{"id":903,"date":"2013-10-15T10:02:00","date_gmt":"2013-10-15T08:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.africavenir.com\/antwort-der-kampagne-no-humboldt-21-auf-den-offenen-brief-von-frank-holl-kurator-und-alexander-von-humboldt-biograph-vom-22-juli-2013\/"},"modified":"2023-10-06T11:30:28","modified_gmt":"2023-10-06T09:30:28","slug":"antwort-der-kampagne-no-humboldt-21-auf-den-offenen-brief-von-frank-holl-kurator-und-alexander-von-humboldt-biograph-vom-22-juli-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.africavenir.org\/fr\/antwort-der-kampagne-no-humboldt-21-auf-den-offenen-brief-von-frank-holl-kurator-und-alexander-von-humboldt-biograph-vom-22-juli-2013\/","title":{"rendered":"Antwort der Kampagne &lsquo;No Humboldt 21!&rsquo; auf den Offenen Brief von Frank Holl (Kurator und Alexander von Humboldt-Biograph) vom 22. Juli 2013"},"content":{"rendered":"<p>Stellungnahme der Kampagne &lsquo;No Humboldt 21!&rsquo; zu dem<b> Offenen Brief<\/b> des langj\u00e4hrigen Kurators und Humboldt-Biografen <b>Frank Holl<\/b> vom 22. Juli 2013, der auch auf der Informationsplattform <link http:\/\/www.avhumboldt.de\/?p=9008 - - \"Opens external link in new window\">www.avhumboldt.de<\/link> ver\u00f6ffentlicht worden ist:n&nbsp;<i>\u201eAlexander von Humboldt \u2013 Ein Repr\u00e4sentant des europ\u00e4ischen Kolonialismus?\u201c <\/i>nBerlin, 10.10.2013n<br \/>Sehr geehrter Herr Holl,nhaben Sie Dank f\u00fcr Ihren Offenen Brief zu Alexander von Humboldt. Wir wissen es zu sch\u00e4tzen, dass Sie als ausgewiesener Spezialist ausf\u00fchrlich auf unsere Kritik an einem der beiden Namensgeber des Humboldt-Forums eingehen. Auch wenn die Humboldt-Kritik nur einen Aspekt unserer umfassenden und grunds\u00e4tzlichen Infragestellung des Gesamtprojekts darstellt, halten wir diese Debatte f\u00fcr wichtig. Denn Humboldts Name steht ja f\u00fcr den Geist des Ganzen und ist insofern mit allen anderen Aspekten des Kulturprojekts eng verbunden.n<br \/>Zur Begr\u00fcndung unserer Ablehnung Alexander von Humboldts haben wir in unserer Kampagnenresolution angef\u00fchrt, dass sich Preu\u00dfens Vorzeige-Wissenschaftler mit seiner mehrj\u00e4hrigen Forschungsreise bewusst und ma\u00dfgeblich an der Kolonisierung Lateinamerikas beteiligt hat. Sie beurteilen das anders \u2013 und gehen auf die konkreten Umst\u00e4nde seiner Reise nicht weiter ein. Als w\u00e4re Alexander von Humboldt als Tourist unterwegs gewesen, schreiben Sie:<i> \u201eZwischen 1799 und 1804 bereiste er die spanischen Kolonien in Lateinamerika\u201c<\/i>. Zudem halten Sie uns eine ganze Reihe von Humboldt-Zitaten und die Meinung der portugiesischen Kolonialverwaltung entgegen, die seine antikoloniale Haltung und seinen Respekt gegen\u00fcber der kolonisierten Bev\u00f6lkerung belegen sollen.n<br \/>Wir sind dem Verweis auf Ihre eigenen Aufs\u00e4tze zum Thema gefolgt und meinen, dass Ihre eigenen Artikel keinerlei Zweifel am kolonialen Kontext der Forschungsreise lassen. Dort hei\u00dft es:<br \/><i><br \/>\u2026 zum einen erhielt Humboldt am spanischen Hof von K\u00f6nig Karl IV. die unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr die Durchf\u00fchrung seiner Reise: die Erlaubnis, die spanischen Kolonien frei und unbeaufsichtigt erforschen zu d\u00fcrfen. \u201dNie war einem Reisenden eine umfassendere Erlaubnis zugestanden worden, nie hatte die spanische Regierung einem Fremden gr\u00f6\u00dferes Vertrauen bewiesen\u201d schrieb er. Die spanische Krone erteilte dem Preu\u00dfen diese Legitimation allerdings