{"id":763,"date":"2014-10-24T12:11:00","date_gmt":"2014-10-24T10:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/frankreich-und-deutschland-verstehen-sich-noch-immer-als-weisse-laender-interview-von-rokhaya-diallo-im-tagesspiegel\/"},"modified":"2023-10-06T11:19:23","modified_gmt":"2023-10-06T09:19:23","slug":"frankreich-und-deutschland-verstehen-sich-noch-immer-als-weisse-laender-interview-von-rokhaya-diallo-im-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/fr\/frankreich-und-deutschland-verstehen-sich-noch-immer-als-weisse-laender-interview-von-rokhaya-diallo-im-tagesspiegel\/","title":{"rendered":"\u00ab\u00a0Frankreich und Deutschland verstehen sich noch immer als wei\u00dfe L\u00e4nder\u00a0\u00bb &#8211; Interview von Rokhaya Diallo im Tagesspiegel"},"content":{"rendered":"<p>Rokhaya Diallo ist TV-Journalistin, Regisseurin und Antirassismus-Aktivistin. Das Magazin Slate z\u00e4hlte sie letztes Jahr zu den 100 einflussreichsten Franz\u00f6sinnen. Der Tagesspiegel sprach in Berlin mit ihr, wo sie &quot;Les marches de la libert\u00e9&quot; vorstellte, ihre Dokumentation \u00fcber die erste Massendemonstration, die 1983 arabische und schwarze Franzosen f\u00fcr gleiche Rechte initiierten. von Andrea Dernbach und Albrecht Meier<\/p>\n<p>Tagesspegel: Vor mehr als 30 Jahren brachte der \u201eMarsch gegen Rassismus und f\u00fcr Gleichheit\u201c, sp\u00e4ter \u201eMarche des beurs\u201c genannt, in Frankreich Zehntausende Menschen auf die Stra\u00dfe. Hat er etwas ver\u00e4ndert? <\/p>\n<p>RD: Er hat sicher die Wahrnehmung ver\u00e4ndert. Neue und nicht nur wei\u00dfe Gesichter wurden sichtbar und es wurde auch klar, dass diese Leute nicht irgendwann nach Afrika und in den Maghreb zur\u00fcckkehren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Inzwischen haben wir schwarze und arabische Ministerinnen und rassistische Taten bleiben, anders als vor drei Jahrzehnten, nicht mehr folgenlos. Aber viele Forderungen von damals sind nicht erf\u00fcllt. Und der Marsch ist fast vergessen, nicht nur unter wei\u00dfen Franzosen. Dabei g\u00e4be es auch heute viele Gr\u00fcnde zu marschieren.&nbsp;&nbsp; <\/p>\n<p>Tagesspegel: Woran denken Sie vor allem?<\/p>\n<p>RD: Damals wie heute kommen junge Leute durch \u00dcbergriffe der Polizei ums Leben. Deren Kontrollen nach Rasse-Gesichtspunkten sind ein wesentlicher Punkt. Francois Hollande wollte diese Praktiken abschaffen, aber Manuel Valls, zun\u00e4chst Innenminister und heute Premier, war dagegen. Ein anderes Thema ist das Ausl\u00e4nderwahlrecht. Schon Mitterrand hatte es damals versprochen, doch es ist bis heute nicht verwirklicht. <\/p>\n<p>Tagesspegel: Ist Frankreichs Polizei ausreichend ethnisch gemischt?<\/p>\n<p>RD: Es gibt inzwischen auch maghrebinische Polizisten, aber sie sind immer noch eine Minderheit. Das Problem der Polizei, die in den Banlieues eingesetzt wird, ist aber auch, dass sie von au\u00dferhalb kommen und dass sie meist sehr jung sind. Sie geraten unerfahren an Nachbarschaften, die sie nicht verstehen und die sie geradezu als Feinde ansehen. Das ist nicht einfach Rassismus.<\/p>\n<p>Tagesspegel: Frankreich wird aktuell sozialistisch regiert. Hat das Folgen f\u00fcr den Umgang mit ethnischer Vielfalt?<\/p>\n<p>RD: Im PS, der Sozialistischen Partei, gibt es nicht einmal eine Debatte dar\u00fcber, nicht \u00fcber Rassismus, nicht \u00fcber Islamophobie. Dabei hielten wir die Partei immer f\u00fcr unsere nat\u00fcrliche Verb\u00fcndete. Doch es gibt keine Verb\u00fcndeten, man k\u00f6nnte von einem Verrat der Linken sprechen. Schon der Protest vor drei\u00dfig Jahren wurde vom PS enteignet, kolonisiert. Das war relativ einfach, weil die Leute, die damals aktiv wurden, wenig politische Erfahrung hatten. Aus dem Protest wurde die PS-Erfindung \u201eSOS Rassismus\u201c \u2026 <\/p>\n<p>Tagesspegel: \u2026 mit dem Slogan \u201eR\u00fchr meinen Kumpel\u201c nicht an, der auch nach Deutschland exportiert wurde.