{"id":697,"date":"2018-04-11T12:44:00","date_gmt":"2018-04-11T10:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/alles-nur-geklaut\/"},"modified":"2023-10-06T11:19:39","modified_gmt":"2023-10-06T09:19:39","slug":"alles-nur-geklaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/fr\/alles-nur-geklaut\/","title":{"rendered":"Alles nur geklaut"},"content":{"rendered":"<p><b>Abertausende aus den ehemals deutschen Kolonien entwendete Kulturobjekte und Gebeine lagern noch in deutschen Museen und Sammlungen. Eine R\u00fcckgabe versucht die deutsche Politik zu vermeiden.<\/b>n<i>Von Uta von Schrenk<\/i>nWas f\u00fcr ein sch\u00f6nes St\u00fcck ist ihm da in die H\u00e4nde \u00adgeraten! Freudig erregt schreibt der Sammler Max Buchner 1884 die Umst\u00e4nde in sein Tagebuch, unter denen er an eine reich verzierte Schnitzerei gekommen ist, die er von Kamerun nach M\u00fcnchen verschiffen lassen will. Diese hat einst den Bug eines k\u00f6niglichen Prunkschiffes \u00adgeschm\u00fcckt. Doch der Besitzer der Schnitzerei, der Douala-K\u00f6nig Lock Priso, will sich nicht unter die &quot;Schutzherrschaft&quot; des Deutschen Reiches stellen. Also werden die deutschen Truppen rabiat: &quot;Das Haus des Lock Priso wird niedergerissen, ein bewegtes malerisches Bild&quot;, schw\u00e4rmt Buchner, Vizekonsul und Hobbyethnologe: &quot;Wir z\u00fcnden an. Ich habe mir aber ausgebeten, dass ich die einzelnen H\u00e4user vorher auf ethnographische Merkw\u00fcrdigkeiten durchsehen darf.&quot;nDie &quot;Merkw\u00fcrdigkeit&quot;, die Buchner damals entwendet hat, ist heute als Kameruner Schiffschnabel im Museum F\u00fcnf Kon\u00adtinente, dem ehemaligen V\u00f6lkerkundemuseum M\u00fcnchen, zu \u00adbewundern.nDas Problem ist, er ist immer noch da. Dabei hat einer der rechtm\u00e4\u00dfigen Kameruner Erben den Schiffschnabel l\u00e4ngst zur\u00fcckgefordert. Doch die deutsche Politik mauert \u2013 wie in anderen \u00e4hnlichen F\u00e4llen auch. Und so stehen immer wieder R\u00fcck\u00adgabeforderungen bedeutender Kulturg\u00fcter und menschlicher \u00dcberreste aus ehemals deutschen Kolonien im Raum. Die prominentesten der j\u00fcngsten Zeit sind die der Bronzen des ehemaligen K\u00f6nigreichs Benin in Nigeria oder des Brachiosaurus brancai aus Tansania. Derzeit liegen dem Ausw\u00e4rtigen Amt offizielle Forderungen aus Namibia vor \u2013 zu Gebeinen in verschiedenen deutschen Einrichtungen, der Witbooi-Bibel im Linden-Museum Stuttgart sowie zur Kreuzkaps\u00e4ule im Deutschen Historischen Museum Berlin.nAls &quot;\u00e4u\u00dferst sensibel&quot; bezeichnet Stefan Eisenhofer, Leiter der Afrika-Abteilung des Museums F\u00fcnf Kontinente und damit der H\u00fcter des Schiffschnabels, den M\u00fcnchener R\u00fcckgabefall. Schlie\u00dflich sei das gesamte Gebiet der Restitutionsforderungen &quot;juristisch vermint&quot;. Zu gro\u00df sei die Angst, Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle zu schaffen.nDie Angst kommt nicht von ungef\u00e4hr: Abertausende in \u00adAfrika, China oder dem pazifischen Raum entwendete Kultur\u00adobjekte lagern heute in deutschen Museen und Sammlungen. Selbst menschliche \u00dcberreste brachten die deutschen Kolonialherren ihren Rasseforschern daheim tausendfach mit. Rund 5.500 Sch\u00e4del aus aller Welt, ein Gro\u00dfteil von ihnen aus den ehemals deutschen Kolonien, umfasst allein die Berliner Luschan-Sammlung.nNun ger\u00e4t die deutsche Politik durch einen Vorsto\u00df des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Emmanuel Macron unter Zugzwang. Dieser hatte auf dem EU-Afrikagipfel Ende November 2017 seinen Willen bekundet, &quot;dass innerhalb der n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre die Voraussetzungen f\u00fcr zeitweilige oder endg\u00fcltige Restitutionen des afrikanischen Erbes an