nicht ohne Eigennutz, denn von dem ausgewiesenen Bergbauspezialisten erhoffte man sich beispielsweise Hinweise auf die bessere Nutzung der zahlreichen Bergwerke. [1]<\/i><br \/>Die weitgehende \u00dcbereinstimmung der Interessen Humboldts und derjenigen der spanischen Kolonialmacht f\u00fchrte nicht nur dazu, dass sich der Forscher in den Kolonien frei bewegen konnte. Humboldts Untersuchungen wurden vom Kolonialregime auch nach Kr\u00e4ften unterst\u00fctzt:n<i>Denn die Vizek\u00f6nige, Generalkapitane, Gouverneure und Beamten der spanischen Kolonien waren nicht nur verpflichtet, ihm bei der Durchf\u00fchrung der eigentlichen Reise zu helfen, sie \u00f6ffneten auch die T\u00fcren zu den Sammlungen und Archiven. Die Kolonialverwaltung war Helfer und Informationsquelle. [2]<br \/><\/i>Eine Grundvoraussetzung f\u00fcr dieses bereitwillige Entgegenkommen der spanischen Kolonialbeh\u00f6rden war, dass Humboldt seine Reise selbst finanzierte, sich mit seinen eher liberalen politischen Vorstellungen zur\u00fcckhielt und das Sklavenhalter-Regime nicht \u00f6ffentlich an den Pranger stellte:<br \/><i>Zu dieser Art des Reisens geh\u00f6rte es, Konflikte zu vermeiden und sich mit offener Kritik an den herrschenden politischen Zust\u00e4nden, vor allem an der Missachtung der Menschenrechte, zur\u00fcckzuhalten. Sein Pass mit dem Siegel des spanischen K\u00f6nigs verpflichtete ihn nach au\u00dfen zur Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber der spanischen Krone und deren Repr\u00e4sentanten. [3]<br \/><\/i>Doch dies war nicht alles, was die spanische Krone f\u00fcr ihre keineswegs uneigenn\u00fctzige Hilfsbereitschaft erwartete. Humboldt musste die Ergebnisse seiner Forschungen, die f\u00fcr die effektive Beherrschung und Ausbeutung der von ihm \u201ebereisten\u201c Gebiete von Bedeutung sein konnten, den Beh\u00f6rden zeitnah \u2013 das hei\u00dft lange vor ihrer Ver\u00f6ffentlichung \u2013 zur Verf\u00fcgung stellen. Es ist nicht \u00fcberliefert, dass ihm diese Unterst\u00fctzung des spanischen Kolonialregimes Gewissensbisse bereitet h\u00e4tte. Im Gegenteil: In seiner Reise nach S\u00fcdamerika verweist er sogar mit einem gewissen Stolz auf seine Forschungen im Dienste der Kolonialmacht:<br \/><i>Ich \u00fcbergab w\u00e4hrend meines Aufenthalts in Amerika den Statthaltern der Provinzen Abschriften des von mir gesammelten Materials \u00fcber die Geographie und Statistik der Kolonien, das dem Mutterlande von einigem Nutzen sein konnte. [4]<br \/><\/i>In diesem Zusammenhang davon zu sprechen, dass \u201eHumboldts Reise nicht einer bestimmten europ\u00e4ischen Nation, sondern, mit dessen eigenen Worten,\u201adem Fortschritt der Naturwissenschaften\u2019\u201d [5] gedient h\u00e4tte, f\u00fchrt in die Irre und sitzt Humboldtscher Universal-Rhetorik auf. Die Produktion von Herrschaftswissen wird dabei in einen selbstlosen Beitrag zum Nutzen der gesamten Menschheit umgedeutet. Ungeachtet der sp\u00e4teren Ver\u00f6ffentlichung eines Teils seiner Forschungsergebnisse in Ausgaben, die auch nur f\u00fcr Wohlhabende und europ\u00e4isch Gebildete zug\u00e4nglich waren, hatten Humboldts Erhebungen aber vor allem f\u00fcr diejenigen einen konkreten Wert, die \u00fcber den direkten Zugriff auf die nat\u00fcrlichen und gesellschaftlichen Ressourcen der Kolonisierten verf\u00fcgten.