Möglichkeitsraum: Afro-Feminismus (Lesetipp)

 

Möglichkeitsraum: Afro-Feminismus

Christina Cissokho im Gespräch mit Yvonne Apiyo Brändle-Amolo

Panel Talk vom 26. Mai 2023, Stadtbibliothek Winterthur

erschienen bei African Voices am 24. Juni 2023

Die Beiträge von African Voices machen afrikanische Möglichkeitsräume sichtbar, eröffnen neue Horizonte und bereichern unser Handeln. Eine solche Haltung bezieht sich u.a. auf Felwine Sarr, der im Buch Afrotopia (S.15) schreibt: «Afrotopia ist eine aktive Utopie, die es sich zur Aufgabe macht, die gewaltigen Möglichkeitsräume innerhalb der afrikanischen Wirklichkeit aufzustöbern und sie fruchtbar werden zu lassen» (S.15).

Dieser Beitrag zeigt anhand des Afro-Feminismus neue Möglichkeiten auf.

 

Liebe Yvonne, du beschreibst dich als Femme-Artivistin. Was drückst du damit aus?

Zuerst definiere ich mich als Künstlerin. In der Kunst kann ich mich am Besten ausdrücken, um soziale und politische Anliegen sichtbar zu machen. Andere sagen mir, das meine Arbeit feministisch sei. Deswegen habe ich den Begriff Femme-Artivistin kreiert, der all dies umfasst: eine feministische-aktivistische Künstlerin.

Chimamanda Ngozi Adichie schreibt in ihrem Buch “Mehr Feminismus!” (S. 10): «Irgendwann war ich eine glückliche afrikanische Feministin, die Männer nicht hasst und Lippenstift und hohe Absätze zum eigenen Vergnügen und nicht zum Vergnügen der Männer trägt». Wie definierst du Afro-Feminismus für dich?

Natürlich habe ich das Buch auch gelesen und kann mich mit dieser Definition ebenfalls identifizieren. Wie Adichie in ihrem Buch schreibt, können sich viele Frauen in Afrika nicht mit dem Feminismus, wie er in Europa verstanden wird, identifizieren. Spannend ist aber, wie Beyoncé mit dem Lied ***Flawless Textpassagen von Adichie’s Buch “We Should All Be Feminists” aufgenommen hat. Durch die Musik und den Text hat sich die Sicht in Afrika bezüglich einer eher ablehnenden Haltung gegenüber dem Feminismus verändert.

Ich habe dich gebeten, mir ein Buch zu Afro-Feminismus zu empfehlen. Du hast auf das Buch von Natasha A. Kelly «Schwarzer Feminismus» verwiesen. Weshalb ist das Buch für dich wichtig?

Natürlich gibt es viele wichtige Bücher und in der Frage, was der Unterschied zwischen Schwarzem Feminismus und weissem Feminismus ist, gibt dieses Buch eine gute Antwort.

Im von dir erwähnten Buch von Kelly gelingt es der Autorin aufgrund historischer Tatsachen für Afro-Amerikaner*innen zu zeigen, weshalb Schwarzer Feminismus mit und nicht gegen Männer kämpft. Sie erklärt: Während des Sklavenhandels wurden Afro-Amerikanerinnen gleich, wenn nicht härter bestraft als Männer die Männer waren Verbündete. Ein weiterer Punkt den Kelly beschreibt: Widerstände von Schwarzen Frauen wurden nie sichtbar gemacht sie wurden verschwiegen. Kelly nennt unzählige Beispiele für Schwarzen weiblichen Widerstand und zeichnet dadurch das Bild von aktiven Schwarzen Frauen.

Gerne möchte ich mit dir diese zwei Punkte in Bezug auf den afrikanischen Kontext besprechen und mit dem Beispiel Kenia greifbar machen. Wie stehst du zu diesem integrativen Ansatz des Schwarzen Feminismus und was sagst du zur Unsichtbarkeit von Schwarzen Frauen?

Für mich und für viele Frauen mit afrikanischen Wurzeln ist es wirklich schwierig zu sagen, ich bin Feministin und wir kämpfen gegen das Patriarchat, aber nicht zusammen mit unseren Männern. Schwarze Frauen erleben so viele verschiedene Facetten von Diskrimierungen (Rassismus, Sexismus, Klasse, etc.). Und leider leiden nicht nur wir, sondern auch unsere Männer darunter. Deshalb macht ein Ausschluss des Mannes für uns häufig keinen Sinn.

Wenn wir also die ganze Diskriminierungshierarchie anschauen, dann sind die Schwarzen Frauen ganz unten in dieser Hierarchie und die Schwarzen Männer nur leicht darüber. Deshalb haben wir entschieden, die Männer mitzunehmen. Der Afro-Feminismus entspringt den Strömungen der früheren Denkhaltung des Womanism. Der Kern von dieser Bewegung ist eher die Familie, weil wir die ganze Familie zu schützen versuchen. In dieser Denkhaltung sind natürlich auch unsere Kinder integriert, um auch sie zu schützen. Das ist also eine ganz andere Art von Feminismus, der nicht nur integrativer ist und Kinder wie Männer in den Feminismus miteinbezieht, sondern auch die Intersektionalität anerkennt. In der Diaspora ist diese Situation zugespitzt, da sind wir noch mehr den unterschiedlichen Diskriminierungsformen, wie ich sie beschrieben habe, ausgesetzt. Weiterlesen

 

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