Afrika geschaffen werden&quot;. Prompt forderten vierzig deutsche NGOs Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief auf, &quot;sich zur historischen Initiative des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten zu positionieren&quot;.nF\u00fcr den Menschenrechtsaktivisten \u00adMnyaka Sururu Mboro von der NGO Berlin Postkolonial, der den Brief mit verfasst hat, haben R\u00fcckgabeangebote nun oberste Priorit\u00e4t. &quot;Die Objekte und die Ahnen der zumeist bekannten Herkunftsgesellschaften d\u00fcrfen nur dann in den Sammlungen verbleiben, wenn diese ausdr\u00fccklich zustimmen.&quot; Nach dem jahrzehntelangen Tauziehen um die R\u00fcckgabe nationalsozialistischer Raubkunst steht in Deutschland damit die n\u00e4chste schuldbeladene historische Debatte an.nTreibmittel der Auseinandersetzung ist auch die ungl\u00fcckliche Genese des Humboldt-Forums in Berlin, des k\u00fcnftigen deutschen Kulturzentrums. Nicht nur postkoloniale Initiativen, auch renommierte Wissenschaftler wie die Berliner Kunsthistorikerin B\u00e9n\u00e9dicte Savoy kritisieren den unsensiblen Umgang mit der kolonialen F\u00fcllung, die ab Herbst 2019 am Berliner Schlossplatz zu sehen sein soll. Die Sammlung umfasst dann immerhin 25.000 Objekte des Ethnologischen Museums und des Museums f\u00fcr Asiatische Kunst.nDoch von einer eleganten politischen Geste wie der Frankreichs ist hierzulande nichts wahrzunehmen. Die deutsche Politik verharrt lieber in bew\u00e4hrter Haltung: dem Aussitzen. Zwar begr\u00fc\u00dft Kulturstaatsministerin Monika Gr\u00fctters (CDU) offiziell das Engagement Macrons und versichert, dass auch f\u00fcr die Bundesregierung ein angemessener Umgang mit dem kolonialen Erbe auf der Agenda stehe. Zugleich stellt sie aber f\u00fcr die deutsche Seite klar: &quot;R\u00fcckgaben sind nicht die einzige Option.&quot; Erforderlich sei vielmehr &quot;eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Herkunftsstaaten und -communities und ein Dialog auf Augenh\u00f6he&quot;.nAusgerechnet von Augenh\u00f6he k\u00f6nne nicht die Rede sein, kritisieren die postkolonialen Initiativen. &quot;Wenn die deutsche Seite einerseits den Willen zur R\u00fcckgabe in bestimmten Einzelf\u00e4llen beteuert, zugleich aber betont, keine Rechtspflicht zur R\u00fcckgabe anzuerkennen, l\u00e4uft das darauf hinaus, dass koloniale Bilder von G\u00f6nnern und Bittstellern reproduziert werden&quot;, sagt Wolfgang Kaleck, Generalsekret\u00e4r des European Center for Constitutional and Human Rights.nDie Kritiker des deutschen Umgangs mit dem kolonialen Erbe werfen der Kulturstaatsministerin &quot;Verz\u00f6gerungstaktik&quot; vor, wie Aktivist Mboro sagt. Ministerin Gr\u00fctters betont n\u00e4mlich, dass zun\u00e4chst eine profunde Forschung zur Provenienz, also zur Herkunft der Objekte betrieben werden m\u00fcsse.nWiebke Ahrndt, Direktorin des \u00dcbersee-Museums Bremen, r\u00e4umt ein, bundesweit st\u00fcnden insbesondere Historiker und Ethnologen vor einer &quot;immensen&quot; Forschungsaufgabe. &quot;Die kolonialen Sammlungen sind extrem umfangreich, und f\u00fcr die wenigsten ist die Provenienz bisher zufriedenstellend gekl\u00e4rt.&quot; Die schlichte Wahrheit: Man hat sich bislang nicht gro\u00df darum gek\u00fcmmert. Unter Ahrndts Leitung erarbeitet nun eine Arbeitsgruppe beim Deutschen Museumsbund Empfehlungen zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten.nWas dem laxen Umgang zugrunde liegt, erkl\u00e4rt J\u00fcrgen Zimmerer, Professor f\u00fcr die Geschichte Afrikas an der Universit\u00e4t Hamburg: &quot;In der deutschen Gesellschaft wie in den deutschen Museen findet sich bis heute in Teilen eine koloniale Amnesie.