrikaforscher lernen, sich selbst gegen\u00fcber kritisch zu sein. Er m\u00fcsste lernen, die Implikationen seiner Handlungen zu reflektieren, um eine interkulturell gelungene Zusammenarbeit zu erm\u00f6glichen, d.h. eine Zusammenarbeit, die nicht nur eine europ\u00e4ische kulturelle Pr\u00e4gung aufweist. nInterkulturalit\u00e4t erweist sich nicht schon darin, dass Afrikaner in einem von Europ\u00e4ern konzipierten Forschungsprojekt einen Werkvertrag bekommen, hier als Mitarbeiter besch\u00e4ftigt oder als Gast aus Afrika eingeladen werden. Von Interkulturalit\u00e4t kann vielmehr erst dann die Rede sein, wenn anerkannt wird, dass die Wahrheit jeder lebensgeschichtlichen Erfahrung sich in erster Linie aus einer subjektiven Perspektive heraus erschlie\u00dft, welche ihrerseits von der kollektiven oder individuellen geschichtlichen Erfahrung gepr\u00e4gt wird. Eine derart verstandene Interkulturalit\u00e4t bedeutet, die kritische Selbstreflexion der Beteiligten zur Geltung zu bringen. nDie (lebens)geschichtliche Erfahrung kann nat\u00fcrlich nicht das einzige Kriterium f\u00fcr die G\u00fcltigkeit einer wissenschaftlichen Aussage sein. Eine Untersuchung der Lebenserfahrung von Afrikanern ist nicht schon deswegen angemessen, weil sie von einem Afrikaner durchgef\u00fchrt wurde. Umgekehrt w\u00e4re eine Untersuchung nicht schon deshalb unangemessen, weil sie das Werk eines Europ\u00e4ers ist. Vielmehr geht es darum, die Wichtigkeit eines Perspektivenwechsels oder des fremden Blicks f\u00fcr den Erkenntnisgewinn im Rahmen sozialwissenschaftlicher Forschung anzuerkennen. Man k\u00f6nnte diesen fremden Blick sogar als Bedingung eines besseren Verst\u00e4ndnisses des Eigenen einfordern. Denn zuhauf sind Menschen so in ihre soziokulturellen Praxen eingebunden, dass sie diese nicht mehr sachgem\u00e4\u00df reflektieren k\u00f6nnen. Dies gilt gleicherma\u00dfen f\u00fcr den Wissenschaftler, der auf Grund seiner Eingebundenheit in die eigene Herkunftswelt die notwendige Distanz zu dieser nur sehr m\u00fchsam herstellen kann, so dass seine Untersuchung von einer partiellen Blindheit bestimmt bleibt. <br \/> Indes birgt die Forderung nach einem fremden Blick zwischen Afrika und Europa strukturell einige Widerspr\u00fcche in sich: Die Handlungssituation von Europ\u00e4ern in Afrika kann nicht mit der von Afrikanern in Europa verglichen werden. Denn einerseits sind Europ\u00e4er in der Regel deshalb in Afrika, um die Menschen dort &quot;aufzukl\u00e4ren&quot;, ihnen zu &quot;helfen&quot;, sie auf jeden Fall von irgend etwas &quot;R\u00fcckst\u00e4ndigem&quot; oder f\u00fcr die Afrikaner selbst &quot;Sch\u00e4dlichem&quot; zu befreien und zwar &quot;in deren eigenem Interesse&quot;. Europ\u00e4er in Afrika befinden also \u00fcber &quot;sch\u00e4dliche&quot; Vorg\u00e4nge, die sie selbst nicht betr\u00e4fen, wenn es nicht gerade ihre Berufung w\u00e4re, sich um das Wohl der Menschheit zu k\u00fcmmern. Andererseits sind Afrikaner in Europa bzw. in Deutschland selbst Opfer jener strukturellen Defizite europ\u00e4ischer Gesellschaften, die die Autochthonen selbst nicht zu entdecken im Stande sind, doch gerade wegen dieser Befangenheit k\u00f6nnen sie sich \u00fcber die Sachlage nicht \u00e4u\u00dfern, ohne der &quot;Subjektivit\u00e4t&quot; oder der &quot;Emotionalit\u00e4t&quot; beschuldigt zu werden. Zwischen Europ\u00e4ern und Afrikanern, &quot; ob im Alltag oder in der Wissenschaft &quot; kann es so gesehen keinen echten Dialog geben, so lange nicht auch die gemeinsamen geschichtlichen Hintergr\u00fcnde problematisiert werden. Diese Hintergr\u00fcnde haben f\u00fcr Afrikaner bis heute