<\/p>\n<p>RD: \u2026 und seine Themen wurden moralisiert: Rassismus galt als etwas Schlimmes, aber als eine Art pers\u00f6nlicher Verfehlung. Dabei ist er systemisch und muss auch im System bek\u00e4mpft werden. Man muss sagen: In der Justiz und der Wohnungspolitik gab es Erfolge. Aber in der Polizei zum Beispiel ist alles beim alten geblieben. <\/p>\n<p>Tagesspegel: Und die Wahlbeteiligung nichtwei\u00dfer Franzosen sinkt und sinkt.<\/p>\n<p>RD: Es gibt eben keine Partei, die ihre Interessen vertritt.<\/p>\n<p>Tagesspegel: Sie selbst w\u00fcrden sich in keiner engagieren?<\/p>\n<p>RD: Ich bin in keiner Mitglied, aber ich stehe \u201eNouvelle Donne\u201c nahe, die die Linke an ihr eigenes politisches Erbe erinnert.<\/p>\n<p>Tagesspegel: Bei der Europawahl haben besonders wenige Franzosen abgestimmt.<\/p>\n<p>RD: Und am wenigsten in den armen Wahlkreisen. Ich denke, vielen Leuten erscheint Europa noch immer zu abstrakt und zu fern.<\/p>\n<p>Tagesspegel: Einen Durchbruch hat diese Europawahl aber f\u00fcr den rechten Front National bedeutet. Rechnen Sie mit etwas \u00c4hnlichem f\u00fcr die&nbsp; Pr\u00e4sidentschaftswahl 2017?<\/p>\n<p>RD: Ich f\u00fcrchte, die FN-Vorsitzende Marine Le Pen wird es dann in die Stichwahl schaffen. Ihr Anti-Eliten-Programm verf\u00e4ngt, \u00fcbrigens gerade bei den Jungen. Ungl\u00fccklicherweise kommen sehr viele junge Leute, die heute in Frankreich in die Politik gehen, aus dem FN.<\/p>\n<p>Tagesspegel: Warum geben so B\u00fcrger, die doch in die multikulturelle Gesellscahft hineingewachsen sind, einer rassistischen Partei ihre Stimme?<\/p>\n<p>RD: Der Grund ist Angst. Darunter sind viele ohne Berufsabschluss, die sich abgeh\u00e4ngt sehen und den Eindruck haben, dass nicht ihnen, sondern den Banlieues geholfen wird. Aber sie sind eben auch noch mit dem Mythos eines gro\u00dfen und m\u00e4chtigen Frankreich aufgewachsen. Das gibt es nicht mehr und das wird als Verlust erlebt.<\/p>\n<p>Tagesspegel: In den K\u00f6pfen ist jenes Frankreich \u201eblack, blanc, beur\u201c, das Blau-wei\u00df-rot erg\u00e4nzen sollte, noch nicht da?&nbsp; <\/p>\n<p>RD: In der Realit\u00e4t sind wir sehr dicht dran. Auch dass Leute wie ich inzwischen eine Rolle in den Medien haben, zeigt das. Aber daher kommt ja die Aggression. Und man muss sagen, dass sie von den Eliten ausgeht, die immer noch sehr wei\u00df sind \u2013 und auch sehr m\u00e4nnlich. Sie sind die, die den Multikulturalismus bremsen. Wer Geld hat, will keine Vermischung.<\/p>\n<p>Tagesspegel: Ist das irgendwo in Europa anders?<\/p>\n<p>RD: Die Briten jedenfalls setzen sich \u2013 anders als wir &#8211; mit ihrer neuen Vielfalt auseinander. An den Universit\u00e4ten wird dazu massiv geforscht und Brutalit\u00e4t und struktureller Rassismus in der Polizei wurden dort schon in den 1980er Jahren zum Thema. Inzwischen wandern junge afrikanische oder maghrebinische Franzosen nach England aus, weil sie dort arbeiten k\u00f6nnen, ohne diskriminiert zu werden.&nbsp; Frankreich wie das Vereinigte K\u00f6nigreich sind beides postkoloniale L\u00e4nder. W\u00e4hrend aber Gro\u00dfbritannien sich als multikulturell akzeptiert hat, verstehen sich Frankreich \u2013 und mir scheint, auch Deutschland, man sah es in der Sarrazin-Debatte \u2013 noch immer als wei\u00dfe L\u00e4nder. Das l\u00e4sst sich an der Kultur ablesen. Die Eliten sind wei\u00df \u2013 auch die Medien, bis hin zur linken \u201eLib\u00e9ration\u201c &#8211; aber auch Theater und Kino. Vergleichen Sie britische Fernsehserien mit unserer Filmproduktion!<\/p>\n<p>Tagesspegel: Nennen Sie ein Beispiel?<\/p>\n<p>RD: Vor kurzem habe ich den Film \u201eSous les jupes des filles\u201c gesehen, international unter \u201eFrench women\u201c (Franz\u00f6sinnen) im Kino. Es geht um elf junge Pariserinnen, aber ich habe mein Paris nicht wiedererkannt: Alle waren wei\u00df. Wenn man Paris kennt \u2013 wie kann man Pariserinnen nur so wei\u00df darstellen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rokhaya Diallo ist TV-Journalistin, Regisseurin und Antirassismus-Aktivistin. 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