<br \/>Nur weil diese Macht schon bald nach Humboldts Reisen den H\u00e4nden des spanischen K\u00f6nigshauses entglitt und schlie\u00dflich den nun unabh\u00e4ngigen Kolonisten vor Ort zufiel, waren es schlie\u00dflich die neuen Herren des Landes, die von Humboldts Untersuchungen am st\u00e4rksten profitierten. Es war diese Elite, die den Forscher Humboldt \u2013 in demonstrativer Abkehr von den spanischen Konquistadoren \u2013 schlie\u00dflich als \u201ewahren Entdecker der Neuen Welt\u201c feierte und ihm zahlreiche Denkm\u00e4ler setzte. Doch die bolivianische Soziologin Silvia Rivera Cusicanqui hat uns vor einiger Zeit erneut daran erinnert, dass diese Elite nicht zu verwechseln ist mit den bis heute diskriminierten Nachfahren der Kolonisierten:<br \/><i>(\u2026) today, in the middle of the richest neighbourhood of La Paz, stands a monument in honour of Humboldt. This gives us an idea of what he means for the upper classes. It reminds us some common misinterpretations about Humboldt\u2018s legacy in Latinamerica. For example, Mary Louise Pratt thinks that he is in the \u201econtact zone\u201c, that there is a middle ground between Europe and the native cultures. But the people who are living around that statue in today\u2019s La Paz are not in the middle, they are Euro-Bolivians. People who think \u2013 as much as Humboldt did \u2013 that the Indians are one more species of the natural world and that they have to be objecti\ufb01ed, rei\ufb01ed and put into museums as remnants of a lost past. Therefore this statue is very representative for present day interests and for those of the people who collected the money for building it in the 1960ies (\u2026) [6]<br \/><\/i>Bezeichnend f\u00fcr Humboldts hier angesprochene Geringsch\u00e4tzung Indigener, die er bei Gelegenheit auch als \u201eWilde\u201c, \u201eHorden\u201c und \u201ehalbbarbarische V\u00f6lker\u201c bezeichnete, ist seine \u201eSammlung\u201c und Verschiffung menschlicher \u00dcberreste zu anthropologisch-rassekundlichen Forschungszwecken. Sie leugnen diesen Umstand nicht, betonen aber, dass es sich dabei nicht um \u201eIndianerleichen\u201c sondern lediglich um \u201eIndianerskelette\u201c gehandelt h\u00e4tte.<br \/>Dieser ethisch fragw\u00fcrdigen Differenzierung, die eine Verdinglichung der \u00dcberreste indigener Menschen vornimmt, steht die Ansicht derer entgegen, welche Tote als Menschen, Angeh\u00f6rige, Ahnen betrachten. Wie Humboldt selbst berichtet, gab es erheblichen Widerstand, als seine Pl\u00fcnderung einer Grabst\u00e4tte ruchbar wurde:<br \/><i>Wir nahmen aus der H\u00f6hle von Ataruipe mehrere Sch\u00e4del, das Skelett eines Kindes von sechs bis sieben Jahren und die Skelette zweier Erwachsener von der Nation der Atures mit. (\u2026) Sie machten fast eine ganze Maultierladung aus, und da uns der abergl\u00e4ubische Widerwillen der Indianer gegen einmal beigesetzte Leichen wohlbekannt war, hatten wir die K\u00f6rbe in frisch geflochtene Matten einwickeln lassen. Bei dem Sp\u00fcrsinn der Indianer und ihrem feinen Geruch half aber die Vorsicht leider nichts. (\u2026) Kaum (\u2026) hatten die guten Leute unser Gep\u00e4ck anger\u00fchrt, so prophezeiten sie, dass das Lasttier, \u201cdas den Toten trage\u201d zugrunde gehen werde. Umsonst versicherten wir, sie irrten sich, in den K\u00f6rben w\u00e4ren Krokodil- und Seekuhknochen; sie blieben dabei, (\u2026) und \u201cdas seien ihre alten Verwandten\u201d. [7]<\/i><br \/>Offenbar gingen die in Ihrem Schreiben zitierten Worte Alexander von Humboldts also Hand in Hand mit Forschungs- und Sammlungsmethoden, welche die W\u00fcrde des Menschen massiv verletzten. F\u00fcr Humboldt waren nicht alle Menschen gleich: Er hat sich freiwillig in den Dienst eines selbst in Europa ber\u00fcchtigten Unrechtregimes gestellt und er hat seine privilegierte Stellung innerhalb der kolonialen Hierarchie f\u00fcr kriminelle Handlungen genutzt, die ihm in Europa unm\u00f6glich gewesen w\u00e4ren. Humboldts Wissenschaft diente vor allem ihm selbst.