traumatisierenden Charakter, weshalb sie dar\u00fcber nicht &quot;objektiv&quot; reden zu k\u00f6nnen scheinen. nAber woher nehmen die Europ\u00e4er ihren Anspruch auf Objektivit\u00e4t, da auch sie, wenngleich auf andere Weise, von der gemeinsamen Geschichte betroffen sind? Und umgekehrt: woher soll der fremde Blick auf den Anspruch der Wei\u00dfen, die Welt zu beherrschen, auf die Geschichte Europas, auf die Beziehungen Europas zu Afrika, auf die Gesellschaften Europas kommen, wenn nicht von jenen, deren &quot;Betroffenheit&quot; von alledem jeder &quot;Objektivit\u00e4t&quot; im Wege zu stehen scheint?n<br \/> <b>Der fremde Blick<\/b> <br \/> Der &quot;fremde Blick&quot; gilt meistens nur so lange als relevant, wie Europ\u00e4er sich dadurch erm\u00e4chtigt sehen, andere V\u00f6lker sowie deren Gesellschaftssysteme zu untersuchen. Oft wird das Argument des fremden Blicks ins Spiel gebracht, um die Interpretation der afrikanischen Wirklichkeit durch Afrikaner zur\u00fcckzuweisen und die Erforschung derselben durch Europ\u00e4er zu begr\u00fcnden. Weil europ\u00e4ische Forscher seit Jahrhunderten ungest\u00f6rt die Welt unter ihre Lupe nehmen d\u00fcrfen, ist es f\u00fcr sie zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden, nicht nur f\u00fcr die anderen zu sprechen, sondern auch die Wahrheit \u00fcber die anderen sagen zu wollen. <br \/> Warum st\u00f6rt es keinen, dass die Aufgabe von Afrikanern in der sozialwissenschaftlichen Kooperation oft darauf beschr\u00e4nkt wird, Spezialwissen \u00fcber ihre jeweiligen &quot;St\u00e4mme&quot; beizusteuern? Afrikaner gelten als gute Partner nur so lange, wie sie den Europ\u00e4ern die Ebene des Allgemeinen \u00fcberlassen. Und umgekehrt wundert sich kaum jemand dar\u00fcber, dass es keine afrikanischen Studien \u00fcber europ\u00e4ische Gesellschaftssysteme oder \u00fcber europ\u00e4ische gesellschaftliche Probleme gibt. Inwiefern die Sonderforschungsbereiche sich dieser Tradition entziehen, sei dahin gestellt. Obwohl es z.B. im SFB 520 der Universit\u00e4t Hamburg Bem\u00fchungen gibt, so genannte postkoloniale Theorieans\u00e4tze zu reflektieren, f\u00e4llt auf, dass noch keine allgemeine Sensibilit\u00e4t daf\u00fcr entwickelt worden ist, inwieweit die T\u00e4tigkeiten dieses SFB strukturell mehr eine Fortf\u00fchrung des kolonialen Blickes auf Afrika betreiben als einen Bruch mit ihm herbeizuf\u00fchren. nZumeist wird nur jener afrikanische Wissenschaftler ernst genommen, der grunds\u00e4tzlich weder die Position noch die Vorhaben des europ\u00e4ischen Partners in Frage stellt, d.h. jener, der nolens volens best\u00e4tigt oder sich daf\u00fcr instrumentalisieren l\u00e4sst, dass Afrika und Afrikaner weiterhin als experimentelles Feld genutzt werden, aus dem Erkenntnisse gewonnen werden, die nicht Afrika und den Afrikanern, sondern Europa und den Europ\u00e4ern von Nutze sind. Will er stattdessen etwa seinen Blick als Fremder auf die Mechanismen der Exklusion und andere blinde Flecken der hiesigen Gesellschaft richten oder will er zeigen, dass Europa Afrika keine Lektion zu erteilen hat, so l\u00e4uft er Gefahr, vom weiteren Diskurs ausgeschlossen oder einfach ignoriert zu werden. n<b>Wissenschaft oder Ideologie?