&quot; Die Dimension des Holocausts l\u00e4sst die koloniale Schuld in den Hintergrund r\u00fccken. &quot;Bei vielen herrscht die Meinung vor, dass der Kolonialismus entweder nicht so schlimm oder gar zum Wohle der betroffenen Menschen war&quot;, sagt Zimmerer, &quot;dabei war er ein Ausbeutungs- und Fremdherrschaftssystem, sowie ein Massenraubmord ungeahnten Ausma\u00dfes&quot;.nWie gewaltig einem die ungekl\u00e4rten \u00adEigentumsverh\u00e4ltnisse kolonialer Kultur\u00adobjekte auf die F\u00fc\u00dfe fallen k\u00f6nnen, musste der Ethnologe und Historiker Stefan Eisenhofer lernen, als er die Obhut des Kameruner Schiffschnabels von seiner Vorg\u00e4ngerin \u00fcbernahm. Seit Mitte der neunziger Jahre ist n\u00e4mlich eine R\u00fcckgabeforderung des Douala-Prinzen Alexandre Kum\u2019a Ndumbe III. anh\u00e4ngig, ein Enkel von Lock Priso und damit einer der Erben des geraubten Statussymbols. Eisenhofer findet sich nun in einer Gemengelage aus bayerischer Besitzstandswahrung und kamerunischen Interessenskollisionen wieder.nWarum selbst in F\u00e4llen wie diesem, in dem die Herkunft \u00adgekl\u00e4rt ist, nichts vorangeht, liegt auch an der internationalen Rechtslage, die es der deutschen Politik leicht macht. In einem Leitfaden des Deutschen Museumsbundes hei\u00dft es, dass &quot;sich auf der Basis v\u00f6lkerrechtlicher Bestimmungen heute keine R\u00fcckforderungen mehr von den Herkunftsstaaten durchsetzen&quot; lassen. Das internationale Recht erteilt den einstigen Kolonialherren Absolution, macht aus R\u00e4ubern Besitzer.n&quot;Die Behauptung, durch koloniales Unrecht geschaffene \u00adBesitzverh\u00e4ltnisse seien durch das Recht legitimiert, darf auf keinen Fall fortgeschrieben werden&quot;, sagt Jurist Kaleck. Der Weltmuseumsbund etwa empfiehlt im Falle von &quot;sensiblen \u00adMaterialien&quot;, also Gebeinen oder sakralen Gegenst\u00e4nden, auf die Herkunftsgesellschaften &quot;proaktiv&quot; zuzugehen und ihnen eine R\u00fcckgabe anzubieten. Und aus Artikel 18 der Erkl\u00e4rung zu den Rechten Indigener V\u00f6lker der Vereinten Nationen k\u00f6nnen ethnische Gemeinschaften das Recht ableiten, sich bei Restitutionsforderungen selbst zu vertreten.nAus der Perspektive eines afrikanischen Experten ist dem deutschen Eiertanz um das koloniale Raubgut nur durch einen internationalen politischen Ansatz beizukommen. Denn die koloniale Lage etwa in britischen oder franz\u00f6sischen Museen sieht nicht anders aus. Der Historiker Ciraj Rassool, Direktor des Afrikanischen Programms f\u00fcr Museums- und Kulturerbeforschung an der Western Cape-Universit\u00e4t in S\u00fcdafrika, bef\u00fcrwortet ein \u00dcbereinkommen der UNESCO, das etwa die R\u00fcckgabe menschlicher \u00dcberreste regelt. Doch bislang reicht es nicht einmal zu \u00adeiner internationalen \u00dcbereinkunft, wie sie im Umgang mit der NS-Raubkunst getroffen wurde. Mit der &quot;Washingtoner Erkl\u00e4rung&quot; verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten zur Restitution von im Nationalsozialismus enteigneten Kunstgegenst\u00e4nden.nDerweil ist Stefan Eisenhofer, der H\u00fcter des Kameruner Schiffschnabels in M\u00fcnchen, schon froh, dass seit einem Treffen mit dem Kameruner Prinzen im Mai 2016 ein &quot;respektvoller Ton&quot; in die R\u00fcckgabeverhandlungen eingezogen ist. &quot;Wir wollen keine Raubkunst behalten&quot;, beteuert der Ethnologe f\u00fcr sein \u00adMuseum. Ob und wann der Schiffschnabel aber nach Kamerun heimkehren wird, ist fraglich. Bislang hat der kamerunische Staat n\u00e4mlich kein offizielles R\u00fcckgabegesuch gestellt. Also h\u00e4lt sich auch die deutsche Politik zur\u00fcck. Proaktiv geht anders.n<b>Quelle: Amnesty.de<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abertausende aus den ehemals deutschen Kolonien entwendete Kulturobjekte und Gebeine lagern noch in deutschen Museen und Sammlungen. 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