<br \/>An einem der von Ihnen gew\u00e4hlten Humboldt-Zitate l\u00e4sst sich gut verdeutlichen, warum ein solcher Mann f\u00fcr unsere globalisierte Migrationsgesellschaft als Namens- und Ideengeber, als Vorbild und Identifikationsfigur ungeeignet ist:<br \/><i>Das Gl\u00fcck der Wei\u00dfen ist aufs Innigste mit der kupferfarbenen Rasse verbunden. Es wird in beiden Amerikas \u00fcberhaupt kein dauerndes Gl\u00fcck geben, als bis diese, durch lange Unterdr\u00fcckung zwar gedem\u00fctigte, aber nicht erniedrigte Rasse alle Vorteile teilt, welche aus den Fortschritten der Zivilisation und der Vervollkommnung der gesellschaftlichen Ordnung hervorgehen.<br \/><\/i>Man kann nicht bestreiten, dass Humboldt hier auf die Teilhabe indigener Menschen dr\u00e4ngt und damit vielen seiner europ\u00e4ischen Zeitgenossen voraus ist. Als Namensgeber qualifiziert ihn das aber noch lange nicht. Denn wohin soll uns jemand lenken, dem an erster Stelle das \u201eGl\u00fcck der Wei\u00dfen\u201c, die Amerika kolonisierten, am Herzen lag? Wozu soll uns ein Wissenschaftler inspirieren, der sich an der Konstruktion menschlicher \u201eRassen\u201c beteiligte? Und wohin soll uns ein Europ\u00e4er f\u00fchren, f\u00fcr den die \u201eFortschritte der Zivilisation\u201c und die \u201eVervollkommnung der gesellschaftlichen Ordnung\u201c selbstredend Errungenschaften <i>wei\u00dfer <\/i>Europ\u00e4er waren?<br \/>Alexander von Humboldt ist tot. Es ist an der Zeit, auch die Herrschaft st\u00fctzende Fiktion einer \u201erein wissenschaftlichen\u201c, interessefreien Erforschung, Darstellung und Musealisierung der Welt durch <i>wei\u00dfe <\/i>Akademiker zu begraben.<br \/>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<br \/>Christian Kopp<br \/>f\u00fcr die Organisationen des Koordinationskreises<br \/>AfricAvenir International e.V.<br \/>AFROTAK TV cyberNomads<br \/>Artefakte \/\/ anti-humboldt<br \/>Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag BER e.V.<br \/>Berlin Postkolonial e.V.<br \/>glokal e.V.<br \/>Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, ISD-Bund e.V.<br \/><i>Anmerkungen:<br \/><\/i>[1] Frank Holl: <i>Alexander von Humboldt \u2013 \u201eGeschichtsschreiber der Kolonien\u201d <\/i>(14.02.2004). In: Goethezeitportal. online: http:\/\/www.goethezeitportal.de\/db\/wiss\/ahumboldt\/holl_kolonialismus.pdf&gt; (16.8.2013). Ebd. S. 4<br \/>[2] Ebd. S. 4-5<br \/>[3] Ebd. S.6<br \/>[4] Alexander von Humboldt: <i>Die Reise nach S\u00fcdamerika. Vom Orinoko zum <br \/>Amazonas<\/i>, 1990, Lamuv Verlag G\u00f6ttingen, 11. Aufl. 2010, Kap.1, S.15-16<br \/>[5] Holl (2004), S.4<br \/>[6] Silvia Rivera Cusicanqui in:<i> Der Anti-Humboldt. Eine Veranstaltung zum selektiven R\u00fcckbau des Humboldt-Forums<\/i>, 2009, online: http:\/\/johannespaulraether.net\/humboldtforum\/anti_humboldt_12_07_09.pdf<br \/>[7] Alexander von Humboldt. Die Reise nach S\u00fcdamerika. Vom Orinoko zum Amazonas, 1990, Lamuv Verlag G\u00f6ttingen, 11. Aufl. 2010, Kap.1, S.385-386<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellungnahme der Kampagne &lsquo;No Humboldt 21!&rsquo; zu dem Offenen Brief des langj\u00e4hrigen Kurators und Humboldt-Biografen Frank Holl vom 22. 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