<\/b> <br \/> Welche Schlussfolgerungen sind daraus f\u00fcr die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Afrikanern und Europ\u00e4ern zu ziehen? Wissenschaftskooperation mit Afrikanern kann bedeuten, dass man eine afrikanische Einsicht zu Tage f\u00f6rdern will, doch dies bedeutet nicht automatisch ein Einbeziehen des fremden Blickes. Vielmehr entsteht mit einem solchen Bem\u00fchen die Gefahr, dass zwar die Differenz zur Sprache gebracht wird, ohne zugleich die M\u00f6glichkeit zu er\u00f6ffnen, die unterschiedlichen Einsichten aufeinander zu beziehen. Man kann kaum auf die \u00dcberwindung dieser Differenz hoffen, solange es noch keine Basis f\u00fcr den wechselseitigen Blick von Europ\u00e4ern und Afrikanern gibt. So besteht die wichtigste Herausforderung f\u00fcr interkulturelle Zusammenarbeit darin, zun\u00e4chst Hindernisse eines wechselseitigen Austausches zu untersuchen und zu deren Abbau beizutragen &quot; wohl wissend, dass es in erster Linie darum gehen wird, solche Mechanismen zu dekonstruieren, die dazu beitragen, Afrikaner aus der Sph\u00e4re des wissenschaftlichen Diskurses auszuschlie\u00dfen. nEin anderer Schluss f\u00fchrt uns auf die in der Wissenschaft wirksamen Interessen zur\u00fcck. Da die Welt eine sprachliche Konstruktion darstellt, kann nur derjenige genauer bestimmen, wie sie ist und wie sie verbessert werden muss, der \u00fcber die erforderliche Sprachmacht verf\u00fcgt. W\u00e4hrend selbstbewusste afrikanische Wissenschaftler daran interessiert sind, selbst diskursiv \u00fcber ihre Welt zu bestimmen, haben europ\u00e4ische Kollegen, bewusst oder unbewusst, Interesse an einer Fortsetzung der Unterordnung Afrikas unter ihre Kategorien, um die eigene Karriere als &quot;Afrika-Experte&quot; fortsetzen zu k\u00f6nnen. Eine Zusammenarbeit zwischen Afrikanern und Europ\u00e4ern, die den Eigennutz der Beteiligten ausblendet, leugnet die Tatsache, dass hierbei individuelle und kollektive Interessen im Spiel sind. Diese Interessen, die zugleich materieller und wissenschaftlicher Art sind, machen aus der Wissenschaft eine gesellschaftsgebundene Praxis. Nur auf der Basis der Anerkennung dieser Eingebundenheit von Wissenschaft in eine kulturelle Praxis ist eine interkulturelle Diskussion fruchtbar. nDies bedeutet, dass die Praxis der Interdisziplinarit\u00e4t allein nicht schon eine sachgerechte Deutung der afrikanischen Angelegenheiten erm\u00f6glicht. Die beteiligten Fachrichtungen operieren meist auf der Basis desselben Paradigmas, von dem man sich nur schwer befreien und kaum \u00fcber die eigenen kulturellen Grenzen hinausgelangen kann. Die Schwierigkeit, ein gemeinsames Referenzobjekt der Diskussion zwischen afrikanischen und deutschen Wissenschaftlern zu finden, ist auch auf eine Paradigmendifferenz zur\u00fcckzuf\u00fchren. Wo letztere eine (k\u00fcnstliche) Trennung zwischen der wissenschaftlichen und der politischen Ebene intellektueller Debatten pflegen, begreifen erstere wissenschaftliche Auseinandersetzungen als Instrument des politischen Engagements. nWissenschaft oder Ideologie? Wer hier solche Fragen stellt, vergisst, dass wissenschaftliche Vorhaben sich stets mit Hilfe nicht-wissenschaftlicher Gr\u00fcnde rechtfertigen. nMichel Foaleng ist promovierter Erziehungswissenschaftler und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 520 &quot;Umbr\u00fcche in afrikanischen Gesellschaften&quot; an der Universit\u00e4t Hamburg. Er hat in Yaound\u00e9, Karlsruhe und Br\u00fcssel studiert und u.a. die Studie &quot;\u00dcber die Logik der Unterentwicklung&quot; (Frankfurt\/Main 1999) ver\u00f6ffentlicht. Demn\u00e4chst erscheint sein Buch &quot;Schulreform in einer postkolonialen Gesellschaft und Nord-S\u00fcd-Kooperation&quot; (M\u00fcnster 2003). nMit freundlicher genehmigung von: <br \/> Quelle: epd-Entwicklungspolitik 5\/2003 <br \/> n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hindernisse in der Zusammenarbeit zwischen deutschen und afrikanischen Wissenschaftlern. 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